Harry Potter und der Orden des Phönix

Harry Potter and the Order of the Phoenix
Joanne K. Rowling, 2003

Du-weißt-schon-wer hat nach zwei­jäh­ri­ger Warte­zeit den fünf­ten Band ih­rer Serie um den Zau­be­rer­lehr­ling Harry Potter ver­öffent­licht, Harry Potter und der Orden des Phönix. Mit 766 Seiten ist der neuste Teil dicker denn je, die deut­sche Aus­ga­be, die für den 8. Novem­ber ange­kündigt ist, soll sich über tau­send Sei­ten er­strecken. Die Ori­ginal­aus­gabe wurde in einer Erst­auf­lage von 13 Milli­onen Stück ge­druckt, allein in den USA ging der Roman bereits am Erscheinungstag über fünf Millionen Mal über den Verkaufstresen, der Weg zum meist ver­kauf­ten Buch aller Zei­ten ist be­schrit­ten.
Ob die Erzähl­kunst der Auto­rin aus­reichte, die ge­spann­ten Erwar­tun­gen der Fan­gemein­de zu erfüllen? Ob er gut ist, der neue Harry Potter? – Also bitte, Silen­cio!

Harry Potter und der Orden des Phönix – Einstieg in die Handlung

Nach dem Show­down im voraus­gegan­genen Teil, Harry Potter und der Feuer­kelch, in dem der Held nur knapp dem erneu­ten Mord­ver­such durch sei­nen erstark­ten Gegen­spie­ler Volde­mort ent­gan­gen war, beginnt der fünf­te Teil wie wir es seit Teil zwei gewohnt sind:
Sommer­ferien im Ligus­ter­weg, Harry unter der Fuch­tel von Onkel und Tante, ödes Vor­geplän­kel zum Zauber­start an der Hexen­schule Hog­warts. Dass es diesmal jedoch ein wenig anders lau­fen würde, wird dem Leser recht bald klar.

Was sich im vier­ten Band bereits andeu­te­te, setzt Rowling im fünf­ten konse­quent fort. Harry bleibt nicht der alters­lose Held vieler hun­der­ter Fort­set­zungs­ge­schich­ten. Er ent­wickelt sich alters­gemäß zum puber­tie­ren­den, wü­ten­den jun­gen Mann. Zwei­fel quä­len ihn. Zwei­fel an der Loya­li­tät sei­ner Freun­de, an der sei­nes Men­tors Dum­ble­dore und sei­nes Paten Black. Und nicht zu­letzt auch Zwei­fel an sich selbst.

Nach­dem der Leser auf dem bes­ten Wege ist, sich von der übli­chen Ein­gangs­passa­ge ein­lul­len zu lassen, geht auf ein­mal alles sehr schnell. Gera­de stel­len wir fest, dass Dud­ley immer noch das dum­me Ekel­paket von frü­her ist. In­zwi­schen wurde er aller­dings unter dem Kampf­namen „Big D“ zum halb­star­ken Chef einer Row­dy­bande. Da droht ein abend­licher Streit zwi­schen den Cou­sins zu eska­lie­ren. Er wird jedoch durch den Angriff zweier Demen­to­ren – ach, du Schreck, wie kom­men die denn in die Muggel­welt? – unter­bro­chen.

Der Orden des Phönix

Harry gelingt es zwar, das Leben Dud­leys zu ret­ten, der bei der Attacke aller­dings psy­chisch Scha­den nimmt. Von da an geht es Schlag auf Schlag. Die alte Nach­ba­rin der Durs­leys ent­puppt sich als Hexe. Harry wird zu­nächst vom Zau­be­rei­minis­teri­um unter An­kla­ge nicht er­laub­ter Zau­be­rei in Gegen­wart von Muggeln ge­stellt. Doch er ent­kommt eskor­tiert durch eine ganze Schar von Au­ro­ren in das Haupt­quar­tier des Or­dens des Phö­nix. In Lon­don, im Haus der Fami­lie Black, trifft er nicht nur sei­nen Pa­ten wie­der, son­dern auch seine Freun­de, die Weas­leys und Her­mine.

