
Der Deutsche Buchpreis ging im Jahr 2023 an den Roman Echtzeitalter¹ von Tonio Schachinger. Die Jury begründete ihre Wahl folgendermaßen: „Auf den ersten Blick ist Tonio Schachingers ‚Echtzeitalter‘ ein Schulroman. Auf den zweiten viel mehr als das: ein Gesellschaftsroman, der das Aufwachsen seines Helden Till an einer Wiener Eliteeinrichtung beschreibt […]. Mit feinsinniger Ironie spiegelt Schachinger die politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart […]. Auf erzählerisch herausragende und zeitgemäße Weise verhandelt der Text die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur².“ Die Handlung der Geschichte setzt im Herbst 2013 ein, als Till Kokorda elf Jahre alt wird – kurz nach seiner Einschulung als „Firsty“ am fiktiven Marianum, einem elitären Wiener Light-Internat. Wir begleiten Till über 360 Textseiten hinweg und durch sieben Lebensjahre hindurch, bis in die Abschlussklasse im Jahr 2020.
Eng verzahnt mit seiner Schullaufbahn ist Tills Leidenschaft für das Computerspiel Age of Empires II. Er verbringt jede freie Minute mit dem Strategiespiel und rückt im Alter von fünfzehn ganz unerwartet in die Riege der weltweit beachteten Top-Spieler auf. Der Autor beschäftigt sich in seinem zweiten Roman mit den Fragen: Wieviel Selbstverwirklichung oder Freiheit lässt eine stark traditionell geprägte Bildungsstruktur zu? Welchen Einfluss haben Digitalisierung und insbesondere Gaming auf das Erwachsenwerden der Generation Z?
Was ist Age of Empires?
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Age of Empires ist eine historische Echtzeit-Strategiespielreihe.
Sie wurde erstmals im Jahr 1997 von Ensemble Studios und Microsoft veröffentlicht. Spieler bauen Zivilisationen auf, sammeln Ressourcen (zum Beispiel Gold, Holz, Nahrung, Stein) und führen ihre Völker durch verschiedene Epochen der Menschheitsgeschichte. Typisch ist der Wechsel zwischen wirtschaftlichem Aufbau und militärischer Expansion in Echtzeit.
Besonders beliebt ist der Teil Age of Empires II: The Age of Kings, der im Mittelalter (nach dem Ende des Römischen Reichs und vor der Entdeckung Amerikas) handelt und erstmals 1999 auf den Markt kam. Das Originalspiel enthielt dreizehn Zivilisationen aus dem west- und nordeuropäischen Raum sowie aus orientalischen und asiatischen Regionen. „AoE2“ erlangte dank seiner Balance und der historischen Tiefe Kultstatus. Das Spiel gilt als Meilenstein des Strategiespiel-Genres und verbindet Taktik, Geschichte und Wettbewerb auf einzigartige Weise.
Age of Empires II wurde bis heute kontinuierlich erweitert. Was als klassisches PC-Spiel begann, ist durch die HD Edition (2013) und die Definitive Edition (2019) sowie viele Erweiterungen zu einem lebendigen, modernen Strategiespiel mit aktiver Community und E-Sport-Szene mit Ligen und Turnieren geworden.
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Worum es im Roman geht
Die Geschichte von Till Kokorda ist ein klassischer Coming-of-Age-Roman, den Schachinger im digitalen Zeitalter ansiedelt. Als angehender Teenager muss der Junge erst die Trennung seiner Eltern, die Einschulung in eine strenge Ganztagsschule und den Tod seines Vaters bewältigen. Till lernt, sich innerlich abzugrenzen, ohne offen zu rebellieren. Statt im realen Leben zu kämpfen, findet er in der Welt von Age of Empires die Freiheit, die er sucht, und die Kontrolle, die ihm im Außen fehlt.
Zwischen diesen beiden Welten findet das Erwachsenwerden des jungen Protagonisten statt: Kräftemessen zwischen pubertierende Jungs; als sinnlos empfundener Schulunterricht und in der Folge Prokrastination bei den Schulaufgaben sowie Regelbrüche; beständiger Kampf mit dem autoritären Klassenlehrer; Alkohol, Zigaretten, Joints; erste Kontakte zu Mädchen, schließlich – gegen Ende der Geschichte – Tills erste feste Freundin. Da ist eigentlich nichts, was wir in diesem Alter nicht selbst erlebt hätten, auch wenn das schon eine ganze Weile her sein sollte.
