Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

Harry Potter and the Deathly Hallows | Harry Potter und die Heiligtümer des Todes
Joanne K. Rowling, 2005

Wie soll das nur gut gehen? Eine völlig unbekannte Schriftstellerin erzielt mit drei oder vier Romanfolgen um einen verwaisten Jungzauberer einen unerwarteten, grandiosen Publikumserfolg. Die Autorin wird ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrt. Sie versucht im Anschluss an den Anfangserfolg – mit Ansagen und unter selbst auferlegter Limitierung auf insgesamt sieben Bände -, das ganze munter zusammenfabulierte Tohuwabohu folgerichtig aufzulösen. Ziemlich genau zehn Jahre nach dem Beginn liegt jetzt die Nummer sieben der Serie, der angekündigte Abschlussroman vor. Mit ihrem Text steht auch Joanne K. Rowling selbst auf dem Prüfstand: Top oder Flop?

Die Meinungen des Publikums klafften weit auseinander, längst bevor Harry Potter und die Heiligtümer des Todes veröffentlicht wurde. Viele Leser bestätigten der ersten Hälfte der Romanserie hohen Unterhaltungswert. Sie bemängelten jedoch den Fortgang der Geschichte in den Bänden fünf und sechs. So manchem erschienen die Versuche der Autorin zu gestelzt, die Handlungshintergründe zusammenzuführen. Auch mir hatte der sechste Roman, Harry Potter und der Halbblutprinz, nicht gefallen.

Aber auf der anderen Seite gibt es auch die bedingungslosen Anhänger der Potterserie. Diese lassen all die Vorwürfe nicht gelten, die ganze Geschichte sei aus verschiedenen Vorlagen abgeschrieben. Und dann noch nicht einmal besonders originell zusammengemischt. Die Fangemeinde diskutiert seit Jahren im Rahmen unzähliger Internetforen jedes auch noch so unbedeutend erscheinende Detail, jeden Halbsatz. Und sie spekuliert über den weiteren Fortgang des magischen Epos.

Die Heiligtümer des Todes – Kaltblütige Autorin

Eine erkleckliche Portion Kaltblütigkeit muss man Frau Rowling attestieren. Sie hat sich vom gewaltigen Rummel um ihren Roman nicht einschüchtern lassen und eine beherzte, letzte Folge zu Papier gebracht. Es ist der Autorin tatsächlich gelungen, einen guten Teil der losen Enden der vorangegangenen sechs Bände aufzunehmen und stimmig zu verknüpfen. Darüber hinaus hat sie ein in Details überraschendes und überzeugendes Schlusskapitel verfasst.
Offensichtlich verfügt die Schriftstellerin nicht nur über Nerven aus Stahl, sondern auch noch über genügen Geschick und Zeit. Diese verwendete sie, um während ihrer kreativen Phase nebenbei auch noch die Erwartungshaltung der Fangemeinde zu nähren und zu steuern. Dazu nutzte Rowling diverse Interviews und stets geschickt aktualisierte Inhalte ihrer eigenen Internetseiten.

Ist es verwunderlich, dass man beim Lesen der Heiligtümer des Todes an einigen Stellen in der Tat Sequenzen und Auflösungen vorfindet, die bereits wenigstens zwei Jahre zuvor in öffentlicher Spekulation exakt vorweg genommen worden waren? Trefflich ließe sich nun darüber räsonieren, ob Joanne Rowling solche Ideen nachträglich übernommen hat. Oder ob es schlicht und einfach unausweichlich war, dass bei derartig vielen, unterschiedlichen Vermutungen der eine oder andere Fan zwangsläufig ins schwarze Treffen musste.

Persönlich neige ich dazu anzunehmen, dass die Autorin sich durchaus von Fanfantasien hat inspirieren lassen. – Wäre das verwerflich? Wieso eigentlich? Hätten wir es in diesem Fall nicht einfach mit einer ganz neuen Spielart von Literatur zu tun: Fan Fiction der Leserschaft steuert den Autor, oder setzt zumindest Impulse? Wäre das nicht eine interessante Variante, die allerdings nur bei extrem hoher Anteilnahme des Publikums (wie im Fall der Potterserie) funktionieren könnte.

