Backflash Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Suche nach Lesestoff? Hier findest Du Buchbesprechungen mit Anspruch aber ohne Allüren. Ich schreibe meist über belletristische Titel; über solche, die mir gefallen oder auch mal nicht gefallen haben; manchmal Mainstream, manchmal abseits der ausgetretenen Pfade. (Persönliche Empfehlungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Das Licht

T.C. Boyle, Das Licht, 2019
T.C. Boyle, 2019

Der Chronist der Flower-Power-Ära, T.C. Boyle, greift wieder einmal tief ins Füllhorn der historischen Alternativszene Amerikas und präsentiert den Roman Das Licht. Diesmal geht es um Timothy Leary, den LSD-Papst der Sechzigerjahre. Damit knüpft Boyle an seine Erfolgstitel Drop City und Dr. Sex an. Er erzählt die Geschichte der Wendejahre Learys, als der Harvard-Professor beginnt, im Zirkel seiner Doktoranden und deren Ehefrauen Drogenexperimente durchzuführen: Insbesondere mit Psilocybin und Lysergsäurediethylamid.

Wenn es um Sex, Drugs & Rock’n’Roll geht, läuft T.C. Boyle stets zur Höchstform auf. Deshalb wundert es nicht, dass Das Licht wieder einmal zu einem Glanzlicht der historischen Romane geworden ist. Im englischen Original heißt der Titel übrigens Outside Looking In. Damit nimmt der Autor Bezug auf die Pop-Kultur der Sechzigerjahre. In ihrem Song Legend Of Mind besangen die Moody Blues die Ikone der Bewusstseinserweiterung:

„Timothy Leary’s dead
No, no, no, no, he’s outside looking in“
(Moody Blues, 1968)

Das Licht – Historischer Hintergrund

Timothy Learys Leben verlief alles andere als beschaulich. Wegen seiner Experimente wurde er 1963 von Harvard entlassen. 1970 wurde er wegen des Besitzes von zwei Joints zu zehn Jahren Haft verurteilt, floh jedoch aus dem Gefängnis und um die halbe Welt. In Afghanistan wurde er schließlich festgesetzt und an die U.S.A. ausgeliefert. Dort saß er dann bis 1976 im Knast. 1996 starb Leary an Prostatakrebs. – Wer mehr Details wissen will, befragt am besten zunächst die Wikipedia.

Fakt ist jedenfalls, dass Timothy Leary Anfang der Sechzigerjahre berüchtigte Drogenkommunen erst in Mexiko und danach in Millbrook im US-Bundesstaat New York gründete. Und genau zu dieser Zeit spielt der Roman Das Licht.

Das Licht – BeginnBeginnBBeginn der Romanhandlung

Die Geschichte setzt ein im Jahr 1943 in Basel mit einem längeren Vorwort. Der Sandoz-Chemiker Dr. Albert Hofmann entdeckt zufällig die psychoaktiven Eigenschaften des Mutterkorn-Pilzes. Unter Mithilfe seiner Laborantin Susi Ramstein macht er nämlich im Selbstversuch erstmalig Bekanntschaft mit der Wirkung von LSD. – Ein grotesk-fantastischer Erlebnisbericht, der den Leser auf die Spur bringt: LSD, ein Teufelszeug!

Wir springen nun zwanzig Jahre in die Zukunft und nach Cambridge, 1962. Die Protagonisten in Boyles Geschichte sind das Ehepaar Joanie und Fitzhugh Loney. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um ihm eine wissenschaftliche Karriere zu ermöglichen. Fitz ist Doktorand am Lehrstuhl für Psychologie bei Tim Leary. Joanie ist die Tatkräftige, Fitz eher zurückhaltend. Mehr aus Angst um seine Karriere als aus Überzeugung lässt er sich von Leary zur Teilnahme an einem experimentellen Abend für ein „Projekt“ in Learys Haus überreden.
Der „Innere Kreis“ um den Harvard-Dozenten, seine Studenten und ihre Frauen, nimmt geschlossen eine Dosis Psilocybin ein. Sie alle sollen ihre Erlebnisse in einem Fragebogen festhalten. Doch für Fitz und Joanie nimmt der Abend einen geradezu erschreckenden Verlauf: Die Droge lässt sie im Beisein der anderen Teilnehmer alle Hemmungen verlieren. Schließlich ziehen sich die beiden in ein Schlafzimmer des Hauses zurück, wo sie wie wilde Tiere kopulieren.

