Backflash Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Suche nach Lese­stoff? Hier findest Du Buch­be­sprechun­gen mit An­spruch aber ohne Allü­ren. Ich schreibe meist über bel­le­tris­tische Titel; über solche, die mir ge­fallen oder auch mal nicht ge­fallen haben; manchmal Main­stream, manchmal ab­seits der aus­ge­tre­tenen Pfade. (Per­sön­liche Empfeh­lungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Das Spiel des Engels

Carlos Ruiz Zafón, Das Spiel des Engels, 2008
Carlos Ruiz Zafón, 2008

Mit Das Spiel des Engels prä­sen­tiert der spa­ni­sche Autor Car­los Ruiz Za­fón den zwei­ten Teil sei­nes Zy­klus um den sa­gen­um­wo­be­nen „Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bü­cher“, einer ge­spens­ti­schen Bi­blio­thek Aber­tau­sen­der oder Mil­lio­nen von Schrif­ten, die tief im Her­zen der Alt­stadt Bar­ce­lo­nas ver­wahrt wer­den. Das En­gels­spiel knüpft allein schon durch sei­ne Schau­plät­ze an Za­fóns Best­sel­ler Der Schat­ten des Win­des an, der sie­ben Ja­hre zu­vor das Le­se­pub­li­kum ver­zau­ber­te. Doch wäh­rend der Vor­gän­ger die Ver­zü­ckun­gen des Le­sens fei­er­te, spürt der Fol­ge­band nun den Qua­len der Schrift­stel­ler nach.

Bei genau­erem Hin­se­hen ist bald zu er­ken­nen, dass der zwei­te Band eine Art li­te­ra­ri­sches Pre­quel zum ers­ten dar­stellt. Die Ge­schich­te setzt im Jahr 1917 ein, also knapp drei­ßig Jah­re vor dem Schat­ten des Win­des. Sie en­det schließ­lich in der Zeit der Ge­burt von Da­niel Sem­pe­re, der Haupt­fi­gur der Wind­schat­ten­er­zäh­lung. Tat­säch­lich ist der Pro­ta­go­nist des En­gels­spiels, ein ge­wis­ser Da­vid Mar­tín, nicht nur Al­ters­ge­nos­se von Da­niels Va­ter son­dern so­gar des­sen Freund und Ehe­stif­ter.

David wächst unter pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen auf. Die Mut­ter hat die junge Fami­lie früh ver­las­sen, sein Vater ist Kriegs­vete­ran, Anal­pha­bet und Alko­holi­ker. Die Kind­heit des Jun­gen ist eine Abfolge von Schre­cken, aber immer­hin setzt er sich gegen den jäh­zor­ni­gen Vater durch, der ihm das Lesen von Büchern ver­bie­ten will. David bewahrt sich die Liebe zur Lite­ra­tur nicht zuletzt dank der Unter­stüt­zung durch Daniel Sem­pe­res Groß­va­ter, der damals Inha­ber der Buch­hand­lung im Santa-Ana-Vier­tel war, die im Schat­ten des Win­des im Zen­trum der Hand­lung stand.

Das Spiel des Engels – Das erste Leben des David Martín

Nun, der Vater von David Mar­tín stirbt nach weni­gen Buch­sei­ten eines gewalt­sa­men Todes. Danach über­lebt sein Kind nur, weil sich die Gran­den einer herun­ter­gekom­men Zei­tungs­redak­tion des Jun­gen anneh­men, in der der Vater als Nacht­wäch­ter ange­stellt war. In die­ser Redak­tion behaup­tet sich David zunächst als Boten­junge und bekommt nach eini­gen Jah­ren gar die Chance, eine schau­rige Fort­set­zungs­ge­schich­te für die Zei­tung zu schrei­ben. Seine Erzäh­lung trägt den Titel „Die Ge­heim­nisse von Bar­ce­lona“, spielt im Unter­welt­mi­lieu und wird zum Publi­kums­er­folg.