Wie auch immer man die vorangegangenen Fragestellungen für sich persönlich beantworten mag. Festzuhalten bleibt, dass Joanne Rowling mit den Heiligtümern des Todes eine kreative und solide Abschlussarbeit angefertigt hat.

Rowlings Erfolgsrezept

Joanne K. Rowling hatte sich im sechsten Band sicher keinen Gefallen damit getan, die wichtigste Aufgabe Harry Potters und seiner Freunde zu benennen; nämlich die Suche nach den Horkruxen, also den „Seelengefäßen“ seines Widersachers Lord Voldemort. Doch sie überspielt die dadurch zwangsläufig auftretenden Längen im siebten Teil souverän. Zwar gestaltet sich die Horkrux-Suche oftmals sehr intuitiv, um nicht zu sagen vollkommen planlos. Weil aber die Autorin in den vorausgegangenen sechs Romanfolgen eine ungeheure Personaldichte aufgebaut hatte, finden sich immer genügend Gelegenheiten, spannungsgeladene Einschübe einzuflechten, ohne aufgesetzte Wirkung zu erzielen.

Zwar finden sich durchaus einige merkwürdige Ungereimtheiten in der Handlung. Wieso zum Beispiel besucht Harry Potter das Grab seiner von Anfang an so schmerzlich vermissten Eltern ausgerechnet erst in der Bedrängnis des siebenten Bandes? Das hätte jeder normal veranlagte Waise, der sich so stark wie Harry nach seinen Eltern sehnte, längst Jahre zuvor erledigt. Aber die Hetzjagd der Horkrux-Suche lässt den Leser solche kritischen Nebengedanken rasch beiseite schieben.

Unerfreuliche Längen, die Rowling im sechsten Roman erzeugt hatte, finden sich glücklicherweise nicht im gleichen Ausmaß im siebten Band wieder. So hat sie bis auf eine Gelegenheit darauf verzichtet, Begebenheiten der Vergangenheit durch erneut inflationären Gebrauch des Denkariums an die Leser heranzutragen. Kreativ lässt die Autorin stattdessen bei der Aufarbeitung der Familiengeschichte der Dumbledores die bereits bekannte Journalistin Rita Kimmkorn zum Einsatz kommen.
Und auch auf das ständige Geknutsche der Teenager in der sechsten Folge verzichtet sie dankenswerter Weise im letzten Potterband.

Die Heiligtümer des Todes – Heiligtümer oder Reliquien

Dafür nutzt die Autorin den Raum der 607 Romanseiten für wirklich neue und schlüssige Gedankengänge. Als Beispiel möchte ich zunächst die Idee der „Heiligtümer des Todes“ anführen. Anhand dieser drei sagenhaften Objekte erläutert sie in folgerichtiger und im Detail durchdachter Weise das Versagen von Voldemorts überlegener Zauberkunst und sorgt für eine überzeugende Erklärung für viele Anspielungen und Vermutungen. Zwar wirkt die deutsche Übersetzung der Deathly Hallows ein wenig gespreizt, zumal es sich bei den Gegenständen kaum um Heiligtümer handelt, wie sie der gängige Sprachgebrauch definiert. Besser wäre meiner Ansicht nach beispielsweise der Begriff „Reliquien des Todes“ gewesen. Für die Übertragungen in mittlerweile über sechzig Fremdsprachen aber kann man die Autorin nicht verantwortlich machen.

Harry Potter und der Nationalsozialismus

Einen zweiten ebenfalls gelungenen Aspekt stellt der Rückgriff auf eine Figur dar, die zuvor nur in einem Halbsatz des ersten Romans erwähnt worden war. Dort hieß es im Text einer Sammelkarte für jugendliche Zauberer, Albus Dumbledores Ruhm gründe vor allem auf seinem Sieg über den dunklen Magier Grindelwald im Jahre 1945.
Im vorliegenden Abschlussband taucht nun eben dieser Grindelwald erneut, diesmal in einer zentralen Rolle auf. Er bildet das Bindeglied zwischen längst vergessenen Aktivitäten Dumbledores, dem Gedanken der Reinblütigkeit von Magiern und den besagten „Tödlichen Reliquien“.

