World’s End

T. C. Boyle, World's End, 1989
T. C. Boyle, 1989

So mancher Literaturkritiker sieht in World’s End, T. C. Boyles drittem Roman, das Meisterstück des US-ame­ri­ka­ni­schen Schriftstellers. Im Jahr 1988 wurde der Autor dafür mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet, mit der einzigen international renommierten Auszeichnung, die je ein Boyle-Text erhalten hat. Im Klappentext des Romans ist ein Satz zu lesen, dem nicht viel hinzuzufügen ist: „Mit immenser Phantasie, Sinn für schwarzen Humor und Überwirkliches hat Boyle eine dunklere Lesart der Geschichte Amerikas geschrieben.“ Es geht um mehrere Generationen holländischer Siedler, um amerikanische Ureinwohner, um Hippies und um Rassismus. Eine aufregende, verrückte, ja schräge Mischung, die in wildem Wechsel zwischen historischen Epochen des 17. und 20. Jahrhunderts hin- und herspringt.

Wenn América – Boyles hervorragender, wütender Roman von 1995 über Einwanderer im heutigen Kalifornien – seine Früchte des Zorns ist, dann ist World’s End sein Jenseits von Eden.
(Tom Cox, The Guardian, 2012¹)

World’s End – Querschnitt der Geschichte

Jeder Versuch, die Romangeschichte auch nur ansatzweise zusammenzufassen, ist zum Scheitern verurteilt. Der Text erstreckt sich in der Taschenbuchausgabe, die ich gelesen habe, über mehr als 600 Seiten und besteht aus einer endlosen Aneinanderreihung von Vorkommnissen, handlungstragendem und weniger wichtigem Personal, gesellschaftlichen Entwicklungen, persönlichen Herausforderungen aller Figuren, Naturbetrachtungen und last but not least ständigen Sprüngen zwischen den Jahrhunderten. Den Überblick zu behalten, gelang mir tatsächlich nur dank – oder trotz des nicht sonderlich übersichtlichen – Personenregisters, das am Ende der Ausgabe zu finden ist.

Deshalb versuche ich es einmal mit einem aus der Handlung herausgerissenen Querschnitt zu den auftretenden Romanfiguren. Boyle erzählt die Geschichten vierer oder fünfer Familien oder Clans. Da sind die Nachkommen von Oloffe Van Wart, einem reichen Niederländer, der im 17. Jahrhundert nach Nordamerika auswanderte, um sich am Hudson River niederzulassen. Die Region wurde über 50 Jahre lang Nieuw Amsterdam genannt und danach von den Engländern in New York umbenannt.
Mit den Van Warts erreichte auch Harmanus Van Brunt die neue Heimat. Doch dessen Überfahrt hatte Oloffe bezahlt, um die Van Brunts – so wie andere Auswanderer auch – von Anfang an in sein Pachtsystem zu zwingen. So wurden aus vermeintlichen Pionieren nichts anderes als Leibeigene der Van Warts in deren importiertem Feudalsystem.
Um ihre Ansprüche durchsetzen zu können, stützten sich die Van Warts auf den von ihnen ernannten Schultheiß Joost Cats, ebenfalls aus den Niederlanden stammend.

Den Landbesitz am Hudson hatte der gerissene Geschäftsmann Van Wart den nordamerikanischen Ureinwohnern abgeluchst, dem Stamm der Kitchewanken. Und mit der englischen Vorherrschaft kamen schließlich auch noch die Yankees hinzu, im Roman personifiziert durch Hackaliah Crane und seine Nachfolgen.

Verstrickungen und Parallelen über die Jahrhunderte

Puh! Diesen US-ame­ri­ka­ni­schen Geschichtsunterricht sollen wir über sechshundert Buchseiten hinweg durchhalten? – Kein Angst. Wer schon die eine oder andere Erzählung T. C. Boyles gelesen hat, ahnt wohl, dass das längst nicht alles ist.

