Backflash Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Suche nach Lesestoff? Hier findest Du Buchbesprechungen mit Anspruch aber ohne Allüren. Ich schreibe meist über belletristische Titel; über solche, die mir gefallen oder auch mal nicht gefallen haben; manchmal Mainstream, manchmal abseits der ausgetretenen Pfade. (Persönliche Empfehlungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Knochenarbeit

Knochenarbeit
Kathy Reichs, 2001

Dr. Kathleen Reichs arbeitet als forensische Anthropologin im US-Bundesstaat North Carolina und in der kanadischen Provinz Quebec. Außerdem schreibt Kathy Krimis, in denen Sie ihr Alter Ego unter dem Namen Temperence Brennan bei der Aufklärung von Mordfällen auftreten lässt. Hier und heute: Knochenarbeit.

Zum Hintergrund: Auf dem Gebiet der forensischen Anthropologie, also der wissenschaftlichen Begutachtung von menschlichen Leichenresten, hauptsächlich Skeletten zum Zweck der Bestimmung der Identität und der Todesumstände, hat die Autorin internationales Renommee erworben. Sie war im Auftrag der UN in Ruanda. Sie half bei der Identifizierung von Personen aus guatemaltekischen Massengräbern. Und sie arbeitete nach dem 11. September in New York auf Ground Zero. Ihre Umsetzung der beruflichen Erfahrungen in einer mittlerweile fünf Romane umfassenden Serie um Tempe Brennan hat Kathy Reichs zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen in den USA gemacht. Sie tritt in Fernsehshows auf und veranstaltet regelmäßig Verkaufstouren im gesamten Bundesgebiet.

Knochenarbeit, im Original 1999 erschienen unter dem Titel Death du Jour, ist das zweite Buch der Reihe.

Tatsächlich ist der Einblick bemerkenswert, den der Leser in die Arbeit forensischer Anthropologen erhält. Man kann davon ausgehen, dass Reichs nicht fabuliert, wenn sie von ihrer Tätigkeit erzählt. Zweifellos sind diese Szenen die Highlights des Buches, auch wenn den in Sachen Tod und Verwesung wenig versierten Leser ab und zu der Grusel packt, wenn Tempe Brennan in verkohlten Kadavern popelt oder grausige Todesumstände rekonstruiert.
Auch die Exhumierung und Untersuchung des Skeletts einer Nonne, das anlässlich ihrer bevor stehenden Seligsprechung identifiziert werden soll, lesen sich interessant. Zur Seite legen möchte man das Buch an solchen Stellen nicht.

Knochenarbeit – Bewertung

Leider aber gelingt es der Autorin nicht, die Spannung auch über die Rahmenhandlung ihres Romans auszudehnen. Schrieb Der Spiegel noch über den Vorgänger: „Neben dem intelligenten, gut konstruierten Plot hat Kathy Reichs mit ihrer Heldin eine sowohl sympathische als auch eigensinnige Figur geschaffen“, so lässt sich dieses Lob für den zweiten Teil nicht wiederholen.

Die Nonnenuntersuchung erweist sich als Parallelgeschichte, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun hat. Diese besteht nämlich aus dem Auffinden verschiedener Leichen an verschiedenen Orten in Kanada und den USA. Im Laufe der Ermittlungen gelingt es Tempe Brennan, Parallelen zwischen den Fällen aufzudecken und so die kriminalpolizeilichen Schritte in die richtige Richtung zu lenken. Am Ende steckt hinter den Morden eine obskure Sekte mit einer „neuen Ordnung“, die den Übergang in die bessere Welt plante. Abtrünnige oder unwillige Mitglieder wurden auf grausame Weise ins Jenseits befördert. Zuletzt soll eine „kosmische Quote“ durch Massenselbstmord erreicht werden.

Knochenarbeit – Unglaubwürdigkeiten

Unglaubwürdig wirkt zunächst das zufällige Auftauchen immer neuer Leichen ausgerechnet an den Orten, an denen sich die Heldin des Romans jeweils gerade aufhält. Während des Lesens hatte ich mehrmals das Gefühl, als schriebe sich Kathy Reichs die inhärente Langeweile ihrer Arbeit vom Leibe. Ihr Alter Ego lässt sie jedenfalls von einem martialischen Todesfall zum nächsten taumeln.