Im Fall von Till kommt allerdings noch sein Eskapismus in die geschützte Zone des Computerspiels hinzu, das ihn über all dem Alltags-Überdruss schweben lässt. Die Geschichte endet schließlich im Sommer 2020, nach Monaten im Shutdown der Corona-Pandemie und Tills Schulabschluss mit der Maturaprüfung.
Erfolgsrezept und Einordnung
Sobald ich mit einer Romangeschichte durch bin, versuche ich möglichst sofort, mir selbst ein paar grundsätzliche Fragen zu beantworten: Was habe ich da eigentlich gelesen, ein Rückblick in zwei, drei Sätzen? — Woran erinnere ich mich am besten, was hat mich überrascht? — Warum gefällt mir die Geschichte, oder warum nicht?
Banaler Alltag
Ich habe hier eine lineare Entwicklungsgeschichte gelesen, die sich in tagebuchartig notierten Szenen (auch wenn sie auktorial in der dritten Person verfasst sind) über sieben Jahre hinwegzieht. Banale Begebenheiten, die wir alle – ich erwähnte es bereits – so oder ähnlich selbst erlebt haben. Ich war fast überrascht, wie wenig sich ein Teenagerleben in einer europäischen Großstadt von heute von meinem eigenen unterscheidet, obwohl ein halbes Jahrhundert dazischen liegt. Na gut, abgesehen einmal von Smartphones und Computerspielen.
Da ist es nur folgerichtig, dass ich mich nur kurz nach der Lektüre gar nicht mehr an irgendwelche Besonderheiten, an Highlights erinnern kann. Wenn überhaupt etwas oder jemand, dann hat sich dieser arme Wicht Bruno Dolinar in meinem Hirn eingenistet. Der Klassenlehrer Dolinar, der als selbstherrlicher Tyrann mit Faible für eiserne Disziplin auftritt – „Sgoterfesor!“³ – und doch erkennbar ein kleingeistiger Sklave seiner über drei Jahrzehnte eingefahrenen Lehrinhalte und Dogmen ist. Dieser Dolinar, der auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch von Zucht und Ordnung oder Strafarbeit im Akkord überzeugt ist. Oder überzeugt sein muss, weil andernfalls sein Weltbild einbricht. Er ist ein an der ganzen Schule gefürchteter Schreckensherrscher, der aber augenblicklich zum belachten Gnom schrumpft, wenn die Regeln seines Herrschaftsbereiches nicht mehr greifen. Man kann den Dolimar aber auch aus einer ganz anderen Perspektive wahrnehmen, nämlich als strengen Ersatzvater für wohlstandsverwahrloste High-Society-Kinder.
Freunderlwirtschaft und braune Identitäten
Mit diesem letzten Blickwinkel auf Bruno Dolimar sind wir auch schon bei der Antwort auf die Frage angelangt, ob und warum mir der Roman gefallen hat. Hinter all dem Schulgeplänkel und der frühreifen Freizeitgestaltung der Jungs und Mädels in Echtzeitalter steht eine (österreichische) Gesellschaft, die das Konzept der Verantwortung nicht mehr zu kennen scheint. Die Eltern kümmern sich in der Regel überhaupt nicht um ihre Sprösslinge. Nur wenn das schlechte Gewissen zu arg drückt, wanzen sie sich mit plötzlicher Anteilnahme an die Kinder heran; oder werden für kurze Zeit zu wütend-autoritären Familienoberhäuptern. Besonders schön fand ich Szenen, in denen Tills Mutter sich als Freundin zweier Besucherinnen ihres Sohnes aufspielt. All diese Versuche, fehlende Erziehung durch Phasen der Anbiederung zu ersetzen, entlarvt der Autor wirklich eindrucksvoll.
Ebenso meisterhaft gelingen Schachinger seine Seitenhiebe auf die herrschende Klasse der Wiener, die wohlhabend genug sind, ihre Kinder auf einer teuren Privatschule unterrichten zu lassen. Diese Ehemaligen oder Neureichen tragen oft zum Grundstock für das Wählerpotenzial rechtsextremer Parteien bei. Und sie befeuern den Eindruck, dass man nur genügend einflussreiche Freunde haben muss, um eigene Ziele spielend durch die Hintertüre zu erreichen. „Freunderlwirtschaft“ heißt das in Österreich, Vetternwirtschaft würde man in Deutschland dazu sagen.
