Rot ist mein Name

Rot ist meine Name
Orhan Pamuk, 2001

Wie ein Mär­chen aus Tausend­und­eine­nacht beginnt der Roman des Nobel­preis­trägers von 2006, Orhan Pamuk, und zieht den Leser mühe­los zurück in die Ver­gangen­heit. Wir fin­den uns ein im mittel­alter­lichen Istan­bul, in der Gesell­schaft von Hod­schahs, osma­nischen Buch­illustra­toren, von Koran­suren, Padi­schahs und Wesi­ren.

Strukturell als Kriminal­roman angelegt, beleuch­tet die Geschich­te den Glaubens­konflikt zwischen östli­chen und westli­chen Grund­sätzen aus dem Blick­winkel der Buch­malerei. Aktueller kann derzeit kaum ein Thema sein.

Was ist passiert? – Einer der Meister­illustra­toren am osmani­schen Hof von Istan­bul wird erschla­gen am Grunde eines trocke­nen Brunnens aufge­funden. Zeit­gleich kehrt der Welten­bummler Kara in die Stadt am Bospo­rus zurück. Er hat die Ab­sicht, um seine verwit­wete Jugend­liebe, die schöne Seküre, zu wer­ben.

Rot ist mein Name – Zur Handlung

Der Sultan hatte Seküres Vater beauf­tragt, zusam­men mit des­sen Meister­illustra­toren zehn Buch­blätter zu schaf­fen. Zum islami­schen Jahr ein­tausend soll­ten diese Blätter dem Dogen von Vene­dig als Demon­stration der osmani­schen Macht und Herr­lich­keit über­geben werden. Der gehei­me Auftrag ist aus islami­scher Sicht gottes­läster­lich, denn der Gebrauch von Perspek­tive und portrait­hafter Genauig­keit wider­spricht dem Grund­satz des Bilder­verbotes. Bild­hafte Darstel­lung aus Sicht der Menschen ist unter­sagt, Illustra­tion hat stets unab­hängig von Zeit und Raum die Sicht Allahs wieder­zu­geben.

Der Rest des Kriminal­falls ist rasch erzählt: Nach­dem schließ­lich auch Seküres Vater ermor­det wird, iden­tifi­ziert Kara mit Hilfe des Groß­meisters der Illustra­toren den Täter aus dem Kreis der Buch­maler­werk­statt auf Grund eines Bilder­details. Der Mörder flieht. Doch Hassan, einer der eifer­süchtigen Ver­ehrer Seküres, ent­hauptet ihn, bevor er sich abset­zen kann.

Rot ist mein Name – Bewertung

An dieser Stelle möchte ich meine ein­zige nega­tive Stellung­nahme zum Buch von Orhan Pamuk anbrin­gen. Der krimi­nalisti­sche Anteil des Werkes und seine Lösung sind näm­lich mehr als dürf­tig gehal­ten. Die Span­nung, wer denn nun der Doppel­mörder ist, hält sich in engen Gren­zen.

Doch der Reiz des Romans liegt an einer ganz ande­ren Stelle. Über­rascht wird der Leser von Anfang an durch die bild­hafte, orien­tali­sche Erzähl­weise des Autors. Beim Barte des Prophe­ten, so lust­voll habe ich noch keine Lek­türe begon­nen!
Kontrastierend zum blumen­reichen Voka­bular stehen die merk­würdig kühlen Erzäh­lungen der handeln­den Personen, die Schmerz oder Gefühle zwar schil­dern, sie aber nicht greif­bar machen. Da schil­dert etwa gegen Schluss der geköpfte Mörder gerade­zu teil­nahms­los die Gescheh­nisse:

„Daß der Kopf ab war, merkte ich an den beiden selt­sam schwan­kenden Schritten, mit denen sich mein armer Rumpf von mir ent­fern­te, an dem dummen Ge­schauk­le des Dolches, an der Art, wie mein Kör­per zu Boden fiel, und an der Blut­fontäne, die ihm ent­sprang. Meine armen, von selbst weiter­laufen­den Füße stram­pelten sich vergeb­lich ab wie die zappeln­den Hufe eines ster­benden Pferdes.“

Erfolgsrezept

Derlei überraschende Schil­derun­gen und Perspek­tiven sind über­haupt eines der Marken­zeichen des Romans. Jedes der 59 Kapitel ist aus Sicht eines der Teil­nehmer der Geschich­te geschrie­ben. Zu Wort melden sich jedoch nicht nur Illustra­toren, Hausierer­innen und Haus­diener, die Haupt­personen Seküre und Kara, oder der Mörder. Das erste Kapitel bereits wird aus dem Jen­seits, aus Sicht des erschla­genen Buch­malers erzählt. Darü­ber hinaus darf auch ein Straßen­köter berich­ten und gar die Farbe Rot ihre Stimme erhe­ben.

