Ein plötzlicher Todesfall

Joanne K. Rowling, Ein plötzlicher Todesfall, 2012
Joanne K. Rowling, 2012

Oder: Harry Potter, Teil 8? – Der neue Ro­man von Jo­anne Row­ling wird von den Re­zen­sen­ten der Li­te­ra­tur­sze­ne recht ein­hel­lig als miss­glück­ter Ver­such eines Gen­re­wech­sels, als nice try be­lä­chelt. Mich wun­dert, dass bis­lang nie­mand die Pa­ral­le­len zwi­schen der Pot­ter­se­rie und Ein plötzlicher Todesfall be­leuch­tet hat. Da­bei lie­gen doch eben die­se Pa­ral­le­len so na­he. Hat nicht die Auto­rin ein­fach das Grund­re­zept der Pot­ter­ge­schich­te in die Rea­li­tät über­tra­gen?

Die Hand­lung der Ge­schich­te ist schnell um­ris­sen: In einer klei­nen aber fei­nen süd­eng­li­schen Ge­mei­nde ver­stirbt ein Ge­mein­de­rat, der sich ve­he­ment für ein Un­ter­schich­ten­vier­tel und eine Dro­gen­kli­nik ein­ge­setzt hat­te. In der Fol­ge ent­brennt ein Macht­kampf zwi­schen des­sen lo­kal­po­li­ti­schen Er­ben und den streng kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten im Rat, die die So­zial­brenn­punk­te los­wer­den wol­len. Die­ser Macht­kampf wird un­er­war­tet be­ein­flusst von den ju­gend­li­chen Kin­dern der er­wach­se­nen Ak­teu­re.

Na­tür­lich fragt sich die Le­ser­schaft – zu­nächst ein­mal zu Recht -, was die­ser Plot mit Har­ry Pot­ter zu tun ha­ben soll. Zur Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge stel­le ich einen In­ter­pre­ta­tions­an­satz in den Raum: Jo­anne K. Row­ling hat das ge­sam­te Sze­na­rio der Bän­de eins bis sie­ben samt Per­so­nal aus der Zau­be­rer­welt her­aus­ge­ris­sen und in den Kon­text der ak­tu­el­len rea­len Welt ge­stellt. Und dort zieht sie die einst reiz­volle magi­sche Ge­schich­te ins Grobe, ins Vul­gäre. Wie es wohl gewe­sen wäre, wenn alle Figu­ren der Pot­ter­romane nur ihre häss­lichs­ten Sei­ten gezeigt hät­ten?

Ein plötzlicher Todesfall – Harry Potter – ganz ohne Magie?

Recht ein­fach erkenn­bar und ein­leuch­tend ist diese These unter Berück­sich­ti­gung der regio­na­len Aspekte. Aus der Zau­berer­schule Hog­warts wird die Gesamt­schule Winter­down, aus der Umge­bung des pot­ter­schen Schul­schlos­ses sowie Little Whin­ging, Harrys Hei­mat­ort, wird die nicht min­der male­ri­sche Gemeinde Pag­ford, die über eine impo­sante Abtei­ruine ver­fügt. Diese spielt zwar inhalt­lich keine Rolle im Roman, erhebt sich jedoch wie die Ruine des Schlos­ses Hog­warts majes­tä­tisch über die Ort­schaft. An Winter­down wird übri­gens nicht Quid­ditch gespielt son­dern geru­dert.

Die Lehrerschaft an Winterdown

In Hin­sicht auf das Per­so­nal der Romane sind eben­falls einige unüber­seh­bare Paral­lelen erkenn­bar. Gleich auf Seite drei von Ein plötzlicher Todesfall erfüllt der Gemein­de­rat Barry Fair­bro­ther das Ver­spre­chen des Buch­ti­tels und stirbt. Im Laufe des Tex­tes erfährt die Leser­schaft, dass die­ser „Bru­der Gerecht“ dazu neigte, stets nur das Posi­tive in sei­nen Mit­men­schen zu sehen und alles in sei­nen Kräf­ten Ste­hende zu tun, den Schwa­chen zur Seite zu ste­hen, selbst wenn dies seine unmit­tel­bare Umge­bung nicht zu schät­zen weiß.

