Das Labyrinth der Lichter

Carlos Ruiz Zafón, Das Labyrinth der Lichter, 2016
Carlos Ruiz Zafón, 2017

Mit dem Roman Das Labyrinth der Lichter schließt Car­los Ruiz Za­fón sei­nen vier­bän­di­gen Zy­klus um den Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bü­cher im Her­zen Bar­ce­lo­nas ab. Fünf­zehn Jah­re nach Er­schei­nen des ers­ten Ban­des, Der Schat­ten des Win­des, be­en­det al­so der welt­weit am meis­ten ver­kauf­te spa­nisch­spra­chi­ge Autor sein Meis­ter­werk; nach 2.576 Buch­sei­ten und 27 Mil­lio­nen ge­druck­ten Exem­pla­ren. In einem Fern­seh­in­ter­view* schwört der Best­sel­ler­autor mit der Rech­ten auf sei­nem letz­ten Ro­man­band, dass nun de­fi­ni­tiv Schluss sein wird. Einen Gut­teil sei­nes Er­wach­se­nen­le­bens ha­be ihn die Ge­schich­te be­schäf­tigt, zwi­schen 36 und 51, er­zählt Ruiz Za­fón. Nun sei es end­lich Zeit für ein neu­es Pro­jekt. Da­mals ahn­te je­doch noch nie­mand, dass der Autor nur vier Jah­re spä­ter tot sein wür­de.

Die Tetra­lo­gie kreist zwar um ein zen­tra­les Motiv, eben um die­sen sagen­umwo­be­nen Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher in Bar­ce­lo­na, der kata­lani­schen Metro­pole am Mit­tel­meer. Doch es sind vier sehr unter­schied­li­che Ro­ma­ne, die der Autor abge­lie­fert hat. Denn jeder der Bände hat sei­nen eige­nen Pro­tago­nis­ten und gehört einem ande­ren lite­rari­schen Genre an: Der Schat­ten des Win­des ist näm­lich im Kern ein Coming-of-Age-Ro­man um den jun­gen Daniel Sem­pere. Das Spiel des Engels ist eine mys­ti­sche Schau­erge­schich­te, des­sen Haupt­fi­gur der Schrift­stel­ler David Mar­tín ist. Teil drei, Der Gefan­gene des Him­mels, stellt einen Aben­teuer­ro­man um die pit­to­reske Figur des Fer­mín Romero de Tor­res dar. Und nun, den vier­ten und letz­ten Teil, den muss man in ers­ter Linie wohl als span­nende Kri­mi­ge­schich­te lesen, deren zen­trale Figur eine junge Geheim­agen­tin namens Ali­cia Gris ist.

Das Labyrinth der Lichter – Über die Roman­geschichte

Davon abge­­se­­hen lie­­fert Das Laby­­rinth der Lich­­ter auch die Auf­­lö­­sung aller Rät­­sel aus den voran gegan­­ge­­nen Bän­­den, die Ver­­knüp­­fung aller losen Enden und Schick­­sale. (Was denn da noch alles offen stand, kann man zum Bei­spiel in mei­ner Rezen­sion zum Gefan­ge­nen des Him­mels im Abschnitt „Über lose Enden“ nach­lesen.)

Doch vor­der­grün­dig geht es zunächst ein­mal um einen Krimi­nal­fall des Jah­res 1959 in höchs­ten poli­ti­schen Krei­sen der spa­ni­schen Franco-Dik­ta­tur: Der Bil­dungs­minis­ter Mau­ri­cio Valls ist ver­schwun­den. Die Poli­zei kommt jedoch auf offi­ziel­lem Wege nicht wei­ter. Sie zieht des­halb einen halb­amt­li­chen Geheim­dienst hinzu. Dadurch erhält Agen­tin Ali­cia Gris den Auf­trag, den Fall zu lösen und Valls wie­der­zu­fin­den. Sie wird dabei von Juan Manuel Var­gas unter­stützt, einem Haupt­mann der Madri­der Poli­zei.