Denn natürlich verwirbelt der Autor die Schicksale der beteiligten Familien tumultartig miteinander. Er lässt den menschlichen Faktor zuschlagen. Einzelne Mitglieder der verschiedenen Schichten schließen Freundschaften, verlieben sich und zeugen gemischte Nachkommen. Als erstes Beispiel dafür will ich Harmanus Van Brunts Tochter anführen, die mit einem Kitchewanken durchbrennt und einen grünäugigen Indianersohn bekommt, Jeremy Mohonk. Dreihundert Jahre später beginnt Walter Van Brunt eine Liebschaft mit Mardi Van Wart, der jüngsten Tochter der Großgrundbesitzer. Und Mardis Mutter Joanna lässt sich von einem Nachkommen Jeremy Mohonks schwängern. Damit schließt Boyle den Kreis, sein US-ame­ri­ka­ni­scher Genpool ist bunt durchgemischt.

Darüber hinaus bringt Boyle noch eine unwahrscheinliche aber faszinierende Schicksalskomponente ins Spiel: Einst verlor Jeremias Van Brunt, Sohn des Harmanus, einen Unterschenkel durch den Biss einer Sumpfschuldkröte. Im zwanzigsten Jahrhundert kracht dann Walter Van Brunt mit dem Motorrad in eine metallene Gedenktafel am Straßenrand und trennt sich dabei ebenfalls ein Bein ab. Auf der Tafel stand zu lesen:

An dieser Stelle ergab sich im Jahr 1693 Cadwallader Crane, Anführer eines bewaffneten Aufstandes auf dem Gut der Van Warts, den Behörden. Er wurde 1694 zusammen mit seinem Mitverschwörer Jeremy Mohonk auf dem Galgenhügel von Van Wartville gehenkt.
(Seite 112)

Keine Angst: Die ganze unrühmliche Geschichte auf dieser Gedenktafel wird natürlich auch irgendwann erzählt, noch bevor der Roman sich zu Ende neigt. Ja, den gesamten Text und alle Jahrhunderte hindurch geht es um Betrug, Unterdrückung, Aufstände, menschliche Verwicklungen, Affären, finstere Geheimnisse. Und wahrlich, von all dem nicht zu knapp!

Parapsychologische Phänomene

Als ob das alles noch nicht genug wäre, mischt Boyle noch ein paar wilde Geschichten in seine Erzähung. So bekommt die sagenumwobene Gestalt von Wolf Nysen einige Auftritte. Nysen war – zumindest im Roman – einer der ersten Siedler, ein schwedischer Axtmörder, der einst seine Familie niedermetzelte, bevor er in den Wäldern verschwand und von da an immer wieder (vermeintlich?) gesichtet wird und die Schuldzuweisung für alle Unglücksfälle tragen musste, die den Siedlern zustießen.

Walter Van Brunt leidet unter Halluzinationen, die sich zum Beispiel am Geruch der Kartoffelpuffer seiner Großmutter entzünden und eben diese Oma oder manchmal auch den verschollenen Vater in Walters Fantasien in den absurdesten Situationen auftauchen lassen. Waren es solche Geistererscheinungen, die zu Walters beinkappendem Verkehrsunfall führten? Oder doch sein zügelloser Alkohol- und Drogenkonsum?

World’s End – Hintergrundwissen

Wer sich daran erinnert, dass Boyle eine ganze Reihe biografischer Romane vor allem über Personen der US-Historie geschrieben hat, könnte auf die Idee kommen, dass auch dieser dritte Roman auf historisch verbürgtes Personal Bezug nimmt. Insbesondere die Stammbäume, die im Nachgang zum Romantext aufgebaut werden, nähren einen solchen Verdacht. Doch der Autor erstickt diese Vermutung bereits im Vorspann mit einer Anmerkung:

Was folgt, ist eine historische Fuge. Sie hat nur wenig mit tatsächlichen Orten und Vorkommnissen und absolut nichts mit lebenden oder verstorbenen Personen zu tun. Die Handlung ist frei erfunden.

