Harry Potter und der Halbblutprinz

Harry Potter and the Half-Blood Prince
Joanne K. Rowling, 2005

Die Erwartungshaltung un­ter den Fans der Ro­man­se­rie ist enorm, der Run auf die Ver­kaufs­re­ga­le schlägt al­le Re­kor­de. Al­lein schon am ers­ten Tag wur­den in den USA 6,9 Mil­lio­nen Bän­de der sechs­ten und vor­aus­sicht­lich vor­letz­ten Fol­ge ab­ge­setzt, in Groß­bri­tan­ni­en wei­te­re zwei Mil­lio­nen. Das li­te­ra­ri­sche Phä­no­men setzt die Auto­rin Jo­an­ne Row­ling un­ter Druck. Ist es ihr mit Harry Potter und der Halbblutprinz ge­lun­gen, die ge­spann­te Le­ser­schaft er­neut in den Bann der Ge­schich­te um den he­ran­wach­sen­den Zau­be­rer Har­ry Pot­ter zu zie­hen?

Be­müht hat sie sich oh­ne Zwei­fel. Zu­min­dest zu Be­ginn durch­bricht sie das Hand­lungs­mus­ter, das nach fünf Bän­den lang­wei­lig zu wer­den droh­te. Statt näm­lich der üb­li­chen Ein­lei­tung aus dem Hau­se der Durs­leys, in dem der Pro­ta­go­nist ge­lang­weilt auf den Be­ginn des Schul­jah­res war­tet, lässt Row­ling dies­mal den neu­en Mi­nis­ter für Zau­be­rei beim bri­ti­schen Pre­mier – un­ver­kenn­bar To­ny Blair – vor­spre­chen. Grund da­für sind An­schlä­ge in der Welt der nicht-ma­gi­schen Mug­gel, die der Bö­se­wicht Vol­de­mort zu ver­ant­wor­ten hat. – Ein deut­li­cher Ver­such, die Ro­man­hand­lung in das ganz rea­le, ak­tu­el­le Kli­ma der Be­dro­hung durch is­la­mis­ti­sche Ter­ror­grup­pen ein­zu­we­ben.

Im Anschluss daran fin­det sich eine Szene, in der die Mut­ter von Draco Mal­foy, dem Gegen­spie­ler Har­rys, Pro­fes­sor Snape einen Schwur abnimmt. Denn er soll ihrem Sohn wäh­rend des Schul­jah­res bei einem geheim­nis­vol­len Auf­trag bei­ste­hen. Das Gerüst für den Kon­flikt scheint zu ste­hen.

Harry Potter und der Halbblutprinz – Zur Handlung

Doch nach die­sem unge­wohn­ten Start glei­tet die Hand­lung lei­der in allzu bekannte Ver­laufs­sche­mata zurück. Harry Pot­ter been­det die Schul­fe­rien erneut bei der befreun­de­ten Fami­lie Weas­ley. Danach reist er mit dem Hog­warts-Ex­press zur Zau­berer­schule. Auch dort ver­läuft das Leben eben­falls in längst gewohn­ten Bah­nen. Krach mit Mal­foy, Ärger mit Seve­rus Snape, dem ewi­gen Drang­salie­rer Har­rys, und die übli­chen Quere­len um Quid­ditch. Natür­lich erge­ben sich auch im sechs­ten Band uner­klär­li­che Unfälle und Anschläge auf Leib und Leben eini­ger der Roman­figu­ren. So über­lebt Har­rys bes­ter Freund Ron einen Gift­an­schlag nur dank der schnel­len Reak­tion des Hel­den. Pot­ter ret­tet damit einem wei­te­ren Weas­ley das Leben.

Doch mittler­weile wir­ken die Atta­cken Vol­de­morts und sei­ner üblen Gefolg­schaft ziem­lich abge­dro­schen. Die rechte Span­nung will sich ein­fach nicht mehr ein­stel­len. Über weite Stre­cken zieht sich die Hand­lung als mat­ter Ab­klatsch frü­he­rer Aben­teuer dahin, zäh wie Kau­gummi unter der Schuh­sohle. Erst gegen Ende des Romans erhöht die Auto­rin end­lich das Tempo. Sie lässt ihren Pro­tago­nis­ten durch einen Show­down tau­meln, der inhalt­lich jedoch eben­falls kaum Über­raschun­gen bie­tet. Abge­se­hen viel­leicht von der Begeg­nung mit den leben­den Toten, den Inferi. Letzt­lich bestä­tigt der Plot nur Mut­maßun­gen der Leser­schaft.