Auf diese eigen­tümliche Art und Weise wird die eigent­liche Geschich­te des Romans wie neben­bei erzählt. Als ob er stets neben den handeln­den Perso­nen stünde, erfährt der Leser alles über das Leben in den osma­nischen Buch­maler­werk­stätten, über Meister­illustra­toren, ihre Techni­ken, ihre Themen und über das Schick­sal ihrer Werke. Man liest über die Themen der Zeit, etwa den verru­fe­nen Besuch von Kaffee­häusern, religi­öse Eife­rer und Kriegs­führung. Wie selbst­verständ­lich werden histo­rische Verhaltens­weisen einge­woben, zum Bei­spiel das Schick­sal von Krieger­witwen, der Vor­gang der Braut­werbung, Knaben­liebe, oder Folter als all­gemein anerkann­tes Verfah­ren zur Wahr­heits­findung.

Hauptthema aber bleibt stets die Buch­malerei. Von Behzat und den ande­ren legen­dären Meistern von Herat ist die Rede. Vom Erblin­den der Meister­illustra­toren, die ihre Darstel­lungen aber dennoch in gleich bleiben­der Detail­treue weiter­malen konnten. Denn jeder Strich war ja über Jahr­zehnte einstu­diert, perfektio­niert und wieder­holt worden. Immer wieder kommen die einzel­nen Erzäh­ler auf das Thema zu spre­chen, und so baut sich durch­aus verständ­lich die Diskre­panz zwischen östli­cher und westli­cher Darstellungs­kunst vor den Augen des Lesers auf. Die Leser­schaft kann nach­voll­ziehen, warum einer­seits der Stil der fränki­schen Meister verpönt war, aber anderer­seits sowohl Illustra­toren, als auch ihre Auftrag­geber nicht vom westli­chen Stil lassen woll­ten.

Rot ist mein Name – Lohnende Lektüre

Nebenbei finden auch Machen­schaften, Intri­gen, Liebe und Sex Raum in Pamuks Roman. Die ganze Ange­legen­heit wird dem Leser gewiss nie zu trocken. Ich gebe jedoch zu, dass ich strecken­weise Schwierig­keiten hatte, ein­zelne Passa­gen zu über­winden. Wenn etwa zum x-ten Mal über Fein­heiten illustra­tiver Ausle­gung die Rede war, wurden mir die Augen­lider manch­mal schwer. Das Buch ist in klei­ner Schrift eng gesetzt und um­fasst über 550 Seiten.

Es sei aller­dings betont, dass sich auch die Durst­strecken gelohnt haben. Der Autor ver­steht es, immer wieder Akzen­te zu setzen, die den Leser zum Weiter­denken anregen. – Eines dieser Details findet sich auf der letz­ten Seite des Romans, auf der die schöne Seküre über einen ihren bei­den Söhne spricht:

„Weil es unmög­lich sein wird, diese [meine] Geschich­te zu malen, habe ich sie meinem Sohn Orhan erzählt, damit er sie viel­leicht auf­schreibt. […] Er ist reiz­bar, lau­nisch und unglück­lich wie immer und hat keine Angst, denen Un­recht zu tun, die er nicht mag. Des­wegen dürft ihr Orhan nicht glau­ben […]. Denn es gibt keine Lüge, die er nicht spin­nen würde, um seine Geschich­te hübsch und glaub­haft zu gestal­ten.“

Frau Seküre, ganz offen­bar ist ihm das voll und ganz gelun­gen, eurem fast fünf­hundert­jährigen Sohn Orhan!

Fazit:

Wer einen Kriminal­roman erwartet, der ist mit Rot ist mein Name schlecht bera­ten. Doch wer sich in die Welt mittel­alter­licher Buch­illustra­tion verset­zen lassen, wer das schil­lernde Leben Istan­buls im sech­zehnten Jahr­hundert nach­voll­ziehen möchte, dem sei unbe­dingt zur Lek­türe gera­ten. Die vollen fünf Sterne hätte zumin­dest dieser Teil auf jeden Fall verdient, insge­samt sind es immer­hin noch vier geworden.

Orhan Pamuk: Rot ist mein Name
Carl Hanser Verlag, 2001

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