Dort ent­lädt sich Harrys gan­zer Frust, der sich über die Feri­en in ihm auf­ge­staut hatte. In eini­gen groß­buch­stabig gedruck­ten und da­durch als Ge­brüll gekenn­zeich­neten Streit­gesprä­chen holt Pot­ter zum Rund­um­schlag gegen alles und jeden. Im Beson­deren gegen sein Aus­klam­mern aus den Gescheh­nis­sen der Zau­be­rer­welt, die nun teil­weise den Kampf gegen den Dunk­len Lord auf­genom­men hat.
War es nicht er, Harry, der Vol­de­mort zum zwei­ten Mal ent­kom­men war? Hatte er nicht Tapfer­keit bewie­sen? Wieso behan­del­ten ihn dann alle als Außen­ste­hen­den, als Kind, lie­ßen ihn bei sei­ner Muggel­fami­lie allein?
Harrys Selbst­mit­leid, sein Miss­trauen gegen­über Ron und Her­mine mäan­dern wei­ter durch den Roman. Als das Schul­jahr beginnt und bei­de Freun­de zu Ver­trauens­schülern er­nannt wer­den, er selbst außen vor bleibt, kei­men erneut Wut und Auf­begeh­ren gegen die Unge­rechtig­keit der Erwach­se­nen­welt in ihm. Dane­ben hadert er mit der ver­meint­li­chen Gleich­gül­tig­keit, mit der ihn Dum­ble­dore zu behan­deln scheint.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Pubertierende Zauberlehrlinge

Zu puber­tären Zorn­aus­brüchen gesel­len sich auch die sons­tigen Merk­male des Er­wach­sen­wer­dens. Lange hat­te die Fan­gemein­de speku­liert. Wird Harry küs­sen? Wenn ja, wen? Wen alles? Passiert sonst noch Ero­ti­sches?

Es sei ver­raten, dass Harry Pot­ter im fünf­ten Band seine erste Freun­din findet, mit ihr aller­dings die zu erwar­ten­den Ver­ständ­nis­pro­ble­me hat: „Frauen!“, ruft er ver­ständ­nis­los nach einem Streit mit der jun­gen Frau aus.
Aber auch die ande­ren jugend­li­chen Zaube­rer und Hexen ent­wickeln sich. Ron und Her­mine labo­rie­ren an Tes­tos­teron- und Östro­gen­schü­ben, wobei die junge Miss Gran­ger dabei nicht unan­ge­nehme Züge von Aben­teuer­lust ent­wickelt. Und selbst die kleine Schwes­ter der Weas­leys, Ginny, „geht“ nun mit Jungs.

Während eines Besu­ches in der Ver­gangen­heit – man er­inne­re sich an das Denka­rium aus dem voran­gegan­genen Band – erlei­det Pot­ter den Zusam­men­bruch sei­nes hei­len Fami­lien­trau­mes. Als fünf­zehn­jähri­ger Jüng­ling ent­puppt sich sein Vater als dümm­li­cher Ego­mane, der grund­los Mit­schü­ler quält und so gar nicht dem Hel­den­bild sei­nes Soh­nes ent­spricht. Auch Sirius, der Pate, kommt in der Retro­spek­tive nicht beson­ders gut weg. Harrys Welt geht gründ­lich in die Brüche.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Dunkle Parallelen

Dies bezieht sich nicht nur auf das See­len­le­ben des heran­wach­sen­den Zau­be­rers, son­dern auch auf sein ver­meint­li­ches Zu­hause. Hog­warts gerät in die Müh­len des Zau­be­rei­minis­teriums. Minister Fudge miss­traut dem Schul­lei­ter Dum­ble­dore und instal­liert eine Auf­passe­rin, die durch ver­schie­dene Er­läs­se immer mehr Ein­fluss gewinnt. Sie ent­lässt Leh­rer, unter­sagt Harry das Quid­ditch­spiel und zwingt schließ­lich sogar Dum­ble­dore zur Flucht. Ohn­macht gegen­über staat­li­cher Auto­ri­tät ruft erneut Harrys Zorn auf den Plan. Er und seine Freunde oppo­nie­ren zunächst offen, dann im Gehei­men gegen die Groß­inqui­sito­rin von Hog­warts.

