Backflash Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Suche nach Lesestoff? Hier findest Du Buchbesprechungen mit Anspruch aber ohne Allüren. Ich schreibe meist über belletristische Titel; über solche, die mir gefallen oder auch mal nicht gefallen haben; manchmal Mainstream, manchmal abseits der ausgetretenen Pfade. (Persönliche Empfehlungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Weltbuchtag

Diada de Sant Jordi und Weltbuchtag
Der Georgstag ist Weltbuchtag

La Diada de Sant Jordi (katalanisch) | el Día de San Jorge (kastilisch) | der Feiertag des Heiligen Georg wird in Katalonien als Tag seines Schutzpatrons, des Heiligen Georgs von Kappadokien, des heroischen Drachentöters* und christlichen Schutzheiligen, am 23. April jeden Jahres gefeiert. Der 23. April 303 gilt nämlich als Tag der Folterung und Hinrichtung Georgs von Kappadokien.

Der religiöse Gedenktag fällt mittlerweile zusammen mit dem Dia del Llibre i la Fira de les Roses (katalanisch) | Tag des Buches und Fest der Rosen. Das Datum gilt in Katalonien als Tag der Verliebten; schon im 15. Jahrhundert war es Brauch, der Angebeteten eine Rose zu schenken, “vermella com la sang” (katalanisch) | “rot wie das Blut”.

Weltbuchtag – Welttag des Buches

Seit einer UNESCO-Entscheidung im Jahr 1995 ist der 23. April nun auch offiziell Día Mundial del Libro | Welttag des Buches oder eben Weltbuchtag. Doch schon längst vorher erfreute sich die Sitte einer gegenseitigen Beschenkung zu Sant Jordi im katalanischen Sprachraum großer Beliebtheit: Der Mann besorgt seiner Herzdame eine rote Rose, die Frau ihrem Ritter ein Buch.
Und es mangelt wahrlich nicht an Gelegenheiten, diese Geschenke zu besorgen: Zum 23. April sind die Straßen der Großstädte Kataloniens, insbesondere Barcelonas brechend voll mit floralen Verkaufsständen und Büchertischen.

Gegen die Diada de Sant Jordi macht der Valentinstag im katalanischen Spanien keinen Stich!

Der Drachentöter am Paseo de Gracia

Casa Battlo, Barcelona
Casa Battlo, Barcelona

*) Als eines der berühmtesten Monumente zu Ehren des Heiligen Georgs gilt die Casa Battló am Passeig de Gràcia im Zentrum Barcelonas: Dach und First des Bauwerks von Antoni Gaudi, des spanischen Ausnahmearchitekten, gleichen dem Schuppenkörper eines Drachens, auf der linken Seite dominiert das Schwert des Heiligen Georgs, die Balkone an der Fassade erinnern an Totenschädel.

~

Lesempfehlungen zum Welttag des Buches gefällig? – Dazu verweise ich Dich gern auf meine persönliche Empfehlungsseite mit den Top 3 Top 4 der Titel in meinem Bücherregal.

Das andere Kind

Das andere Kind
Charlotte Link, 2009

Nach meinen literarischen Besuchen bei sehr jungen Autoren (Hegemann, Paolini, Roche) bin ich nun bei Charlotte Link und Das andere Kind gelandet. Die Autorin Link ist mittlerweile knapp fünfzig Jahre alt und lebt nicht im schrillen Berlin, sonden im vergleichsweise betulichen Wiesbaden. Ihre Romane, von denen sie mittlerweile mehr als zwanzig Stück geschrieben hat, behandeln auch nicht Drogen- oder Sexexzesse von Teenagern; Frau Link hat sich eher der Stilrichtung Spannungsroman in englischer Tradition verschrieben.

Die Autorin hegt offensichtlich ein Faible für die Grafschaft Yorkshire im Nordosten Englands, die von ihren Bewohnern auch gern God’s own county genannt wird. Nicht nur Links Roman Das andere Kind spielt zu großen Teilen in dieser Gegend.

