
Der Eklat ist der dritte Roman des in Bonn lebenden Schriftstellers Dennis Kornblum (45). Zentrale Figur der Geschichte ist ein Autor namens Jascha Wrobel. Jascha leidet ebenso wie sein Erfinder Kornblum selbst an der neuronalen Entwicklungsstörung des Asperger-Autismus, also an Schwierigkeiten bei sozialer Interaktion und Kommunikation. Der Romantext ist das minutiöse Protokoll einer von Streit, gegenseitigen Vorwürfen und zunehmender Wut geprägten Entwicklung. Diese Entwicklung eskaliert in einer Gewaltorgie Wrobels während einer live ausgestrahlten TV-Talkshow, im titelgebenden „Eklat“. – Ein Protokoll gesellschaftlicher Spaltung, zunehmend persönlich werdender Fehden, Herabwürdigungen und Provokationen. Keines der Reizthemen unserer Zeit wird ausgeklammert.
Was ich in der Einleitung als „Protokoll“ bezeichnet habe, sind wechselnde Zwiegespräche zwischen zwei Anwesenden während des Eklats oder aber Erinnerungen Wrobels selbst. All diese Romanpassagen finden im Nachgang zu dem Gewaltexzess statt. Es handelt sich also um retrospektive Betrachtungen, die die Entwicklung illustrieren und Wrobels Tat erklären sollen, insgesamt um ein bestürzendes Zerrspiegelbild unserer realen Debattenkultur. Tatsächlich findet Wrobels gewalttätiger Ausraster erst auf Seite 214 der 228 Buchseiten statt, auch wenn zuvor immer wieder von der „ungeheuerlichen Tat“ geraunt wird und diese wie ein Damoklesschwert über der Lektüre schwebt.
Worum es geht
Jascha Wrobel verbrachte an die zwanzig Jahre, bis zu seinem neununddreißigsten Lebensjahr, in Wohnheimen für psychisch beeinträchtigte Personen. Eine Asperger-Diagnose wurde später in Zweifel gezogen. Schließlich ließ er sich von seiner türkischstämmigen Betreuerin und baldigen Ehefrau Ebrar Aydın überreden, dem betreuten Wohnheim den Rücken zu kehren. Ebenfalls nach Ermunterung durch Ebrar begann Jascha schließlich, seine schriftstellerischen Ambitionen weiterzuverfolgen.
Der literarische Werdegang Jascha Wrobels
Nach zwei frühen, wenig beachteten Romanveröffentlichungen im Selbstverlag veröffentlichte Wrobel 2020 seinen dritten Roman mit dem Titel Auf einer Wellenlänge unter der Ägide eines Publikumsverlags. Darin geht es um die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen einem Klimaaktivisten und einem AfD-Mitglied. Der Roman landete – zumindest in der Geschichte – auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Einige Jahre danach erschien sein vierter Roman. Sechs Fäuste für Greta ist eine Satire auf den Klimaaktivismus. Diese Veröffentlichung wurde bereits zwiespältig aufgenommen. Sein fünfter Anlauf wurde 2021 unter dem Titel Angesteckt gleich Angezündet verlegt. Er verkaufte sich in sechsstelliger Auflage, ein veritabler kommerzieller Erfolg.
Seine zum Zeitpunkt der Romanhandlung aktuelle, sechste Veröffentlichung trug den lautmalerischen Titel Woke Wellen des Widerspruchs. Sie soll 2024 immerhin auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gestanden haben. Darin stellte Jascha Wrobel die öffentlich-rechtlichen Medien als ein Art „Massenverblendungsapparat“ dar, als eine „Meinungsmachmaschine“, die „der Bevölkerung bestimmte Denkmuster“ aufdrängen will. (Zitate Seite 76.)
Parallelen zwischen Jascha Wrobels und Dennis Kornblums eigener literarischen Entwicklung sind wenigstens bis hierhin unübersehbar. Auch Kornblum veröffentlichte bisher zwei thematisch nicht weit von Wrobels entfernte Romane im Selbstverlag, Die Goldene Ananas und Martin Hais – Generation Z. Und nun liegt sein dritter Roman vor, der diesmal im KUUUK-Verlag erschienen ist.