„Dieses Mittel [Psilocybin] wischt all die Rollen und Spielchen weg, den ganzen Mist, den die Gesellschaft dir aufgedrückt hat, es macht Tabula rasa, und du kannst nochmal von vorne anfangen, du bist neu geboren. Du bist ein Baby, Fitz. Ein Kind. Mein Kind.“
(Timothy Leary nach der Session)

Doch Fitz ist verunsichert, zögert den nächsten Besuch im Haus des Professors hinaus. Und als sie dann doch wieder an einer Session teilnehmen, bei der LSD verabreicht wird, geht Fitz auf einen Höllentrip.

Flucht nach Mexiko

Soviel einmal zur Augangslage nach den ersten Romanviertel. – Denn nun beginnt der einstmals wissenschaftliche Rahmen zu bröckeln.

Leary muss sich an der Universität einer Anhörung zu seinen Methoden stellen, die kein gutes Ende nimmt und in der Presse negatives Echo findet. Darüber hinaus geht es in seiner gemieteten Wohnung drunter und drüber, Wände werden mit kruden Mandalas bemalt, irgendjemand ist immer auf Trip. Und letztlich läuft ein Psilocybin-Experiment mit Theologiestudenten, das „Wunder aus Marsh Chapel“, aus dem Ruder.

Trotzdem wischt Fitz letzte Bedenken beiseite und reist mit Sack und Pack, mit Frau und Kind und den Anderen des „Inneren Kreises“ um seinen Mentor ins „Sommerlager“ nach Zihuantanejo an die mexikanische Pazifikküste. – „Dort werden wir die Möglichkeit haben, das Potenzial dieser Chemikalien zu erforschen, nicht nur was den klinischen Einsatz betrifft“, hatte der Drogen-Professor prophezeit.
Der große Verführer Timothy Leary hinterlässt verbrannte Erde in Cambridge. Seine Stellung an Harvard ist schwer angegriffen, das Mietshaus lässt er seinen Lakaien Fitz in katasprophalem Zustand an den Besitzer zurück geben. Aber das ist egal, es geht jetzt nach Mexiko!

Das Licht – Zihuantanejo 1962 – 1963

Catalina Hotel, das „Haus der Freiheit“: Hatte T.C. Boyle den ersten Romanteil aus der Sicht von Fitzhugh Loney zusammengestellt, so lässt er im zweiten Teil dessen Frau Joanie zu Wort – oder besser gesagt: zu Gedanken kommen. Joanie erlebt den ersten und zumindest ansatzweise auch den zweiten Sommer in Mexiko in einem beständigen Rausch. Psychoaktive Drogen gibt es im Überfluss, und Alkohol fließt ohnehin in Strömen. Was unterdessen mit ihrem Mann und dem Sohn geschieht, nimmt Joanie dabei nur beiläufig wahr.

Sie vögelt mit zwei Männern, ohne Verantwortung oder Reue zu empfinden. Nur am Rande nimmt sie tief greifende Veränderungen des kurzen zweiten Sommer wahr. Leary war im Frühjahr aus Harvard gefeuert worde. Jetzt kamen zahlende Besucher, Sinnsuchende ins Catalina Hotel. Ihr einstiger Führer war zum Impresario geworden und lockte finanzstarkes Publikum nach Mexiko. Die heftigen Pressereaktionen ignoriert Tim, so dass die Katastrophe alle unvorbereitet trifft:
Die mexikanische Bundespolizei verweist die gesamte US-amerikanische Kommune des Landes.

Es folgt eine Periode der Verwerfungen in Boston. Joanie hält die Familie mit verschiedenen Jobs mehr schlecht als recht über Wasser. „Das Gruppenbewusstsein war so gut wie ausgelöscht.“
Gerade als Joanie im Herbst 1963 ihren absoluten, nicht mehr zu unterbietenden Tiefpunkt erreicht, erscheint die Rettung in Form ihrer (ehemaligen?) Freunde des „Inneren Kreises“ um Tim Leary. Tatsächlich, der Mentor, Führer und Zauberer bietet der gesamten Riege Unterschlupf in Millbrook an. Auf einem von Mäzenen finanzierten herrschaftlichen Anwesen in einer Kleinstadt im Bundesstaat New York. Es geht geradewegs und erneut in ein großes Abenteuer!

