Backflash Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Joanne K. Rowling

Joanne K. RowlingJoanne K. Rowling (56) wur­de im eng­li­schen Städt­chen Yate, in der Nä­he von Bris­tol, ge­bo­ren. Heu­te vor ge­nau einem Vier­tel­jahr­hun­dert wur­de ihr ers­ter Ro­man, Har­ry Pot­ter and the Phi­lo­so­pher’s Stone, in einer Erst­auf­la­ge von 500 Stück ver­öf­fent­licht. In den fol­gen­den Jah­ren bau­te die Auto­rin ih­re Se­rie um den Jung­zau­be­rer Har­ry Pot­ter auf ins­ge­samt sie­ben Bän­de aus. Zehn Jah­re nach Band 1 wur­de die letz­te Ro­man­fol­ge in einer Erst­auf­la­ge von 12 Mil­lio­nen ge­druckt. 90 Pro­zent da­von ver­kauf­ten sich be­reits am Er­schei­nungs­tag. Es folg­ten Ver­fil­mun­gen, ein Thea­ter­stück, The­men­parks, Vi­deo- und Brett­spie­le. So­gar als Le­go­fi­gur exis­tiert Har­ry Pot­ter mitt­ler­wei­le. Sei­ne geis­ti­ge Mut­ter hat der Jun­ge längst zur Mil­liar­dä­rin ge­macht. Heu­te lebt die Schrift­stel­le­rin mit ih­rem Mann Neil, zwei Töch­tern und einem Sohn in Schott­land.

Joanne K. Rowling – Die Harry-Potter-Romanserie

  1. Harry Potter and the Philosopher’s Stone (1997) | Harry Potter und der Stein der Weisen (1998)
  2. Harry Potter and the Chamber of Secrets (1998) | Harry Potter und die Kammer des Schreckens (1999)
  3. Harry Potter and the Prisoner of Azkaban (1999) | Harry Potter und der Gefangene von Askaban (1999)
  4. Harry Potter and the Goblet of Fire (2000) | Harry Potter und der Feuerkelch (2000)
  5. Harry Potter and the Order of the Phoenix (2003) | Harry Potter und der Orden des Phönix (2003)
  6. Harry Potter and the Half-Blood Prince (2005) | Harry Potter und der Halbblutprinz (2005)
  7. Harry Potter and the Deathly Hallows (2007) | Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (2007)

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Entstehung und Mythos

Über die Ent­ste­hung der Roman­se­rie erzählt man sich längst unzäh­lige Anek­do­ten. Die Idee dazu habe die Auto­rin im Jahr 1990 wäh­rend einer Bahn­fahrt von Man­ches­ter nach Lon­don gehabt. (Dies bestä­tigte Frau Row­ling im Nach­hin­ein.) In Edin­burgh habe sie dann ihre Texte in Cafés nie­der­geschrie­ben, weil ihre Woh­nung zu klamm gewe­sen sei. Als Schreib­mate­rial hät­ten ihr dabei auch Ser­viet­ten gedient, weil sie sich Notiz­bü­cher nicht habe leis­ten kön­nen. (Diese bei­den Mythen sind aller­dings nicht belegt.)

Tat­sa­che aber ist, dass Joanne Row­ling ihre Roman­se­rie mit einer erstaun­li­chen Weit­sicht geplant und ange­legt hat. Und bei der nach­fol­gen­den Ver­mark­tung des Pot­ter-Mythos hat sie größ­tes Geschick* bewie­sen und so ein lite­rari­sches Impe­rium geschaf­fen, das Sei­nes­glei­chen sucht. Den rie­si­gen Erfolg aber ver­dankt sie wahr­schein­lich auch der öffent­li­chen Dis­kus­sion über den ver­mute­ten Fort­gang ihrer Ge­schich­ten. In unzäh­li­gen Inter­net­fo­ren wurde in den Nuller­jah­ren jede neue Roman­folge aus­ein­ander­genom­men und dis­ku­tiert. Ich vermute auch, dass die Auto­rin sich in sol­chen Fan­gemein­schaf­ten durch­aus Anre­gung geholt hat.