Ein Übergangsroman

Ver­lässt Frau Row­ling ihre Inspi­ra­tion? Dies könnte man ver­mu­ten. Beim Lesen erkennt man unwei­ger­lich, dass ein Groß­teil der über sechs­hun­dert Buch­sei­ten mit ver­trau­ten, um nicht zu sagen abge­dro­sche­nen Hand­lungs­mus­tern gefüllt wur­den. Ande­rer­seits hatte die Auto­rin im vor­letz­ten der ange­kün­dig­ten Roman­folgen zwei wich­tige Auf­ga­ben zu erfül­len. Zum einen muss­ten einige offene Enden erklärt und ver­knüpft wer­den. Diese hatte sie näm­lich in den fünf voraus­gegan­ge­nen Bän­den kon­stru­iert. Und zum ande­ren musste sie die Figur des Harry Pot­ter für den letz­ten Kampf im sie­ben­ten Roman so posi­tio­nie­ren, dass er als wah­rer und ein­zi­ger Held ent­we­der trium­phie­ren oder unter­ge­hen wird kön­nen.

Die erste Auf­gabe löst Joanne Row­ling, indem sie Harrys Men­tor Dum­ble­dore sei­nen Schütz­ling – und gleich­zei­tig den Leser – über die Ver­gan­gen­heit sei­nes Wider­sa­chers Vol­de­mort auf­klä­ren lässt. Schade ist nur, dass dabei die stän­di­gen Zeit­rei­sen in Dum­ble­do­res Den­ka­rium auf die Dauer lang­wei­lig wer­den. Bes­ser zu Gesicht gestan­den hätte der Ge­schich­te, sich auf lite­rari­sche Mög­lich­kei­ten der Vari­ation zu beschrän­ken.

Ihre zweite Auf­gabe, näm­lich Harry als eigen­stän­dige Hel­den­fi­gur auf­zu­bauen, gelingt der Auto­rin durch eine Wen­dung, die längst vermu­tet wurde. Eine der wich­tigs­ten Neben­figu­ren wird im sechs­ten Roman besei­tigt. Der Kon­kur­rent kann also Potter seine unan­gefoch­tene Pro­tago­nis­ten­rolle nicht mehr strei­tig machen. Auch wenn der Todes­fall alles andere als über­ra­schend ist, befin­det sich Joanne Row­ling am Ende der aktu­ellen Folge und am Aus­gangs­punkt des Abschluss­ro­mans in einer kom­for­ta­blen Situ­ation. Sie braucht keine allzu gro­ßen Zuge­ständ­nisse an Ver­gan­gen­heits­bewäl­ti­gung mehr zu machen. Harry Pot­ter wird aus dra­mati­scher Posi­tion in ein weit offe­nes Aben­teuer star­ten kön­nen, das Row­ling wie­der viel Spiel­raum für hof­fent­lich über­ra­schende und span­nende Ideen gibt.

Harry Potter und der Halbblutprinz – Erfolgsrezept

Ein paar gute Ideen muss ich Row­ling aller­dings dann doch zu Gute hal­ten. Die Erklä­rung zu Vol­de­morts Unsterb­lich­keit zum Bei­spiel, seine See­len­spal­tung und -deponie in Trä­ger­gefä­ßen – den sechs soge­nann­ten Hor­cru­xen –, hat Poten­zial. Sie dient einer­seits dazu, Merk­wür­dig­kei­ten wie das Tage­buch des Tom Riddle aus dem zwei­ten Band zu erklä­ren, und ande­rer­seits einen Weg zum mög­li­chen End­sieg über das Böse auf­zuzei­gen.

