América

T. C. Boyle, América, 1996
T. C. Boyle, 1996

The Tortilla Curtain lautet der englische Originaltitel des sechsten Romans von T. C. Boyle. Mit diesem „Tortillavorhang“ ist die durchlässige Grenze zwischen den USA und Mexiko gemeint, über die seit Jahrzehnten verzweifelte illegale Einwanderer in das wohlhabende Nachbarland im Norden strömen, um sich ihren Traum von der Beteiligung am US-ame­ri­ka­ni­schen Wohlstand zu erfüllen. In der deutschen Übersetzung erhielt die Geschichte den Titel América. Und in diesem Fall bin ich mir nicht sicher, welche Betitelung die bessere ist. Denn mit „América“ ist natürlich einerseits der Traum vom besseren Leben in Nordamerika gemeint. Aber gleichzeitig ist es auch der Vorname einer der vier Hauptpersonen der Romangeschichte. Boyles Erzählung handelt von zwei Paaren, einem bitterarmen mexikanischen und einem arrivierten nordamerikanischen, deren Wege das Schicksal aneinanderknüpft.

Eine trostlose, apokalyptische Geschichte legt uns der Autor vor. Doch auch wenn der Text inzwischen fast dreißig Jahre alt ist, hat er an Aktualität nichts eingebüßt. Noch immer existiert der Tortillavorhang, den der unsägliche Ex-Prä­si­dent Trump erst vor wenigen Jahren mit dem Bau einer Grenzmauer zu Mexiko schließen wollte. Und in Europa haben wir mit Asylsuchenden aus Nordafrika ein sehr ähnliches Problem zu bewältigen. Mit seiner Erzählung beweist Boyle, dass seine Themen, die er seit Jahrzehnten beackert, Dauerbrenner sind: Die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie zwischenmenschliche und gesellschaftliche Katastrophen waren, sind und bleiben aktuell.

América wurde drei Jahre nach Willkommen in Wellville und weitere drei Jahre vor Riven Rock veröffentlicht.

América – Über die Protagonisten

Cándido & América

Das mexikanische Paar sind Cándido Rincón, seit vielen Jahren immer wieder und ohne Aufenthaltspapiere als bracero | Arbeitstier nördlich des Tortillavorhangs tätig, und seine unverheiratete aber dennoch von ihm schwangere Lebensgefährtin América. Sie ist noch keine zwanzig, er bereits in den Dreißigern. Die beiden sind illegal in die USA eingereist und wurden direkt nach dem Grenzübertritt von den Schleusern in einen Hinterhalt gelockt und ausgeplündert.

Sie sprechen und verstehen kaum ein Wort Englisch. Immer verzweifelter suchen sie Tagesjobs auf dem Schwarzarbeitermarkt, um für die näher rückende Geburt ihres Kindes wenigstens ein bescheidenes Dach über dem Kopf zu haben. Dabei werden sie nicht nur von den gabachos | nordamerikanischen Weißen ausgenutzt und nicht selten um ihren ohnehin mickrigen Lohn betrogen. Auch andere Illegale nutzen die Schwäche des einsamen Paares aus, nehmen ihnen mehrmals die mühselig zusammengetragenen Ersparnisse ab. Ganz zu schweigen von Gewalt und sexuellen Übergriffen. América und Cándido hausen unter erbärmlichen Umständen in einem aus Müll und Resten zusammenbastelten Unterschlupf in der Wildnis zwischen Los Angeles und Arroyo Blanco.

Der Roman beginnt mit einem Verkehrsunfall. Cándido wird beim unvorsichtigen Überqueren einer Schnellstraße von einem Nordamerikaner mit dem Auto angefahren. Polizei und Krankenhäuser muss er unter allen Umständen meiden, lässt sich deshalb mit einem Zwanzigdollarschein abspeisen und schleppt sich schwer verletzt zurück zu América in den Unterschlupf.

Delaney und Kyra

Der Mann, der Cándido angefahren hat, heißt Delaney Mossbacher. Er ist in seinen Vierzigern und lebt in Arroyo Blanco Estate, einer privaten Wohnanlage mit Tenniscourts, großem Gemeinschaftspool und Golfplatz. Die Häuser der Anlage sind im spanischen Missionsstil erbaut, gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Und drum herum liegt die Wüste, wuchert das Gestrüpp in den Canyons und treiben sich die Illegalen herum. Delaneys Frau Kyra, Mitte dreißig, ist erfolgreiche Immobilienvermittlerin, ständig unter Strom und stets um die Pflege ihrer Kundschaft bemüht, während ihr Mann sich um den Haushalt samt sechsjährigem Sohn kümmert und darüber hinaus als naturverbundener „Pilger am Topanga Creek“ (Seiten 90 und 237) Artikel für Umweltzeitschriften verfasst.