„Wenn man lange in Wien lebt, bekommt man irgendwann das Gefühl, jeden Menschen zu kennen. Man ist hängen geblieben. Man hat sich von der Phantasie, Wien sei eine Weltstadt, in das provinziellste aller möglichen Leben hineinlocken lassen.“
(Seite 90)
Austriazismen & Slang
Infolge des Begriffs „Freunderlwirtschaft“ haben wir einen weiteren Aspekt erreicht, der mir gut an diesem Text gefallen hat. Ganz ungeniert und ohne jede Erläuterung setzt der Autor österreichische Wörter ein, die man als Piefke nicht kennt – Austriazismen, also. Weil ich ja ein großer Sprachenfan bin, kann man mich mit so etwas sehr leicht gewinnen.
Wiener Jugendliche sagen ur, wenn sie derbe meinen. Blede Trutschn sind dumme Gänse. Gsudere steht für Gequengel oder Gemecker. Tixo ist das, was in Deutschland Tesa ist. Ein Makava ist übrigens ein veganer Bio-Eistee aus Österreich, mit Zitronengeschmack. Und ein Baucherl ist das, was in Süddeutschland als Rüscherl bekannt ist und in Berlin als Futschi, also eine Weinbrand-Cola-Mischung. Wer es leichter mag, trinkt einen Spritzer, also eine Weißweinschorle.
Zusätzlich zu den österreichischen Sprachschmankerln kommen natürlich auch noch weit verbreitete englische Ausdrücke, die die Jugendlichen ausgiebig in ihre deutschen Sätze einbauen. Und als dritte Spracherweiterung dürfen auch die AoE-Slangsätze nicht fehlen, die für die Spieler den Übergang zwischen Deutsch und Englisch nahtlos machen: „Du musst meine Trebs trebben!“
Feine Randbeobachtungen
Jetzt hätte ich noch eine allerletzte Begründung dafür parat, warum ich Echtzeitalter gerne gelesen habe. Ganz unverhofft tauchen mitten im Text Erkenntnisse oder Beurteilungen auf, die man sich schlicht und einfach auf der Zunge zergehen lassen muss. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf zwei kurze Beispiele, beide etwa aus der Buchmitte. Im ersten lässt Schachinger seine Romanperson Feli (Tills Freundin) ein französisches Lycée mit dem Wiener Marianum vergleichen:
„Elitär und gleichzeitig lächerlich gemessen an ihren Ambitionen, so wie Frankreich. Während das Marianum wie Österreich ist, akademisch mittelmäßig, ambitionslos, aber trotzdem eingebildet.“
(Seite 160)
Mein zweites Beispiel beschreibt das stereotype Verhaltensmuster dreizehn- oder vierzehnjähriger Burschen; oder muss man schon von einem typisch männlichen Verhalten überhaupt sprechen?
„Die 7Cler knallen ihre Sporttaschen auf den Boden, legen ihre Fußballfüße auf die Bänke und verhalten sich mit jeder Faser ihres Seins so, dass man denken muss, sie würden streiten, bevor man zu der Erkenntnis gelangt, dass sie zu den Männern gehören, die immer so miteinander umgehen: in der Schule, auf dem Fußballplatz, beim Fortgehen, später in Büros und Kanzleien, an den Mittagstischen der Wiener Wirtshäuser.“
(Seite 161)
Rezeption
Auf die Longlist des Österreichesn Buchpreises hatte es Tonio Schachingers Roman nicht geschafft. In Deutschland erreichte er hingegen mühelos die Shortlist und wurde im Oktober 2023 zum Sieger gekürt. Der Roman wurde für seinen Witz, seine präzisen Beobachtungen und die gelungene Darstellung des jugendlichen Lebens gelobt. Mit ausgeprägtem Detailwissen beschreibt der Autor die internationale Spielerszene in der virtuellen Welt von Age of Empires II. Ein wenig ins Hintertreffen gerät dabei – zumindest meiner Meinung nach – die ausführliche, jedoch im Hintergrund verteilte Betrachtung des österreichischen Schulliteraturkanons, an dessen Spitze Adalbert Stifter steht, der allerdings als besonders langweiliger Schriftsteller gilt.