Allerdings trägt sich ein erklecklicher Teil der Handlung im Tal des Hudson Rivers zu, in der Gegend um die Ortschaft Peterskill, dem fiktionalisierten Heimatort T. C. Boyles. Und tatsächlich kam es im Jahr 1949 genau dort vor einem geplanten Konzert des farbigen Musikers Paul Robeson zu gewalttätigen Ausschreitungen amerikanischer Rassisten gegen afrikanische Amerikaner und Juden. Genau so, wie es im Roman über 19 Buchseiten hinweg erzählt wird (Seite 116 ff.).

Cameo-Auftritt

Die eine oder der andere wird vielleicht auch schon darauf gewartet haben: Ganz verzichten will Boyle auf einen eigenen Kurzauftritt wieder einmal nicht. Aber wir müssen lange darauf warten. Erst gegen Ende der Geschichte, als der jüngste Nachfahre der Yan­kee-Fa­mi­lie Crane, nämlich Tom Crane, von einer extrovertierten Bekannten begrüßt wird:

„Hey, bist Du jetzt okay oder was? T. C.? Ich bin’s, Mardi, alles klar?“
(Seite 582)

Literarische Parallelen

Schon ganz oben in dieser Besprechung weist der englische Rezensent Tom Cox auf Parallelen zwischen Boyle und dem Nobelpreisträger John Steinbeck hin. Cox sieht aber noch eine weitere Inspirationsquelle für World’s End:

Boyle hat sich offensichtlich von Kerouac inspirieren lassen, aber vielleicht – siehe als Beleg seine Kurzgeschichte Beat – hat er verstanden, dass Jack Kerouac als Konzept viel besser ist, als es die Realität war. Wie Kerouac hat auch Boyle die Angewohnheit, in den frühen Morgenstunden zu schreiben. Aber das liegt daran, dass er früh aufsteht, und nicht daran, dass er lange aufbliebe. Vielleicht ist dies der Grund, warum seine Romane eine andere Art von Geschwindigkeit haben: nämlich jener Art, die immer noch genauso aufregend und überzeugend erscheint, wenn man sie als Erwachsener im kalten Licht des Tages neu bewertet.
(Quelle siehe oben)

World’s End – Einordnung der Erzählung

T. C. Boyle schleift uns durch den sich immer wiederholenden, ausweglosen Reigen der Geschichte. Die, die oben sind, bleiben es auch. Und die da unten schaffen keinen nennenswerten Aufstieg, ganz gleich, was sie anstellen. Wo die holländischen Patroons, die alten Van Warts, ihre Leibeigenen noch mit harter Knute und Gewalt im Zaum hielten, dort unterdrückt auch der jüngste Van Wart im zwanzigsten Jahrhundert den jungen Walter Van Brunt; natürlich nicht mehr mit offener Machtausübung sondern subtiler, aber ebenso effizient. Genau so wie er zuvor auch dessen Vater Truman für eigene Ziele instrumentalisiert hatte.

Schon die Ahnen der Van Brunts hatten irgendwann unter dem Joch der Leibeigenschaft versucht, ihren Lebenshunger zu stillen, indem sie sich unerklärlichen Fressattacken hingaben. Fressattacken, die sie allesamt nicht überlebten. Auch der junge Walter erlebt einen solchen infernalischen Völlereianfall. Und wie seine Urväter übersteht auch er den Tag des Anfalls nicht. Aber Walter Van Brunt ist ohnehin der exemplarische Antiheld der boylschen Geschichte. Er amputiert sich nicht nur ein Bein, sondern gleich beide, verliert also sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinn jegliche Bodenhaftung. Walter ist ein aus- und selbstgemachter permanenter Loser, der nicht nur die Fehler seines Vaters, sondern auch die der Vorfahren aus freien Stücken wiederholt.

Aber man darf nicht denken, dass es den Van Warts der Oberschicht viel besser erginge. Auch sie sind letztlich Gebeutelte, trotz ihres monetären Wohlstandes. Der letzte Van Wart der Geschichte, Depeyster, frisst sich zwar nicht zu Tode. Statt dessen kratzt er den Staub seiner Ahnen in den Kellern zusammen und schiebt sich ständig die eigene pulverisierte Familiengeschichte in den Schlund. Und noch einen Schritt weiter: Muss ich überhaupt erwähnen, dass es auch den Ureinwohnern des Stammes der Kitchewanken nicht besser ergeht als allen anderen?