Die trei­ben­de Kraft der Erzäh­lung ent­wickelt sich in einer anfangs nur erahn­ten, spä­ter offen­sicht­li­chen Ver­bin­dung zwi­schen Potter und Volde­mort. Taten und Gedan­ken des dunk­len Herr­schers erlebt Harry in einer Art von Halb­träu­men. Dadurch gelingt es ihm zunächst, das Leben des Vaters der Weas­leys zu ret­ten. Aller­dings jagt er danach nicht nur sich selbst, son­dern auch eine ganze Schar seiner Freunde in ein fina­les Aben­teuer, das an drama­ti­scher Span­nung kaum zu über­bie­ten ist.
Warner Brothers lassen grü­ßen! Der Dis­ney-Kon­kur­rent hatte 1998 die glo­ba­len Rechte an der Marke Harry Potter für einen unge­nann­ten Betrag erwor­ben. Viele der Sze­nen im neuen Roman las­sen den Leser unwill­kür­lich an die Adap­tions­fähig­keit im Gen­re des Films den­ken. Vor allen Din­gen der Show­down wirkt, als habe die Auto­rin dabei bereits die Um­setz­bar­keit in Film­szenen im Kopf gehabt. Harry mutiert zu Luke Sky­walker, Volde­mort ist Darth Vader.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Kritische Einordnung

Musste das sein, Frau Row­ling? – Bei aller Span­nung, die zwei­fel­los im Über­fluss vor­han­den ist, gefal­len mir andere Passa­gen im Orden des Phönix bes­ser. Wie bereits in allen bis­he­ri­gen Roman­fol­gen liegt eine der stärk­sten Sei­ten der Erzäh­lung in den Beschrei­bun­gen der Gescheh­nis­se an der Schule. Den Weas­ley-Zwil­lin­gen erlaubt Row­ling, dies­mal rich­tig Schwung in den Laden zu brin­gen. Dies lässt uns über die ellen­lan­gen Sei­ten hin­weg­sehen, die unsäg­lich lang­wei­ligen Haus­auf­ga­ben gewid­met sind. Oder auf denen Her­mine wie­der ein­mal ihrem ansons­ten ziel­losen Pro­jekt zur Befrei­ung der Haus­elfen nach­geht.

Auch muss fest­gehal­ten wer­den, dass Harry Pot­ter offen­bar ein Magen­pro­blem hat. Alle Gemüts­bewe­gun­gen äußern sich stets in wahl­weise hei­ßen oder eisi­gen Klum­pen im Leib, der sich dann zusam­men­zieht oder zu rumo­ren beginnt. Ich empfehle Harry drin­gend den Besuch des St. Mungo Hospi­tals für magi­sche Krank­heiten, um einem Geschwür vorzu­beu­gen. Alter­na­tiv könnte aber auch Frau Row­ling ein Trai­ning ihrer krea­tiven Fähig­keiten bele­gen.
Beschrei­bun­gen sind sicher nicht die Stär­ke der Auto­rin. Aber eini­ge ihrer Dia­loge sind durch­aus lesens- und erin­nerns­wert. Als etwa Harry gefragt wird, wie sein erster Kuss gewe­sen sei, ant­wor­tet er in Fort­füh­rung des be­rühm­ten Rain­man Zita­tes: „Nass. Weil Sie dabei weinte.“ Darauf ant­wor­tet Ron: „Oh, so schlecht küsst du also?“ – Man kann sich das Kichern und Prus­ten unter Teen­agern welt­weit vor­stel­len, das der­ar­tige Unter­hal­tun­gen nach sich zie­hen.