Erste Ermitt­lungs­ergeb­nisse ver­la­gern die Nach­for­schun­gen nach Bar­ce­lona, der Hei­mat­stadt Ali­cias. Dort fügen Gris und Var­gas ein Puzzle­stück ans andere. Doch als sie sich einer kon­kre­ten Lösung des Falls nähern, wer­den die bei­den urplötz­lich von ihrem Auf­trag abge­zo­gen. Die Poli­zei habe näm­lich den Ver­ant­wort­li­chen gefun­den. Der habe das Geständ­nis abge­legt, Mau­ri­cio Valls ermor­det zu haben. An die­ser Stelle haben wir gerade ein­mal die Hälfte des Romans hin­ter uns gebracht: immer­hin rund 700 Sei­ten in der deut­schen Aus­gabe, über die spä­ter noch zu spre­chen sein wird.

Doch die Leser­schaft weiß bereits, dass etwas an der offi­ziel­len Auf­klä­rung des Fal­les nicht stim­men kann. Denn immer wie­der hatte Autor Ruiz bis dahin Pas­sa­gen ein­gescho­ben, in denen der ver­schwun­dene Minis­ter als Gefan­ge­ner in einer Zelle gefan­gen gehal­ten wurde. Zumin­dest bis hier­hin war Valls also noch am Leben.

Der Geschichte zweiter Teil

Natür­lich geben Ali­cia Gris und Juan Var­gas nicht auf. Sie ermit­teln auf eigene Faust wei­ter. Dass das jedoch nicht gut gehen kann, wird den Lesern schnell klar. Der Autor öff­net nun die Ge­schich­te und zieht die Fami­lie Sem­pere samt Fermín in die Gescheh­nisse hin­ein. Auch der Fried­hof der Ver­ges­senen Bücher spielt nun eine wich­tige Rolle, auch wenn er zunächst zweck­ent­frem­det wird. Er dient als Gene­sungs­ver­steck für die schwer ver­letzte Ali­cia. Schließ­lich kommt es in den ver­win­kel­ten Gän­gen des Fried­hofs auch zu einem ers­ten Show­down.

Apro­pos Show­down: Car­los Ruiz taucht die Hand­lung jetzt in Blut. Allein im zwei­ten Teil habe ich sieb­zehn Lei­chen mit­ge­zählt. Nur vier davon star­ben eines natür­li­chen Todes. Nun ja, Roman­figu­ren ster­ben zu las­sen, um auf ihrem Tod Erklä­run­gen für Gescheh­nisse auf­zu­bauen, ist seit jeher ein pro­ba­tes Stil­mit­tel. Auf die­sem Weg bie­tet auch Ruiz sei­ner Leser­schaft einen uner­war­te­ten Hin­ter­grund der Ver­stri­ckun­gen an, die im drit­ten Roman­band auf­ge­baut wur­den. Der ver­schwun­dene Mau­ri­cio Valls erweist sich näm­lich als skru­pel­lo­ser Draht­zie­her eines schreck­li­chen Ver­bre­chens. Eines Ver­bre­chens, das wäh­rend des spa­ni­schen Bür­ger­krie­ges begann und sich fast bis zum Ende des Jahr­hun­derts hin­zog.

His­tori­sche Tat­sa­che ist, dass in spa­ni­schen Geburts­kli­ni­ken im gro­ßen Stil Neu­gebo­rene geraubt und an rei­che kin­der­lose Paare ver­kauft wur­den. An die­sen lu­kra­ti­ven Geschäf­ten waren Ärzte, Anwälte und vor allem die katho­li­sche Kir­che betei­ligt. In der ruiz­schen Ge­schich­te hatte nun auch der fik­tive Bil­dungs­minis­ter Valls seine Fin­ger im Spiel.

Wer und warum alles ster­ben muss, bis diese Auf­lö­sung der Ver­stri­ckun­gen gelingt, werde ich selbst­ver­ständ­lich nicht ver­ra­ten. Das sollen sich die Lese­r¦in­nen der gewal­ti­gen Ge­schich­te schon selbst erar­bei­ten.

Das Labyrinth der Lichter – Alicia Gris, die graue Vam­pi­rin

Warum der Autor im vier­ten Band eine völ­lig neue Pro­tago­nis­tin hin­zuzie­hen musste, wird der Leser­schaft rasch klar. Denn all die weit ver­streu­ten losen Enden zu ver­knüp­fen, wäre kei­ner der in den ers­ten drei Bän­den auf­getre­te­nen Figu­ren jemals gelun­gen. Schon gar nicht ange­sichts der räum­li­chen Aus­wei­tung der Ge­schich­te auf Madrid. Dazu brauchte es schon einen Geheim­agen­ten mit beson­de­ren Fähig­kei­ten und unbe­grenz­ten Befug­nis­sen; eine Art James Bond also.