Das Licht – Millbrook 1963

„Gruppenbewusstsein, das ist es, was wir hier verwirklichen wollen“, verkündet Tim Leary am ersten Abend der Gruppe auf Millbrook. Und in dieser Nacht erkennt Joanie, dass Leary damit nicht zuletzt auch die freie Liebe meint. Gemeinsam mit dem Herrn und Meister und einer anderen Frau taucht sie in einen Dreier ein, während ihr Ehemann Fitz seinen Rausch ausschläft.

In diesem letzten Teil wechselt Boyle erneut die Erzählwarte. Es ist nun wieder Fitz, aus dessen Sicht die Geschehnisse niedergeschrieben werden. Seine Frau Joanie verlässt ihren Mann und nimmt den gemeinsamen Sohn mit. Sie hat erkannt, dass das LSD-geschwängerte Leben in der Kommune nur in einer Katastrophe enden kann.
Doch Fitz will das nicht wahrhaben. Wie von Sinnen läuft er einer achtzehnjährigen Nymphe nach, verliert zuletzt völlig jeden Realitätsbezug. Fitz‘ letzter Satz beendet den Roman und – so darf man ihn wohl interpretieren – auch sein Leben:

„Scheiß auf Gott. Gehen wir auf Trip.“

Das Licht – Erfolgsrezept

Als ich durch war mit 390 Romanseiten, war ich wie vor den Kopf geschlagen. T.C. Boyle hat sich mit Das Licht selbst übertroffen. Diesen sukzessiven Prozess des Abtauchens in eine Drogenwelt habe ich noch in keiner anderen Erzählung so plastisch beschrieben bekommen:
Das Zögern und das ungute Gefühl, etwas Falsches zu tun, das Fitz und Joanie vor und auch noch nach den ersten Trips beschleicht. Die nachfolgende Phase der Unbeschwertheit, der Normalität im Drogenalltag. Und zuletzt die brachiale Gewalt der Sucht, die Fitz durchschüttelt und ihn alles vergessen lässt, was sein Leben einmal ausgemacht hatte.

Das todesverachtende Aufgehen im LSD-Rausch, dem „Sakrament“, wie Boyle die Droge durch die Leary-Jünger nennen lässt, bildet dann auch einen Zirkelschluss zum Beginn der Geschichte. In Basel wird Dr. Hofmann, der Entdecker des Lysergsäurediethylamids, bereits von einem grausigen Trip geschüttelt. Schon diese Szene hätte dem Leser Warnung genug sein sollen.

Das alles ist sehr starker Tobak, beileibe nichts für Weicheier. Die Parallelen zu Drop City und zu Dr. Sex hatte ich bereits in der Einleitung angesprochen. Und tatsächlich bestätigt Boyle im Mai 2020 in einem Tweet, dass er mit Outside Looking In das gleiche Mentorenschema verfolgt wie in Dr. Sex. In seiner eigenen Vorstellung fungiert der neue Roman als Vorspiel zu Drop City.
Aber während in Drop City das Hippieleben und die Drogen weitgehend als ungefährlich erlebt werden, gleichen die Folgen von LSD-Exzessen in Das Licht einem harten Schlag mit dem Baseballschläger auf den Kopf. – Das Zeug ist tödlich, und Du merkst es nicht! Diese Erkenntnis kommt bei der Lektüre des Romans rüber.

Bewertung

Natürlich war mir schon vorher klar, dass Boyle ein begnadeter Erzähler ist. Aber dennoch komme ich nicht umhin, ihm dafür erneut Bewunderung zu zollen. Diese wunderbar austarierte Erzählung, die so leicht wie das Flattern eines Schmetterlings daher kommt und doch die Wucht einer Dampfwalze hat, ist unvergleichlich. – Ein Meisterwerk!

Den absoluten Höhepunkt einer ohnehin beeindruckenden Erzählung bilden in meinen Augen die letzten rund 50 Seiten. Dort gelingt es Boyle, den alkohol- und LSD-bedingten Niedergang seines Protagonisten Fitzhugh Loney mit einer bestechenden, messerscharfen Präzision zu beschreiben und bis zum bitteren Ende zu begleiten.

Wenn man denn unbedingt etwas kritisieren möchte, dann könnte man die inhaltlichen Parallelen zu den beiden bereits genannten Vorgängerromanen aufführen. Einige Szenen sind sich schon sehr, sehr ähnlich. Sie könnten die Frage aufwerfen, ob es möglich ist, von sich selbst abzuschreiben. Einem anderen Autoren hätte ich jedenfalls sicher den Vorwurf des Plagiats gemacht.