Aufstieg und Fall

Durch Nei­der aus der Redak­tion ver­trie­ben, ver­dingt sich David als Gro­schen­roman­schrei­ber bei einem win­di­gen Buch­ver­lag, der zwar seine neue Ge­schich­ten­se­rie „Die Stadt der Ver­damm­ten“ erfolg­reich ver­treibt, dabei aber das junge Talent scham­los aus­nimmt. Wie beses­sen schreibt David an sei­nen Erzäh­lun­gen, ver­nach­läs­sigt dabei sich und seine Gesund­heit. Er ist noch keine drei­ßig, als ein inope­ra­bler Gehirn­tu­mor dia­gnos­ti­ziert wird und das Ende sei­ner Schrift­stel­ler­lauf­bahn sowie sei­nes Lebens unab­wend­bar bevor­zu­ste­hen schei­nen.

Die „Gro­ßen Erwar­tun­gen“, die David in sei­nem Lieb­lings­ro­man von Dickens ent­deckt und für sich selbst erträumt hatte, blei­ben uner­reich­bar.

Und wenn es das Letzte sein sollte

Die weni­gen Monate, die David noch blei­ben, will er mit den zwei Din­gen ver­brin­gen, die ihm über­haupt noch wich­tig sind: mit dem eige­nen gro­ßen Roman, den er unbe­dingt schrei­ben möchte; und mit einem Gefal­len, den er der jun­gen Frau ver­spricht, in die er unsterb­lich aber ebenso unglück­lich ver­liebt ist. Für seine Cris­tina schreibt er einen voll­stän­dig miss­glück­ten Roman um, den Don Pedro, Davids Men­tor und gleich­zei­tig Cris­tinas Chef, begon­nen hat.

Doch auch mit die­sen Unter­fan­gen schei­tert der junge Mann. Zwar wird der Roman, den er für Don Pedro schreibt, ein glän­zen­der Ver­kaufs­er­folg. Doch sein eige­ner floppt kläg­lich. Auch Davids Hoff­nung, über der gemein­sa­men Arbeit an Pedros Werk die Gunst Cris­ti­nas zu gewin­nen, zer­schellt in einem part­ner­schaft­li­chen Super-GAU: Zwar ver­brin­gen die bei­den jun­gen Leute eine Lie­bes­nacht, aber danach hei­ra­tet Cris­tina Don Pedro.

Das Spiel des Engels – Das zweite Leben des David Martín

Kann es noch wei­ter nach unten gehen? David ist ster­bens­krank, als Schrift­stel­ler geschei­tert und hat seine große Liebe ver­lo­ren. Lägen da nicht noch fünf­hun­dert Roman­sei­ten vor uns, man müsste ver­zei­feln.

Tat­säch­lich nimmt Davids Schick­sal eine Wende. Der geheim­nis­volle fran­zösi­sche Ver­le­ger Andreas Corelli nimmt Kon­takt zu ihm auf. Er bie­tet dem Gestran­de­ten nicht nur ein Ver­mö­gen für eine ein­zige Erzäh­lung an. In einer myste­riö­sen nächt­li­chen Szene befreit er den Krebs­kran­ken gar von sei­nem Tumor. David blüht auf, nicht nur kör­per­lich son­dern auch kunst­hand­werk­lich. Alle Hin­der­nisse, die ihm im Wege zu lie­gen schei­nen, wer­den wie durch Wun­der bei­sei­te geräumt.

Wenn da nur nicht all die Lei­chen wären, die mit einem Mal Davids Weg zu säu­men schei­nen!

