Drop City

Drop City
T. C. Boyle, 2003

Obwohl T. Coraghessan Boyle, US-ame­ri­ka­ni­scher Au­tor von mitt­ler­wei­le sieb­zehn Ro­ma­nen, längst mehr als ein Ge­heim­tipp ist, hat­te ich vor Drop City noch kei­nen sei­ner Tex­te ge­le­sen. Das wird sich jetzt än­dern. Denn sei­ne ra­san­te Ge­schich­te über die Kon­flik­te zwi­schen ent­täusch­ten Uto­pien ei­ner kali­for­ni­schen Hippie­kom­mu­ne und den viel bo­den­stän­di­ge­ren An­for­de­run­gen des Über­le­bens in der Wild­nis Alas­kas hat mei­nen Hun­ger nach mehr Boyle ge­weckt.

„Drop City“ ist der Na­me einer Hippie­kom­mu­ne in der Nach­bar­schaft der ka­li­for­ni­schen Stadt So­mo­na. Die Ro­man­hand­lung setzt im Juni 1970 ein; längst nach dem Höhe­punkt des Nir­va­na, nach Easy Rider. Das Sze­na­rio ist roman­tisch bis fan­tas­tisch: Die Kom­mune lebt im pau­sen­lo­sen Traum­som­mer. Sie ver­fügt über eige­ne Zie­gen, eine Samm­lung von Schall­plat­ten, die welt­weit ihres­glei­che sucht (Jimmy Hen­drix, Jeffer­son Air­plane, Janis Jop­lin, Country Joe and the Fish, …). Es gibt Zucchini im Gar­ten, Acid im Oran­gen­saft, Mari­huana­kekse. Und frei Liebe zwi­schen den wech­seln­den Bewoh­nern, den lang­haarigen „Freaks“ und BH-befrei­ten „Bräu­ten“. – Was mehr braucht der Mensch?

Drop City – Leben in Utopia

Doch die Idylle, die das „Milli­onen-Kilo­watt-Lächeln“ sei­ner zuge­dröhn­ten Bewoh­ner ver­spricht, trügt. Längst bröckelt näm­lich die Fassa­de. Denn das Ver­spre­chen, ein jeder dürfe hier ganz ein­fach „nur sein Ding durch­zie­hen“, lässt sich nicht mehr ein­hal­ten: Der Abwas­ser­an­schluss der Wohn­gebäude ist über­for­dert. Über­all lie­gen Exkre­men­te in den Büschen. Nie­mand fühlt sich mehr ver­ant­wort­lich für die Ange­legen­hei­ten, die mensch­liche Gemein­schaf­ten am Leben erhal­ten.

Und auch das Traum­bild der freien Liebe hat längst Risse bekom­men: Die Prota­gonis­tin Star ist – wie auch einige der ande­ren Frauen – nicht mehr bereit, mit jedem ins Bett zu stei­gen. Sie nimmt also in Kauf, als ver­klemmt einge­stuft zu wer­den und schlech­tes Karma fürs nächste Leben zu sammeln. Star verwei­gert sich Ronnie, alias Pan, ihrem Jugend­freund und bis­heri­gen Beglei­ter. Die junge Frau wen­det sich statt des­sen dem fahnen­flüch­tigen Neu­ankömm­ling Marco zu. Die Situa­tion auf Drop City eska­liert, als eine Gruppe frag­wür­diger Neu-Hippies eine vier­zehn­jäh­rige Aus­reiße­rin ver­ge­waltigt.

Der Gegenentwurf

Nach knapp hundert Seiten springt die Hand­lung nach Alas­ka. Genau genom­men befin­den wir uns in Boyn­ton, der letz­ten befes­tig­ten Ort­schaft west­lich von Fair­banks. Drei Kanu­stun­den von Boyn­ton lebt dort Sess Har­der, der „letzte echte Ameri­kaner“: Schweig­sam, gerecht und unter kei­nen Umstän­den bereit, Provo­kati­onen ohne pas­sende Ant­wort hin­zu­neh­men. Sess lebt vom Fallen­stel­len und von sei­nen aus­gepräg­ten Fähig­kei­ten zum Über­leben in der eisi­gen Wild­nis des nörd­lich­sten US-Bundes­staa­tes.
Diesem ameri­kani­schen Proto­typen zur Seite steht seine Braut Pamela. Pam war ihr Leben als moderne Städte­rin leid. Sie wählte nach dem Schema der TV-Bache­lo­rette den Mann ihres Lebens aus drei kon­kurrie­renden Trap­pern aus: letzt­lich Sess Harder.
Sess‘ (und Pame­las) Geg­ner weit­ab jeder Gerichts­bar­keit ist Joe Bosky, ein über­hebli­cher und bru­taler Nach­bar. Die Quali­tät der gegen­seiti­gen Attacken zwi­schen Joe und Sess stei­gert sich bestän­dig.

Drop City – Ausbruch und Aufbruch

In diese Welt des Über­lebens­kamp­fes am Thirty-Mile-River platzt eines schö­nen Tages die Hippie­kommune von Drop City. – Was war pas­siert?
Nach einigen Schock­erleb­nissen in der Gemein­schaft der Brü­der und Schwes­tern stand die Situa­tion auf der Farm auf der Kip­pe. Als die Behör­den den Abriss der Gebäude verfü­gen, packen die Freaks und Bräute um den Anfüh­rer Nor­man Sen­der ihre sie­ben Sachen. Sie verle­gen die Kommune nach Alas­ka. Denn dort hatte Sen­der von einem On­kel ein Grund­stück geerbt. Die­ser Onkel war einst Nach­bar, Men­tor und Leh­rer Sess Har­ders. Und eben dieser Sess bekommt es nun mit unge­wohn­ter Nach­bar­schaft zu tun: mit den Hippies von Drop City, die ihre Kom­mune eins zu eins nach Alas­ka zu verle­gen ver­sucht.

