Ein Freund der Erde

T. C. Boyle, Ein Freund der Erde, 2001
T. C. Boyle, 2001

Diese Buchbesprechung veröffentliche ich ziemlich genau ein Jahr vor dem Jahresbeginnn 2025. Es wird hier um einen Roman des US-Schriftstellers T. C. Boyle gehen. Nämlich um Ein Freund der Erde. Um den einzigen Zukunftsroman, den Boyle bisher geschrieben hat und dessen Beginn und gleichzeitig Showdown in den Jahren 2025/26 angesiedelt sind. Entstanden ist die Geschichte jedoch ein Vierteljahrhundert zuvor, Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie handelt allerdings in unserem Heute und Jetzt, in einer laut Boyle von Klimawandel und Artensterben unwiederbringlich zerstörten Welt; und sie gibt uns Gelegenheit festzuhalten, inwieweit der eingefleischte Naturfreund und Mahner mit seinen düsteren Prognosen von damals Recht behalten hat.

Vielleicht blicken wir einmal kurz zurück: Als der Roman zur Jahrhundertwende erschien, war öffentliches Bewusstsein hinsichtlich der globalen Erwärmung noch nicht existent. Bis zum völkerrechtlich verbindlichen Abschluss des Übereinkommens von Paris zur Einschränkung der Erderwärmung auf „deutlich unter“ zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit sollten noch satte fünfzehn Jahre vergehen. Inzwischen ist ein weiteres Jahrzehnt vergangen, und wir sind sehr weit davon entfernt, das Zwei-Grad-Ziel auch nur annähernd einhalten zu können. Hat T. C. Boyle diese Entwicklung schon vor 25 Jahren prognostiziert?

Ein Freund der Erde – Worum geht es?

Der Autor präsentiert uns zunächst seinen Ich-Erzähler Tyrone O’Shaughnessy Tierwater. Im Jahr 2025 ist „Ty“ fünfundsiebzig Jahre alt und hat sich in der boyleschen Zukunftsfantasie mehr schlecht als recht eingerichtet. Er gehört zu den sogenannten „Jungalten“ – nur ein Jahr jünger als der Autor selbst (und auch nur ein Jahrzehnt älter als ich).

Dieser Ty hat sich mit den heftigen Verlusten seines früheren Lebens abgefunden und versucht sie zu vergessen: Als junger Mann verlor er die Liebe seines Lebens, Jane, während eines Campingausflugs in die Wildnis. Und viele Jahre später muss er dabei zusehen, wie die gemeinsame Tochter Sierra bei einer Aktion von Umweltaktivisten tödlich verunglückt.
Nach langen Jahren in Haft wegen eigener Sabotageaktionen im Namen des Umweltschutzes und längst nachdem sich seine zweite Frau Andrea von ihm getrennt hatte, arbeitet der Einzelgänger Ty nun auf einer Ranch im kalifornischen Santa Ynez für den unerschöpflich reichen Ex-Popstar Maclovio Pulchris. Dieser „Mac“ – eine gelungene Karikatur von Michael Jackson, dem King of Pop – hat es sich in den Kopf gesetzt, allerletzte Exemplare wilder Tiere überleben zu lassen und notfalls durch Klonen zu erhalten. Deshalb hütet Ty nun Ameisenbären, Dachse, Geier, Warzenschweine, drei Löwen, eine Hyäne und eine Patagonische Füchsin namens Petunia.

Wir wollen die Tiere retten. Für die Erde ist es zu spät. Und für uns auch. Aber die Tiere […] werden sich immer anpassen, keine Frage, und an unserer Stelle würde etwas Neues treten. Das ist unsere Hoffnung. Die einzige Hoffnung.
(Seite 289)

Reality Check

Diese „Jungalten“ kennen wir doch tatsächlich. Gilt nicht mittlerweile „Siebzig ist das neue Fünfzig“? In eben diesem Geist lernen wir Ty kennen. Zwar hat der Mann seine Zipperlein – Knie und Rücken, Altersweitsichtigkeit, Glatze und „Truthahnlappen unter dem Kinn“. Aber vor körperlicher Arbeit scheut er nicht zurück. Und die Sache mit dem Sex klappt auch noch immer. Tys Ersatzniere funktionert einwandfrei, sein Zahnersatz ist ganz passabel und das Gesicht seiner Ex dank Kollagenimplantaten in den Lippen noch immer straff. (Botoxgesichter und Schlauchbootlippen kannte Boyle beim Schreiben noch nicht, die gab es erst nach 2002, als die Food and Drug Administration dem Nervengift die Zulassung für ästhetische Zwecke erteilte.)