Allerdings machen die inhaltlichen Anleihen Das Licht nicht schlechter. Und das Rezept des Autors, seine Biografien stets aus dem Blickwinkel von Begleitpersonen zu schreiben, ist mittlerweile längst auch ein Erfolgsgarant.

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Übrigens: Wem Das Licht gefällt, der könnte womöglich auch Interesse an meinen Buchbesprechungen anderer Boyle-Titel haben – Drop City, Dr. Sex oder Talk Talk.

Fazit:

Wer erfahren möchte, wie denn das so ist, psychoaktive Substanzen zu nehmen, ohne sie selbst tatsächlich auszuprobieren, dem empfehle ich unbedingt die Lektüre von Das Licht. Näher ran an die Erfahrungen des Drogenrausches kommt man als Außenstehender nur schwerlich. Aber es soll sich bitte hinterher niemand beschweren, dass ihm die Geschichte schlaflose Nächte bereitet hätte.

T.C. Boyle bietet uns mit diesem Roman sehr schwer verdauliche Kost im locker-flockigen Teigmäntelchen einer munter dahin plätschernden Geschichte an. Abgesehen von den kleinen Einschränkungen, die ich zuletzt aufgeführt habe, ist das Werk ein absolutes Highlight des Autors und wäre unbedingt ein Glanzlicht in meinem Bücherregal, wenn ich das Buch nicht als E-Book gelesen hätte. – Boyle ist nur ganz knapp an der Bestnote von 5 Sternen vorbeigeschrammt. Vier ganz dicke Sterne ist mir Das Licht auf jeden Fall wert.

T.C. Boyle: Das Licht
Carl Hanser Verlag, 2019

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Rekursion – ein endloses Band

Rekursion: M.C Escher
M.C. Escher: Ein endloses Band

Es gibt viele schriftstellerische Kunstgriffe, auf die Autoren in ihren Geschichten zurückgreifen können. Eine dieser Finessen, die mich als Mathematiker enorm fasziniert, ist die der Rekursion. Der Rekursion haftet stets ein Hauch der Unendlichkeit an.

Einige der besten grafischen Beispiele für Rekursion stellen Zeichnungen von M.C. Escher dar. Etwa dieser endlose, mystische Lauf treppauf oder treppab auf dem Titelbild zu diesem Text. Im Musikalischen hingegen ist Johann Sebastian Bach der unbestrittene Meister der Rekursion. (Interessierst Du Dich ernsthaft für die Theorie? Dann empfehle ich Dir unbedingt Gödel, Escher, Bach von Douglas R. Hofstadter zur Lektüre. Das Standardwerk.)

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In der Literatur gibt es ebenfalls viele Beispiele, in denen die Autoren ihre Geschichten rekursiv angelegt haben.
Beispielsweise würde eine Romanfigur im (fiktiven) Roman „Urlaub auf Sylt“ im Laufe der Romanhandlung aus ihrem jüngst veröffentlichten Roman mit dem Titel „Urlaub auf Sylt“ vorlesen. Damit würde eine Abbildung des Romans auf sich selbst, also eine Rekursion entstehen.

Rezensionen rekursiver Romane

Dieses Beispiel ist natürlich eher trivial. In meinen Buchbesprechungen habe ich jedoch zwei sehr gelungene, subtilere Beispiele für rekursiv angelegte Romane rezensiert:

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La sombra del vientoDer Schatten des Windes – Der Protagonist des Romans „adoptiert“ ein Buch gleichen Titels und durchlebt mit dessen Hauptfigur Höhen und Tiefen des Lebens. Ein „fantastischer“ Roman über Literatur, über das Erwachsenwerden und über die Stadt meines Herzens, Barcelona. Eine Geschichte über den sagenumwobenen „Friedhof der Verlorenen Bücher“; über Liebe, Freundschaft und Verrat; über die Historie des spanischen Bürgerkrieges.

» Lies meine Buchbesprechung aus dem März 2006.

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TintenherzTintenherz – Ein packendes Märchen über das Verschwinden von Grenzen zwischen Realität und Erfundenem. Vorleser mit einer besonderen Gabe können Gegenstände, Personen und Tiere aus dem Roman im Roman heraus in die Wirklichkeit von Tintenherz transportieren sowie auch andersherum aus der Romanwirklichkeit hinein in das Buch im Buch.

» Lies mein Buchbesprechung aus dem Juni 2005.

