Der Gefangene des Himmels

Der Gefangene des Himmels
Carlos Ruiz Zafón, 2011

Der Gefangene des Himmels ist der drit­te Ro­man des Schrift­stel­lers Car­los Ruiz Za­fón, der im Um­feld des sa­gen­um­wo­be­nen Fried­hofs der Ver­ges­se­nen Bü­cher in Bar­ce­lo­na an­ge­sie­delt ist. In die­sem drit­ten Teil der Sa­ga knüpft der Autor an bei­de vor­an­ge­gan­ge­nen Tei­le an und bringt die zu­vor nur sehr lo­se zu­sam­men­hän­gen­den Ge­schich­ten in in­halt­li­chen Zu­sam­men­hang. Wir tau­chen al­so er­neut ein in die Ge­schich­te von Da­ni­el Sem­pe­re, dem jüngs­ten Nach­fol­ger einer Buch­händ­ler­fa­mi­lie, und sei­nes Ver­trau­ten, Fer­mín Ro­me­ro de Tor­res, eines Tau­send­sas­sas mit dunk­ler Ver­gan­gen­heit.

Der Ge­schich­te drit­ter Teil setzt ein im Jahr 1957, also drei Jah­re nach dem En­de des Schat­ten des Win­des. Ruiz Za­fón nimmt sei­ne Er­zäh­lung in der Weih­nachts­zeit auf und er­in­nert uns an das En­de sei­nes ers­ten Ro­mans: Da­niel Sem­pe­re ist mit Bea Agui­lar ver­hei­ra­tet. Die bei­den sind da­bei, die Buch­hand­lung der Sem­pe­res von Da­niels al­tern­dem Vater zu über­neh­men. Fer­mín fun­giert nach wie vor als „bib­lio­gra­fi­scher Be­ra­ter“ der Buch­hand­lung, al­so als Hilfs­kraft mit un­er­schüt­ter­li­chem Op­ti­mis­mus und un­er­schöpf­li­chem Er­fin­dungs­reich­tum. Außer­dem steu­ert der Mann sei­ner eige­nen Hoch­zeit ent­ge­gen. Er will end­lich sei­ne Ber­nar­da aus dem ers­ten Ro­man­teil ehe­li­chen.

In die­ser zeit­li­chen Klam­me­rung zwi­schen zwei Hoch­zei­ten spie­len die Aben­teu­er, mit de­nen sich die bei­den Pro­ta­go­nis­ten des ers­ten Ro­mans nun er­neut kon­fron­tiert se­hen. Doch dies­mal ist es nicht Da­niel son­dern Fer­mín, der als Hand­lungs­trä­ger in den Vor­der­grund tritt. Fer­mín, der be­gna­de­te Apho­ris­ti­ker und glück­li­che Ego­ma­ne, das groß­ar­ti­ge Uni­kat. Vom Side­kick zum Front­man.

Der Gefangene des Himmels – Über die Handlung

Der Autor teilt seine Ge­schich­te in fünf Teile. Wir stei­gen ein, wo der ers­ten Band sein Ende fand. Der spa­ni­sche Bür­ger­krieg ist been­det, das Land lebt schlecht und recht unter der Dik­ta­tur Fran­cisco Fran­cos. Noch lie­gen die Schre­cken der poli­ti­schen Säu­be­rung nicht allzu lange zurück. Und Fer­mín hat ein Pro­blem: In den Wir­ren des Krie­ges und der Nach­kriegs­zeit hatte er sei­nen wah­ren Namen abge­legt und durch einen Kampf­na­men ersetzt, den er einst von einem Stier­kampf­pla­kat abge­le­sen hatte. Doch er besitzt keine Per­sonal­doku­mente, mit denen er vor den Trau­al­tar tre­ten könnte. Die Suche nach einer doku­men­tier­ten Iden­ti­tät für Fer­mín bil­det das Hand­lungs­ge­rüst für die Erzäh­lung.