Den Gipfel der Unglaubwürdigkeit erreicht die Handlung kurz vor Schluss. Alle nur erdenklichen Katastrophen treffen zusammen, Tempe Brennan gerät gar in Gefangenschaft der Sekte. Dennoch gelingt es ihr, nicht nur sich selbst, sondern darüber hinaus auch noch ihre Schwester (zufällig ebenfalls ein Sektenopfer) zu retten, obwohl doch ihr Polizeipartner zuvor angeschossen im Schneesturm zu verenden droht.

Die Auflösung der Hintergründe nach dem Showdown besteht in einem willkürlich wirkenden, konstruierten Versuch, unter allen Umständen die vielen losen Enden, die die Autorin während der Handlungen hatte liegen lassen, doch noch zusammen zu knüpfen. Würde das Buch verfilmt, mehr als ein B-Movie käme sicher nicht heraus.

Noch nicht einmal die kleinen Geschichten in der Geschichte schaffen es, den Roman amüsanter und interessanter zu machen. Alles ist so vorhersehbar. Die Heldin Tempe macht etwa keinen Hehl aus Ihrer Abneigung gegen den gut aussehenden Polizisten Ryan, der ihr im Buch zur Seite steht. Und trotzdem ahnt der Leser sofort: Stimmt nicht, das gibt noch ein Happy End! – Tatsächlich tritt dieses schließlich ein, so unerbittlich wie das Amen in der Kirche.

Knochenarbeit – Sprachliche Plattitüden

Über derartige Unausweichlichkeiten hinaus schafft es die Autorin, durch die Art Ihrer Formulierungen Unwillen in der Leserschaft zu erzeugen. Ob nun die Rede von Ryans Augen ist, die „blau wie eine Windows-95-Oberfläche“ sind, oder die „Bügelfalten seines Patners so scharf [waren], dass man damit Diamanten hätte schneiden können“. Ob der Tanzpartner der Schwester aussieht, „als bräuchte er ein Beatmungsgerät“, oder ob Tempe nach einem sexuellen Techtelmechtel am nächsten Tag vorsichtshalber Unterwäsche trägt, um nicht erneut in Gefahr zu geraten, verführt zu werden; man kommt kaum umhin, sich angesichts solcher Textstellen die Haare zu raufen.

Für einen absoluten Verriss des Romans aber reicht die Banalität von Handlung und Schreibe nicht. Es finden sich immer wieder Perlen im Text, die zum Weiterlesen animieren.
Ich komme nochmals darauf zurück: Reichs ist am besten, wenn sie über ihr Handwerk schreibt. So erfährt man erstaunliche Details über Möglichkeiten zur Bestimmung der postmortalen Liegezeit einer Leiche, Interessantes zu Geschlecht, Alter und Rasse eines Skeletts und vor allen Dingen ziemlich gute Beschreibungen zu den Arbeitsabläufen der forensischen Anthropologie.

Fazit:

Als Krimi taugt Knochenarbeit leider nicht viel. Aber um Schulabgänger für den Beruf des forensischen Anthropologen zu begeistern, ist das Buch die bestmögliche aller Werbebroschüren. Das ist mir immerhin noch zwei von fünf Sternen wert.

Kathy Reichs: Knochenarbeit
Goldmann Verlag, 2001

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Harry Potter und der Orden des Phönix

Harry Potter and the Order of the Phoenix
Joanne K. Rowling, 2003

Du-weißt-schon-wer hat nach zweijähriger Wartezeit den fünften Band ihrer Serie um den Zaubererlehrling Harry Potter veröffentlicht, Harry Potter und der Orden des Phönix. Mit 766 Seiten ist der neuste Teil dicker denn je, die deutsche Ausgabe, die für den 8. November angekündigt ist, soll sich über tausend Seiten erstrecken. Die Originalausgabe wurde in einer Erstauflage von 13 Millionen Stück gedruckt, allein in den USA ging der Roman bereits am Erscheinungstag über fünf Millionen Mal über den Verkaufstresen, der Weg zum meist verkauften Buch aller Zeiten ist beschritten.
Ob die Erzählkunst der Autorin ausreichte, die gespannten Erwartungen der Fangemeinde zu erfüllen? Ob er gut ist, der neue Harry Potter? – Also bitte, Silencio!

Harry Potter und der Orden des Phönix – Einstieg in die Handlung

Nach dem Showdown im vorausgegangenen Teil, Harry Potter und der Feuerkelch, in dem der Held nur knapp dem erneuten Mordversuch durch seinen erstarkten Gegenspieler Voldemort entgangen war, beginnt der fünfte Teil wie wir es seit Teil zwei gewohnt sind:
Sommerferien im Ligusterweg, Harry unter der Fuchtel von Onkel und Tante, ödes Vorgeplänkel zum Zauberstart an der Hexenschule Hogwarts. Dass es diesmal jedoch ein wenig anders laufen würde, wird dem Leser recht bald klar.