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Der Tempel des Castor

Der Tempel des Castor
Claudia Magerl, 2019

Eine Mannheimer Südamerikanerin mit Wohnsitz im Schweizer Tessin hat einen historischen Roman über das antike Rom veröffentlicht. Claudia Magerl schreibt über die Regierungszeit des übel beleumundeten Kaisers Nero. Dabei rückt sie in ihrem bislang vierten römischen Roman, Der Tempel des Castor, so einige der bis heute nicht ausgeräumten Vorurteile über ein angeblich wahnsinniges Monster zurecht. Aus verschiedenen Gründen lohnt es sich unbedingt, der Autorin in die Zeit des ersten Jahrhunderts nach Christi Geburt zu folgen.

Um dem Schwerpunkt der Erzählung gerecht zu werden, möchte ich es nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass der Protagonist des Romans nicht Caesar Nero selbst ist sondern Marcus Salvius Otho, Freund und Vertrauter Neros – zumindest in den ersten Jahren der Regierungszeit des Kaisers.

Der Tempel des Castor – Worum also geht es?

Der Roman setzt ein mit den letzten Kaiserjahren von Neros Vorgänger, des Caesar Claudius. Als Claudius verstirbt, womöglich vergiftet durch die eigene Gattin Agrippina, muss sich die kaisertreue Familie des Feldherrn Lucius Salvius Otho um ihre Stellung im politischen Staatsgefüge sorgen. Doch dann gelingt es dem jüngsten Spross der Othos, Marcus Salvius, zum einflussreichen Freund des neuen Caesars Nero zu avancieren.
Den engsten Freundeskreis um Nero verbindet die gemeinsame Liebe zur Kunst und der Volksnähe des jugendlichen Kaisers.

In der ersten Hälfte, auf rund zweihundert Buchseiten des historischen Romans, emanzipiert sich Kaiser Nero – nicht zuletzt dank der Unterstützung durch seine Freunde – von seiner intriganten Mutter Agrippina. Er wird zum Liebling des römischen Volkes. Von Neros wachsender Beliebtheit profitiert in erster Linie auch Marcus Otho. In ihrer Begeisterung bezeichnen sich Marcus und Nero gegenseitig als aktuelle Verkörperung des Zwillingspaares Castor und Pollux.

Aufstieg und Niedergang

Wir ahnen es bereits: Soviel Harmonie kann nicht von ewiger Dauer sein. Marcus lernt seine Liebe auf den ersten Blick kennen, Poppaea Sabina. Sein bester Freund Nero unterstützt Marcus bei der Befreiung der Geliebten aus ihrer schrecklichen ersten Ehe.

Marcus und Popaea treffen sich heimlich auf einem römischen Anwesen des Caesar, in den Gärten des Maecenas. Dort, in einem abgelegenen Winkel der Gärten, nämlich im Tempel des Castor, planen sie die Trennung der Frau von ihrem ungeliebten Gatten Crispinus und die gemeinsame Zukunft.
Doch der Tempel, Namensgeber des Romans, ist nicht nur dem Castor sondern auch dessen Zwilling Pollux geweiht. – Welch ein Omen! Poppaea sollte also nicht nur dem „Castor“ Marcus gehören. Auch „Pollux“ würde Ansprüche auf die Schöne erheben.

Als Otho schließlich dem kaiserlichen Freund die Frau seines Lebens vorstellt, geht alles in die Brüche. Pollux begeht Verrat an seinem Zwilling Castor. Caesar Nero verführt Othos Frau Poppaea, die leistet nur kurz Widerstand: „Da war’s um ihn gescheh’n. Halb zog sie ihn, halb sank er hin.“ – Oder war es umgekehrt?
Um einen Eklat zu verhindern, befördert Nero den ehemaligen Freund ins Exil. Als Statthalter soll Otho die ferne Provinz Lusitanien verwalten, das heutige Portugal. Widerwillig aber ohne Alternative vor Augen willigt der Gehörnte ein. Mit der Abreise Othos aus Rom endet die Romanhandlung.

Historischer Hintergrund

Wir alle kennen Kaiser Nero in erster Linie als geisteskrankes, unberechenbares Scheusal. Er habe Rom anzünden lassen und dafür die Schuld den Christen in die Schuhe geschoben. An dieser Einschätzung tragen nicht zuletzt Verfilmungen wie die mit Peter Ustinov in der Rolle des komplett wahnsinnigen Nero ihren Schuldanteil. Historische Forschungen des letzten Jahrzehnts zeichnen jedoch ein ganz anderes Bild des verrufenen Caesaren.

