
Königin Esther, im englischen Original Queen Esther, ist John Irvings sechzehnter Roman und sein erster, den ich zu lesen bekam. Dabei gehört John Winslow Irving zu den bedeutendsten nordamerikanischen Literaten nach dem zweiten Weltkrieg. Bekannt ist der Schriftsteller vor allem für seine Romanbegebenheiten, die irgendwo zwischen dem Makabren und dem Komischen pendeln. Skurrile, um nicht zu sagen groteske Geschichten habe ich hier bereits in großer Menge besprochen; und zwar mit den zwanzig Romanen von T. C. Boyle. Damit schließt sich dann auch der Kreis, denn in den Siebzigern lernte Boyle an der Universität in Iowa bei Irving – neben anderen Professoren – das Schreibhandwerk. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich nach Boyles Romanen bei denen von Irving landen würde. Ob ich mich wohl nach meinem Einstieg über Königin Esther an weitere Geschichten des US-amerikanisch-kanadischen Schriftstellers heranmachen werde?
Esther ist der Name einer der Romanfiguren Irvings. Sie hat zwar selbst nur wenige Auftritte in der Geschichte. Doch ist sie stets im Hintergrund des ausschweifenden, kleinteiligen und von einem Bruchstück zum nächsten mäandernden Romans präsent und hält all die Puzzleteilchen der Erzählung zusammen. Esther ist also eine Protagonistin, die aus der zweiten Reihe heraus agiert. Die formale Hauptrolle spielt Esthers Sohn James „Jimmy“ Winslow, der nicht zufällig den selbst gewählten Mittelnamen des Autors trägt. Jimmy ist nämlich ebenfalls angehender Schriftsteller und geht dem gleichen Hobbysport nach wie John Irving selbst: dem Freistilringen.
Worum es geht
Die Geschichte handelt im zwanzigsten Jahrhundert und kreist um die Figur eines jüdischen Waisenkindes, Esther Nacht. Diese Esther wird nämlich in den Zwanzigerjahren als Kindermädchen der gut situierten Lehrerfamilie Winslow in Pennacook aufgenommen, dem heutigen Ort Concord in New Hampshire an der amerikanischen Ostküste. Im Jahr 1941 bringt Esther als junge Erwachsene – bewusst und generalstabsmäßig durchgeplant – ein uneheliches Kind zur Welt. Anschließend überlässt sie ihren Sohn absprachegemäß der jüngsten Tochter der Winslows, Honor, als deren adoptiertes Kind.
An einer Mutterrolle ist Esther offenbar nicht interessiert, sie begibt sich auf die Suche nach ihrer eigenen, jüdischen Identität in Wien und Israel. Die Figur verlässt die Erzählung und tritt bis auf Weiteres nur noch mittelbar als Briefeschreiberin und in der Erwähnung durch andere Romanfiguren auf. Dass Esther Nacht in militärischen, paramilitärischen und sogar politischen Organisationen Israels eine bedeutende Rolle spielt, wird immer wieder im Laufe der Geschichte angedeutet. Erst auf den letzten Romanseiten bestätigt sich, dass „Königin Esther“ den israelischen Staat gleichsam verkörpert. Diese Verkörperung gipfelt in der Tatsache, dass Esther bereitwillig einen ihrer Arme für ihr Volk geopfert hat.
Jimmy Winslow
Der Sohn zweier Mütter, nämlich Esthers und Honors, wird im Jahr 1963 als Heranwachsender von seiner Adoptivmutter als Student auf den Spuren seiner leiblichen Mutter nach Wien geschickt. Dort soll Jimmy nach Möglichkeit eine Frau schwängern, um der Zwangseinberufung in den Vietnamkrieg durch die US-Armee zu entgehen. Tatsächlich wird der junge Mann Vater – unter absurden Umständen als „Spermaheld“ eines lesbischen niederländischen Paares. 1995 wird Vienna Winslow geboren, so wie schon ihr Vater Jimmy als Kind zweier Mütter.
Jimmy wird schließlich tatsächlich Schriftsteller, sogar ein erfolgreicher. Seine Romane werden in mehrere Fremdsprachen übersetzt. Im letzten Abschnitt der Erzählung begleiten wir Jimmy Winslow auf eine Signier- und Interviewreise nach Israel. Dort schließt sich der Kreis. Seine leibliche Mutter Esther taucht während Jimmys letzter Signierstunde in Jerusalem auf.
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Zweiter Anlauf: Themenüberblick
Worum es geht in der Handlung, habe ich versucht, in den vier zurückliegenden Absätzen so knapp wie nur möglich zusammenzufassen. Doch das ist bei Weitem nicht ausreichend. Der Romantext ist nämlich ausschweifend und kleinteilig; das habe ich bereits zu Beginn erwähnt. Er umfasst rund 540 reine Textseiten und lässt sich in drei aneinander anschließende Abschnitte untergliedern.
