Komplette Liste aller Rezensionen seit 2002
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Die Reise nach Rom

Alberto Moravia, Die Reise nach Rom, 1988
Alberto Moravia, 1988

Die Reise nach Rom ist der letz­te Ti­tel des einst wich­tigs­ten italie­ni­schen Ro­man­ciers der Nach­kriegs­zeit, Al­ber­to Mo­ra­via. Er wur­de zwei Jah­re vor dem Tod des Autors ver­öf­fent­licht. Die Ge­schich­te han­delt von von einem Wit­wer und einer Wit­we, die je­weils von ih­ren ver­stor­be­nen Ehe­part­nern be­tro­gen und ge­de­mü­tigt wor­den wa­ren. Bei­de Über­le­ben­de – Wit­wer wie Wit­we – ver­su­chen, sich des jun­gen Mario als Werk­zeug zu be­die­nen, um ih­re Ehe­trau­ma­ta zu über­win­den. Doch Mario ist selbst Op­fer eines in­zes­tuö­sen Sexu­al­trau­mas, das er zu be­wäl­ti­gen ver­sucht. Noch ein­mal brei­tet Mo­ra­via sein Vor­zugs­the­ma Se­xus vor sei­ner Le­ser­schaft aus und hält der prü­den und selbst­be­zo­ge­nen Ge­sell­schaft einen Spie­gel vor.

Der in Rom ge­bo­re­ne Mario de Sio ist zwan­zig Jahre alt. Im Al­ter von fünf hat­te sei­ne Mut­ter Leo­pol­di­na mit ihm, dem Jun­gen, das Haus des Va­ters Ric­car­do nach einem hef­ti­gen Streit ver­las­sen. Mut­ter und Sohn zo­gen nach Pa­ris zu Di­nas Bru­der. Doch nur zwei Jah­re spä­ter stirbt die Mut­ter an einer Bauch­fell­ent­zün­dung, Ma­rio wächst mit den Kin­dern sei­nes On­kels auf. Zu sei­nem Va­ter hat der Jun­ge fünf­zehn Jah­re lang kei­nen Kon­takt ge­habt, als er mit zwan­zig aus einer Lau­ne her­aus be­schließt, Ric­car­do de Sio in Rom auf­zu­su­chen.

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1934 oder Die Melancholie

Alberto Moravia, 1934 oder Die Melancholie, 1982
Alberto Moravia, 1982

Nur vier Jahre nach sei­nem di­cken Bro­cken De­si­de­ria ver­öf­fent­lich­te Al­ber­to Mo­ra­via eine sehr per­sön­li­che Ge­schich­te un­ter dem Ti­tel 1934 oder Die Melancholie. Sei­ne vor­her­ge­hen­den Ro­ma­ne han­del­ten in den Jah­ren der se­xu­el­len Re­vo­lu­tion oder da­nach. Be­reits der Ti­tel die­ses Tex­tes macht je­doch deut­lich, dass der Autor dies­mal wei­ter zu­rück in die Ver­gan­gen­heit geht. Näm­lich in die Jah­re der Hoch-Zei­ten des euro­päi­schen Fa­schis­mus in Spa­nien, Ita­lien und Deutsch­land. Fran­co, Mus­so­li­ni und Hit­ler ha­ben ih­re Macht ge­fes­tigt und ko­ope­rie­ren be­reits. Um der Ver­zweif­lung dies­er Zeit zu ent­flie­hen, be­gibt sich der jun­ge ita­lie­ni­sche Schrift­stel­ler Lu­cio nach Ca­pri. Bei die­sem Auf­ent­halt macht er die Be­kannt­schaft der deut­schen Thea­ter­schau­spie­le­rin Bea­te Mül­ler, die mit ih­rem Mann Alois, einem NSDAP-Funk­tio­när, dort Ur­laub macht. Eine höchst bi­zar­re Be­zie­hung nimmt ih­ren Lauf.

