
Unbefleckt, wie frisch aus der Buchhandlung lag dieses Taschenbuch mit dem Titel Fräulein Gold: Schatten und Licht auf dem Deckel der Papiermülltonne, als ich letzthin den Abfall nach unten trug. Welcher Bücherfreund vermag wohl, einer solchen Versuchung zu widerstehen? Ich jedenfalls nicht; auch wenn offenbar irgendjemand den Roman ungelesen dem Papierrecycling zuführen wollte, aus welchem Grund auch immer. Also machte ich Bekanntschaft mit der „Hebamme von Berlin“, wie das Fräulein Gold im Untertitel des Romans genannt wird. Unvorbereitet zwar, aber neugierig. Und eines möchte ich schon an dieser Stelle vorwegschicken: Auf die Müllkippe gehört der erste Band der Serie um Hulda Gold keineswegs.
Du kennst die goldige Hebamme von Berlin noch gar nicht? Das macht nichts, denn der Werdegang der jungen Dame ist rasch erzählt. Zwischen August 2021 und November 2024 veröffentlichte die Autorin Anne Stern sieben Romanfolgen um eine emanzipierte Kämpferin gegen das Unrecht, deren Handlungsstränge sich zwischen 1922 und 1930 zutragen, alle in Berlin zwischen den beiden Weltkriegen.
Worum es im 1. Roman geht
Das ist die Rahmenhandlung aus dem Frühjahr 1922: Rita Schönbrunn hat ihre besten Jahre hinter sich. Sie verdient sich den Lebensunterhalt auf dem Straßenstrich im berüchtigten Bülowviertel in Berlin-Schöneberg. Bereits im Prolog der Romangeschichte wird die „fixe Rita“ von einer Brücke in den Landwehrkanal geworfen und ertrinkt. Kommissar Karl North ermittelt: War das Selbstmord einer Verzweifelten? Oder eine Abrechnung im Prostituiertenmilieu? Doch was hat es mit dem Tagebuch Ritas auf sich? Der Text erzählt nämlich eine ganz andere Lebensgeschichte als die einer abgetakelten Sexarbeiterin.