Die Angst vor Krankheit beschränkt sich auf eine immer wieder aufflammende, epidemische Erkrankung der Atemwege, die im Roman „Mucosa“ heißt. Teils schwer im Verlauf und oft tödlich für Ältere. Deshalb laufen Menschen in der Regenzeit mit Atemschutzmasken herum. – Für das Protkoll: Ende der Neunzigerjahre, als der Roman entstand, lag die Coronaepidemie noch gut zwei Jahrzehnte in der Zukunft.

Apropos Regenzeit

In Boyles Jahr 2025 gibt es an der amerikanischen Westküste nur noch zwei scharf getrennte Jahreszeiten. In der Trockenperiode der Sommermonate glüht die Sonne am wolkenlosen Himmel, der Wind bläst Sand und Staub vor sich her. Die Temperaturen steigen auf 40 bis 50 °C. In den Wintermonaten toben Orkane über das Land. Im horizontalen Dauerregen fliegt alles davon, was nicht niet- und nagelfest ist. Behausungen werden zu nassen Schimmelhöhlen, wenn sie nicht gar von Schlammfluten weggespült werden.

Früher dachten die Leute ja, der Zusammenbruch der Biosphäre wäre das Ende von allem, aber weit gefehlt! Genau das Gegenteil ist der Fall – es gibt einfach von allem noch mehr: mehr Sonne, Wasser, Wind, Staub und Schlamm.
(Seite 19)

Dass wir in unserer Wirklichkeit nicht mehr weit von solchen Schreckensszenarien entfernt sind, hat uns das zurückliegende Jahr 2023 auch in Europa eindrucksvoll vor Augen geführt.

In der boylesken Schreckenswelt 2025 ist ein Großteil der Fauna und Flora ausgestorben. Ursache sind menschliche Uneinsichtigkeit und rücksichtsloses Gewinnstreben. Ty, Sierra, Andrea und ihre Mitstreiter von Earth Forever! (Anspielung auf Earth First!) haben den Kampf gegen das Waldsterben längst verloren. In der Folge sind Wälder und die meisten Tierarten unwiederbringlich verschwunden. Auch wenn wir tatsächlich noch nicht ganz soweit sind wie in der Boylegeschichte: den Weg ins Artensterben haben wir schnellen Schrittes angetreten, eine Umkehr ist unwahrscheinlich.

Angesichts der lebensfeindlichen Umweltbedingungen hat sich die Menschheit in gewaltigen Megalopolen zusammengerottet. Allein 46 Millionen in Mexico City. In Kalifornien sind Los Angeles und San Diego zu „Los Andiegoles“ verscholzen.

Ein Freund der Erde – Über die Romanhandlung

In drei Romanteilen erzählt Boyle das Leben von Tyrone Tierwater. Genauer gesagt: Er lässt erzählen. Denn in den Kapiteln, die im Jahr 2025 handeln, erzählt Ty in der Ich-Form. Im Wechsel mit diesen Kapiteln springt der Autor immer wieder zurück in die Jahre 1989 bis ’97. In diesen Passagen ist zwar ebenfalls Ty der Erzähler; allerdings nicht mehr in der Ich-Form, sondern distanzierter in der dritten Person.

Das waren die prägenden Jahre, die aus Boyles Romanfigur den gemacht haben, der er ist: ein in die Jahre gekommener, milde gewordener ehemaliger Rebell, der eine ganze Menge seiner ehemaligen Aktionen bereut. Einer, der sich mit seiner kaputten Vergangenheit arrangiert hat und mit Sarkasmus in die unerquickliche Zukunft blickt.

Details möchte ich hier nicht ausbreiten. Wer aber ein bisschen mehr erfahren möchte, kann hier gleich Details zur Handlung aufklappen. – Nur soviel noch: Zuletzt eskaliert die Situation auf der Pulchris-Ranch. Erst taucht Tys Ex-Frau Andrea auf und bringt ihren resignierten Verflossenen auf Trab. Dann müssen alle, sogar die wilden Tiere wegen apokalyptischer Wettereinbrüche ins Ranchhaus umsiedeln. Aber das kann natürlich nicht lange gut gehen. Es gibt Tote.