Carlos Ruiz Zafón erschafft also zu die­sem Zweck die mys­teri­öse Ali­cia Gris, deren Nach­name auf deutsch „Grau“ bedeu­tet. Selbst­ver­ständ­lich taucht diese Frau nicht ein­fach so aus dem Nichts in der Erzäh­lung auf. Viel­mehr baut der Autor die Figur auf seine unnach­ahm­li­che Weise in die Hand­lung ein. Er bringt sie näm­lich mit dem vor­han­de­nen Per­so­nal in einen mög­lichst fins­te­ren Zusam­men­hang.

Eine alte Geschichte

In diesem Fall bedient sich Ruiz sei­nes Tau­send­sas­sas Fer­mín Romero de Tor­res als ver­bin­den­des Ele­ment. Denn gleich zu Beginn der Ge­schich­te lässt er Fer­mín das kleine Mäd­chen Ali­cia wäh­rend eines Bom­ben­an­griffs auf Bar­ce­lona aus einem zer­bomb­ten Haus ret­ten. Tat­säch­lich gab es in der Rea­li­tät einen sol­chen Luft­an­griff durch die ita­lie­ni­sche Luft­waffe. Das abge­bil­dete Foto fin­det sich als Illus­tra­tion auch in Das Laby­rinth der Lich­ter. Die vier klei­ne­ren Rauch­pilze in der obe­ren Bild­hälfte mar­kie­ren Bom­ben­ein­schläge im Alt­stadt­vier­tel Raval. Genau dort, wo die Szene mit Ali­cia und Fermín spielt; näm­lich in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft des Fried­hofs der Ver­ges­se­nen Bücher.

Italienischer Luftangriff auf Barcelona am 17. März 1938
Ita­lie­ni­scher Luft­an­griff auf Bar­ce­lona am 17. März 1938
(Italian Air­force, Pub­lic domain, via Wiki­media Com­mons)

Superagentin und Femme fatale

Alicia über­lebt die­ses Bom­bar­de­ment schwer ver­letzt und trägt eine dauer- und schmerz­hafte Defor­ma­tion der Hüfte davon. Schon damals ret­te­ten sie der Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher und des­sen Hüter, Isaac Mon­fort, vor dem Tod. Den kör­per­li­chen Schmerz bekämpft Ali­cia inzwi­schen mit Dro­gen und Alko­hol. Sie wird dabei zu einer attrak­ti­ven, jedoch schwer­müti­gen und dis­tan­ziert wir­ken­den Frau, die für ihren Geheim­poli­zei­chef alle Fälle löst, auch wenn sie noch so ver­fah­ren sein moch­ten.

Um seine Ali­cia noch pass­ge­nauer in sein Werk ein­bauen zu kön­nen, gibt ihr der Autor unver­kenn­bar Züge der Chloé Per­man­yer, jener dunk­len Fürs­tin der Vam­pire aus einer der Roman­ge­schich­ten David Mar­tíns aus Das Spiel des Engels. Jeden­falls trickst, schlägt und schießt sich Ali­cia Gris durch das Laby­rinth der Lich­ter, bis letzt­lich alle Geheim­nisse gelüf­tet und alle Ver­bre­chen gesühnt sind.

Das Labyrinth der Lichter – Einordnung und Bewertung

Mit sei­nem Abschluss­band hat Car­los Ruiz Zafón gleich drei Flie­gen mit einer Klappe geschla­gen. Zum ers­ten hat er einen Groß­teil der Mys­te­rien auf­ge­löst, die in den drei Vor­gän­ger­roma­nen auf­ge­baut wur­den. Ganz zufrie­den bin ich aller­dings nicht mit allen Details der Auf­lö­sung. Denn min­des­tens zweien sei­ner Figu­ren hat der Autor den Zau­ber geraubt, der ihnen zuvor anhaf­tete:

Andreas Corelli, der Höl­len­fürst aus Das Spiel des Engels und Der Fürst des Par­nass, ver­schwin­det spur­los und wird zur para­noi­den Traum­fi­gur David Mar­tíns degra­diert. Auch den mys­teri­ösen Julián Carax, der damals im ers­ten Roman­band Daniel Sem­pere und mit ihm die Leser­schaft in Angst und Schre­cken ver­setzte, ent­zau­bert der Autor. Aus der ent­seel­ten Figur am Rande des Wahn­sinns wird zuletzt ein väter­li­cher Rat­geber für sei­nen Namens­vetter Julián Sem­pe­re, den Sohn von Daniel und Bea.