Die Hinter­grund­hand­lun­gen des Romans blei­ben in man­cher Hin­sicht blass. Zum Bei­spiel wird nicht so recht klar, worin die Akti­vitä­ten des namens­geben­den Ordens des Phönix eigent­lich beste­hen. Von Missi­onen ist die Rede, von Bewa­chung. Worin aber die Missi­onen beste­hen, was bewacht wird, ist auch nach dem Schluss unklar.
Ebenso vermisste ich den Anknüp­fungs­punkt an die Pläne Dum­ble­dores aus dem vier­ten Teil. Pro­fes­sor Snape sollte Volde­mort aus­spio­nie­ren; dies erwähnt der Lehrer zwar, darin erschöpft sich seine Aktivität jedoch schon. Auch den ange­kün­dig­ten Besuch Hagrids bei den Rie­sen benutzt Row­ling für schaurig film­reife, jedoch lei­der nicht ziel­füh­rende Effekte.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Die Moral von der Geschicht‘

Was nun die Moral der Ge­schich­te anbe­trifft, muss sich der Leser schon fra­gen, ob das Geschrie­bene ernst gemeint sein soll. Bestän­dig wird Harry zum Wah­ren der Dis­zi­plin aufge­for­dert, mit sei­nem Geist solle er sie­gen. Ande­rer­seits soll die Tat­sache, dass er ange­sichts des Todes einer ihm sehr nahe ste­hen­den Per­son Schmerz füh­len kann, seine größte Stärke sein. Schließ­lich lernt Harry am Ende des Buches, dass das Band des Blu­tes der stärk­ste Schild sei. Des­halb habe er wäh­rend der unter­richts­frei­en Zeit stets bei den Durs­leys leben müs­sen.

Derart schwül­stige Aus­wüchse gip­feln in der Prophe­zeiung, die Pot­ter seit sei­ner Geburt mit Volde­mort verbin­det und die einen Grund für die Verfol­gung des Hel­den durch den Dunk­len Lord liefert:

„… und einer muss von der Hand des anderen ster­ben, denn kei­ner von bei­den kann leben, wäh­rend der andere am Leben bleibt.“

Es kann nur einen geben! Liegt es am schotti­schen Blut der Auto­rin, dass man dabei unwei­ger­lich an Sean Connory, Christopher Lambert und den High­lander den­ken muss?

Über­haupt ver­dich­tet sich der Ein­druck beim Lesen der neus­ten Folge, dass Row­ling so eini­ges zwar nicht gerade abge­schrie­ben, aber zumin­dest als Impressi­onen andern­orts geborgt hat. Zur bereits bekann­ten Paral­le­le zwi­schen Pot­ter/Volde­mort und Sky­walker/Vader gesel­len sich der High­lander, der Rain­man, sowie noch ein paar wei­tere bekannte Sze­nen. Wenn etwa die Drachen­pferde beschrie­ben wer­den, die die Kut­schen von Hog­warts zie­hen, denkt man rasch an die schwar­zen Rös­ser der Ring­geis­ter aus Tol­kiens Herrn der Ringe.

Wem diese Buchbesprechung gefallen hat, interessiert sich vielleicht auch für meine Rezensionen von Harry Potter und der Halbblutprinz oder Harry Potter und die Heiligtümer des Todes.

Fazit:

Bei aller Kritik am Orden des Phönix sei hin­zu­ge­fügt, dass der Roman trotz­dem hinunter­geht wie But­ter. Spätes­tens nach der ers­ten Hälfte sind Lese­un­ter­bre­chun­gen nicht nur uner­wünscht. Fremd­ein­wir­kung wird schlicht und einfach igno­riert. Das emp­fun­dene Lese­ver­gnü­gen ist verant­wort­lich dafür, dass Joanne K. Row­lings letz­tes Werk immer­hin noch drei von fünf mög­li­chen Ster­nen erhält.

Wir blei­ben gespannt drauf, wie die Auto­rin das Epos aus Blut­ban­den, Weis­sagun­gen, arischen Rein- und mugge­ligen Schlamm­blü­tern in den bei­den noch aus­ste­hen­den Bän­den auf­lösen wird.

Joanne K. Rowling:
Harry Potter and the Order of the Phoenix | Harry Potter und der Orden des Phönix

🇬🇧 Bloomsbury Publishing, 2003
🇩🇪 Carlsen Verlag, 2003

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