Das andere Kind – Zur Handlung

Die Geschichte trägt sich in der Jetztzeit in Yorkshire zu. Im Hafenstädtchen Scarborough werden eine junge Studentin und wenige Tage später eine über Achtzigjährige ermordet, beide auf ähnliche Art und Weise. Im Umfeld des Bekanntenkreises der alten Frau beginnt die Suche nach dem Täter. Das hierbei übliche Personal ist in Hülle und Fülle vorhanden: eine schlecht organisierte, unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Hauptkommissarin, ein ehrgeiziger Unterkommissar, ein ehemaliger Liebhaber des Opfers, ein verärgerter Widersacher, eine Lieblingsnichte und diverse Freunde der Familie, die mehr zu wissen scheinen, als man ihnen zunächst zutraut. Sogar mit einem verabscheuungswürdigen aber gewitzten Psychopathen wartet Charlotte Link zwischenzeitlich auf. Mit solchen Zutaten hatte schon Agatha Christie, Gott hab sie selig, so manch spannenden Krimicocktail angerührt.

Im Grunde wäre der Roman – mit Verlaub gesagt und sorry, Mrs. Christie – eine ziemlich fade Geschichte. Wenn da nicht noch die ausgeklügelte Nebenhandlung wäre. Erst durch diese setzt sich die ganze Angelegenheit von der kriminalistischen Beliebigkeit ganzer Schwärme vorgeblich „echt englischer“ Kriminalromane ab.

Das andere Kind – Die zweite Geschichte

Unerwartet tauchen Computerausdrucke auf, die eine Art Lebensbeichte der ermordeten Alten, einer Dame namens Fiona Barnes, enthalten. Die Ausdrucke setzen in den Vierzigerjahren ein, während des Zweiten Weltkrieges. Damals war Fiona ein Teenager, der von ihrer Mutter für einige Jahre nach Scarborough in Yorkshire zu einer Gastfamilie verschickt wurde, um sie vor den Bombenangriffen der Deutschen auf die britische Hauptstadt in Sicherheit zu bringen.

Alleine tritt Fiona den Weg in die Fremde jedoch nicht an. Denn unangemeldet schließt sich ein kleiner, geistig behinderter Junge an, dessen Angehörige kurz zuvor unter dem Bombenteppich ums Leben kamen – „das andere Kind“.

Was aus Fiona, dem anderen Kind und den sonstigen Beteiligten wird, darf an dieser Stelle natürlich keinesfalls verraten werden. Allerdings sei angemerkt, dass die Nebenhandlung durchaus Charme und Tiefe hat und vor dem Hintergrund des Mordfalles den Leser zu den wildesten Spekulationen anregt. Was gesagt werden darf ist, dass diese Nebenhandlung drastisch endet. In psychologischer Hinsicht sogar erheblich drastischer als der Haupthandlungsstrang mit dem Doppelmord.

Bewertung

Die Hauptgeschichte enttäuscht hingegen regelrecht. Die Protagonisten handeln nicht nur erratisch, sondern weisen auch noch selbst darauf hin. Mehrfach ist zu lesen, dass sich der oder die eine oder andere darüber im Klaren ist, dass in der jeweiligen Situation nichts anderes in Frage kommen sollte, als die Polizei zu alarmieren. Dass sie aber gerade nicht anders könne, als eben dies aus unerklärlichen Gründen zu unterlassen. Dies lässt den Leser unwillig und die Romanhandlung unwirklich werden.

Die Auflösung des Mordes an Fiona Barnes ist nicht besonders originell. Auf diese Idee dürften viele Leser längst selbst gekommen sein, um sie sogleich wegen mangelnder Originalität wieder verworfen zu haben. Und selbst der Showdown lässt weniger die Nerven flattern als die Ahnung keimen, dass hier jedes Wort bereits auf Drehbuchtauglichkeit abgeklopft worden sein könnte.

(Was der chronologisch erste Mord in der Geschichte zu suchen hat, bleibt bis zuletzt schleierhaft. Müssen wir uns darauf gefasst machen, demnächst die Fortsetzung aufgetischt zu bekommen?)

Vielleicht liegt die Schwäche des Plots auch daran, dass der Geschichte eine Protagonistin fehlt. Die Nichte von Fiona Barnes schleppt sich mit Selbstmitleid beladen durch die Handlung. Die ermittelnde Polizeibeamtin wird in jeder Szene hauptsächlich von Selbstzweifeln gepeinigt. Und die teilnehmenden Männer sind alle ohnehin nur rückenmarkslose Statisten. Oder Schweine. Oder beides.