„Schreiben ist ein Beruf, den man erlernt, den aber nie­mand leh­ren kann.“
(Seite 1.341)

Solche Worte legt Ruiz seinem Carax in den Mund und lässt ihn den­noch als wei­sen Lehr­meis­ter und Kor­rek­tor des jün­ge­ren Julián abtre­ten.

Historische Kompo­nente

Zum zweiten ist es dem Autor gelun­gen, mit sei­nem vier­ten Band ein umfas­sen­des his­tori­sches Stim­mungs­bild abzu­schlie­ßen. Die gesamte Serie begann chro­nolo­gisch mit dem zwei­ten Roman im Dezem­ber 1917 und endet nun mit einem kur­zen Epi­log am 9. August 1992, am Tag der Abschluss­feier der Olym­pi­schen Spiele in Bar­ce­lona.

Die gesam­te Ge­schich­te zieht sich über acht Jahr­zehnte hin­weg. Näm­lich genau über die Jahr­zehnte, in denen der spa­ni­sche Bür­ger­krieg vor­berei­tet wurde, statt­fand und letzt­lich in sei­nen Nach­we­hen die Franco-Dik­ta­tur mit all ihren Unge­heu­erlich­kei­ten gebar. Ruiz Zafón ist es gelun­gen, mit sei­ner Roman­reihe eine Epo­che der spa­ni­schen Ge­schich­te zu illus­trie­ren, die min­des­tens dem deutsch­spra­chi­gen Lese­pub­li­kum wohl kaum bekannt war.

Im Rück­blick auf alle vier Romane ergibt sich ein fas­zinie­ren­der, wenn auch erschre­cken­der Blick auf die His­torie zwi­schen den Ver­lie­sen und Mas­sen­grä­bern des Mont­juic. Auf die Ge­schich­te skru­pel­lo­ser und ent­mensch­lich­ter Kriegs­gewinn­ler und der schauer­li­chen Kor­rup­tion der Nach­kriegs­jahre.

Familiensaga

Zum dritten hat Ruiz mit sei­nem Per­so­nal eine wun­der­bare Fami­lien­ge­schich­te geschrie­ben und abge­schlos­sen. Fünf Gene­rati­onen der Sem­peres haben wir mit­erle­ben dür­fen: vom Groß­va­ter Daniels bis zu des­sen klei­nen Enke­lin Ali­cia, die nun als jüngste Reprä­sen­tan­tin der Sem­pe­res die Geheim­nisse des Fried­hofs der Ver­ges­se­nen Bücher erkun­den kann.

Mit den Sem­pe­res durf­ten wir ein bun­tes Kalei­dos­kop von Begleit­per­so­nal ken­nen­ler­nen. Natür­lich ist hier als erste die Figur des Fer­mín zu nennen. Er bringt mit sei­ner Ent­schlos­sen­heit immer und immer wie­der die Hand­lung voran. Und ande­rer­seits sorgt er dank all der Bon­mots, die ihm der Autor in den Mund legt für Hei­ter­keit und Lese­freude. Wie Fer­mín der Leser­schaft und den Sem­pe­res die Welt erklärt, das ist immer wie­der eine Erleuch­tung.

„Das Herz ist ein Teil der Ein­ge­weide und pumpt Blut, keine Sonette. Mit etwas Glück kommt ein wenig von die­sem Strom in den Kopf, aber größ­ten­teils lan­det er im Bauch bezie­hungs­weise, in Ihrem Fall, in den Scham­tei­len, die, wenn Sie nicht auf­pas­sen, die Funk­tion der Hirn­rinde über­neh­men. Hal­ten Sie die Hoden­masse fern vom Ruder, und Sie wer­den den Hafen errei­chen. Beneh­men Sie sich wie ein Narr, und das Leben wird an Ihnen vor­über­zie­hen, ohne dass Sie etwas Nütz­li­ches getan haben.“
(Seite 1.302)

Aber auch all die ande­ren Roman­figu­ren aus dem fami­liä­ren und räum­li­chen Umfeld der Buch­händ­ler­fami­lie haben wir über die vier Fol­gen hin­weg lieb­gewon­nen. Gleich, ob es sich um schwatz­süch­tige Nach­barin­nen, schwule Uhr­ma­cher oder schwa­dro­nie­rende Lite­ra­ten han­delt.