Fermín Romero de Torres‘ Geschichte

Im zweiten Teil sprin­gen wir zurück ins Jahr 1935. Fer­mín berich­tet Daniel und der Leser­schaft, wie er die Schre­ckens­jahre um den Bür­ger­krieg ver­brachte. Näm­lich in der Zelle 13 des berüch­tig­ten Gefäng­nis­ses in der Fes­tung Mont­juic am Süd­ende Bar­celo­nas. Dort machte er die Bekannt­schaft eines Man­nes, der für die Hand­lung der gesam­ten Fried­hofs­ge­schich­te wich­tig ist. Einer sei­ner Zel­len­nach­barn war ein gewis­ser David Mar­tín. Wir erin­nern uns: Die­ser David war die Haupt­per­son im Spiel des Engels, dem zwei­ten Roman­band. Eben die­ser David Mar­tín ver­hilft Fer­mín zur Flucht aus der Fes­tung.

Der dritte Teil der Erzäh­lung han­delt von Fer­míns Leben nach die­ser Flucht. Denn das Tref­fen von Daniel und Fer­mín an der Plaza Real im ers­ten Band war kein Zufall. Fer­mín hatte David Mar­tín als Gegen­leis­tung für die Flucht­hilfe ver­spro­chen, an sei­ner statt über des­sen große pla­toni­sche Liebe Isa­bella zu wachen, über die Mut­ter Dani­els. Nur des­halb hatte Fer­mín damals den jun­gen Daniel auf der Straße ange­spro­chen.

Im vierten Teil han­delt Ruiz Zafón – wie­der zurück in der Zukunft im Jahr 1957 – die zwi­sche­ndurch immer wie­der auf­blit­zende Thril­ler­kom­po­nente sei­ner Ge­schich­te ab. Einer der ehe­mali­gen Zel­len­genos­sen Fer­míns kehrt zurück, um sich zu neh­men, was ihm gehörte und was Fer­mín damals bei sei­ner Flucht mit­genom­men hatte.

Und der fünfte Romanteil klärt Ent­ste­hung und Schick­sal des Spiels des Engels, des Romans, den David Mar­tín unter schau­ri­gen Umstän­den in der Fes­tung Mont­juic geschrie­ben hatte und der ja gleich­zei­tig den zwei­ten Teil der ruiz­schen Roman­serie dar­stellt. Außer­dem fin­det nun end­lich auch die Hoch­zeit der Ber­nar­da und Fer­míns statt. – Happy end, oder?

Der Gefangene des Himmels – Über lose Enden

Es bleibt uns gar nichts ande­res übrig als anzu­erken­nen, wie meis­ter­lich es Car­los Ruiz Zafón gelun­gen ist, seine bei­den Vor­gän­ger­romane nicht nur über den Pol des Fried­hofs der Ver­ges­se­nen Bücher zu ver­bin­den son­dern gar eine stim­mige Ge­schich­te um das gesamte Per­so­nal der bei­den so unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen zu weben.

Doch damit nicht genug. Nach­dem Ruiz nun fast alle losen Enden der bis­heri­gen Mär­chen­stun­den ver­kno­tet hat, legt er auch noch ein paar Fähr­ten für künf­tige Fort­set­zun­gen. Denn auch wenn wir es nicht schon wüss­ten: Bei so vie­len Cliff­han­gern muss es ein­fach wei­ter­ge­hen!

Julián Carax

Der stets sche­men­hafte Schrif­tstel­ler Julián Carax aus dem Schat­ten des Win­des kommt direkt im Vor­wort des Romans zu Worte:

„Ich habe immer gewusst, dass ich auf diese Stra­ßen zurück­keh­ren würde, um die Ge­schich­te des Man­nes zu erzäh­len, der Seele und Namen ver­lo­ren hat zwi­schen den Schat­ten jenes Bar­ce­lona, das ver­sun­ken ist in einem trü­ben Traum von Zei­ten aus Asche und Schwei­gen […]

