Backflash Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Suche nach Lese­stoff? Hier findest Du Buch­be­sprechun­gen mit An­spruch aber ohne Allü­ren. Ich schreibe meist über bel­le­tris­tische Titel; über solche, die mir ge­fallen oder auch mal nicht ge­fallen haben; manchmal Main­stream, manchmal ab­seits der aus­ge­tre­tenen Pfade. (Per­sön­liche Empfeh­lungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Dostojewski und die Liebe

Klaus Trost, Dostojewski und die Liebe, 2020
Klaus Trost, 2020

„Zwi­schen Do­mi­nanz und De­mut“ hat Au­tor Trost sei­ner Bio­gra­fie Dostojewski und die Liebe als Un­ter­ti­tel mit­ge­ge­ben. Pro­fes­sor An­dreas Gus­ki von der Sla­vi­schen Phi­lo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ba­sel kom­men­tiert: „Klaus Trost be­han­delt in sei­ner Stu­die über Dos­to­jew­skij und die Frau­en einen The­men­komplex, um den Dos­to­jews­kij-Bio­gra­fen sonst eher einen so dis­kre­ten wie ehr­fürch­ti­gen Bo­gen schla­gen.“

Ehr­furcht ist wohl auch der rich­ti­ge Be­griff, wenn ich mein eige­nes Ver­hält­nis zu Fjo­dor Dos­to­jew­ski be­schrei­ben soll­te.

Immer­hin ist die­ser Dos­tojew­ski einer der ganz gro­ßen rus­si­schen Schrift­stel­ler des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts; so wie seine Zeit­genos­sen Gont­scha­row, Tol­stoi und Tur­ge­new. Einer aus der Zeit der Zaren, des­sen Werk zwar auch nach der Okto­ber­revo­lu­tion kon­tro­vers dis­ku­tiert wurde, obwohl sein künst­leri­scher Wert unum­strit­ten blieb. Immer­hin gilt Dos­to­jew­ski als einer der Neu­begrün­der der euro­päi­schen Roman­lite­ra­tur. Heute in drei Wochen, am 11. Novem­ber 2021, würde Fjo­dor Micha­ilo­witsch Dos­to­jew­ski 200 Jahre alt wer­den, und am 9. Februar vor 140 Jah­ren ver­starb der Schrift­stel­ler. Wir bege­hen also 2021 so etwas wie ein beson­ders run­des Dos­to­jew­ski­jahr, Klaus Trosts Bio­gra­fie erscheint des­halb gerade zur rech­ten Zeit. Sie lässt uns einen Blick auf das sehr private Leben eines längst zum Denk­mal erstarr­ten Lite­ra­ten wer­fen.

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Deutscher Buchpreis 2021

Antje Rávik Strubel
Antje Rávik Strubel 2021

Der Preis des Deut­schen Buch­han­dels geht im Jahr 2021 an die Pots­da­mer Schrift­stel­le­rin Antje Rávik Strubel (47). Sie er­hält den Preis für ih­ren Ro­man Blaue Frau. Die Ver­lei­hung des Prei­ses wur­de heu­te um 18:49 Uhr im Kai­ser­saal des Frank­fur­ter Rö­mers so­zu­sa­gen zum Auf­takt der jähr­li­chen Buch­mes­se in der Main­me­tro­po­le be­kannt ge­ge­ben.

Die Begründung der Jury zu ihrer Wahl lautete:

„Mit exis­ten­ziel­ler Wucht und poe­ti­scher Prä­zi­sion schil­dert Antje Rávik Stru­bel die Flucht einer jun­gen Frau vor ihren Erin­nerun­gen an eine Ver­gewal­ti­gung. Schicht um Schicht legt der auf­wüh­lende Roman das Gesche­hene frei. Die Ge­schich­te einer weib­li­chen Selbst­ermäch­ti­gung wei­tet sich zu einer Reflex­ion über riva­lisie­rende Erin­nerungs­kul­tu­ren in Ost- und West­eu­ropa und Macht­ge­fälle zwi­schen den Geschlech­tern.
In einer tas­ten­den Erzähl­bewe­gung gelingt es Antje Rávik Stru­bel, das eigent­lich Unaus­sprech­li­che einer trau­mati­schen Erfah­rung zur Spra­che zu brin­gen. Im Dialog mit der mythi­schen Figur der Blauen Frau ver­dich­tet die Erzäh­le­rin ihre ein­grei­fende Poe­tik: Lite­ra­tur als fra­gile Gegen­macht, die sich Unrecht und Gewalt aller Ver­zweif­lung zum Trotz ent­gegen­stellt.“

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Nobelpreis für Literatur 2021

Abdulrazak Gurnah, 2009
Abdulrazak Gurnah, 2009

Der Nobel­preis für Li­te­ra­tur geht in die­sem Jahr an Ab­dul­ra­zak Gur­nah (73) und da­mit an den 98. Mann und den fünf­ten Af­ri­ka­ner unter den 113 Preis­trä­ge­r¦in­nen. Heu­te Mit­tag, um 13 Uhr, gab die Schwe­di­sche Aka­de­mie in Stock­holm ihre Ent­schei­dung be­kannt. Für die Aus­wahl der Kan­di­da­ten für den re­nom­mier­ten Preis war, wie je­des Jahr, das No­bel­komi­tee ver­ant­wort­lich. Dass der No­bel­preis für Li­te­ra­tur 2021 an Gur­nah ver­lie­hen wur­de, be­grün­de­te die Ju­ry mit „sei­ner kom­pro­miss­lo­sen und mit­füh­len­den Durch­drin­gung der Aus­wir­kun­gen des Ko­lo­nia­lis­mus und der Flücht­lings­schick­sa­le im Ab­grund zwi­schen Kul­tu­ren und Kon­ti­nen­ten“. Mit der Wahl des weit­ge­hend un­be­kann­ten Li­te­ra­ten setzt die Aka­de­mie ein deut­li­ches Zei­chen, einen Ver­weis auf die drän­gen­de Flücht­lings­pro­ble­ma­tik.