Das Spiel des Engels – Der Pakt mit dem Teufel

Der Autor lässt schon früh kei­nen Zwei­fel daran, mit wem sich sein Zög­ling David da ein­ge­las­sen hat. Schon nach hun­dert Buch­sei­ten lässt er den undurch­sich­ti­gen Corelli einen Satz sagen, der der Leser­schaft das Blut in den Adern gerin­nen lässt:

„Ich weiß, was es heißt, den Vater zu ver­lie­ren, wenn man ihn noch braucht. Den Ihren hat man Ihnen unter tra­gi­schen Umstän­den ent­ris­sen. Mei­ner hat mich mich aus Grün­den, die nichts zur Sache tun, abge­lehnt und von zu­hause ver­sto­ßen.“
(Seite 124)

Wir haben es also mit einer Vari­ante des faus­ti­schen Motivs des Teu­fels­pak­tes zu tun. David Mar­tín ent­kommt sei­nem erbärm­li­chen Schick­sal nur, weil er sich auf einen Han­del ein­gelas­sen hat: ein lan­ges Leben in finan­ziel­ler Sicher­heit gegen seine unsterb­li­che Seele.

Der Luzi­fer, der hier sein Engels­spiel mit David treibt, trägt edle schwarze Anzüge mit einer auf­fäl­li­gen sil­ber­nen Engels­spange am Revers. Er scheint all­gegen­wär­tig zu sein und löst alle Pro­bleme des jun­gen Man­nes, indem er des­sen Wider­sa­cher ohne zu zögern aus dem Leben beför­dert. Eine düs­tere, blu­tige Ge­schich­te tischt uns Zafón dies­mal auf. Es ist nicht ein­fach, mit all den Todes­fäl­len Schritt zu hal­ten. Aber wenn ich mich nicht ver­zählt habe, dann haben Corelli und David Mar­tín im Laufe der Roman­ge­schich­te acht­zehn Tote auf dem Gewis­sen. Und irgend­wann ent­deckt der Pro­tago­nist sogar sei­nen eige­nen Grab­stein, auf dem bereits sein Name und sein Todes­jahr ein­gemei­ßelt sind. Das ist wohl der Preis dafür, wenn man sich mit dem Teu­fel ein­lässt.

Schreckenswelt

Diese fins­tere Ge­schich­te bet­tet Zafón in eine ebenso beklem­mende Umge­bung ein. Die Stadt Bar­ce­lona scheint in ers­ter Linie aus Unrat, Gestank, Indus­trie­gif­ten und Ver­fall zu beste­hen. Die Archi­tek­tur ist zu einer Sky­line des Ver­falls ver­kom­men. Herun­ter­gekom­mene, mod­rige Käs­ten beschreibt der Autor in einer Detail­ver­ses­sen­heit, die die Leser­schaft schau­dern lässt. Die Fix­punkte der Ge­schich­te sind hohe, fins­tere Türme, etwa das uralte Haus, in dem David sein Leben ver­bringt. Oder die Säu­len der Seil­bahn zwi­schen Hafen und Mont­juic, in der sich zwei ent­schei­dende Sze­nen der Roman­hand­lung zutra­gen. Zafóns Lieb­lings­bau­werke laden gera­dezu ein, sich aus schwin­deln­der Höhe hinab in die Tiefe der Hölle zu stür­zen. Dazu bläst stän­dig kal­ter Wind, jagen Gewit­ter über die Stadt hin­weg, die sint­flut­ar­tige Regen­fälle brin­gen und die Lich­ter Bar­celo­nas erlö­schen las­sen. Aber der­lei meteo­rolo­gi­sche Schre­ckens­sze­na­rien ken­nen wir ja schon aus dem Schat­ten des Win­des.

Es scheint nur zwei lokale Aus­nah­men in die­sem Reich der Fins­ter­nis zu geben. Zum einen ist da der Wohn­sitz von Davids Men­tor Don Pedro, die leuch­tende Villa Helios. Zum ande­ren gibt es die Buch­hand­lung der Sem­pe­res, die stets in hei­me­li­ge Beleuch­tung getaucht ist.

Unwill­kür­lich drängt sich der Leser­schaft der Ein­druck auf, Zafón habe beim Schrei­ben auch an eine Ver­fil­mung der Ge­schich­te gedacht. Schließ­lich hatte er in sei­nem Exil in Los Ange­les auch als Dreh­buch­autor gear­bei­tet. Inso­fern ist der Begriff Pre­quel, den ich zu Anfang mei­ner Buch­bespre­chung gewählt hatte, gleich dop­pelt rich­tig.