Details zur Handlung aufklappen

Wer neugierig darauf ist, wer dieser Tyrone O’Shaughnessy Tierwater war, bevor er im boyleschen Showdown zur Jahreswende 2025/26 den Elementen trotzt, bekommt hier eine chronologische Zusammenfassung der Ereignisse im vergangenen Jahrhundert.

Vor Earth Forever!

Boyles naiver Romanheld wurde im Mai 1950 in Peterskill nördlich von New York als Sohn eines Immobilienentwicklers geboren. Ja, Peterskill, das ist genau der Ort, an dem der Autor selbst aufwuchs. Die Ehe seiner Eltern kann man nicht als glücklich bezeichnen. Sie wurde wohl nur „vom Klickern von Einswürfeln“ (Seite 103) in ihren Drinks zusammengehalten. Noch so eine Parallele zu Boyles eigener Kindheit.

In den Siebzigern wird Ty nach einem grausigen Unfall beider Eltern zum Waisen. Er heiratet seine große Liebe Jane, und im Jahr 1976 wird die Tochter Sierra geboren. Doch nur drei Jahre später stirbt Jane. Auf einem Campingausflug in die Rocky Mountains erleidet sie nach einem Wespenstich mitten in der Wildnis einen anaphylaktischen Schock. Ty wird zum Witwer, Sierra zur Halbwaisen. Erst zehn Jahre später lernt er Andrea und die Earth-Forever!-Bewegung kennen.

Ein radikaler Freund der Erde

Nur wenige Monate später heiraten Andrea und Ty. 1989 bekommt Sierra also eine Stiefmutter, mit der sie sich gut versteht. Doch die Tierwaters tauchen tief in die radikale Umweltschützerszene ein. Noch im Sommer des Jahres der Eheschließung nehmen alle drei an einer Straßenblockade im Siskiyou National Forest teil – mit furchtbaren persönlichen Konsequenzen. Dem Heißsporn Ty gelingt es nicht, sein aufloderndes Temperament zu zügeln, er wird wegen Widerstandes und Angriffs auf Vollzugsbeamte festgenommen. Seine Tochter trifft es noch härter. Weil ihr Vater die Dreizehnjährige leichtfertig in eine gesetzeswidrige Aktion verstrickt hatte, wird das Mädchen der Obhut einer Pflegefamilie übergeben.

Der naiv-dämliche Held der Geschichte kocht über. Seine ohnehin kurze Lunte ist abgebrannt, er kidnappt kurzerhand seine Tochter. Doch von da an sind die Tierwaters gezwungen, unter falschen Namen in der Berghütte eines Unterstützers der Umweltbewegung zu leben. Ty ist nun ein gesuchter Verbrecher, versteckt sich und seine Familie in der Abgelegenheit eines Nationalparks am Rande der Sierra Nevada.

Nun möchte man meinen, dass der Mann in einer solchen Situation die Füße stillhält und sich unsichtbar macht. Doch das lässt T. C. Boyle nicht zu. Denn lange hält sein Ty das nicht aus. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion sabotiert er den Maschinenpark einer Holzverarbeitungsgesellschaft und fackelt auch gleich noch deren nachgepflanzte Alibiplantage am Straßenrand ab. Doch ein paar Monate später, kurz nach seinem vierzigsten Geburtstag im Mai 1990, erhält Ty Besuch von einem Versicherungsdetektiv. Die Tierwaters müssen befürchten, dass sie ganz oben auf der Liste der Verdächtigen stehen.

Der Umweltaktivist

Andrea und Ty beschließen, den Stier an den Hörnern zu packen. In einer groß angelegten Publicityaktion marschieren die beiden nackt in den Wald und verbringen dort einen ganzen Monat: ohne Kleidung, ohne Werkzeug, ohne Nahrung. Doch die Aktion bringt die beiden an den Rande ihrer Überzeugung. Ty ist geradezu erleichtert, als er nach den dreißig Tagen in Haft genommen wird. Allerdings werden ihm die knapp zwölf Monate Knast nach einiger Zeit lang.