Bereits auf der Fähre von Nea­pel nach Capri wer­fen sich Lucio und Beate – ohne zuvor über­haupt Bekannt­schaft zu schlie­ßen – aus der Fer­ne sehn­süch­tige Bli­cke zu. Im blo­ßen Blick­kon­takt mit der jun­gen Frau glaubt der junge Römer, eine Lei­dens­genos­sin aus­ge­macht zu haben. Sie scheint ebenso ver­zwei­felt zu sein wie er selbst. Also mie­tet er sich in der glei­chen Pen­sion im Insel­ort Ana­capri ein wie das deut­sche Ehe­paar. Lucio hofft, dadurch eine Mög­lich­keit zur nähe­ren Kon­takt­auf­nahme mit dem unbe­kann­ten Objekt seiner pla­toni­schen Begierde machen zu kön­nen.

Der Ro­man ist in­zwi­schen vier­zig Jah­re alt, die Hand­lung spielt vor bei­nahe neun­zig Jah­ren. Doch nach den Er­geb­nis­sen der Par­la­ments­wah­len in Ita­lien am ver­gan­ge­nen Wo­chen­en­de Ende Sep­tem­ber 2022, ge­winnt die Ge­schich­te un­er­freu­li­che Ak­tua­li­tät.

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Freiheitsgeld

Andreas Eschbach, Freiheitsgeld, 2022
Andreas Eschbach, 2022

Man müsste Andreas Esch­bach als Be­ra­ter der Bun­des­re­gie­rung emp­feh­len. Denn bei ihm heißt das bü­ro­kra­ti­sche Wort­un­ge­tüm „be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men“ deut­lich hand­li­cher Freiheitsgeld. Sein gleich­na­mi­ger Ro­man han­delt in der deut­schen Zu­kunft im Jah­re 2064 und ist glei­cher­ma­ßen Po­lit­thril­ler wie Ge­sell­schafts­stu­die. Scha­de ist nur, dass we­der der Autor noch ich mehr in der La­ge sein wer­den zu über­prü­fen, wie vie­le sei­ner Pro­gno­sen bis in 42 Jah­ren ein­ge­trof­fen sein wer­den. Al­so be­schrän­ken wir uns zu­nächst da­rauf, den span­nen­den kri­mi­na­lis­ti­schen An­teil des Ro­mans zu ge­nie­ßen. Der Er­fin­der des Frei­heits­gel­des, ein längst pen­sio­nier­ter Ex-Bun­des­kanz­ler, und sein ener­gischs­ter Wi­der­sa­cher, ein Jour­na­list, wer­den bei­de tot auf­ge­fun­den. Be­steht eine Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den To­des­fäl­len? Die po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen wer­den von fins­te­ren Kräf­ten be­hin­dert, die eine Auf­klä­rung der Hin­ter­grün­de un­be­dingt ver­hin­dern wol­len.

Freiheitsgeld – Worum geht es?

Genau genom­men prä­sen­tiert uns der Autor in sei­nem Roman vier Ge­schich­ten in einer: Da ist zum einen diese Gesell­schafts­stu­die, aus der wir erfah­ren, wie Deutsch­land in vier Jahr­zehn­ten aus­se­hen mag. Hinzu kommt zwei­tens die kri­mina­lis­ti­sche Hand­lung um die bei­den Todes­fälle, die der Pro­tago­nist der Ge­schich­te auf­zuklä­ren hat. Eine dritte Kom­po­nente stellt die poli­tisch-gesell­schaft­li­che Dis­kus­sion um Sinn oder Unsinn des Frei­heits­gel­des dar. Die nimmt in der zwei­ten Roman­hälfte erheb­li­chen Anteil des Tex­tes ein­. Und zum Vier­ten steu­ert Esch­bach durch immer wie­der geschickt ein­ge­streute Hand­lungs­de­tails auf eine Erklä­rung der zunächst rät­sel­haf­ten Behin­de­rung der kri­mina­lis­ti­schen Ermitt­lun­gen zu, die in einer Art Show­down auf den letz­ten zwan­zig Buch­sei­ten umfas­send abge­schlos­sen wird. Diese Erklärung bildet gewis­ser­ma­ßen eine logi­sche Klam­mer um die drei ande­ren Roman­kom­ponen­ten.

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