Details zu Horcruxen anzeigen

Zu den mäch­tigs­ten und gleich­zei­tig fürch­ter­lichs­ten Zau­bern der Schwar­zen Magie gehö­ren die Hor­cruxe. Hor­cruxe sind in der Zau­berer­welt geäch­tet. Doch Harrys Leh­rer Horace Slug­horn gesteht dem Jun­gen, dass er einst Tom Riddle, alias Lord Vol­de­mort, ver­ra­ten hatte, wie man Hor­cru­xe her­stellt:

Immer wenn ein Zau­be­rer jeman­den tötet, spal­tet sich die Seele des Mör­ders für kurze Zeit in zwei Teile. Mit einem geeig­neten Zau­ber­spruch kann man dann einen der bei­den See­len­teile in einem belie­bi­gen Gefäß ein­sper­ren und dort auf­bewah­ren. Stirbt der Mörder schließ­lich irgend­wann selbst, kann der Hor­crux mit jeder Menge Schwar­zer Magie zu einer Art Wie­der­auf­erste­hung des ver­meint­lich Toten ver­wen­det wer­den.

Voldemorts Horcruxe

„Der, des­sen Name nicht genannt wer­den darf“, hatte sich nun gera­dezu selbst über­trof­fen, von sei­ner Seele ins­ge­samt sechs Stü­cke abge­spal­ten und diese in Hor­cruxe aus­gela­gert. Vol­de­mort kann also erst dann end­gül­tig ster­ben, wenn zusätz­lich zu sei­ner aktu­el­len Seele auch alle sechs ande­ren Hor­cruxe ver­nich­tet werden. Den ers­ten Hor­crux hatte Harry Pot­ter, natür­lich ohne es zu ahnen, bereits in Band zwei ver­nich­tet: den Taschen­kalen­der Tom Ridd­les.

Vier wei­tere Hor­cruxe sind der Schwarze Ring und ein Medail­lon Sala­zar Sly­the­rins, ein Becher Helga Huf­fle­puffs, ein Dia­dem Rowena Raven­claws, alles Gegen­stände aus dem Besitz von Schul­grün­dern Hog­warts. Der sechste Hor­crux schließ­lich ist in Vol­de­morts Schoß­tier­chen ein­geschlos­sen, der Rie­sen­schlange Nagini.

Und last but not least hat Row­ling noch ein aller­letzte, schreck­li­che Über­ra­schung in Petto. Denn bei sei­nem Ver­such, den Säug­ling Harry zu töten, hatte Volde­mort unbe­absich­tigt einen sie­ben­ten Teil sei­ner Seele abge­spal­ten und in Harry Pot­ter selbst ein­ge­schleust. Dies ist der Grund für die merk­wür­dige Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Wider­sa­chern. Doku­men­tiert ist diese Ver­bin­dung in einer kryp­ti­schen Weis­sa­gung Sibyll Tre­law­neys:

Der Eine mit der Macht, den Dunk­len Lord zu besie­gen;
jenen gebo­ren, die ihm drei Mal die Stirn gebo­ten haben;
und der Dunkle Lord wird Ihn als Eben­bür­ti­gen kenn­zeich­nen, aber Er wird eine Macht besit­zen, die der Dunkle Lord nicht kennt;
und der Eine muss von der Hand des Ande­ren ster­ben, denn kei­ner kann leben, wäh­rend der Andere über­lebt;
der Eine mit der Macht, den Dunk­len Lord zu besie­gen, wird gebor­en wer­den, wenn der siebte Monat stirbt.

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Auch die Kon­struk­tion einer Begräb­nis­feier in der Welt der Hexen und Zau­be­rer im letz­ten Kapi­tel gefällt mir gut. Denn selbst wenn sich Joanne Row­ling beim Ablauf an die Pro­to­kolle der nor­mal­sterb­li­chen Welt hält, ver­zich­tet sie immer­hin auf gän­gige reli­gi­öse Ele­mente. Viel­mehr ver­passt sie der Zere­mo­nie einen heid­ni­schen Schluss­punkt, der einen per­fek­ten Auf­hän­ger für erneu­ten Hän­del mit den christ­li­chen Kri­ti­kern der Roman­serie her­gibt.