Das Spiel des Engels – Erfolgsrezept

Betrach­tet man nur die Fas­sade, dann möchte man mei­nen, mit dem Spiel des Engels wie­der mal einen ver­unglück­ten Folge­ro­man zu einem voraus­gegan­ge­nen Kas­sen­schla­ger vor­ge­setzt bekom­men zu haben. Doch das stimmt nicht. Denn Carlos Ruiz Zafón ver­langt sei­nen Lese­r¦in­nen mit die­ser Fort­set­zung wesent­lich mehr ab als mit sei­nem ers­ten Band.

Stilmittel

Es ist wohl wahr, dass die Ge­schich­te vor Stil­blü­ten nur so strotzt. Das haben andere Buch­bespre­chun­gen die­ses Titels oft nega­tiv ange­merkt; etwa das berüch­tigte Laub, das im Wind wie Schlan­gen raschelt. Doch beden­ken wir, dass wir es in der Figur des David Mar­tín – wenigstens im ersten Akt – mit einem Gro­schen­roman­schrei­ber zu tun haben. Als sol­cher hält er seine Leser genau mit der­lei For­mulie­run­gen bei Laune, die Zafón als iro­ni­sche Zitate auch in sei­nen Text hinein­zieht. Mei­nes Erach­tens sind solche Mit­tel durch­aus bewusst vor­han­den, eben weil sie sich nicht quer durch den gesam­ten Text zie­hen, son­dern ganz gezielt ein­ge­setzt wer­den.

Hinzu kommt der wohl dosierte Sprach­witz, mit dem der Autor aus einem Drama leich­ter Hand eine Tragi­komö­die macht. Zwar fehlt dies­mal ein pitto­­res­ker Fer­mín Romero de Tor­res, der am lau­fen­den Band Apho­ris­men von sich gäbe wie im Schat­ten des Win­des. Aber doch gibt es immer wie­der Dia­loge oder rasch ein­gewor­fene Gedan­ken, die einem sofort ein Lächeln ins Gesicht zau­bern.

„Normale Men­schen brin­gen Kin­der zur Welt, unser­einer Bücher. Wir Schrift­stel­ler sind dazu ver­dammt, ihnen unser gan­zes Leben zu wid­men, obwohl sie es uns fast nie dan­ken.“
(David Martín auf Seite 499)

Selbstre­flexion

Dieses Bon­mot, das Zafón seiner Haupt­per­son in den Mund legt, hätte der Roman­autor viel­leicht sogar selbst aus­spre­chen kön­nen. Bli­cken wir hier womög­lich auf einen auto­bio­grafi­schen Aspekt der Ge­schich­te? An einer ande­ren Text­stelle ist ohne jeden Zwei­fel zu erken­nen, dass Zafón aus einer sei­ner Roman­figu­ren spricht.

Denn wer den Werde­gang von Car­los Ruiz kennt, weiß, dass der Schrift­stel­ler nie ein Lieb­ling der spa­ni­schen Lite­ratur­kri­tik war. Über den Klün­gel hat er sich zeit­le­bens beklagt. Und nun lässt er im Engels­spiel seinen Don Pedro zu David nach des­sen Roman­ver­riss sagen:

„Was hast Du erwar­tet? Du bis kei­ner von ihnen. Du wirst es nie sein. Du hast es nicht sein wol­len und glaubst, man wird dir das ver­zei­hen. Du ver­gräbst dich in dei­nem alten Kas­ten und meinst, du kannst über­le­ben, ohne dich dem Chor der Mess­kna­ben anzu­schlie­ßen und die Uni­form anzu­zie­hen. Da irrst du dich, David. Du hast dich immer geirrt. Das Spiel läuft anders. Wenn du allein spie­len willst, pack die Kof­fer und geh irgend­wo­hin, wo du Herr dei­nes Schick­sals bist. Aber wenn du hier­bleibst, schließ dich bes­ser einer Ge­mein­de an, wel­cher auch immer. So ein­fach ist das.“
(Seite 166)