Joanne K. Rowling – Erfolg und Schatten

Unbe­streit­bar ist, dass die Hep­talo­gie um Harry Pot­ter mit dem Jahr­tau­send­wech­sel zu einem gigan­ti­schen Erfolg wurde. Spä­tes­tens als der US-Ver­lag Scho­las­tic zu einem damals unvor­stell­ba­ren, sechs­stel­li­gen Ein­stiegs­preis die Rechte für dem ame­rika­ni­schen Markt ein­kaufte, rollte die Ver­mark­tungs­maschi­ne­rie. Auch ich selbst stieg mit mei­nen Kin­dern – damals im rich­ti­gen Alter um die zehn – in die Lek­türe ein. Wir wur­den echte Pot­ter­heads und fie­ber­ten jeder neuen Roman­folge ent­ge­gen.

Wir haben übri­gens eine klare Mei­nung dazu, was den Erfolg der Ge­schich­te aus­machte: eine aus­geklü­gelte Story, ein­fach Sätze, keine lang­atmi­gen Ein­schübe, die die Span­nung unter­bro­chen hät­ten. Im End­ef­fekt waren nämlich (fast) alle sie­ben Romane lupen­reine Page­turner; wir konnten ein­fach keine Buch­seite zu Ende lesen, ohne nach der nächs­ten Seite zu lech­zen.

Kontroversen

Lange nach dem Abschluss der Roman­serie sorgte Joanne Row­ling zuletzt auf einem Neben­kriegs­schau­platz für Furore. Auf ihrem Twit­ter­account ergriff sie im Jahr 2019 Par­tei für eine gewisse Maya For­sta­ter und stellte sich damit in der Trans­gen­der­de­batte gegen die Befür­wor­ter der Bewe­gung. Danach geschah Erstaun­li­ches:

Natür­lich bekam Row­ling die ganze Härte der Social Com­mu­nities zu spü­ren, die volle Breit­seite auf Twit­ter. Aller­dings schwappte die Kri­tik an der per­sön­li­chen Mei­nung einer Auto­rin auch auf deren Roman­se­rie über. Die Per­sonal­auf­stel­lung die­ser Romane sei – zwan­zig Jahre nach deren Ver­öffent­li­chung – nicht zeit­gemäß, viel zu hetero-weiß-cis. Es kam sogar ver­ein­zelt zu Bücher­ver­bren­nun­gen von Harry-Pot­ter-Roma­nen, etwa auf der Video­platt­form Tic­Toc.

Darf man Harry Pot­ter noch mögen? – Nun, ich befürchte, dass nach heu­ti­gen Maß­stä­ben sehr viele lite­rari­sche Meis­ter­werke der Ver­gan­gen­heit inzwi­schen im Gift­schrank der Lite­ratur­ar­chive lan­den wür­den. Das gilt nicht nur für Mär­chen, für Tom Saw­yer und Pippi Lang­strumpf, für Jim Knopf, um nur ein paar Bei­spiele aus der Kin­der­lite­ra­tur zu nennen. Doch ich spreche mich unbe­dingt gegen womög­lich gefor­derte Anpas­sun­gen an aktu­elle sozi­ale Maß­stäbe aus. Denn was wür­den wir damit wirk­lich errei­chen, außer einer Zer­stö­rung der Werke? Wer der­lei nicht lesen mag, der lasse es eben. Lite­ra­tur ist und bleibt doch immer auch ein Spie­gel der Zeit, in der sie ent­stan­den ist.

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Fußnote:

*) Als ein Bei­spiel für die­ses Geschick mag die Mit­tel­ini­tiale her­hal­ten, die Joanne Row­ling nach­träg­lich in ihren Namen ein­fügte, um auch auf dem US-ame­rika­ni­schen Markt erfolg­rei­cher sein zu kön­nen. Das K. stehe für Kath­leen, den Vor­na­men ihrer Groß­mut­ter.

Thomas-Mann-Preis 2022

Jonathan Franzen, 2020
Jonathan Franzen, 2020

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler Jo­na­than Fran­zen (62) wird am 16. Sep­tem­ber die­ses Jah­res im Stadt­thea­ter Lü­beck mit dem Thomas-Mann-Preis aus­ge­zeich­net, der mit 25.000 Euro do­tiert ist. In der Be­grün­dung der Ju­ry heißt es:

„Spä­tes­tens mit sei­nem drit­ten Ro­man Die Kor­rek­tu­ren von 2001 hat sich Fran­zen in die Welt­li­te­ra­tur der Ge­gen­wart ein­ge­schrie­ben. Am Bei­spiel einer chro­nisch un­glück­li­chen Fa­mi­lie gibt der Ro­man ein schil­lern­des Pa­no­ra­ma der ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft mit ih­ren Sehn­süch­ten und ih­ren Ab­grün­den. Gut 100 Jah­re nach Tho­mas Manns Bud­den­brooks führ­te der Welt­er­folg der Kor­rek­tu­ren zu einer Re­nais­san­ce auch des deutsch­spra­chi­gen Fa­mi­lien­ro­mans. Fran­zen hat seit sei­ner Stu­dien­zeit in Mün­chen und Ber­lin in den frü­hen 1980er Jah­ren ein be­son­ders na­hes Ver­hält­nis zu Deutsch­land, seit 2010 ist er Mit­glied der Aka­de­mie der Küns­te in Ber­lin. Den Tho­mas-Mann-Preis er­hält er für sein er­zäh­le­ri­sches Werk, das die Tra­di­tion des gro­ßen Ge­sell­schafts- und Fa­mi­lien­ro­mans, ver­bun­den mit Na­men wie Tol­stoi, Dos­to­jews­ki und Tho­mas Mann, im 21. Jahr­hun­dert wie­der­be­lebt hat.“

Congratulations, Mr. Franzen!

Wer sich für Jona­than Fran­zens Werk in­te­res­siert, wird wo­mög­lich mei­ne Buch­be­spre­chun­gen zu Die Kor­rek­tu­ren und Frei­heit le­sen wol­len?

Unterwerfung

Michel Houellebecq, Unterwerfung, 2015
Michel Houellebecq, 2015

Im April 2022 wur­de der fran­zö­si­sche So­zia­list Em­ma­nuel Ma­cron zum zwei­ten Mal in Fol­ge in der Stich­wahl zum Staats­prä­si­den­ten un­se­res Nach­bar­lan­des ge­wählt. Sie­ben Jah­re zu­vor, am 7. Ja­nuar 2015, er­schien der Ro­man Unterwerfung des Schrift­stel­lers und Bür­ger­schrecks Mi­chel Houelle­becq. Da­rin be­schreibt der Autor, wie En­de Mai 2022 eine Al­li­anz von So­zia­lis­ten, Kon­ser­va­ti­ven und Mus­li­men un­ter der Füh­rung eines ge­wis­sen Mo­ham­med Ben Ab­bes die Über­nah­me der Staats­ge­schäf­te durch die rechts­ex­tre­me Ma­ri­ne Le Pen ver­hin­dert. Die­se fik­ti­ve Ge­schich­te un­ter­brei­tet uns Houelle­becq aus der Sicht eines Ich-Er­zäh­ler na­mens Fran­çois, eines Li­te­ra­tur­pro­fes­sors in bes­tem Al­ter, der an der Pa­ri­ser Sor­bon­ne lehrt.

Ich habe Geschmack daran gefun­den, Roman­ge­schich­ten, die einen gewis­sen Zukunfts­be­zug haben, einige Jahre spä­ter noch ein­mal zu lesen und sozu­sa­gen einer Art „Fak­ten­check“* zu unter­wer­fen. So etwa näm­lich, wie ich es unlängst mit Hart auf Hart von T. C. Boyle unter­nom­men habe. Auch Houelle­becqs Unterwerfung eig­net sich dafür beson­ders gut, und zwar aus zwei Grün­den:

Zum einen erfolgte exakt am Tag der Veröf­fent­li­chung das isla­mis­tisch moti­vierte Atten­tat auf die Redak­tion des Sati­remaga­zins Char­lie Hebdo, das sein Titel­bild dem Autor gewid­met hatte. Houelle­becq wurde darauf­hin eine Mit­ver­ant­wor­tung unter­stellt, er brach die Rekla­mekam­pagne für sein Buch ab und zog sich aus der Öffent­lich­keit zurück.
Zum ande­ren war bereits zum Erschei­nungs­zeit­punkt des Buches zwei­fel­los klar, dass das Sze­na­rio einer mus­limi­schen Macht­über­nahme in Frank­reich selbst erst im Jahr 2022 völ­lig fik­tiv und jen­seits aller vor­stell­ba­ren Pro­gno­sen lag. – Was also hatte Houelle­becq im Sinn, als er uns seine Uto­pie prä­sen­tierte?

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