Als lupen­rei­ner Über­gangs­roman ist Harry Potter und der Halbblutprinz zum Ein­stieg für Neu­linge über­haupt nicht geeig­net. Wer nicht über recht genaue Erin­nerun­gen an die fünf vor­aus­gehen­den Bände ver­fügt, ver­liert sich schon nach kur­zer Lese­stre­cke in Anspie­lun­gen, Fan­tasie­begrif­fen ohne jede Erklä­rung und einer höchst unüber­sicht­li­chen Schar an Roman­per­so­nal. Denn neben einer gan­zen Menge bekann­ter Figu­ren stellt Frau Row­ling auch einige neue Cha­rak­tere vor. Aber der Groß­teil sowohl der Alten, als auch der Neuen die­nen nur als ver­bale Orna­mente; sie alle spie­len inhalt­lich keine Rolle, wie man am Ende des Buches ent­täuscht fest­stellt.

Harry Potter und der Halbblutprinz – Zielgruppen

Für hart­gesot­tene Fans des Zau­berer­lehr­lings ist jedoch gerade diese Folge unent­behr­lich. Immer­hin erklärt sie, was der Leser schon immer über Harry Pot­ter wis­sen wollte, auch wenn die Auto­rin die erfor­der­li­chen Zen­tral­in­halte fan­ta­sie- und abwechs­lungs­rei­cher unter­füt­tern hätte kön­nen, um die Leser­schaft bei Laune zu hal­ten.

Die Ziel­gruppe der puber­tie­ren­den, mehr­heit­lich weib­li­chen Fan­ge­meinde wird zwar begeis­tert sein, wenn sich die Freun­des­gruppe um Harry mit wech­seln­den Part­nern durch die Roman­kapi­tel knutscht. Wer nicht geküsst wer­den will, erhält nach Zau­berer­art den nötigen Schubs durch Verab­rei­chen von Lie­bes­trän­ken. Auf die Dauer aber ver­mis­sen wir an der Som­mer­nachts­or­gie auf Schloss Hog­warts sha­kes­pear­sche Genie­züge. Die Knut­sche­rei wäre bes­ser auf­geho­ben in einem weit­aus preis­wer­te­ren Gro­schen­roman. Aber immer­hin habe ich mei­nen eng­li­schen Wort­schatz ohne nach­zuschla­gen aus dem stän­dig wie­der­keh­ren­den Kon­text um einen wich­ti­gen Begriff des All­tags­le­bens erwei­tern kön­nen: to snog heißt ohne jeden Zwei­fel knut­schen!

Hat Dir diese Buch­bespre­chung gefal­len? Dann inte­res­sierst Du Dich viel­leicht auch für meine Rezen­sio­nen zu den anderen sechs Harry-Potter-Romanen? Du findest sie auf meiner Autorenseite über Joanne K. Rowling.

Fazit:

Joanne Row­lings Ver­such, in ihrer Ge­schich­te gleich­zei­tig auf­zuräu­men, ihre geis­ti­gen Kin­der zu hüten und eine sprit­zige Party für die Leser­schaft zu geben, ist geschei­tert. Harry Potter und der Halbblutprinz ist zwar allen Inte­res­sier­ten als Kom­pen­dium zu den Fol­gen eins bis fünf zu emp­feh­len. Erzähl­freude und Span­nung sei­ner Vor­gän­ger jedoch ver­misse ich. Im Gro­ßen und Gan­zen wir­ken die Roman­sze­nen blass und kon­tur­los.
Die Dis­kre­panz zwi­schen For­mulie­rung und Hin­ter­grund des Roman­ti­tels ist symp­toma­tisch: Erwar­tun­gen, die an die geheim­nis­volle Figur eines „Prin­zen der Halb­blü­ter“ geknüpft wur­den, blei­ben bis zum Ende hin uner­füllt. Was es mit dem Prin­zen auf sich hat, fin­det zuletzt eine logi­sche, aber unbe­frie­di­gende, ja gera­dezu läppi­sche Erklä­rung.

Nein, Frau Row­ling, mehr als zwei von mög­li­chen fünf Ster­nen habe ich für diese Ge­schich­te nicht übrig.

Joanne K. Rowling: Harry Potter and the Half-Blood Prince
| Harry Potter und der Halbblutprinz
🇬🇧 Bloomsbury Publishing, 2005
🇩🇪 Carlsen Verlag, 2005

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