Genau das hat Zafón selbst beher­zigt. Er ist letzt­lich alleine spie­len gegan­gen, in die USA. Doch auch wenn der Pro­phet im eige­nen Land nichts galt, so hat der Autor zumin­dest außer­halb Spa­niens höchste Wür­den erfah­ren. Der Rezen­sent des Corri­ere Della Sera etwa schreibt: „Hier­mit ernenne ich Zafón zum Dickens von Bar­ce­lona, zum der­zeit begab­tes­ten Schrift­stel­ler, was die Erzähl­kunst betrifft.“
Und die New York Times, Lire und Kirkus Review haben den Autor in ihren Bespre­chun­gen längst auf einen gemein­sa­men Sockel geho­ben mit Jorge Luis Borges, Umberto Eco, Gabriel García Már­quez, Ste­phen King, Edgar Allen Poe und Bram Sto­ker.

Eine Herausforderung

Wer die Ge­schich­te um das Spiel des Engels wie einen Thril­ler liest, oder wie Schau­erli­tera­tur mit spi­ritu­el­lem Ein­schlag, der wird spä­tes­tens gegen Ende hin ent­täuscht sein. Ist es nicht bil­lig, einen Men­schen, der sich einen lei­chen­gepflas­ter­ten Weg durch Bar­ce­lona gebahnt hat, auf die letz­ten Meter aus der Ver­ant­wor­tung zu neh­men? Ihn mit ein paar Schrit­ten unge­hin­dert aus der „Stadt der Verdamm­ten“ zu ent­las­sen? Um ihn dann in einer traum­artig anmu­ten­den Abschluss­szene sei­nen inne­ren Frie­den schlie­ßen zu las­sen?

Nein, sage ich. Das ist nicht bil­lig. Denn Zafón lässt seine Leser­schaft über sie­ben­hun­dert Buch­sei­ten hin­weg nicht aus der Ver­ant­wor­tung. Er mutet uns zu, selbst Schlüsse zu zie­hen und unsere eigene Inter­pre­ta­tion aus ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten zu model­lie­ren.

Nicht alles ist so, wie es scheint!

Gibt es die­sen Andreas Corelli wirk­lich? Oder war es nicht doch die ganze Zeit über David Mar­tín selbst, der sich durch diese Ge­schich­te gekämpft hat? Alleine, aber mit fins­te­rer Ent­schlos­sen­heit. Der wegen „Gro­ßer Erwar­tun­gen“ oder wegen sei­ner gro­ßen Ent­täu­schung in Kauf nahm, so viele mit ins Ver­der­ben zu rei­ßen, statt das Unaus­weich­li­che zu akzep­tie­ren? Dann hätte auch die­ses merk­wür­dige Roman­ende einen Sinn.

Kurze Hin­weise auf schi­zo­phrene Pha­sen der Haupt­figur gibt es immer wie­der. Zuletzt etwa in Form einer Rand­bemer­kung des Poli­zeiin­spek­tors Gran­des, er habe die ganze Zeit über David selbst mit die­ser Engels­bro­sche Corel­lis am Revers gese­hen.

Wie ist es um unsere Selbst­wahr­neh­mung und die objek­tive Wahr­heit bestellt? Wie gehen wir mit Men­schen um, die wir lie­ben? Gibt es wirk­lich immer eine zweite Chance? Und falls ja: zu wel­chem Preis?

Welche Rolle spie­len Reli­gio­nen in der Gesell­schaft? An Glau­bens­leh­ren lässt Zafón in die­sem Roman kein gutes Haar. Für seine Haupt­figu­ren sind sie das Grund­übel mensch­li­cher Gemein­schaft. – Lux Aeterna!