Am Ende blicken wir auf das junge Paar Feli und Till, die sich nun nach dem Ende der gemeinsamen Schulzeit in unterschiedlichen Sphären bewegen. Till gehört zu den Top 10 der internationalen Gamerszene im Universum von Age of Empires. Feli hingegen hat die ersten Schritte zu einer literarischen Laufbahn unternommen. Kann das gut gehen? Happy End? Oder was kommt danach? Wenn man zwischen den Zeilen liest, zeichnet sich ab, dass das Leben der beiden nicht immer so weiterlaufen wird.
Und wie beurteilt Till selbst im Rückblick seine Schulzeit? Der Schlussatz des Romans lässt da keinen Zweifel aufkommen:
„Es war die Hölle!“
(Seite 365)
Über den Autor
Tonio Schachinger wurde 1992 im indischen Neu-Delhi als Sohn eines österreichischen Diplomaten und einer Mutter mit mexikanisch-ecuadorianischen Wurzeln geboren. Seine beiden Eltern hatten sich in Wien kennengelernt. Dort studierte die Mutter an der Akademie der bildenden Künste Malerei. Tonio wuchs in Wien und zeitweise in Nicaragua auf.
Nach der Trennung seiner Eltern blieb er in Wien, wo er zunächst Germanistik auf Lehramt an der Universität studierte. Danach absolvierte Schachinger das Studium Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst als renommierte Ausbildung für literarisches Schreiben. Bereits sein Romanerstling Nicht wie ihr stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2019. Für den zweiten Roman, der hier besprochen wird, erhielt er vier Jahre später tatsächlich den mit 25.000 Euro für Platz eins dotierten Literaturpreis.
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Wer diese Besprechungen gern gelesen hat, interessiert sich eventuell auch für ein einstündiges Interview mit Autorenlesung. Veranstalter dieser Romanbesprechung am 8. Mai 2024 war das Goethe-Institut Ljubljana mit mehreren Partnern.
Fazit:
Wer klassischen Schulzeit-Schmonzetten wie Die Feuerzangenbowle oder Ferris macht blau etwas Substanzielleres entgegensetzen möchte, wird sehr wahrscheinlich seine helle Freude an Echtzeitalter haben. Und wer das Buch aufmerksam liest, wird darüber hinaus feststellen, dass er viel mehr als nur eine einzige Geschichte aufgetischt bekommt. Man bekommt einen dichten Text vorgesetzt, vollgepackt mit Erzählungen und Wissen über Schule, Pubertät, Geschlechtergegensätze und -rollen, über Liebe, klassische Literatur, Gesellschaftliches und viele andere Lebenselemente. Die Sprache ist verschachtelt und enthält teils verboten lange Sätze. Aber er packt die Leserschaft in einer Weise, wie es nicht vielen Texten gelingt.
Was meine Sternebewertung betrifft, war ich selbst ein bisschen erstaunt, dass mein unbestechlicher Algorithmus nicht mehr als drei Sterne ausgeworfen hat. Zwar handelt es sich dabei eher um dreieinhalb Sterne, aber den letzten Hopser über den Aufrundungswert auf vier hinaus hat der Roman eben nicht geschafft.
Tonio Schachinger, Echtzeitalter
DE Rowohlt Verlag, 2023
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Fußnoten:
¹ — Den Romantitel Echtzeitalter hat sich Tonio Schachinger nach eigener Aussage nicht selbst ausgedacht. Er findet ihn aber „okay“. Das Kofferwort setzt sich aus Echtzeit und Zeitalter zusammen und verbindet die Welten der Computerspiele in Echtzeit und das persönliche Zeitalter eines Schülerlebens.
² — Die thematische Einordnung der Buchpreisjury als „Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur“ hat bei mir für Stirnrunzeln gesorgt. Mir wären tatsächlich andere Romaninhalte eingefallen, um dem Text inhaltlich zu verorten. Aber Bewertbarkeit von Kultur und Auswahlkriterien von Literaturjurys sorgen ohnehin regelmäßig für Debatten in den Feuilletons, beileibe nicht nur beim Deutschen Buchpreis.
³ — Den Begriff „Sgoterfesor“ habe ich immer wieder im Text gelesen und erst nach drei oder vier Malen verstanden. Es handelt sich hierbei um eine von Schülern genuschelte Kurzfassung des Grußes „Grüß Gott, Herr Professor“.