Die Autorin Claudia Magerl hat all diese neueren Erkenntnisse auf dem Schirm. Sie zeichnet deshalb ein sehr differenziertes Bild des antiken römischen Kaisers. Insbesondere die ersten Jahre seiner Regentschaft zählen bei ihr zu den glücklichsten und geglücktesten der überlieferten römischen Kaiserzeiten.

Doch auch sie befreit Nero nicht vom Makel seiner ganz und gar unkaiserlichen Schwäche für das schöne Geschlecht. Der mächtige Caesar zögert nur ansatzweise, seine einst unverbrüchliche Freundschaft zu Marcus Salvius Otho über Bord zu kippen, um die schöne Poppaea zu seiner Frau zu machen.

Der Tempel des Castor – Erfolgsrezept

Claudia Magerl hat ein ganz besonderes Erzähltalent. Es gelingt der Autorin auf der einen Seite, eine schlüssige Romanhandlung aufzubauen. Stets hält sie den Spannungsbogen aufrecht. Und nie gleitet sie dabei ins Schnulzige oder Konstruierte ab. (Die gruseligen Verkaufstexte der Online-Buchhändler hätten anderes vermuten lassen!)

Auf der anderen Seite schafft sie es scheibar mühelos, historische Fakten und andere belegbare gesellschaftliche Besonderheiten in die Handlung einzuflechten, die dem Leser bis dahin unbekannte Einsichten verschaffen. Solche Darstellungen hätten wir uns für unseren Lateinunterricht gewünscht! – Von Abläufen römischer Senatssitzungen und römischer Rechtsprechung berichtet Magerl. Sie nimmt die Etikette am kaiserlichen Hof aufs Korn. Sie schildert Stellung und Aufgaben von Sklaven, Freigelassenen und von römischen Bürgern. Detailreich erzählt die Autorin von der Durchführung von Zirkusattraktionen, Familienfeiern und religiösen Kultveranstaltungen …

Diese Aufzählung ist leider unvollständig. Es gäbe noch so vieles anzusprechen, was wir aus dem Tempel des Castor zum römischen Leben erfahren könnten. Meine Empfehlung: selber lesen!

Wahrheit und Dichtung

Natürlich ist es der geschichtlich eher schwach bewanderten Leserschaft nur schwer möglich, zwischen realer Historienschilderung und Romanhandlung zu unterscheiden. Aber gerade diese Unschärfe zeichnet meines Erachtens gut gelungene historische Romane aus. Wer hier eine höhere Trennschärfe benötigt, kommt um eine zusätzliche, fachkundige Kommentierung durch Historiker wohl nicht umhin.
Aber um zu erkennen, dass sich die Geschichte um Otho und Nero ziemlich genau so zugetragen haben mag, reicht ein Blick in historische Archive. Tacitus und Plutarch sind hier gute Quellen.

Zweifellos ist es hoch anzurechnender Verdienst der Autorin, dem Leser eine gelungene Mischung aus Geschichte (im Sinne von Historie) einerseits und Geschichte (im Sinne von Erzählung) andererseits zu kredenzen. Für diese Leistung gibt es unzählige Beispiele in Der Tempel des Castor.

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Übrigens: Wem Der Tempel des Castor in seiner historischen Dimension gefällt, der wird vielleicht auch Interesse an meiner Buchbesprechung von Robert Harris‘ Pompeji haben.

Fazit:

Der Tempel des Castor ist ein Lesevergnügen, das sich an historisch Interessierte richtet, die auch eine gute Rahmenerzählung zu schätzen wissen. Die Romanhandlung gibt dem Geschichtsunterricht eine zusätzliche, sehr gut austarierte Komponente mit auf den Weg. 377 Buchseiten, die nie langweilig werden; beileibe nicht!

Im Nachwort zum Roman kündigt Claudia Magerl eine Fortsetzung der Geschichte von Marcus Salvius Otho an. Darauf dürfen wir schon jetzt gespannt sein. Ich für meinen Teil stehe schon jetzt in den Lese-Startlöchern. – Dem Tempel des Castor jedenfalls möchte ich unbedingt verdiente 4 von 5 Bewertungssternen zusprechen.

Einer der Korrekturleser des Romans Der Tempel des Castor vor seiner Veröffentlichung war ich selbst.

Claudia Magerl: Der Tempel des Castor
Südwestbuch Verlag, 2019

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