~

Wem diese Buch­be­spre­chung gefal­len hat, wird sich viel­­leicht für das Auto­ren­­pro­fil von Car­los Ruiz Zafón interes­sieren, das ich als Nach­ruf zu seinem Tod im Juni 2020 zusammen­gestellt habe und in dem auch Rezen­sionen sei­ner ande­ren Romane ver­linkt sind.

Fazit:

Nicht vie­len Auto­ren gelingt es, im Anschluss an einen gran­dio­sen Publi­kums­er­folg einen min­des­tens gleich­wer­ti­gen Folge­ro­man anzu­schlie­ßen. Alle lau­fen sie Gefahr, in die Gleise des Vor­wer­kes ein­zufä­deln und nur mehr ein schwa­ches Echo des Erfolgs abzu­lie­fern. Die­ser Falle ist Car­los Ruiz Zafón mit Das Spiel des Engels aus­gewi­chen. Es ist gera­dezu erstaun­lich, wie er chro­nolo­gisch an sei­nen Erst­ling anknüpft, dabei sogar im bewähr­ten loka­len Umfeld bleibt, diverse Mus­ter und sogar Sze­nen aus dem Vor­gän­ger über­nimmt und den­noch eine voll­kom­men andere Ge­schich­te erzählt.

Wem Der Schat­ten des Win­des gut gefal­len hat, der kommt am Engels­spiel ohne­hin nicht vor­bei. Aber auch einer Leser­schaft, die sich für spi­ritu­ell ange­legte Ge­schich­ten über das Gute oder das Böse inte­res­siert, sei der Roman unbe­dingt emp­fohlen. Er ist wirk­lich eine her­vor­ra­gende Ins­pira­tions­quelle für eigene Über­legun­gen. Ledig­lich die Lieb­ha­ber der kata­lani­schen Metro­pole am Mit­tel­meer kom­men dies­mal zu kurz. Zwar gibt es wie­der Absätze, in denen der Autor auch die uralte Stadt am Meer zu Wort kom­men lässt. Aber eine Lie­bes­erklä­rung an Bar­ce­lona, wie ich sie im Vor­gän­ger­band wahr­genom­men habe, ist hier nicht aus­zuma­chen.

Bei mei­ner Ster­nebe­wer­tung ist es denk­bar knapp gewor­den. Um ein Haar hätte Das Spiel des Engels ebenso wie der erste Band die vol­len fünf Sterne bekom­men. Aber mein Algo­rith­mus ist gna­den­los, und ich musste auf vier sehr, sehr dicke Sterne abrun­den. Wenn ich ehr­lich sein will, bin ich damit ganz zufrie­den. Auch wenn mir klar ist, dass andere Lese­r¦innen die bei­den Romane um den Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher womög­lich genau umge­kehrt bewer­ten wür­den.

Carlos Ruiz Zafón:
El juego del ángel
| Das Spiel des Engels,
🇪🇸 Planeta, 2008
🇩🇪 Fischer Verlag, 2008

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Caesarenblut

Claudia Magerl, Caesarenblut, 2015
Claudia Magerl, 2015

Mit Caesarenblut ha­be ich nun den vier­ten his­to­ri­schen Ro­man der Auto­rin Clau­dia Ma­gerl ge­le­sen. Wie in den drei an­de­ren Bän­den er­zählt sie auch in die­ser Ver­öf­fent­li­chung die Ge­schich­te einer his­to­risch ver­bürg­ten Fi­gur aus der zwei­ten Rei­he des Macht­ge­fü­ges im da­ma­li­gen rö­mi­schen Kai­ser­reich. Ihr Pro­ta­go­nist ist dies­mal Ga­ius Cas­sius Chaerea. Die­ser Chaerea, so nennt Ma­gerl ih­ren Hel­den meist kurz, ist Sohn eines Rit­ter­ge­schlechts, der es bis zum Rang des Tri­buns der kai­ser­li­chen Prä­to­ria­ner­gar­de un­ter dem zwei­ten rö­mi­schen Kai­ser Ti­be­rius brach­te. Als Gar­de­sol­dat war Chaerea al­ler­dings nie­mals der per­sön­li­che Ver­trau­te des Kai­sers. In­so­fern bricht die Auto­rin in der Kon­stel­la­tion des Per­so­nals in ge­wis­ser Wei­se aus dem Sche­ma ih­rer an­de­ren drei Ro­ma­ne aus.