Julián Carax, Der Gefangene des Himmels
(Editions de la Lumière, Paris, 1992)“

Was aus diesem Carax wurde, ist nie geklärt wor­den. Jetzt erhebt er jedoch erneut seine Stimme in einem Zitat, das anga­bege­mäß aus eben dem vor­lie­gen­den Roman stam­men soll, der bereits im Jahr 1992 erschie­nen und vom Ver­lag Andr­eas Corel­lis, des Teu­fels aus dem zwei­ten Band, heraus­gege­ben sein soll? – Aha. Da haben wir es wie­der, das Fai­ble des Autors, seine Leser­schaft in Spe­kula­tio­nen über Uner­gründ­li­ches zu sto­ßen. Und dies schon auf der aller­ers­ten Roman­seite.
Wir fragen uns: Wo ist Carax abge­blie­ben? Wird er irgend­wann noch­mals in der Ge­schich­te auf­tau­chen? Oder ist er doch nichts ande­res als ein Alter Ego einer ande­ren Iden­ti­tät sei­ner Roman­figu­ren? Ein Schemen, ein Irr­licht?

Mauricio Valls

Doch sehen wir einmal von aber­wit­zigen Andeu­tungen ab. Denn schließ­lich hat Ruiz noch andere, unschwer zu inter­pre­tie­rende Spu­ren gelegt. In Fer­míns dunk­ler Ver­gan­gen­heit spielte eine der tra­gen­den Rol­len ein Empor­kömm­ling namens Mauri­cio Valls. Der war in den Drei­ßi­gern Gefäng­nis­direk­tor auf Mont­juic und die per­soni­fi­zierte Qual vie­ler der dama­li­gen Häft­linge. Spä­ter wurde Valls zum ein­fluss­rei­chen Poli­ti­ker und mischt nun, in der Roman­gegen­wart, aus bis­lang unbe­kann­ten Grün­den in Daniel Sem­pe­res Pri­vat­le­ben mit.

Der Roman endet am Grab Isa­bella Sem­pe­res, dem Daniel mit sei­nem Sohn einen Besuch abstat­tet. Dabei zer­bricht ver­sehent­lich eine kleine Engels­fi­gur – ein Schelm, wer dabei an den Teu­fel Corelli denkt – und gibt eine Notiz frei, auf der Daniel die Adresse von Mauri­cio Valls ent­deckt.

Der Friedhof der Vergessenen Bücher

Der Friedhof kommt in diesem Roman­band ziem­lich kurz. Tat­säch­lich schleppt Daniel sei­nen Freund Fer­mín erst im fünf­ten Teil am Vor­abend vor des­sen Hoch­zeit dort­hin. Doch immer­hin erge­ben sich aus die­sem Besuch zwei wei­tere lose Enden der Ge­schich­te.

Zum einen erfah­ren die bei­den Freunde von Isaac Mon­fort, dem Hüter der ver­bor­ge­nen Bib­lio­thek, dass David Mar­tín mit­nich­ten tot oder unrett­bar dem Wahn­sinn ver­fal­len ist. Viel­mehr hatte Mar­tín erst kürz­lich ein Manu­skript sei­nes Romans Das Spiel des Engels auf dem Fried­hof depo­niert.
Es stellt sich auch heraus, dass Mar­tín Namens­ge­ber für den vor­lie­gen­den Roman­band ist: Er ist der „Gefan­gene des Him­mels“, womög­lich in einer Anspie­lung auf seine psy­chi­sche Ent­wick­lung; er drohte näm­lich, den Ver­stand zu ver­lie­ren, wäh­rend er seine Engels­ge­schich­te zu Papier brachte. Zumin­dest im Spa­ni­schen kann man einen Gefan­ge­nen des Him­mels durch­aus als liebe­voll umschrie­be­nen Wahn­sin­ni­gen ver­ste­hen.
Oder/und darf man diese Him­mels­gefan­gen­schaft gar als Anspie­lung auf David Mar­tíns Abhän­gig­keit vom gefal­le­nen Engel/Teu­fel Andreas Corelli inter­pre­tie­ren? Car­los Ruiz Zafón liebt der­lei Wort- und Gedan­ken­spie­le­rei, mit der er die Fan­ta­sie sei­ner Leser­schaft aufs Äußers­te stra­pa­ziert.
Wo oder was ist also dieser David Mar­tín?