Was sich im vierten Band bereits andeutete, setzt Rowling im fünften konsequent fort. Harry bleibt nicht der alterslose Held vieler hunderter Fortsetzungsgeschichten. Er entwickelt sich altersgemäß zum pubertierenden, wütenden jungen Mann. Zweifel quälen ihn. Zweifel an der Loyalität seiner Freunde, an der seines Mentors Dumbledore und seines Paten Black. Und nicht zuletzt auch Zweifel an sich selbst.

Nachdem der Leser auf dem besten Wege ist, sich von der üblichen Eingangspassage einlullen zu lassen, geht auf einmal alles sehr schnell. Gerade stellen wir fest, dass Dudley immer noch das dumme Ekelpaket von früher ist. Inzwischen wurde er allerdings unter dem Kampfnamen „Big D“ zum halbstarken Chef einer Rowdybande. Da droht ein abendlicher Streit zwischen den Cousins zu eskalieren. Er wird jedoch durch den Angriff zweier Dementoren – ach, du Schreck, wie kommen die denn in die Muggelwelt? – unterbrochen.

Der Orden des Phönix

Harry gelingt es zwar, das Leben Dudleys zu retten, der bei der Attacke allerdings psychisch Schaden nimmt. Von da an geht es Schlag auf Schlag. Die alte Nachbarin der Dursleys entpuppt sich als Hexe. Harry wird zunächst vom Zaubereiministerium unter Anklage nicht erlaubter Zauberei in Gegenwart von Muggeln gestellt. Doch er entkommt eskortiert durch eine ganze Schar von Auroren in das Hauptquartier des Ordens des Phönix. In London, im Haus der Familie Black, trifft er nicht nur seinen Paten wieder, sondern auch seine Freunde, die Weasleys und Hermine.

Dort entlädt sich Harrys ganzer Frust, der sich über die Ferien in ihm aufgestaut hatte. In einigen großbuchstabig gedruckten und dadurch als Gebrüll gekennzeichneten Streitgesprächen holt Potter zum Rundumschlag gegen alles und jeden. Im Besonderen gegen sein Ausklammern aus den Geschehnissen der Zaubererwelt, die nun teilweise den Kampf gegen den Dunklen Lord aufgenommen hat.
War es nicht er, Harry, der Voldemort zum zweiten Mal entkommen war? Hatte er nicht Tapferkeit bewiesen? Wieso behandelten ihn dann alle als außen Stehenden, als Kind, ließen ihn bei seiner Muggelfamilie allein?
Harrys Selbstmitleid, sein Misstrauen gegenüber Ron und Hermine mäandern weiter durch den Roman. Als das Schuljahr beginnt und beide Freunde zu Vertrauensschülern ernannt werden, er selbst außen vor bleibt, keimen erneut Wut und Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit der Erwachsenenwelt in ihm. Daneben hadert er mit der vermeintlichen Gleichgültigkeit, mit der ihn Dumbledore zu behandeln scheint.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Pubertierende Zauberlehrlinge

Zu pubertären Zornausbrüchen gesellen sich auch die sonstigen Merkmale des Erwachsenwerdens. Lange hatte die Fangemeinde spekuliert. Wird Harry küssen? Wenn ja, wen? Wen alles? Passiert sonst noch Erotisches?

Es sei verraten, dass Harry Potter im fünften Band seine erste Freundin findet, mit ihr allerdings die zu erwartenden Verständnisprobleme hat: „Frauen!“, ruft er verständnislos nach einem Streit mit der jungen Frau aus.
Aber auch die anderen jugendlichen Zauberer und Hexen entwickeln sich. Ron und Hermine laborieren an Testosteron- und Östrogenschüben, wobei die junge Miss Granger dabei nicht unangenehme Züge von Abenteuerlust entwickelt. Und selbst die kleine Schwester der Weasleys, Ginny, „geht“ nun mit Jungs.