Durch die Figur Grindelwalds und dessen Theorien öffnet Rowling eine zusätzliche Verbindung zu den bereits bestehenden Parallelen zwischen dem Dünkel dunkler Magier und dem des Nationalsozialismus der Realität. Dies mag dem einen oder anderen als abgeschmackte Effekthascherei erscheinen. Aber im Rahmen einer derart populären Ausprägung von Jugendliteratur halte ich den Ansatz der Autorin nicht nur für verzeihlich sondern durchaus für lobenswert.

Überfrachtet wird die Geschichte dadurch jedenfalls nicht; vielmehr verdeutlicht Rowling damit einen Aspekt der Dunklen Magie, der zwar bereits in früheren Bänden angesprochen, jedoch keinesfalls unmissverständlich ausgeführt worden war. – Ich freue mich jedenfalls bereits jetzt auf die Gelegenheit, mit meinen heranwachsenden Kindern Gemeinsamkeiten zwischen Gellert Grindelwalds Weltanschauung und der der Nationalsozialisten zu führen. Muggel sind zwar keine Juden und das Zauberergefängnis Nurmengard ist nicht Auschwitz, aber die Anknüpfungspunkte sind unübersehbar. Ein Steilpass! Welch eine Chance!

Harry Potter und die Nahtoderfahrung

Unter dem gleichen Gesichtspunkt, also dem der Basisdiskussion mit vorrangig jugendlichen Lesern des Romans, möchte ich ein einzelnes, inhaltlich vom Rest der Geschichte losgelöstes Kapitel des Buches erwähnen. Im 35. Abschnitt mit dem Titel King’s Cross fügt Joanne Rowling einen Ausflug in einen Grenzbereich menschlicher Auffassungsfähigkeit in die Handlung ein.

Zweifelsohne bildet dieses Kapitel einen literarischen Höhepunkt der gesamten Folge. Es handelt sich um die Schilderung der Eindrücke und Geschehnisse, die Harry Potter an der Grenze zum Tode wahr- und aufnimmt. Für diese etwas psychedelisch anmutende, ungeheuer kraftvolle Sequenz möchte man die Autorin einfach nur begeistert herzen und küssen. Die Einbettung in die Geschichte, die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten und nicht zuletzt die intensiven Rückschlussmöglichkeiten auf unsere reale, menschliche Existenz bilden in meinen Augen den absoluten Höhepunkt des Romans.

Die Heiligtümer des Todes – Zielgruppe und Aussage

Mit diesen Überlegungen sind wir auch schon bei der Verortung der Zielgruppe des Romans angelangt. Im Gegensatz zu den ersten Bänden der Serie ist Harry Potter und die Heiligtümer des Todes sicher kein Kinderbuch. Das beweisen einerseits die angesprochenen schwergewichtigen Inhalte, die historischen Parallelen und andererseits die unbestreitbar zunehmende Häufung von Gewalttätigkeit in der Handlungsfolge.

Seit dem Verkauf der Filmrechte an Warner Brothers ist den Buchtexten eine deutliche Gewichtsverschiebung der Darstellungen in Richtung filmische Umsetzbarkeit anzumerken. Beim Lesen der Actionszenen, die von Band zu Band häufiger werden, wird immer deutlicher, dass die Autorin beim Schreiben bereits die Umsetzung auf Zelluloid im Kopf hatte. Kein Detail bleibt ausgespart, man meint förmlich, bereits das Geschehen auf der Leinwand vor sich zu sehen. Immer deutlicher mutiert das Lesebuch in Richtung Drehbuch. Wahrscheinlich ist das der Preis, den die Schriftstellerin an den Geldgeber als Zugeständnis zu zahlen hat. Das kann ich zwar verstehen, gut heißen mag ich es jedoch nicht. In dieser Hinsicht waren die frühen Romane die besseren.