Und last but not least wird zwar ange­deu­tet, bleibt aber letzt­lich offen: Wird Fer­mín den alten Isaac beer­ben und zum neuen Hüter des Fried­hofs der Ver­gesse­nen Bücher avan­cie­ren?

Der Gefangene des Himmels – Ein Übergangsroman

Mit dem Gefan­ge­nen des Him­mels hat der Autor ein lite­rari­sches Bin­de­glied geschaf­fen. Ein Bin­de­glied zwi­schen den bei­den Vor­gän­gern und dem anste­hen­den Schluss­punkt in Form einer vier­ten Roman­folge. Einen klas­si­schen Über­gangs­roman also, so wie etwa Joanne K. Row­ling sechs Jahre zuvor ihren Halb­blut­prin­zen. – Ein­mal Atem holen vor dem Show­down.

Zumin­dest eine sinn­volle und sogar äußerst span­nende Ver­knüp­fung des bis­her Gesche­he­nen ist Ruiz mit sei­nem drit­ten Roman­band gelun­gen. Es bleibt nun abzu­war­ten, ob auch die Vor­berei­tung auf den gro­ßen letz­ten Auf­tritt geglückt ist. Wir dür­fen gespannt sein, was uns noch alles erwar­tet.

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Wem diese Buchbe­sprechung gefallen hat, wird sich viel­leicht für das Autoren­profil von Carlos Ruiz Zafón interes­sieren, das ich als Nach­ruf zu seinem Tod im Juni 2020 zusammen­gestellt habe. Darin sind auch mei­ne Rezen­sionen sei­ner ande­ren Romane ver­linkt.

Fazit:

Der Gefan­gene des Him­mels ist wie­der ein Genie­streich des Autors Car­los Ruiz Zafón. Erneut schlägt er seine Leser­schaft in Bann mit einer Mischung aus elek­tri­sie­ren­der Span­nung, über­bor­den­der Erzähl­laune und lis­tig geleg­ten Fähr­ten. Für alle, die die voran gegan­ge­nen Roman­bände gele­sen haben, ist der dritte Teil nicht nur ein Muss son­dern gera­dezu Erleuch­tung. Ob auch Lese­r¦in­nen, die die Ge­schich­ten um den Fried­hof der Ver­ges­se­nen Bücher nicht kann­ten, in glei­cher Weise ihren Spaß am vor­lie­gen­den Roman haben, weiß ich nicht. Zu viele Details bezie­hen sich sehr kon­kret oder ver­steckt auf die Vor­ge­schich­te. Wenn man über die­ses Wis­sen nicht ver­fügt, könnte die Erzäh­lung an eini­gen Stel­len unver­ständ­lich oder gar an den Haa­ren her­bei gezo­gen wir­ken.

Obwohl Der Gefan­gene des Him­mels ein wahr­lich beein­dru­cken­der Roman ist, eine wun­der­bare Erzäh­lung vol­ler Witz und Span­nung, so kommt er doch nicht an seine bei­den Vor­gän­ger heran. Und obwohl ich auch die­sen Band mit sehr gro­ßem Ver­gnü­gen gele­sen habe, lässt mir mein Algo­rith­mus zur Bestim­mung der Bewer­tung lei­der keine Wahl. Der Him­mels­gefan­gene ist knapp an vier Sternen vor­bei­ge­schrammt und bekommt drei (dicke) von den mög­li­chen fünf Ster­nen.

Carlos Ruiz Zafón:
El prisionero del cielo
| Der Gefangene des Himmels,
🇪🇸 Planeta, 2011
🇩🇪 Fischer Verlag, 2012

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