Gratulerar, herr Gurnah!

Im ver­gan­ge­nen Jahr war mit der Preis­ver­lei­hung an Louise Glück nach zwei skan­dal­umwit­ter­ten Jah­ren end­lich wie­der Ruhe ins Gefüge des wich­ti­gen Lite­ratur­prei­ses ein­ge­kehrt.

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Über den Nobelpreisträger 2021

Abdul­razak Gur­nah wurde im Jahr 1948 gebo­ren und wuchs auf der Insel San­si­bar im Indi­schen Ozean auf. Ende der Sech­ziger­jahre er­reich­te er als Flücht­ling Eng­land, wo er seit­her fast ohne Unter­bre­chung lebt.

Nach dem kampf­lo­sen Ende der bri­ti­schen Kolo­nial­zeit im Dezem­ber 1963 durch­lebte San­si­bar eine Revo­lution, die unter Prä­si­dent Abeid Karu­mas Herr­schaft zu Unter­drü­ckung und Ver­fol­gung von Bür­gern mit ara­bi­schen Wur­zeln führte; es kam zu Mas­sa­kern. Gur­nah gehört die­ser eth­ni­schen Gruppe an und war nach sei­nem Schul­ab­schluss mit acht­zehn Jah­ren gezwun­gen, seine Fami­lie und die neu gegrün­dete Repu­blik Tan­sa­nia zu ver­las­sen. Erst 1984 konnte er nach San­si­bar zurück­keh­ren, um sei­nen Vater ein letz­tes Mal vor des­sen Tod zu tref­fen.

Wenige Jahre zuvor lehrte Gur­­nah für kurze Zeit an der Uni­­ver­­si­­tät in Kano, Nige­­ria. Im Anschluss kehrte er nach Eng­­land an die Uni­­ver­­si­tät von Kent in Can­ter­bury zurück. Dort pro­­mo­vier­te er im Jahr 1982. Bis zum kürz­li­chen Beginn sei­nes Ruhe­stan­des lehrte er als Pro­fes­sor für Eng­lisch und post­kolo­niale Lite­ra­tur an der eng­li­schen Uni­ver­si­tät.

Gurnah hat zehn Romane und eine Reihe von Kurz­ge­schich­ten ver­öffent­licht. Das Thema der Zer­ris­sen­heit von Flücht­lingen zieht sich wie ein roter Faden durch Gur­nahs Werk.

„For millions of people, she could hear him say with that tremulous intensity of his, moving is a moment of ruin and failure, a defeat that is no longer avoidable, a desperate flight, going from bad to worse, from home to homelessness, from citizen to refugee, from living a tolerable or even contented life to vile horror.“
The Last Gift, 2014

Auf deutsch erschienen:

  • Das verlorene Paradies: Roman – S. Fischer Verlag, 1998 – Originaltitel: Paradise
  • Die Abtrünnigen: Roman – Berlin Verlag, 2006 – Originaltitel: Desertion

(Keines seiner Werke ist derzeit in deutscher Übersetzung im deutschen Buchhandel verfügbar.)

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Woanders kommentiert:

  • Biobibliographical Notes 🇬🇧, THE NOBEL PRIZE, 7.10.2021
    „Gurnah has publi­shed ten novels and a num­ber of short sto­ries. The theme of the refu­gee’s dis­rup­tion runs through­out his work. He began wri­ting as a 21-year-old in Eng­lish exile, and even though Swa­hili was his first lan­guage, Eng­lish became his lite­rary tool.“
  • Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah aus Tansania, ZEIT ONLINE, 7.10.2021
    „Gurnahs Werk sei stark beein­flusst von eng­lisch­spra­chi­ger Lite­ra­tur, von Sha­kes­peare über Joseph Con­rad bis V. S. Nai­paul, hieß es wei­ter in der Begrün­dung. Er habe aber bewusst mit Kon­ven­tio­nen gebro­chen, die kolo­nia­lis­tische Per­spek­tive auf Afrika umge­dreht. Sein Durch­bruch gelang Gur­nah 1994 mit der Novelle Paradise (in Deutsch­land erschie­nen als Das ver­lo­rene Para­dies), die für den renom­mier­ten Booker Prize nomi­niert wurde.“
  • Abdulrazak Gurnah erhält den Nobelpreis für Literatur, NZZ, 7.10.2021
    „Über­haupt prägt die Zer­ris­sen­heit des Emi­gran­ten­le­bens Abdul­razak Gur­nahs Werk. Er zeich­net fein­füh­lig und in meh­re­ren Roma­nen nach, was es hei­ssen kann, in Eng­land Frem­der zu sein.“
  • Ein ungewöhnlicher Autor, TAZ, 7.10.2021
    „Das Werk des Lite­ra­tur-Nobel­preis­trä­gers Abdul­razak Gur­nah spie­gelt die Ge­schich­te einer Welt­region wider – in ihrer gesam­ten Viel­schich­tig­keit.“

Tagesspiegel twittert Gurnah

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