Eskalation und „der Eklat“
Spätestens zur Zeit der Geschehnisse gilt Jascha Wrobel als kontroverser Kritiker von Werten, die in der deutschen Gesellschaft generell als gültig angesehen werden. Denn er zieht Gendergerechtigkeit in Zweifel, die Abschaffung des Paragraphen 218, die Corona-Maßnahmen, Waffenlieferungen an die Ukraine und die Auswirkungen der Klimakrise. Ist Wrobel womöglich ein rechtspopulistischer Autor geworden? Ohne jeden Zweifel halten ihn viele zumindest für polemisch und ausgesprochen provokationswillig. Aber genau deswegen ist er gerne geladener Gast in Talkshows.
Wrobel selbst sieht sich durch Kritiker¦innen mehr und mehr irritiert:
„Es war nahezu unmöglich, das Gefühl zu beschreiben, das ich bei einigen Menschen empfand, wenn ich sie gestikulieren sah, sie sprechen hörte, dieses diffuse Misstrauen gegen ihre Aufrichtigkeit und Integrität, […] als wäre diese Empfindung ein Riesenkrake, dem immer mehr Tentakeln wuchsen, welche aggressiv um sich herum tasteten und grapschten.“
(Seite 49 f.)
Der tatsächliche Romanplot besteht aus verschiedenen Textpassagen, die ich oben als „Protokoll“ bezeichnet habe. Sie geben abwechselnd Wrobels eigene Beobachtungen wieder sowie Zwiegespräche, nämlich zwischen einem fiktiven TV-Moderator namens Dirk Götz und einem ebenfalls fiktiven ZEIT-Chefredakteur mit dem Nachnamen Hagen. Dazwischen eingestreut finden sich zusätzlich noch zwei Passagen mit Artikeln einer Widersacherin Wrobels, Jasmina Lorentz. Frau Lorentz wird letztlich Opfer von Wrobels angesprochener Aggression.
Über zweihundert Buchseiten hinweg steuern wir auf den „Eklat“ zu. Wir verfolgen also, wie Wrobel immer weniger souverän mit Konfrontationen in diversen Talkshows umzugehen vermag. Auch seine Beziehung zur geliebten Ehefrau Ebrar leidet heftig unter Jaschas Fixierung auf öffentliche Widersacher. Er wird dünnhäutiger und seine Wut auf Gesprächspartner wächst, bis es letztlich kracht. Aber wir erfahren auch, welchen Anteil andere an der Eskaltion haben.
Das Erfolgsrezept
Ich weiß nicht recht, was mir besser gefallen hat: Die Textpassagen, in denen sich Jascha Wrobel an die Leserschaft wendet. Oder die, in denen Dirk Götz und Herr Hagen über Wrobel sprechen. Der Wechsel der Perspektiven ist nicht immer einfach zu erkennen, manchmal benötigt man ein paar Textzeilen, um zu begreifen, aus welcher Sicht der jeweils kommende Abschnitt geschrieben ist. Diese Unklarheit empfand ich allerdings als durchaus ansprechend.
Jascha Wrobel über Jascha Wrobel
Mir gefallen diese Selbstperspektiven ausgesprochen gut. Das liegt vor allem an der sprachlichen Gestaltung durch Dennis Kornblum. Er schafft es, die Gespräche, oder soll ich sagen Geständnisse Jaschas gegenüber der Leserschaft genau in die Metrik zu setzen, die Wrobel auch von anderen zugesprochen oder an ihm kritisiert wird:
Formulierung von Sätzen geradezu ciceronianischer Länge, Kettung von Aussagen, die Wrobel in seiner wachsenden Aufregung fugenlos aneinander reiht. Die verschwenderische Verwendung von Fremdwörtern, die tatsächlich nicht im deutschen Sprachgebrauch üblich sind. Ich lese sowas einfach gerne.
Götz und Hagen über Jascha Wrobel
Aber ich muss letztlich einräumen, dass mich die Zwiegespräche zwischen Dirk Götz und diesem vornamenlosen Hagen noch mehr fasziniert haben als die Selbstbetrachtungen des Protagonisten Wrobel. Diese Passagen sind in der Tat formal nichts anderes als Gespräche in direkter Rede, ohne jeden Zwischenkommentar.
Beim Lesen dieser Abschnitte hatte ich von Anfang an und mit zunehmender Deutlichkeit zwei Personen der öffentlichen Debatte vor Augen, auf die ich gleich noch eingehen möchte.