Der weitere Ver­lauf der Geschich­te erzählt von den Schwie­rig­kei­ten, mit denen sich die Hippies kon­fron­tiert sehen in einer Umge­bung, die keine Feh­ler ver­zeiht. Aber es geht auch um unver­hoff­te Freund­schaf­ten. Und wir erleben Persön­lich­keits­ent­wick­lun­gen, mit denen nie­mand, am wenig­sten der Leser, gerech­net hat.
Boyle erzählt vom persön­li­chen Schei­tern und von Erfol­gen. Die Hand­lung gip­felt in einer gnaden­losen Kon­fron­ta­tion am Polar­kreis, die im Laufe der Hand­lung immer unaus­weich­licher wurde. In ihrer Kon­se­quenz und Härte lässt diese den Leser buch­stäb­lich erschau­ern. – Rand­notiz an alle: Trinke keinen Schnaps, wenn das Thermo­meter zig Grade unter Null an­zeigt!

Drop City – Reiz und Magie der Geschichte

Der primäre Reiz von Drop City für die Leser­schaft in mei­nem Alter mag aus einer Sehnsucht heraus entstehen. Die Hard-Core-Hippie­zeit haben wir nämlich gera­de nicht mehr selbst durch­lebt. Doch dank des Bei­spiels von nur wenig älte­ren Geschwis­tern oder Cou­sins hatten wir das Gefühl, etwas ver­passt zu haben. T. C. Boyle rückt nun das Ikonen­hafte der Peace-People zurecht, ohne die Ernst­haftig­keit der Grund­idee in Frage zu stel­len. Seine Hippies stehen am Rande eines Ent­wick­lungs­schrit­tes, mit dem der eine bes­ser, der andere schlech­ter zu­recht kommt.

Die Magie der Geschichte ent­wickelt sich aus der meister­lichen Fähig­keit des Autors, Perso­nen und Orte zu beschrei­ben oder zu erschaf­fen, die den Leser gera­dezu in die Hand­lung hinein­sau­gen. Dies gilt für die kali­forni­sche Kommunen­szene ihre Unzu­läng­lich­keiten und ihre exo­ti­schen Bewoh­ner einer­seits; ebenso jedoch für die eigen­bröt­leri­schen Hinter­wäld­ler und die natür­liche Schön­heit und Gefah­ren der unbe­rühr­ten Natur Alas­kas. Die ver­schie­denen Stand­punkte, gedank­liche und soziale Hinter­gründe der handeln­den Grup­pen, vermit­telt Boyle dadurch, dass er abwech­selnd aus der jewei­ligen Sicht seiner fünf Prota­gonis­ten erzählt – Star, Mar­co und Ron­nie, sowie Sess und Pame­la.

Einschränkungen?

Ich weiß gar nicht, wel­chem der bei­den Hand­lungs­stränge, die sich auf­einan­der zubewe­gen, ich mit mehr Neugier und mehr Freude am Lesen folgte. Beide haben durch­aus ihre Glanz­lich­ter, aber auch ein paar Hän­ger. Die Reise der Hippie­kommune und schon der­en Vor­berei­tung emp­fand ich als leicht ermü­dend. Auch die Geschichte um Pame­las Auswahl­pro­zess ihres Lebens­part­ners in Alas­ka hielt ich für un­realis­tisch. Von sol­chen, sehr raren Passa­gen abge­sehen hat mich Drop City von vorne bis hin­ten maxi­mal gefes­selt.

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Wem diese Bespre­chung von Drop City gefällt, der könnte womög­lich auch an mei­nen Rezen­sio­nen ande­rer Boyle-Romane haben, bei­spiels­weise Dr. Sex, Talk Talk oder Das Licht.

Fazit:

Wer in Bezug auf sein Alter all­zu weit von den Sieb­zigern des ver­gange­nen Jahr­hun­derts ent­fernt ist, wird viel­leicht Schwie­rig­kei­ten haben, die Roman­hand­lung nach­zuvoll­ziehen. Zu fremd und zu unver­ständ­lich dürfte das prä-femi­nisti­sche, sex-, drogen- und alkohol­fixierte Kommunen­leben sein. Und vor allen Din­gen könn­ten die stän­dig einge­wobe­nen Ver­weise auf damals aktu­elle Rock­gruppen, auf deren Songs und Texte aus der Zeit gefal­len wirken.

Lesern im passen­den Alters­korri­dor jedoch dürfte T. C. Boyles Abrech­nung mit dem Lebens­entwurf einer Genera­tion gefal­len; vor allen Din­gen des­halb, weil der Autor ohne jeden Sarkas­mus das Ver­sickern dieser Bewe­gung in den Not­wendig­keiten des All­tags­lebens beschreibt. Aus meiner Sicht hat sich Boyle mit Drop City ohne Zweifel alle fünf mögli­chen Sterne verdient. Mir ist aber schon bewusst, dass jün­gere und ältere Leser als ich wahr­schein­lich nicht ganz soviel Gefal­len an diesem Roman haben wer­den.

T. C. Boyle: Drop City
Carl Hanser Verlag, 2003

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