Die Vorgeschichte der Familie Winslow
Wir steigen ein mit dem Ehepaar Thomas und Constance Winslow, er Englischlehrer, sie Bibliothekarin. Beider Familien gehören zu den ersten Einwanderern, die mit der Mayflower und der Fortune um 1620 nach Neuengland gekommen waren. Über zwei Jahrzehnte, über zweihundertdreißig Romanseiten hinweg und in ausufernder Langatmigkeit lernen wir die Familie kennen. Tommy und Connie haben vier Töchter, für deren Betreuung sie vier „Au-Pair-Mädchen“ aus Waisenhäusern aufnehmen. Das vierte dieser Mädchen ist schließlich die Jüdin Esther Nacht.
Wir hecheln durch ein gewaltiges Pensum an Themen. Es geht um die siedlungshistorische Geschichte rund um Pennacook und um detaillierte Literaturbetrachtungen; angefangen bei den Romanen von Charles Dickens, über George Eliot bis zu den Brontë-Schwestern Emily und Charlotte, Arthur Schnitzler – Klein Dorrit, Große Erwartungen, Middlemarch, Sturmhöhe, Jane Eyre, Der Weg ins Freie. Es geht um familiäre Identität und Herkunft. Um Moralvorstellungen, Religion, Christentum, Judentum, Antisemitismus und Zionismus. Um Sex und um Schwangerschaftsabbruch. Hinzu kommen Anknüpfungspunkte aus früheren Irving-Romanen. Zum Beispiel der Waisenhausarzt Dr. Wilbur Larch ist aus Gottes Werk und Teufels Beitrag herübergekommen. – War das wirklich schon alles? Ich bin mir nicht sicher.
Jedenfalls macht dieser Einstieg beinahe die Hälfte des gesamten Romantextes aus. In diesem ersten Teil bin ich beim Lesen mehrmals ins Schlingern gekommen, musste einige Male wieder von vorne beginnen, bis ich mich durchgekämpft hatte, hoffentlich ohne die Orientierung zu verlieren. Irgendwo habe ich gelesen: „Irving webt eine komplexe Erzählung.“ Diese Formulierung ist mir persönlich viel zu höflich.
Teil 2: Jimmy Winslows Coming of Age in Wien
Der zweite Romanteil erstreckt sich lediglich über ein Jahr, aber immerhin über gut zweihundert weitere Textseiten. Jimmy lebt in Wien zur Untermiete bei der offen antisemitischen Witwe Holzinger, deren fülliger Tochter Irmgard und ihrem kleinen Sohn Siegfried. Zwei weitere Untermieter im Haushalt sind die homosexuelle Holländerin Jolanda und der Franzose Claude. Jimmy hat eine jüdische Hauslehrerin, Fräulein Eißler, und versucht, seinen Auftrag zu erfüllen; nämlich ein Kind zu zeugen. Er schwankt dabei zwischen der Eißler, in die er sich verliebt, der fülligen Irmgard, die als Prostituierte arbeitet, und dem absurden Plan, die lesbische Ex von Jolanda zu schwängern, eine gewisse Mieke.
In diesem Abschnitt der Geschichte bekommen wir es mit jüdischen und sowjetischen Ringern, Mossad- und KGB-Agenten, einer verhaltensgestörten Schäferhündin namens Hard Rain, einer Juden hassenden Tellerwäscherin und deren Gefolgschaft sowie einer nicht-ägyptischen Bauchtänzerin zu tun. Diese Personalliste hört sich nicht nur bizarr an, sie ist schlicht und einfach irrwitzig. Dennoch liest sich dieser Passus am flüssigsten und macht in vielen Passagen richtig Spaß. Hier habe ich tatsächlich das gefunden, wovon Irvingfans schwärmen.
Der Text strotz nur so von sexuellen Bildern. Die Protagonisten kennen keine Tabus. Irvings Lieblingskörperteile, die Brüste, werden ausgiebig strapaziert. Und schließlich gelingt es Jimmy tatsächlich, im Beisein Jolandas deren Freundin Mieke zu schwängern. Er heiratet Mieke pro forma und schließlich bringt die Holländerin eine Tochter namens Vienna zur Welt. Alle unmittelbar und mittelbar Beteiligten sind begeistert.