Und was unternimmt Tyrone Tierwater, nachdem er im Jahr 1993 seine Gefängnisstrafe endlich abgesessen hat? Lehnt er sich zurück und genießt sein Leben ohne Strafverfolgung? Nein, das tut er nicht. Vielmehr ergreift er die erstbeste Gelegenheit, um sich in einem Mietwagen auf nach Oregon zu machen. Dort zerstört er in einem persönlichen Racheakt die Autos des Richters, der ihn nach der Straßenblockade angeklagt, und ein paar Polizeiautos des Sheriffs, der ihn dingfest gemacht hatte. Um ein Haar wäre er dabei erwischt worden. Aber Ty kommt diesmal davon und versucht von da an, tatsächlich ein Spießerleben zu leben und sich von weiteren Öko-Sabotageakten fern zu halten.

Tick, tack, tick, tack, die Zeit verrinnt. – Wer möchte Wetten darauf abschließen, dass Boyle seinen durchgedrehten Antihelden endlich in Rente gehen lässt? Niemand? Gut, denn diese Wette hättet Ihr verloren. Ohne sich mit Andrea oder anderen Mitgliedern von Earth Forever! abzustimmen, begibt sich Ty erneut auf den Kriegspfad. Als er einen Strommasten mit einem Schweißgerät bearbeitet, um ihn zu Fall zu bringen, wird er erwischt. Und diesmal geht Ty für mehrere Jahre ins Staatsgefängnis.

Die „menschliche Hyäne“

1997 kommt Tyrone Tierwater zum zweiten Mal frei. Er hat sich von seiner Frau Andrea entfremdet und den Eintritt seiner Tochter Sierra ins Erwachsenenalter verpasst. Bereut er etwa, was er getan hat?

Keine Minute lang. Er wußte jetzt mit jeder sehnsüchtigen, hassenden, verbitterten und zu Tode gelangweilten Faser seines Seins, weshalb das Gefängnis niemanden besserte. Strafe als tätige Reue, was für ein Witz. Man bereute ja immer nur, daß man sich hatte erwischen lassen. Und je länger man einsaß, desto heftiger wollte man es den Arschlöchern heimzahlen und ihnen weh tun, sie so verletzen, wie sie einen verletzt hatten. Soviel zur Rehabilitation.
(Seite 326)

Dann kommt der Tag, an dem seine Tochter Sierra – Boyles Hommage an die reale Umweltaktivistin Julia Hill – auf einen Baumriesen steigt, um dort oben gegen die Abholzung der Wälder zu protestieren. Über drei Jahre lang hält es Sierra auf ihrer Baumplattform aus, trotzt Wetter und den Versuchen der Holzarbeitsfirma, sie mürbe zu machen. Aber schließlich stürzt die junge Frau im Jahr 2001 aus Unachtsamkeit in die Tiefe und stirbt. Ty hat nicht nur seine erste Frau Jane, sondern nun auch die Tochter an die Unberechenbarkeit der Natur verloren.

Da wird der Mann endgültig zum Öko-Radikalen. In den Zeitungen nennen sie ihn schließlich „die menschliche Hyäne“.

Es war meine schwärzeste Zeit – Totenschädelzeit, Hyänenzeit. Ich kämpfte einen Krieg, versteht ihr, und vielleicht hatte ich mein Urteilsvermögen verloren, falls ich je eines besaß.
(Seite 284)

Über diese rabiaten Kampfjahre wird sonst nichts erzählt. Irgendwann verdingt sich Ty letztlich als Tierpfleger auf der Ranch von Maclovio Pulchris. Wir steuern auf den Showdown in den Jahren 2025/26 zu.

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Details zur Handlung verbergen

Ein Freund der Erde – Einschätzung & Bewertung

Ich komme wieder einmal nicht umhin, mein ungläubiges Staunen über T. C. Boyles Weitblick zum Ausdruck zu bringen. Ich habe das weiter oben bereits angesprochen, muss es aber trotzdem hier noch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Geschrieben wurde die Geschichte in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Die liegen nun ja ein Vierteljahrhundert in der Vergangenheit. Dennoch hat der Autor in mehreren Punkten seiner Prognosen Volltreffer gelandet.