Letzt­lich haben wir uns sogar mit einer ruiz­schen Beses­sen­heit aus­ge­söhnt. Nach sei­ner Dar­stel­lung scheint die Mit­tel­meer­metro­pole Bar­ce­lona nie­mals von medi­ter­ra­nem Klima geschmei­chelt son­dern stets von Kälte, Regen und sogar Schnee heim­ge­sucht zu wer­den.

Erfolgsrezepte

Ein wei­teres Mal ist es Car­los Ruiz Zafón gelun­gen, mit sei­nem Sprach­witz und seiner For­mulie­rungs­kunst eine Ge­schich­te zu erschaf­fen, die seine Leser­schaft in den Bann schlägt. Einen „Roman mit gro­ßer Sog­kraft“ nennt Mario Scalla von hr2-Kul­tur Das Laby­rinth der Lich­ter. Diese Sog­kraft ist aller­dings auch drin­gend nötig. Denn die Erzäh­lung ist klein­tei­lig, ver­win­kelt und manch­mal nicht ganz ein­fach zu ver­fol­gen.

Außer­dem strotzt der Text nur so von mehr oder weni­ger ver­steck­ten Hin­wei­sen auf Per­so­nen und Bege­ben­hei­ten in den Vor­gän­ger­roma­nen. Zwar lässt der Autor sei­nen Julián Carax auf Seite 1.274 des Buches sagen: „Eine Ge­schich­te hat weder Anfang noch Ende, nur Ein­gangs­tü­ren.“ Damit meint Ruiz, dass man die ein­zel­nen Bücher des Zyklus in jeder belie­bi­gen Rei­hen­folge lesen könne. Doch da muss ich ihm ener­gisch wider­spre­chen. Denn ohne die ers­ten drei Romane auf­merk­sam gele­sen zu haben, wird man näm­lich einen erkleck­li­chen Teil der Pas­sa­gen in Das Laby­rinth der Lich­ter nicht ver­ste­hen kön­nen.

Ein wei­te­res Rezept, mit dem Ruiz bereits in vor­aus­gegan­ge­nen Erzäh­lun­gen punk­ten konnte, ist das Prin­zip der Rekur­sion. Damit gemeint ist das Ein­bin­den von Roma­nen im Roman, die sich auf sich selbst bezie­hen. Immer wie­der tau­chen im Text Pas­sa­gen auf, die angeb­lich aus Titeln stam­men, die zwar Car­los Ruiz selbst ver­fasst hat, nun aber ande­ren Auto­ren zuge­schrie­ben wer­den; näm­lich Per­so­nen aus der Roman­hand­lung selbst.
So wird bereits auf Seite 36 als Ver­fas­ser von Das Laby­rinth der Lich­ter der Schrift­stel­ler Julián Carax genannt. Und ab Seite 1.310 treibt Ruiz das Prin­zip auf die Spitze, indem er sei­nen gesam­ten Zyklus den bei­den Juli­áns andich­tet. Sem­pere junior und Carax pla­nen dort gemein­sam alle vier Romane um den Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher. Ganz so als habe der eigent­li­che Autor, Car­los Ruiz Zafón, keine ein­zige Roman­zeile je selbst zu Papier gebracht. – Ein ver­gnüg­li­ches Ver­steck­spiel, wie immer; auch wenn sich der mys­tifi­zie­rende Effekt lang­sam abnutzt.

Das Labyrinth der Lichter – Gestalte­rische Rand­bemer­kun­gen

Dieser vierte und letzte Roman­band aus der Serie um den Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher nimmt auch in Hin­blick auf Aspekte der Gestal­tung eine heraus­ra­gende Rolle ein. Denn bereits im Vor­wort prä­sen­tiert man uns ein eige­nes Logo für die­sen Bücher­fried­hof: eine sti­li­sierte Wen­del­treppe, die in die Tiefe zu füh­ren scheint.