Die gesamte Romanhandlung trägt sich in wenigen Monaten zwischen Sommer und der Weihnachtszeit ab. In dieser Zeit laufen sich die Hauptfiguren der Geschichte immer wieder über den Weg. Und sie werden dabei umkreist von einer Handvoll Randfiguren: den überheblichen Nachbarn der Mossbachers, deren verwöhnten Kindern und den coyotes | ebenfalls mexikanischen Einwanderern, die es nicht mit ehrlicher Arbeit, sondern mit Einbrüchen, Überfällen und Vergewaltigungen versuchen. Ach ja, ein paar echte Kojoten spielen ebenfalls nicht unwichtige Nebenrollen in Boyles Erzählung.

América – Über die Entwicklung der Romanhandlung

Trostlos und apokalyptisch habe ich die Geschichte weiter oben genannt. Präziser kann ich es nicht beschreiben. Das Leben des mexikanischen Paares ist eine einzige, andauernde Katastrophe. Selbst wenn sie einmal gute Arbeit finden, verlieren sie kurz darauf wieder alles, ein Ausweg aus dem Dilemma ihrer Lebensumstände rückt ein weiters Mal in weite Ferne. Dieser hoffnungslose Teufelskreis belastet natürlich auch ihre Paarbeziehung. Und trotzdem halten América und Cándido zusammen, einfach weil sie keinen anderen haben als sich gegenseitig. Doch der Geburtstermin des Kindes rückt unerbittlich näher.

Diese norteamericanos: wer gab ihnen das Recht auf alle Reichtümer dieser Welt? […] Sie lebten in ihren gläsernen Palästen mit Toren und Zäunen und Alarmanlagen, sie ließen halbgegessenen Hummer und Beefsteaks auf den Tellern liegen, während der Rest der Welt verhungerte, gaben allein für Sportausrüstungen, für Swimmingpools, Tennisplätze und Laufschuhe genug Geld aus, um ein ganzes Land davon zu ernähren und einzukleiden, und alle, auch noch die Allerärmsten, besaßen zwei Autos. Wo war da die Gerechtigkeit?
(Seite 224 f.)

Aber auch das Leben des anderen Paares, der Mossbachers, ist nicht unbedingt idyllisch. Sowohl Kyra als auch Delaney hadern mit ihrer Lebenssituation. Der Mann ist zwar grundsätzlich zufrieden mit seinem bequemen Leben, das aus ein bisschen Familienorganisation, dem Schreiben seiner Naturkolumne und vor allem aus weiten Wanderungen in der Umgebung besteht, wenn er seinen Naturbeobachtungen nachgehen kann. Doch immer seltener kommt er dazu, seinen Neigungen nachzugehen. Denn da sind vor allem die vernunftlosen Nachbarn, die ausschließlich an sich selbst denken und keine Gedanken daran verschwenden, welche Auswirkungen ihr Verhalten auf Mitmenschen oder auf die Natur hat. Und zum anderen sind da die illegalen Mexikaner, die immer mehr und immer dreister zu werden scheinen. Aus dem gelassenen Naturphilosophen Delaney wird im Laufe der Geschichte ein aggressiver Hitzkopf, der sich letztlich auf die Lauer legt, um endlich diese Illegalen bei Gesetzesübertretungen zu erwischen.

Die Immobilienmaklerin Kyra Menaker-Mossbacher ist zumindest nach außen die Zufriedenste der Romanfiguren. Doch auch sie hadert: mit den herumlungernden Mexikanern, die das Käuferinteresse schwinden lassen. Mit ihrer Rolle als ewige Kundenbetreuerin, die wohl nie in der Lage sein wird, sich eines der teuren Wohnobjekte selbst leisten zu können. Auch mit ihrem ach so lebensuntüchtigen Ehemann. Und nicht zuletzt mit ihrem eigenen funkensprühenden Temperament.

Boylesche Frauenfiguren

Diese explosive Kyra drängt mir den Gedanken an andere Frauenfiguren auf, die sich in T. C. Boyles Erzählungen finden. Immer wieder lässt der Schriftsteller in seinen Geschichten Frauen auftreten, die ihren Gefährten gehörig Feuer unter dem Hintern machen.

Da wären zum Beispiel die vulkanartige Muriel Blythe oder die wütende Leah. Diese beiden sind nicht die einzigen Frauen, die ihre Partner in Boylegeschichten gehörig unter Druck setzen. Jähzorn ist wohl eine der schwierigeren Eigenschaften von Frauenfiguren des US-Autors. Ich möchte allerdings davon Abstand nehmen, Parallelen zur Paarsituation der Boyles selbst aufzumachen.