Leider kann Barry nun sei­nen Schütz­lin­gen auf den rest­li­chen 570 Roman­sei­ten todes­be­dingt nicht mehr hel­fen. – Woher ken­nen wir das? Wel­cher Cha­rak­ter der Harry-Pot­ter-Serie wird hier auf­genom­men? Unver­kenn­bar ist das Pro­fes­sor Albus Dum­ble­dore, Pot­ters Men­tor, der seine Schü­ler sogar im Ange­sicht sei­nes eige­nen Todes unter­stützte. Genau die­ses Ver­hal­ten wirft Fair­bro­thers Witwe auch ihrem Ehe­mann vor.

Neben Fair­bro­ther steht die Ver­trau­ens­leh­re­rin Winter­downs, Tessa Wall, die an Pro­fesso­rin McGona­gall erin­nert und deren Ehe­mann Colin, stell­ver­tre­ten­der Schul­direk­tor, Züge eines para­noi­den, durch­gedreh­ten Seve­rus Snape trägt.

Harry, Hermine und Malfoy

Apro­pos „durch­ge­dreht“. Natür­lich sind die Per­so­nen im neuen row­ling­schen Roman keine Abzieh­bil­der des Pot­ter­perso­nals. Bei allen Figu­ren neu hinzu kom­men per­sön­li­che Schwä­chen; sie sind unsi­cher, inkon­se­quent, selbst­süch­tig, oder haben gar Dreck am Ste­cken. Sie lei­den am Leben und am meis­ten unter sich selbst. Das gilt sowohl für die Erwach­se­nen als auch für die Jugend­li­chen.

Die Her­mine Gran­ger des neuen Romans heißt wahr­schein­lich Sukh­vin­der Jawanda, die aller­dings auch die depres­si­ven Züge eines Neville Long­bot­tom trägt. Sie stammt aus Pakis­tan und lei­det unter den Gemein­hei­ten ihrer Mit­schü­ler der­art, dass sie Erleich­te­rung nur darin fin­det, sich zu rit­zen. Ihr gna­den­lo­ser Gegen­spie­ler – wer denkt dabei an Draco Mal­foy? – heißt Stuart „Fats“ Wall.

Inte­res­sant ist, dass die­ser Fats mit einer gewisse Krys­tal Wee­don schläft, die ihrer­seits ein­deu­tige Kan­dida­tin für die Rolle des Harry Pot­ter ist: genauso auf­brau­send und den­noch selbst­si­cher. Hier schließt sich dann der Kreis: Krys­tals Men­tor war Dumble­dore, äh Fair­bro­ther, und das Mäd­chen ver­sucht den gan­zen Roman hin­durch, sich ohne des­sen Hilfe gegen die Unge­rech­tig­kei­ten des Lebens zur Wehr zu set­zen. Ob ihr das letzt­lich gelingt, will ich hier nicht ver­ra­ten.

Ein plötzlicher Todesfall – Das Leben ist böse

Wenn man sich auf diese Sicht­weise ein­lässt, fin­det man im Laufe der Lek­türe noch wei­tere Paral­le­len und Ins­pira­tio­nen aus der Pot­ter­welt. Frau Row­ling hat ihr Per­so­nal aus der fik­ti­ven und kli­nisch steri­len Zau­ber­er­welt in die Wirk­lich­keit gera­dezu hinein­geschleu­dert. Wen wun­dert es, dass die Figu­ren mit den har­ten Bedin­gun­gen der moder­nen Rea­li­tät nicht beson­ders gut zurecht kom­men?

Die Auto­rin langt aber auch ziem­lich gna­den­los zu. Wer nicht schon zu Beginn des Romans mit sich selbst oder sei­ner Umge­bung hadert, der bekommt garan­tiert im Laufe der Hand­lung sein Fett weg. Ech­tes und anhal­ten­des Glück gibt es nicht in der grauen Welt im pit­tores­ken Pad­ford.

Lord Voldemort

Und genau an die­ser Stelle sind wir auch bei einer Frage ange­langt, die der miss­traui­sche Pot­ter­fan sicher schon seit Beginn mei­ner Offen­ba­rung gedank­lich umher­wälzt: Wo bleibt denn eigent­lich Vol­de­mort?

