Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Der Eklat

Dennis Kornblum, Der Eklat, 2026
Dennis Kornblum, 2026

Der Eklat ist der dritte Roman des in Bonn lebenden Schriftstellers Dennis Kornblum (45). Zentrale Figur der Geschichte ist ein Autor namens Jascha Wrobel. Jascha leidet ebenso wie sein Erfinder Kornblum selbst an der neuronalen Entwicklungsstörung des Asper­ger-Autis­mus, also an Schwierigkeiten bei sozialer Interaktion und Kommunikation. Der Romantext ist das minutiöse Protokoll einer von Streit, gegenseitigen Vorwürfen und zunehmender Wut geprägten Entwicklung. Diese Entwicklung eskaliert in einer Gewaltorgie Wrobels während einer live ausgestrahlten TV-Talk­show, im titelgebenden „Eklat“. – Ein Protokoll gesellschaftlicher Spaltung, zunehmend persönlich werdender Fehden, Herabwürdigungen und Provokationen. Keines der Reizthemen unserer Zeit wird ausgeklammert.

Was ich in der Einleitung als „Protokoll“ bezeichnet habe, sind wechselnde Zwiegespräche zwischen zwei Anwesenden während des Eklats oder aber Erinnerungen Wrobels selbst. All diese Romanpassagen finden im Nachgang zu dem Gewaltexzess statt. Es handelt sich also um retrospektive Betrachtungen, die die Entwicklung illustrieren und Wrobels Tat erklären sollen, insgesamt um ein bestürzendes Zerrspiegelbild unserer realen Debattenkultur. Tatsächlich findet Wrobels gewalttätiger Ausraster erst auf Seite 214 der 228 Buchseiten statt, auch wenn zuvor immer wieder von der „ungeheuerlichen Tat“ geraunt wird und diese wie ein Damoklesschwert über der Lektüre schwebt.

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Königin Esther

John Irving, Königin Esther, 2025
John Irving, 2025

Königin Esther, im englischen Original Queen Esther, ist John Irvings sechzehnter Roman und sein erster, den ich zu lesen bekam. Dabei gehört John Winslow Irving zu den bedeutendsten nordamerikanischen Literaten nach dem zweiten Weltkrieg. Bekannt ist der Schriftsteller vor allem für seine Romanbegebenheiten, die irgendwo zwischen dem Makabren und dem Komischen pendeln. Skurrile, um nicht zu sagen groteske Geschichten habe ich hier bereits in großer Menge besprochen; und zwar mit den zwanzig Romanen von T. C. Boyle. Damit schließt sich dann auch der Kreis, denn in den Siebzigern lernte Boyle an der Universität in Iowa bei Irving – neben anderen Professoren – das Schreibhandwerk. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich nach Boyles Romanen bei denen von Irving landen würde. Ob ich mich wohl nach meinem Einstieg über Königin Esther an weitere Geschichten des US-ame­ri­ka­nisch-ka­na­di­schen Schriftstellers heranmachen werde?

Esther ist der Name einer der Romanfiguren Irvings. Sie hat zwar selbst nur wenige Auftritte in der Geschichte. Doch ist sie stets im Hintergrund des ausschweifenden, kleinteiligen und von einem Bruchstück zum nächsten mäandernden Romans präsent und hält all die Puzzleteilchen der Erzählung zusammen. Esther ist also eine Protagonistin, die aus der zweiten Reihe heraus agiert. Die formale Hauptrolle spielt Esthers Sohn James „Jimmy“ Winslow, der nicht zufällig den selbst gewählten Mittelnamen des Autors trägt. Jimmy ist nämlich ebenfalls angehender Schriftsteller und geht dem gleichen Hobbysport nach wie John Irving selbst: dem Freistilringen.

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Echtzeitalter

Tonio Schachinger, Echtzeitalter, 2023
Tonio Schachinger, 2023

Der Deutsche Buchpreis ging im Jahr 2023 an den Roman Echtzeitalter¹ von Tonio Schachinger. Die Jury begründete ihre Wahl folgendermaßen: „Auf den ersten Blick ist Tonio Schachingers ‚Echtzeitalter‘ ein Schulroman. Auf den zweiten viel mehr als das: ein Gesellschaftsroman, der das Aufwachsen seines Helden Till an einer Wiener Eliteeinrichtung beschreibt […]. Mit feinsinniger Ironie spiegelt Schachinger die politischen und sozialen Verhältnisse der Gegenwart […]. Auf erzählerisch herausragende und zeitgemäße Weise verhandelt der Text die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Literatur².“ Die Handlung der Geschichte setzt im Herbst 2013 ein, als Till Kokorda elf Jahre alt wird – kurz nach seiner Einschulung als „Firsty“ am fiktiven Marianum, einem elitären Wiener Light-Inter­nat. Wir begleiten Till über 360 Textseiten hinweg und durch sieben Lebensjahre hindurch, bis in die Abschlussklasse im Jahr 2020.

Eng verzahnt mit seiner Schullaufbahn ist Tills Leidenschaft für das Computerspiel Age of Empires II. Er verbringt jede freie Minute mit dem Strategiespiel und rückt im Alter von fünfzehn ganz unerwartet in die Riege der weltweit beachteten Top-Spieler auf. Der Autor beschäftigt sich in seinem zweiten Roman mit den Fragen: Wieviel Selbstverwirklichung oder Freiheit lässt eine stark traditionell geprägte Bildungsstruktur zu? Welchen Einfluss haben Digitalisierung und insbesondere Gaming auf das Erwachsenwerden der Generation Z?

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