Autobiografisches

Aber wenn wir schon beim Thema sind: Delaney Mossbacher und seine Situation erinnern doch wieder einmal an T. C. Boyle selbst. Beide sind naturverbundene Einzelgänger, die an den Vormittagen diszipliniert ihr Schreibpensum absolvieren, um am Nachmittag ausgedehnte Wanderungen in der Umgebung ihrer Wohnsitze zu unternehmen. Davon kann man sich übrigens in den Beiträgen auf Boyles Twitteraccount X-Account ein Bild machen.

Hinzu kommt, dass Boyle in einem Interview berichtet, wie er im Jahr 2017 während eines verheerenden Waldbrandes an der kalifornischen Küste aus seinem Haus bei Montecito evakuiert wurde und sein Heim einen Monat später nur knapp der Zerstörung durch eine Schlammlawine entging. Haargenau dieses Schicksal erleidet sein Delaney Mossbacher schon dreiundzwanzig Jahre zuvor in América. Das ist übrigens symptomatisch für viele Geschichten des Autors: So manches von dem, was seinen Figuren zustößt, erweist sich viele Jahre später als schreckliche Realität. – Reiner Zufall oder doch Seherqualitäten? Oder einfach nur ein brillanter, klarsichtiger Geist? In diesem Zusammenhang bleibt es mir wohl nicht erspart, auf einen späteren, apokalyptischen Roman Boyles hinzuweisen: Blue Skies.

América – The End

So wie auch mir wird wahrscheinlich allen Leser¦innen des Romans irgendwann im Laufe der Lektüre klar werden, dass diese Geschichte in nichts anderes als in eine alles verschlingende Katastrophe münden kann.

América und Cándido haben zu „El Tenksgivih“ unter wahrlich biblischen Umständen ihr Kind zur Welt gebracht. (Ochs und Esel werden dabei durch eine Hauskatze ersetzt.) Nun versuchen die beiden ein unzähliges weiteres Mal, ihre prekären Lebensumstände, so gut es eben geht, in den Griff zu bekommen. (Die Hauskatze landet dabei leider im Kochtopf.) Währenddessen macht sich Delaney Mossbacher auf zu seinem alttestamentarischen Rachefeldzug, auf der brandheißen Spur der zwei Illegalen.

Doch genau in dem Augenblick, als der alles entscheidende Moment, die finale Konfrontation ihren Lauf nimmt, greift die brutale Urgewalt der Natur durch. Bevor Delaney zum Mörder werden oder Cándido den pelirrojo | Rothaarigen doch noch überwältigen kann, bricht die Welt über den Kontrahenten zusammen.

Und dann, in dem Augenblick, als alles für alle verloren scheint, greift T. C. Boyle einmal wieder in seinen Zylinder mit dem Kaninchen und zaubert im allerletzten Romansatz einen Silberstreif an den Horizont. Einen Silberstreif, der es wahrlich in sich hat.

~

Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, inte­res­siert sich even­tuell auch für das Autorenprofil, das ich zu T. C. Boyle angelegt habe und in dem auch alle anderen Buchbesprechungen von Boyle-Romanen auf dieser Website zu finden sind.

Fazit:

Ich sage, wie es ist: Mit Spaß an der Lektüre habe ich América beileibe nicht gelesen. Die Geschichte ist furchtbar düster und heftig belastet mit einem beklemmenden Realitätsbezug. Das hat sogar meine formale Sternebewertung nach unten gezogen. Aber Wohlfühlmomente lagen wohl kaum in der Absicht des Autors. Deshalb empfehle ich den Roman allen Leser¦innen, die einmal aus ihrem persönlichen (und möglicherweise selbstgerechten) Pudelwohlkorridor heraustreten und ihr Leben aus einer unbestechlichen, wenn auch gnadenlosen Perspektive wahrnehmen möchten. Wie ist das denn so mit unserem Anspruch auf die vermeintlich wohlverdienten Annehmlichkeiten des Lebens? Mit unserem Blick auf die Hungergestalten, die auf der anderen Seite des bewachten Zauns stehen? – Unbequem? Ganz bestimmt!

Trotz des Absackens auf meiner bewährten Bewertungsskala habe ich mich dazu durchgerungen, América exzellente vier von fünf Bewertungsstern zuzusprechen. Unter Berücksichtigung der unbehaglichen, noch immer andauernden Aktualität der Geschichte war das tatsächlich unumgänglich.

T. C. Boyle: The Tortilla Curtain | América
🇺🇸 Viking Press, 1995
🇩🇪 Carl Hanser Verlag, 1996

* * * * *

Kaufempfehlungen
Thalia ist als Onlineshop ausgewählt
Gebundenes Buch Taschenbuch E-Book Hörbuch

Wenn Du über diese Links bestellst, erhalte ich eine kleine Provision auf Deinen Einkauf (mehr darüber)

Cookie-Hinweis