Chro­no­lo­gisch reiht sich Caesarenblut als drit­te Er­zäh­lung naht­los in die Rei­he der an­de­ren Ro­man­bän­de der Auto­rin ein: Bru­der­schwur und Feu­er­tod, die Bän­de 1 und 2, haben Mar­cus Vip­sa­nius Agrip­pa zur Haupt­fi­gur, den Freund und Ver­trau­ten von Ga­ius Oc­ta­vius, dem spä­te­ren Kai­ser Augus­tus (31 v.Chr. bis 14 n.Chr.).
Die hier be­spro­che­ne Ge­schich­te um Ga­ius Cas­sius Chaerea deckt nun die Re­gie­rungs­zei­ten der bei­den Nach­fol­ger des Augus­tus ab; die der Cae­sa­ren Ti­be­rius (14 bis 37) und Ca­li­gu­la (37 bis 41). Sie en­det mit dem Amts­an­tritt von Kai­ser Clau­dius.
Die vier­te Fol­ge schließ­lich, Der Tem­pel des Cas­tor, setzt ein mit der Re­gie­rungs­zeit des Clau­dius und hat die ers­te Le­bens­hälf­te des Mar­cus Sal­vius Otho zum In­halt, des en­gen Freun­des von Kai­ser Ne­ro (54 bis 68).

Die vier Ro­ma­ne Clau­dia Ma­gerls de­cken die ju­lisch-clau­di­sche Dy­nas­tie der rö­mi­schen Cae­sa­ren­zeit ab, al­so knapp die rund hundert Jah­re zwi­schen 30 v. Chr. und 70 nach Christi Geburt.

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Achtsam morden am Rande der Welt

Karsten Dusse, Achtsam morden am Rande der Welt
Karsten Dusse, 2021

Der Boss der Acht­sam­keit kehrt er­neut zu­rück. Kars­ten Dus­se prä­sen­tiert uns den drit­ten Teil sei­ner Ge­schich­te um Björn Die­mel, den Rechts­an­walt, der durch An­wen­dung buddhis­ti­scher Prin­zi­pi­en der selbst­be­stimm­ten Le­bens­füh­rung zum mehr­fa­chen Mör­der und Chef eines Ver­bre­cher­syn­di­kats wur­de. Achtsam morden am Rande der Welt schließt naht­los an die bei­den Vor­gän­ger­ge­schich­ten an: Acht­sam mor­den und Das Kind in mir will acht­sam mor­den. Dies­mal wid­met sich Dus­se der Me­tho­de des Pil­gerns zur Selbst­fin­dung. Es war zu er­war­ten, dass auch Teil drei der Ge­schich­te wie­der in den Best­sel­ler­lis­ten des Buch­han­dels lan­den wür­de.

Im Gro­ßen und Gan­zen bleibt der Autor auch im drit­ten Teil sei­ner Acht­sam­keits­se­rie dem Kon­zept der bei­den Vor­gän­ger treu. Denn na­tür­lich ist auch dies­mal die Figur des Psy­cho­gu­­rus Josch­ka Breit­ner* mit von der Par­tie, der wie gewohnt für den spi­ri­tu­el­len Un­ter­bau des Ro­mans ver­ant­wort­lich ist und mit sei­nen Sinn­sprü­chen die ein­zel­nen Kapi­tel ein­lei­tet. Da­zu ge­sel­len sich er­neut die tro­cke­nen, aus der Hüf­te ge­schos­se­nen Wort­wit­ze des Autors sowie ein paar scharf ge­rit­te­ne At­ta­cken auf ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne, die Dus­se ein Dorn im Auge sind.

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