Fazit:

Ein besonderer Coup ist der Autorin Charlotte Link mit Das andere Kind nicht gerade gelungen. Die klischeehafte Handlung der Kriminalgeschichte hätte bestenfalls einen von fünf Bewertungspunkten erhalten. Die Nebenhandlung hat allerdings Kraft und Gewicht genug, um eine Aufwertung um einen weiteren Punkte zu rechtfertigen. Und weil die linksche Schreibe flüssig ist und man trotz gelegentlicher Verärgerung über die Überschaubarkeit der Inhalte gerne weiterliest, soll der Roman hier also zwei Sterne bekommen.

Charlotte Link: Das andere Kind
Blanvalet Verlag, 2009

* * * * *


Kaufempfehlungen

Gebundenes Buch Taschenbuch E-Book Hörbuch

Wenn Du über diese Links bestellst, erhalte ich eine kleine Provision auf Deinen Einkauf (mehr darüber »)

Axolotl Roadkill

Axolotl Roadkill
Helene Hegemann, 2010

Eine siebzehnjährige Autorin sollte zum Darling des deutschen Literaturbetriebs gekürt werden. Ihr Romandebüt mit dem Titel Axolotl Roadkill wird als besonders gelungenes Coming-Of-Age-Buch gelobt und in eine Reihe mit Salingers Fänger im Roggen gestellt.

Helene Hegemanns Roman wurde für den Leipziger Buchmessepreis nominiert und galt vorab als ausgemachter Jurysieger. Zumindest bis Plagiatsvorwürfe gegen die junge Autorin nicht nur erhoben sondern auch belegt wurden.

Hegemanns Verlag besorgte nachträglich die Rechte an den abgeschriebenen Textsequenzen, die Autorin stellte ihre Vorgehensweise als neue Kunstform auf Basis von Versatzstücken dar, und der bestohlene Autor reagiert gelassen. War die ganze Aufregung also nur ein Sturm im Wasserglas?

Axolotl Roadkill – Worum es geht

Um die Wasserglasfrage zu beantworten, muss man sich zunächst mit dem Plot von Hegemanns Geschichte befassen. Die sechzehnjährige Mifti, Alter Ego der Autorin, driftet durch die Berliner Bohème. Den Schulbesuch verweigert die Protagonistin, verbringt ihre Tage und Nächte statt dessen in einem Lebenskonstrukt zwischen Alkohol, Drogen, E-Mail, Sex und SMS. Mifti wirbelt durch einen Strudel aus Beziehungskisten hetero- und homosexueller Art, aus den Nachwirkungen von Exzessen und agressiver Ausfälle gegen sich und ihre Umwelt, der dem inneren Spießer im Leser Schwindel bereitet.

Axolotl Roadkill – Authentizität

Gibt es tatsächlich solche Kinder, die von Eltern und Familie vernachlässigt rumpelfüßig durch ihr erst beginnendes Leben stolpern? Kinder, die mehr oder weniger sehenden Auges, mehr oder weniger ermuntert oder gar getrieben durch ihr Lebensumfeld auf den unvermeidlichen Eklat zusteuern?

Ganz bestimmt gibt es solche Kinder. Aber Helene Hegemann alias Mifti ist sicher keine dieser bedauernswerten Kreaturen. Denn erlebt hat sie bestenfalls – oder besser: glücklicherweise – nur einen Teil ihrer Geschichten. Das wird dem Leser spätestens klar, wenn er oder sie sich mit den Inhalten der Plagiatsnachweise beschäftigt.
Ist die viel gerühmte Authentizität der Geschichte ist also bloßer Schein? Eine solche Annahme dürfte durchaus ein Grund zur Freude sein. Stünde dann doch zumindest fest, dass Fräulein Hegemann nicht unmittelbar bedroht ist durch eine Stricherkarriere am Bahnhof Zoo. Andererseits fehlte der Geschichte in diesem Falle Hintergrund und Substanz. Dieser Mangel wird auch nicht besser durch die offenen Hinweise der Autorin auf ihr Kokettieren mit dem Offensichtlichen.
Die vermeintlich kaputte Existenz der Autorin/Protagonistin ist zumindest zu Teilen konstruiert, so wie die vieler anderer „interessanter Biografien“, die sich alle letztlich eitel sonnen im schaurig schönen Ruf des Verbotenen, des Absturzes, des Andersseins.