Name Dropping und literarische Kniffe
Dennis Kornblums Romangeschichte lebt von ihrer Einbindung in unsere öffentliche Debattenwirklichkeit. Jascha Wrobel ist häufig Gast in Talkshows, an denen reale Personen unserer Gesellschaft teilnehmen. Namentlich genannt werden da Anne Will, Maybrit Illner, Jan Böhmermann, Louis Klamroth, Norbert Röttgen, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, oder Dieter Nuhr. Wahrscheinlich habe ich mir gar nicht alle merken können.
Doch die tragenden Figuren des Romans haben alle fiktive Namen. Beim TV-Moderator Dirk Götz könnte man vielleicht noch an den WDR-Moderator Götz Alsmann oder an den Fernsehmoderator Dirk Steffens denken. Bei diesem „Herrn Hagen“ wird es schon ein wenig schwieriger. Es gibt einen SZ-Journalisten namens Hans von der Hagen und einen Jens Hagen, dessen Essays über Jahre hinweg in der ZEIT erschienen.
Tatsächlich habe ich mich allerdings beim Lesen des Textes jedoch an zwei ganz andere Persönlichkeiten unserer Zeit erinnert gefühlt. Nämlich an Markus Lanz und an Richard David Precht, insbesondere an deren Zwiegespräche im Podcast Lanz & Precht. Es ist schon eigentümlich, wie sehr mich der Duktus der Romangespräche an die Podcastfolgen erinnert haben, obwohl sich Lanz und Precht duzen und Götz und Hagen im Roman siezen.
Letztlich ist es allerdings egal, ob Kornblum selbst bestimmte Personen im Auge hatte, als er seinen Roman konzipierte. Wichtig ist wohl nur sein unmissverständlicher Hinweis darauf, was passiert, wenn publikumswirksame Talkshows kaum mehr dem inhaltlichen Diskurs, sondern nur noch dem medialen Spektakel und der Polarisierung dienen.
Gestalterische Kritik
Beim Aufschlagen des Romans fiel mir sofort die ungewöhnliche Schriftart auf: Bodoni! Dieser Hingucker entpuppte sich allerdings als kleines Problem beim Lesen, denn die Schrift ist dank ihrer feinen Horizontalen und der fetten Vertikalbalken wirklich nicht allzu lesefreundlich. Na ja, diese Herausforderung kann man bei gerade einmal gut zweihundert Textseiten meistern.
Allerdings möchte ich auch noch ein paar Worte über die Buchcovergestaltung (siehe oben) verlieren. Die beiden kleinteiligen Bildchen links und rechts auf dem Titel haben mich eher verwirrt als angesprochen. Ich kann mir bis heute keinen schlüssigen Reim darauf machen, was damit eigentlich dargestellt werden soll.
Beide Kritikpunkte richten sich allerdings wohl eher an den Verleger als an den Autor. Denn gerade Debütautoren geben in der Regel mit einem Verlagsvertrag Bestimmungsrechte wie Coverdesign, Buchtitel, Klappentext und inneres Layout an den Verleger ab. Der lebt schließlich vom wirtschaftlichen Erfolg seiner Publikationen und sollte deshalb eigentlich auf gestalterische Gefälligkeit achten. Nun ja.
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Fazit:
Der Eklat ist beileibe keine Kuschellektüre. Im Besonderen wegen seiner Textstruktur ist er eine Herausforderung für die Leserschaft. Aber trotzdem ist die Geschichte aus meiner Sicht unbedingt eine Empfehlung für alle, die sich Gedanken machen über die Hintergründe der Debattenkultur in unserer Gesellschaft. Der Autor Dennis Kornblum hat das wirklich äußerst geschickt aufgebaut, ein Menetekel auf unseren Umgang mit anders Denkenden und vor allen Dingen mit anders Empfindenden. Wer offen an die Lektüre herangeht, wird als Leser¦in gewiss auf einer sehr persönlichen Ebene profitieren: Von dieser Geschichte können wir nämlich wirklich lernen, was Toleranz und Empathie bedeuten.
Meine Sternebewertung ist mir nicht leicht gefallen. Aber letztlich hat doch mein persönlicher Lesespaß den Ausschlag gegeben. Ich kann gar nicht anders, als dem Roman vier von fünf Sternen zuzugestehen.
Dennis Kornblum, Der Eklat
DE KUUUK Verlag, 2026
Ich bedanke mich herzlich bei Dennis Kornblum, dem Autor des Romans, für das Rezensionsexemplar
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