Teil 3: Der Zirkelschluss
Auf den letzten hundert Romanseiten nimmt die Geschichte zielsicher ihren geplanten Verlauf. Jimmy, Mieke und Jolanda gelingt es irgendwie – wie auch immer über die Distanz des Atlantiks hinweg –, sich die gemeinsame Tochter Vienna zu teilen. Jimmy reüssiert als Schriftsteller und veröffentlich vier eigene Romane. In seinen Texten verarbeitet er sein Leben als Winslow-Abkömmling, Student in Wien und unkonventioneller Familienvater. Schließlich geht er auf Lesereise nach Israel, wo er zuletzt seine leibliche Mutter Esther kennenlernt.
Dieser letzte Teil hat mich ziemlich erschöpft. Ich war überfordert von der schieren Menge regionaler Details der Israelreise Jimmys. Den Einzelheiten der Nahost-Problematik an der Schnittstelle zwischen israelischen und palästinensischen Ansprüchen konnte ich nur schwer folgen. Die Darstellungen der Schriftstellerkarrieren von Jimmy und auch Mieke waren mir zu konfus oder unübersichtlich. Ehrlich gesagt war ich erleichtert, als die Trommelfeuergeschichte mit einem kurzen Treffen zwischen Jimmy und seiner Mutter Esther ihr Ende nahm. So möchte vermutlich niemand einen Roman zur Seite legen.
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Gesamteindruck
Dieser sechzehnte Roman John Irvings war mein Einstieg in das Werk des 83-jährigen US-Schriftstellers, der mittlerweile als Reaktion auf Donald Trumps unerträgliche Präsidentschaft im kanadischen Toronto lebt. Ich war darauf vorbereitet, dass es sich um einen unerwarteten Schnellschuss nur drei Jahre im Nachgang zu seinem Romanvorgänger Der letzte Sessellift handelt; obwohl Irving selbst zuvor noch angekündigt hatte, der Sessellift sei seine letzte Veröffentlichung. Ich argwöhnte außerdem, dass diesmal womöglich Schubladenmaterial verarbeitet wurde, weil man schließlich in diesem Alter nicht weiß, wie viel Zeit einem noch zum Schreiben bleibt. Schließlich war auch zu erwarten, dass Irving seine immer wieder in den Texten auftauchende Affinität zu Charles Dickens, zu Österreich und zum Ringersport sowie zu schwierigen Mutter-Sohn-Beziehungen und zu abwesenden Vätern erneut ausleben würde.
Dennoch war ich überrascht davon, wie zäh mein Einstieg in die Romangeschichte verlief. Versöhnt hat mich dann der Mittelteil mit Jimmys Erlebnissen im Nachkriegs-Wien. Hier hatte ich auch am meisten Spaß mit Irvings Situationskomik und mit seinem nonchalanten Umgang mit der wahnwitzigen Lebensplanung seiner Protagonisten. Leider hat Irving diesen gut getakteten Erzählfluss nach Vienna Winslows Geburt nicht durchgehalten. So wie schon den ersten Teil empfand ich auch den Schluss als holprig, als nicht auserzählt und so leid es mir tut: als ziemlich wirr.
Der erste und der dritte Teil der Geschichte machen auf mich den Eindruck von stark gerafften Zusammenfassungen einer völlig überzogenen Themenfülle, da fehlt mir der Erzählfluss. Und ich habe vergeblich nach Aussagen oder Botschaften gesucht, die uns der Autor vermitteln möchte. Aber vielleicht muss ich den Roman einfach noch ein drittes oder viertes Mal lesen.
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Wer diese Besprechungen gern gelesen hat, interessiert sich eventuell auch für die Romane von T. C. Boyle, einem Schüler John Irvings an der University of Iowa, Mitte der Neunzehnsiebziger Jahre.
Fazit:
Mit Königin Esther hat uns John Winslow Irving einen breit angelegten Familienroman aus dem zwanzigsten Jahrhundert vorgelegt, in dem es um Identität, Zugehörigkeit, Überzeugungen, Religiosität, Vaterlandsliebe, Frauenrechte und die transatlantische Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg geht.
Allein diese Fülle an unterschiedlichen thematischen Stichpunkten weist bereits auf die Schwächen der Romangeschichte hin. Nur eingefleischte Irvingfans werden wohl problemlos ihren Weg durch die wuchernden Auswüchse der Erzählung finden. Sie werden sich in dieser Geschichte einrichten wie in einem in die Jahre gekommenen, längst mehr als lieb gewonnenen Hotel, trotz des renovierungsbedürftigen Interieurs.
Mir ist der Roman zu wenig schlüssig angelegt. Meinem Lesespaß im Mittelteil der Erzählung ist es immerhin zu verdanken, dass mein Bewertungsalgorithmus gerade noch so knappe drei von fünf möglichen Sternen vergeben hat.
John Irving, Queen Esther | Königin Esther
EN Simon & Schuster, 2025
DE Diogenes Verlag, 2025
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