Ganz ein­fach. Vol­de­mort ist eben­falls in der Rea­li­tät unse­rer Gegen­wart unter­ge­taucht und offen­bart sich im Umgang Jugend­li­cher und Erwach­se­ner mit Alko­hol, Mari­huana und Heroin. Oder in der Gefühls­kälte, die zwi­schen den Gene­ratio­nen, zwi­schen den sozia­len Schich­ten, zwi­schen „Einge­bore­nen“ und Migran­ten herrscht.

Er perso­nifi­ziert sich mal hier mal da, zum Bei­spiel in der Figur des Dro­gen­dea­lers Obbo, der jede Schwä­che sei­ner Mit­spie­ler ohne mit der Wim­per zu zucken aus­nutzt, der Lei­den und Tod sät und dabei wie der Wind auf­taucht und wie­der ver­schwin­det. Vol­de­mort mani­fes­tiert sich in einem Pädo­phi­len, der sich selbst für seine Gefühle hasst, oder im Oppor­tunis­ten, der mit­nimmt, was er bekom­men kann, dabei aber kei­ner­lei Unrechts­bewusst­sein hat.

Ein plötzlicher Todesfall – Formsache

Formal auf­fäl­lig ist, dass sich Row­ling eines rüden Tones befleißigt, den man von ihr nicht gewohnt ist und der mich an die Feuchtgebiete von Char­lotte Roche oder Axo­lotl Road­kill von Helene Hege­mann erinnert hat. Die all­gegen­wär­tige Hips­ter-Begrü­ßungs­for­mel „Was geht?“ macht den Anfang, der zügel­lose Umgang mit Bru­tali­tät, Gemein­heit und Sex springt dem Leser auf jeder Buch­seite ent­ge­gen. Es wird gefickt, dass die Bett­fe­dern knar­zen und die Gebüsche wogen, egal ob – ich bitte um Ver­zei­hung – die Fotze feucht oder tro­cken ist.

„Rein­zukom­men ist schwe­rer, als ich dachte“, sagte Fats, und Andrew lauschte gebannt, wollte fast lachen, fürch­tete aber, ihm würde etwas von den wich­ti­gen Ein­zel­hei­ten ent­ge­hen, die Fats ihm lie­fern konnte. „Sie war feuch­ter, als ich es ihr mit den Fin­gern gemacht hab.“
(Seite 202)

Viel Hoff­nung auf ein Happy End macht uns Row­ling nicht. Je wei­ter die Roman­hand­lung voran schrei­tet, desto unüber­sicht­li­cher und ver­fah­re­ner wird die Gesamt­situa­tion. Und ob der abseh­bare Show­down wenigs­tens die eine oder andere Figur zur Läu­te­rung führt, bleibt abzu­war­ten.

~

Hat Dir diese Buch­bespre­chung gefal­len? Dann inte­res­sierst Du Dich viel­leicht auch für meine Rezen­sio­nen zu den sie­ben Harry-Pot­ter-Roma­nen? Du fin­dest sie auf mei­ner Auto­ren­seite über Joanne K. Row­ling.

Fazit:

Die Ge­schich­te liest sich flüs­sig und bleibt von Anfang bis Ende eini­ger­ma­ßen span­nend. Man muss sich jedoch fra­gen, ob die Auto­rin die Paral­le­len zu ihrer Erfolgs­se­rie bewusst einge­baut hat, oder ob sie man­gels schrift­stel­leri­scher Mit­tel schlicht­weg nichts voll­stän­dig Neues her­vor­brin­gen konnte. Ich neige dazu, Frau Row­ling zu unter­stel­len, ihren ach­ten Roman absicht­lich als Trans­posi­tion der Pot­ter­reihe ange­legt zu haben. Als Pro­jekt­ion der erfolg­rei­chen magi­schen Roman­se­rie auf unsere gna­den­lose Rea­li­tät.

Des­halb ist mir Ein plötzlicher Todesfall auch drei von mög­li­chen fünf Ster­nen wert.

Joanne K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall
Carlsen Verlag, 2012

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