Talk Talk

Talk Talk
T.C. Boyle, 2008

„Ein rasanter Thriller und eine Lovestory.“ Mit dieser auf dem Buchumschlag abgedruckten Kurzkritik empfiehlt die Zeitschrift Brigitte ihren Leserinnen den Roman Talk Talk von T. C. Boyle. Unzutreffender jedoch kann man die Geschichte um die junge Amerikanerin Dana Halter kaum zusammenfassen, handelt es sich doch weder um einen Thriller, noch um eine Lovestory. Lediglich das Attribut „rasant“ erweist sich im Laufe der Lektüre als zutreffend. Vielmehr hat der Autor Boyle einen in mehrfacher Hinsicht gesellschaftskritischen Roman geschrieben, der seinen Ausgangspunkt vor dem Hintergrund eines neuzeitlichen Verbrechensszenarios nimmt: dem Identitätsdiebstahl.

Talk Talk – Zur Handlung

Die gehörlose, aber resolute Pädagogin Dr. Dana Halter wird anlässlich einer Verkehrskontrolle unter dem Vorwurf des mehrfachen Betruges verhaftet. Es stellt sich heraus, dass sich ein Betrüger ihrer persönlichen Daten bemächtigt. Unter ihrer Identität hat er bereits Unmengen von Wirtschaftsdelikten begangen. Obwohl diese Fakten rasch aufgedeckt werden, verliert die Protagonistin nicht nur ihre Kreditwürdigkeit. Auch ihre Anstellung und vor allen Dingen ihren Glauben an Recht und Ordnung sind dahin.

Der mittel- und perspektivenlosen Dana Halter bleibt nichts anderes übrig, als entweder zu resignieren, oder sich auf eigene Faust auf die Jagd auf den Schuldigen zu machen. Mit ihrem Bekannten Martin Bridger – oder soll man sagen: ihrem Freund? – macht sie sich auf die Suche. Sie findet einen modernen Verbrecher, der auf Kosten ihm unbekannter Bürger, deren Daten er aus dem Internet bezieht, seinen aufwändigen Lebensstil finanziert.

Gesellschaft auf der Kippe

Boyle schreibt seine Geschichte abwechselnd aus den Blickwinkeln verschiedener Personen. Zu Wort kommen sowohl Dana Halter und ihr Helfer Martin Bridger, als auch der Identitätsdieb Peck Wilson. Dabei entsteht ein Gemälde der amerikanischen Gesellschaft mit Schwerpunkt auf ihren Unzulänglichkeiten und sozialen Verwerfungen. Meisterhaft verknüpft Boyle unterschiedliche gesellschaftliche Problemebenen. Die Stigmatisierung von Randgruppen wie die der Gehörlosen ist ebenso Thema wie die Schwierigkeiten von Arbeitsnomaden. Oder die Unfähigkeit von Behörden, sich der Vielschichtigkeit verbrecherischer Übergriffe im Kommunikationszeitalter effizient anzunehmen.

Akribisch beschreibt der Autor die Gewissenlosigkeit und skrupellose Selbstverständlichkeit, mit der Wilson seine Opfer eines nach dem anderen aussaugt und danach wegwirft wie gebrauchte Papiertaschentücher. Im Laufe der Geschichte führt er der Leserschaft die Unfähigkeit des psychopathischen Täters vor Augen, soziale Bindungen einzugehen. Wilson ist selbst Opfer der Gesellschaft, die er nun eben mit Lug und Trug hintergeht.

Talk Talk – Erfolgsrezept

Auch in seinem elften Roman – nach Drop City und Dr. Sex – überfällt Boyle seine Leserschaft geradezu mit Wortgewalt und Erzählfeuerwerk. Dies mag wohl auch der Grund sein, warum Talk Talk so gerne als Thriller eingestuft wird. Obwohl dem Roman Kennzeichen des Genres zweifellos fehlen. Auch wenn der Autor der Beschreibung der Handlung einen gewichtigen Teil der Geschichte einräumt, fehlt letztlich ein Spannungsbogen, alle Tatsachen und Motive sind längst bekannt. Auch die Begegnungen zwischen Protagonistin und Gegenspieler haben keinerlei Showdown-Qualitäten.
Diese Jagd nach dem Identitätsdieb wirkt eher wie ein Roadmovie, in dem der Leser die drei Hauptfiguren in einem Umfeld agieren sieht, auf dem das eigentliche Hauptgewicht liegt: Nicht das Personal gestaltet die Szene, sondern die Szenen treiben die Romanfiguren durch die Handlung. – So funktioniert Amerika, und daran ändern auch die auftretenden Personen nichts.

Ein weiteres Mal erweist sich Thomas Coraghessan Boyle als brillanter Erzähler, der seine Leser zu fesseln weiß. Dabei stellt er aber trotzdem die Romanaussage nicht hinter die Story. Boyle nimmt uns mit auf eine Reise durch die U.S.A., die spannend genug ist, uns bei der Stange zu halten, obwohl die Eindrücke, die wir sammeln, durchaus beunruhigend genug wären, die Fahrt abzubrechen.

Fazit:

Der bislang letzte auf deutsch erschienene Roman von T. C. Boyle ist auf jeden Fall lohnende Lektüre für alle Leser. Auf Brigitte-Niveau erfreut man sich eben am rasanten Thriller und den zarten Liebesbanden zwischen einer gehandikapten jungen Frau und einem Grafiker. Wer hingegen ein bisschen mehr Hintergrund sucht, findet Gesellschaftskritik in Hülle und Fülle.

Für meinen Geschmack hat Boyle allerdings hinsichtlich des Schwarz-Weiß-Kontrastes zwischen Gut und Böse, zwischen der wehrlosen Dana Halter und der bösen Kampfmaschine Peck Wilson ein wenig dick aufgetragen. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke an Hollywood auf. Aber drei von fünf Sternen ist Talk Talk mit Sicherheit wert. – Und wir warten auf Die Frauen, die 2009 in der deutschen Fassung erscheinen werden.

T. C. Boyle: Talk Talk
Deutscher Taschenbuchverlag, 2008

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