Dass er mit seiner Ro­man-Pan­de­mie namens Mucosa nur ein oder zwei Jahre neben Corona liegt, mag man noch als reinen Zufallstreffer abtun. Aber auch im Großen und Ganzen hat Boyle die Entwicklung auf unserem Planeten unglaublich treffsicher vorhergesagt. Was Klimawandel und Artensterben betrifft, befinden wir uns heute erschreckend nahe an den Szenarien, die wir im Roman antreffen. Ich kann es mir nicht verkneifen, eine Passage aus dem Text zu zitieren, die Boyle vor gut fünfundzwanzig Jahren noch als bizarren Witz gemeint haben mag. In aktuellen Diskussionen würden darüber womöglich nicht mehr allzuviele Zeitgenossen lachen:

In meinen Därmen grummelte es: Gasbildung, das wird’s sein. Wenn ich vollkommen still liege, kann sich der Furz durch die zahllosen verschlungenen Windungen und Krümmungen da unten arbeiten und den unvermeidlichen Weg zum Ausgang suchen. Aber was denke ich da? Das ist Methangas, ein natürliches Umweltgift, das gleiche Zeug steigt von Müllkippen, faulenden Nahrungsbergen und Termitenhügeln auf und verbleibt dann zehn Jahre lang in der Atmosphäre, noch ein Furzvoll für den Treibhauseffekt. Ich bin ein Schwein, und ich weiß es. Jüdische Schuldgefühle, katholische Schuldgefühle, um­welt-öko-anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Schuldgefühle: ich kann nicht mal in Frieden einen fahren lassen.
(Seite 143)

Autobiografisches?

In den verborgenen Details zur Romanhandlung habe ich auf Parallelen zu T. C. Boyles eigener Lebensgeschichte hingewiesen. Nun sind wir hier weit von einer Autobiografie des Autors entfernt. Aber wir wissen ja, dass Boyle seinen Antihelden immer wieder gerne Einzelheiten aus seinem eigenen Leben andichtet. Auch hier hat dieser Ty Tierwater unverkennbar Eigenschaften des Romanautors.

Doch gerade im Freund der Erde empfinde ich solche Parallelen eher als Spiel mit den Möglichkeiten. Was hätte aus Boyle werden können, wäre er nicht der ruhige, sehr überlegte Zeitgenosse, sondern ein Hitzkopf wie dieser Tyrone gewesen? Was, wenn Boyle eines Tages nach seiner ökologischen Gartenpflege losziehen würde, um einen Strommasten umzusägen? Ich finde es jedenfalls spannend, dabei zuzusehen, wie der Autor in seinem Roman einen heftigen Kontrapunkt zu seinem eigenen Ich aufbaut. Vielleicht eine Art alternativen Boyle, der ihm selbst nicht ganz geheuer ist?

Jedenfalls gefällt mir der Roman ausgesprochen gut. Auch wenn die zeitlichen Rückblenden manchmal so unübersichtlich ausfallen, dass ich erst beim zweiten Lesedurchgang einige Zusammenhänge begriffen habe.

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Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, inte­res­siert sich even­tuell auch für das Autorenprofil, das ich zu T. C. Boyle angelegt habe und in dem auch alle anderen Buchbesprechungen von Boyle-Romanen auf dieser Website zu finden sind. Sein achter Roman, Ein Freund der Erde, erschien im Original zwei Jahre nach Riven Rock und drei vor Drop City.

Fazit:

Wer sich von Ein Freund der Erde eine furchterregende Dystopie erwartet, wird trotz aller Unbillen und Widrigkeiten, die uns der Autor auftischt, nicht auf seine Kosten kommen. Denn schließlich kredenzt uns T. C. Boyle wie schon so oft in anderen seiner Geschichten einen versöhnlichen Ausklang, der zumindest Optionen offen lässt. Doch wer sich einfach einmal davon beeindrucken lassen möchte, wie ein Schriftsteller mit einem Vorlauf von zwei oder drei Jahrzehnten unser heutiges Leben skizziert hat, liegt mit diesem Roman gerade jetzt goldrichtig. Als thematische Ergänzung möchte ich den derzeit letzten Boyle aus 2023 empfehlen, der den Titel Blue Skies trägt.

Immer wieder habe ich mich während der Lektüre über die Unverbesserlichkeit, ja, den Starrsinn der Hauptfigur aufregen müssen. Natürlich weiß ich, dass genau das beabsichtigt war. Aber dennoch haben diese manchmal nervtötenden Charaktereigenschaften – und eine gewisse Unübersichtlichkeit in der eigentlich gar nicht so verwinkelten Romanhandlung – dazu geführt, dass die Geschichte nur vier von den fünf möglichen Sternen verpasst bekommen hat.

T. C. Boyle: A Friend of the Earth | Ein Freund der Erde
🇺🇸 Viking Press, 2000
🇩🇪 Carl Hanser Verlag, 2001

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