Logo Friedhof der Vergessenen Bücher

„Virgi­lio nahm es ent­gegen und knipste die Taschen­lampe an. Sowie er die Gra­vur der Wen­del­treppe auf dem vor­de­ren Deckel erblickte, starrte er Ali­cia an.
»Aber haben Sie auch nur die lei­ses­te Ahnung, was das ist?«“
(Seite 271)

Mich per­sön­lich hat die­ses Logo spon­tan an Foto­auf­nah­men der schier end­lo­sen Wen­del­trep­pen in den Tür­men der Kathe­drale Sagrada Fami­lia Bar­celo­nas erin­nert.

Umschlagfotografie

Wenn wir schon bei foto­gra­fisch-gestal­teri­schen Mit­teln sind, dann weise ich auch gleich noch auf den Ursprung der Foto­gra­fie auf dem Buch­um­schlag hin. Die stammt näm­lich ursprüng­lich von Gabriel Casals aus dem Jahr 1932. Sie ist im kata­lani­schen Natio­nal­ar­chiv zu fin­den und trägt den Titel Día del libro | Tag des Buches. Auch diese biblio­phile Klei­nig­keit ist einer der lie­bevol­len Zir­kel­schlüsse, die den Zyklus um den Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher aus­zeich­net.

Format der deutschen Ausgabe

Bereits das spa­ni­sche Ori­gi­nal hat einen Umfang von über 900 Sei­ten. Der Fischer Ver­lag aber hat in sei­ner deutsch­spra­chi­gen Aus­gabe noch einen drauf­ge­setzt. Er hat näm­lich dem ohne­hin monu­men­ta­len Werk eine beson­dere Note ver­passt. Das For­mat wurde redu­ziert auf Post­kar­ten­größe, gedruckt in klei­ner Schrift auf Dünn­druck­pa­pier. Dadurch erreicht das „Büch­lein“ eine Text­sei­ten­zahl von über 1.350 und gleicht einem dicken Kir­chen­gesangs­buch. Amen.

~

Wem diese Buchbe­sprechung gefallen hat, wird sich viel­leicht für das Autoren­profil von Carlos Ruiz Zafón interes­sieren, das ich als Nach­ruf zu seinem Tod im Juni 2020 zusammen­gestellt habe. Darin sind auch mei­ne Rezen­sionen sei­ner ande­ren Romane des Zy­klus ver­linkt.

Fazit:

Das Laby­rinth der Lich­ter ist nun der krö­nende Abschluss einer Roman­reihe, die sich fast über das kom­plette zwan­zig­ste Jahr­hun­dert im kata­lani­schen Bar­ce­lona erstreckt. Das Schick­sal der Fami­lie Sem­pere fin­det sei­nen glück­li­chen Abschluss. Gleich­zei­tig rech­net Car­los Ruiz Zafón mit den spa­ni­schen Jahr­zehn­ten in der Folge des Bür­ger­kriegs ab. Zwei­fel­los ist die­ser vierte Roman im Umfeld des Fried­hofs der Ver­ges­se­nen Bücher ein Lecker­bis­sen für alle Fans der Sem­pe­res und Fer­mín Rome­ros de Torres. Wahr­schein­lich aber wer­den die Freunde der magi­schen, mys­teriö­sen Anteile der Vor­gän­ger­bände nicht ganz so begeis­tert von die­sem letz­ten Teil sein.

Mit der Schluss­bewer­tung in Form mei­ner Ster­never­gabe habe ich mich dies­mal sehr, sehr schwer getan. Denn als Ein­zel­roman käme Das Laby­rinth der Lich­ter wohl nur mit Müh und Not, mit Ach und Krach auf drei Sterne von den fünf mög­li­chen. Da mich jedoch die kunst­volle Ver­we­bung der Erzäh­lung mit den Vor­ge­schich­ten in ihren Bann geschla­gen hat und weil ich letzt­lich mei­nem Lese­spaß Tri­but zol­len musste, sind es dann doch – wenn auch knapp – vier Sterne gewor­den.

Carlos Ruiz Zafón:
El laberinto de los espíritus
| Das Labyrinth der Lichter,
🇪🇸 Planeta, 2016
🇩🇪 Fischer Verlag, 2017

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Fußnoten:

*) Quelle: Interview von Carlos Ruiz Zafón anlässlich der Veröffentlichung von El laberinto de los espiritús durch Andreu Buenafuente, LATE MOTIV, im November 2016 🇪🇸

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