Intention & Erkenntnisse

Im Rahmen dieses ewigen Reigens verfolgt Boyle mehrere Ziele. Er macht sich daran, die lauschigen Bilder der frühen amerikanischen Geschichte zu entmythologisieren. Er stößt seine Leserschaft mit der Nase darauf, wie gründlich die amerikanische Gesellschaft von der Kolonialzeit bis in die Gegenwart von Ungerechtigkeit durchdrungen ist.

Der Roman ist aber auch eine Geschichte von Vätern und Söhnen. Darüber nämlich, wie der Verrat einer Generation in der nächsten und in der übernächsten wiederholt wird.

„Hat keinen Sinn, dagegen anzukämpfen. […] Es liegt einem im Blut, Walter. Steckt in den Knochen.“
(Truman Van Brunt zu seinem Sohn, Seite 574)

Der Ton der Geschichte ist allerdings keineswegs lehrmeisterhaft, sondern satirisch. Ihr Humor ist – wie nicht anders zu erwarten – geprägt von bizarrer Groteske. Der Mahlstrom des Schicksals, in dem die Romanfiguren gurgelnd ersaufen, findet sein metaphorisches Epizentrum in einem schauerlichen Abschnitt des Hudson Rivers, der den Namen World’s End trägt. Dort sucht sich die Armee der Klabautermänner ihre Opfer, im „Grab unzähliger Schaluppen, Dampfer und Kabinenkreuzer gleichermaßen, wo verrottende Rundhölzer in einer Strömung knarrten, die so unvorhersehbar war wie der Wind, und wo noch niemals eine Leiche hatte geborgen werden können, ein bodenloses Loch im Fluß, der sonst selten tiefer als dreißig Meter war“ (Seite 235).

~

Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, inte­res­siert sich even­tuell auch für das Autorenprofil, das ich zu T. C. Boyle angelegt habe und in dem auch alle anderen Buchbesprechungen von Boyle-Romanen auf dieser Website zu finden sind.

Fazit:

World’s End wurde nicht durch Zufall mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Wahrscheinlich ist die Geschichte diejenige unter den boyleschen Romanen, die nicht nur die meisten Erzählstränge vorzuweisen hat. Sondern auch die, deren Erzählstränge am kunstvollsten untereinander verwoben sind. Hier schlägt die Fabulierlust des Autors Kapriolen. Ich würde World’s End ohne zu zögern in die Liste der Bücher für die einsame Insel aufnehmen. Denn selbst nach zweimaliger Lektüre bin ich sicher, noch längst nicht alle Verflechtungen aufgenommen zu haben. Dieser Roman ist eine unfassbare Fundgrube zwischenmenschlicher, geschichtlicher und kultureller Trouvaillen und Verbildlichungen.

In diesem Sinn mag ich mich auch nicht der gelegentlich gelesenen Kritik anschließen, dass T. C. Boyle als Schriftsteller zwar ein unwiderstehlicher Verführer sei, aber manchmal nicht erkenne, wann er den Bogen überspannt. Ich finde keineswegs, dass dies in World’s End der Fall ist.

Warum habe ich dann dem Roman nicht die volle Punktzahl von fünf Sternen zugedacht? Das liegt einfach daran, dass mich Thema und Szenerie nicht allzu sehr interessieren. Die Geschichte der Siedler im amerikanischen Osten sind zu weit von meinem persönlichen Neigungsschwerpunkt entfernt. Nur deshalb hat die Erzählung die allerletzte Hürde nicht übersteigen können und muss sich mit durchaus prallen zwar, aber eben nur vier von fünf Wertungssternen bescheiden.

T. C. Boyle: World’s End
🇺🇸 Viking Press, 1987
🇩🇪 Carl Hanser Verlag, 1989

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Fußnoten:

¹ — Tom Cox für The Guardian, Overlooked classics of American literature: World’s End by TC Boyle, 20.01.2012

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