Eine zentrale Aussage aber, die bereits in den Bänden eins bis sechs getroffen wurde, hat Rowling nun in Buch sieben noch einmal unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Harry Potter ist zwar der Star der Serie, aber ohne seine Freund – und das sind nicht nur Hermine und Ron – ist er hoffnungslos aufgeschmissen. Der ganze Roman ist ein gebündelter Aufruf: Pflege deine Freundschaften und setze sie nicht leichtfertig aufs Spiel. Und wenn es doch einmal gekracht haben sollte, schluck deinen gekränkten Stolz hinunter. Versuche zu retten, was zu retten ist. Denn ohne deine Freunde bist du nur ein Bruchteil deiner selbst wert.

Wie es weiter geht

Zur Handlung möchte ich jetzt, Ende August und noch fast zwei Monate vor Erscheinen der deutschen Übersetzung, nicht viel verraten. Nur so viel sei gesagt: Wie bereits im sechsten Band angedeutet, kehren Harry Potter, Ron und Hermine tatsächlich nicht nach Hogwarts an die Schule zurück, sondern begeben sich auf die Jagd nach Lord Voldemorts Horkruxen, um dessen Unsterblichkeit ein Ende zu setzen. Aber noch bevor sie all ihre Ziele erreichen, kommt es schließlich zum letzten Kampf zwischen dem bösen Dunklen Lord und Harry. – Lasst euch einfach überraschen, Joanne Rowling hat die letzte Episode mit viel Fantasie und einer Menge spannender Ereignisse gewürzt!

Es bleibt zuletzt noch die Frage nach der Weiterführung der Geschichte in möglicherweise noch zu schreibenden Bänden acht, neun, zehn …
Zwar hat Joanne Rowling im Rahmen der siebten und angabegemäß letzten Folge der letzten eigentlichen Romanzeile einen Epilog folgen lassen. Darin skizziert sie das Schicksal einiger der zuletzt überlebenden Protagonisten neunzehn Jahre nach dem (vorläufigen) Ende. Dies mag so mancher, erneuter Spekulation gewissen Einhalt gebieten. Doch die Möglichkeit, weitere Folgen nachzuschieben, besteht weiterhin. Zu viele Dinge wurden angesprochen und gerieten dann allein wegen der schieren Fülle der Ereignisse doch in Vergessenheit. Material für weitere Folgen ist zweifellos vorhanden.

Ich wünsche Joanne Rowling jedoch, dass sie die notwendige Stärke beweist, keine weiteren Serienbände mehr zu veröffentlichen. Für die gesamte, bisher vorliegende Heptalogie wäre dies ein Segen, zumal der aktuelle Abschlussband durchaus die Kraft hat, als Schlusspunkt im Raum stehen zu bleiben. Vermutlich wird es die Autorin finanziell nicht nötig haben, zusätzliche Fortsetzungen zu schreiben. Aber wer weiß schon so genau, wozu Menschen für eine Handvoll Galleonen fähig sind.

Fazit:

Ohne Zweifel stellt Harry Potter und die Heiligtümer des Todes einen unverzichtbaren Lektürebestandteil für alle Anhänger der Geschichte Joanne Rowlings dar. – Diese Bemerkung hätte ich mir allerdings sicher sparen können. Andererseits ist der Band vollkommen ungeeignet, unverständlich und wahrscheinlich langweilig für Leser, die die Serie nicht kennen. Zumindest einige, wenn nicht besser sogar alle der vorangegangenen Romane sollte man vorher schon gelesen haben. Wie also soll man einen Roman beurteilen, der sich der Einzelbetrachtung ohne Rücksichtnahme auf Vorangegangenes größtenteils entzieht? Ich habe mich vor diesem Hintergrund für eine gestaffelte Teilbewertung entschieden:

Die Potterserie mit allen Höhen und Tiefen in ihrer Gesamtheit, ohne die eine Beurteilung sinnlos wäre, bekommt eine glatte drei zugesprochen. Der siebte Band im Vergleich zu den anderen Folgen soll mir drei plus Sterne wert sein. Und der Roman an sich – nicht zuletzt dank des Kapitels 35! – hat glatte vier Sterne verdient. Das macht summa summarum und ein wenig wohlwollend aus der Fanperspektive schwache vier von fünf möglichen Sternen aus. So sei es.

Joanne K. Rowling: Harry Potter and the Deathly Hallows
Bloomsbury Publishing, 2005

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