Axolotl Roadkill – Rezeption

Gelobt wird Helene Hegemann vor allem für ihre „kluge[n], authentische[n] und rasante[n] Sätze. Bang, macht es. Und wieder hat den Leser ein Blitz von hellem Jetzt getroffen“ (Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau). Was aber bleibt übrig, wenn man von manchen Stakkato-Passagen weiß und von anderen annehmen muss, dass sie aus fremder Feder stammen?

Aber treten wir doch noch einmal einen Schritt zurück. Lassen wir Authetizität und Urheberschaft der Grundgedanken einmal beiseite. Tun wir so, als stamme der Text tatsächlich ausnahmslos von Fräulein Hegemann. Was gäbe es dann über Axolotl Roadkill zu sagen?

Axolotl Roadkill – Bewertung

Ich schicke voraus, dass ich das Buch zweimal gelesen habe. Zum einen deshalb, weil ich fast alle Romane zweimal lese, bevor ich sie hier vorstelle. Und zum zweiten in diesem Fall schlichtweg aus dem Grund, dass ich beim ersten Durchgang nicht ganz folgen konnte.

Der Text besteht aus einer Mischung aus Gedankengängen der Protagonistin Mifti, aus Dialogen zwischen Mifti und ihrer Umgebung sowie aus Abschriften von E-Mails und Short Messages, die das Mädchen mit Vater, Bruder, Schwester, Freundin und Geliebten austauscht. Mir fiel es äußerst schwer, zwischen Gedankengängen und Dialogen zu unterscheiden. Viele Sequenzen fließen ineinander über. Es ist oft nicht klar, wer welche Sätze spricht, selbst dann nicht, wenn man mitten im Lesen noch einmal zurück springt.

Man mag nun diese Sprunghaftigkeit als gewolltes Merkmal der (hegemannschen?) Jugendsprache loben. Mir gibt derlei Durcheinander nicht viel außer einem Gefühl der Verwirrung. Es sei zwar durchaus eingeräumt, dass es im Handlungsstrang der Geschichte – Roman wage ich dazu nicht zu sagen – überschaubare Szenen gibt, in denen eine gewisse Chronologie der Ereignisse erkennbar bleibt. Aber zu oft driftet der Plot ab in alkohol- und drogengetränktes Wabern durch Zeit und Raum. Urplötzlich müssen Taxifahrer gefickt werden. Über Stunden oder gar Tage hinweg trägt Mifti eine mit Wasser gefüllte Plastiktüte herum, in der sich ein Schwanzlurch namens Axolotl befindet. Dieser Lurch gab dem Buch den Titel. Offensichtlich können die Protagonistin wie der Lurch ihr Leben lang (?) die Larvengestalt nicht abstreifen.
„Bang, macht es.“ Und schon wieder trifft mich so ein Versatzstück aus dem fehlgeleiteten Teenagerleben einer vermeintlich Strauchelnden.

Angesichts der mageren Substanz der Geschichte weigere ich mich, auf einer womöglich vorhandenen Metaebene nach Sinnbildern und großen Hintergründen zu suchen. Ich fühle mich auf unerfreuliche Weise an das Romandebüt von Charlotte Roche aus dem vergangenen Jahr erinnert.

Fazit:

Ein weiteres Buch aus der Tastatur einer jungen Frau, das geplant die Konfrontation sucht, das um jeden Preis schockieren will. Dass dieser Versuch nicht gelingt, liegt nicht zuletzt am Plagiat, aber auch nicht nur daran. Die nachgesagte Nachbarschaft zu J.D. Salinger muss unbedingt korrigiert werden. Helene Hegemann steht eher in einer Reihe mit Vertreterinnen der eigenen Generation wie ihrer Landsfrauen Charlotte Roche und Rebecca Martin (Frühling und so), der Norwegerin Edy Poppy (Ragnhild Moe. Die Hände des Cellisten) und der Schwedin Maria Sveland (Bitterfotze), die mit ihren populistisch angelegten Romanthemen bewusst Ängste und Widerstände der Gesellschaft schüren.

Mehr als einen von den möglichen fünf Sternen habe ich leider nicht übrig für Axolotl Roadkill.

Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
Ullstein Verlag, 2010

* * * * *


Kaufempfehlungen

Gebundenes Buch Taschenbuch E-Book Hörbuch

Wenn Du über diese Links bestellst, erhalte ich eine kleine Provision auf Deinen Einkauf (mehr darüber »)