Während eines Besuches in der Vergangenheit – man erinnere sich an das Denkarium aus dem vorangegangenen Band – erleidet Potter den Zusammenbruch seines heilen Familientraumes. Als fünfzehnjähriger Jüngling entpuppt sich sein Vater als dümmlicher Egomane, der grundlos Mitschüler quält und so gar nicht dem Heldenbild seines Sohnes entspricht. Auch Sirius, der Pate, kommt in der Retrospektive nicht besonders gut weg. Harrys Welt geht gründlich in die Brüche.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Dunkle Parallelen

Dies bezieht sich nicht nur auf das Seelenleben des heranwachsenden Zauberers, sondern auch auf sein vermeintliches Zuhause. Hogwarts gerät in die Mühlen des Zaubereiministeriums. Minister Fudge misstraut dem Schulleiter Dumbledore und installiert eine Aufpasserin, die durch verschiedene Erlässe immer mehr Einfluss gewinnt. Sie entlässt Lehrer, untersagt Harry das Quidditchspiel und zwingt schließlich sogar Dumbledore zur Flucht. Ohnmacht gegenüber staatlicher Autorität ruft erneut Harrys Zorn auf den Plan. Er und seine Freunde opponieren zunächst offen, dann im Geheimen gegen die Großinquisitorin von Hogwarts.

Die treibende Kraft der Erzählung entwickelt sich in einer anfangs nur erahnten, später offensichtlichen Verbindung zwischen Potter und Voldemort. Taten und Gedanken des dunklen Herrschers erlebt Harry in einer Art von Halbträumen. Dadurch gelingt es ihm zunächst, das Leben des Vaters der Weasleys zu retten. Allerdings jagt er danach nicht nur sich selbst, sondern auch eine ganze Schar seiner Freunde in ein finales Abenteuer, das an dramatischer Spannung kaum zu überbieten ist.
Warner Brothers lassen grüßen! Der Disney-Konkurrent hatte 1998 die globalen Rechte an der Marke Harry Potter für einen ungenannten Betrag erworben. Viele der Szenen im neuen Roman lassen den Leser unwillkürlich an die Adaptionsfähigkeit im Genre des Films denken. Vor allen Dingen der Showdown wirkt, als habe die Autorin dabei bereits die Umsetzbarkeit in Filmszenen im Kopf gehabt. Harry mutiert zu Luke Skywalker, Voldemort ist Darth Vader.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Kritische Einordnung

Musste das sein, Frau Rowling? – Bei aller Spannung, die zweifellos im Überfluss vorhanden ist, gefallen mir andere Passagen im Orden des Phönix besser. Wie bereits in allen bisherigen Romanfolgen liegt eine der stärksten Seiten der Erzählung in den Beschreibungen der Geschehnisse an der Schule. Den Weasley-Zwillingen erlaubt Rowling, diesmal richtig Schwung in den Laden zu bringen. Dies lässt uns über die ellenlangen Seiten hinwegsehen, die unsäglich langweiligen Hausaufgaben gewidmet sind. Oder auf denen Hermine wieder einmal ihrem ansonsten ziellosen Projekt zur Befreiung der Hauselfen nachgeht.

Auch muss festgehalten werden, dass Harry Potter offenbar ein Magenproblem hat. Alle Gemütsbewegungen äußern sich stets in wahlweise heißen oder eisigen Klumpen im Leib, der sich dann zusammenzieht oder zu rumoren beginnt. Ich empfehle Harry dringend den Besuch des St. Mungo Hospitals für magische Krankheiten, um einem Geschwür vorzubeugen. Alternativ könnte aber auch Frau Rowling ein Training ihrer kreativen Fähigkeiten belegen.
Beschreibungen sind sicher nicht die Stärke der Autorin. Aber einige ihrer Dialoge sind durchaus lesens- und erinnernswert. Als etwa Harry gefragt wird, wie sein erster Kuss gewesen sei, antwortet er in Fortführung des berühmten Rainman Zitates: „Nass. Weil Sie dabei weinte.“ Darauf antwortet Ron: „Oh, so schlecht küsst du also?“ – Man kann sich das Kichern und Prusten unter Teenagern weltweit vorstellen, das derartige Unterhaltungen nach sich ziehen.

Die Hintergrundhandlungen des Romans bleiben in mancher Hinsicht blass. Zum Beispiel wird nicht so recht klar, worin die Aktivitäten des namensgebenden Ordens des Phönix eigentlich bestehen. Von Missionen ist die Rede, von Bewachung. Worin aber die Missionen bestehen, was bewacht wird, ist auch nach dem Schluss unklar.
Ebenso vermisste ich den Anknüpfungspunkt an die Pläne Dumbledores aus dem vierten Teil. Professor Snape sollte Voldemort ausspionieren; dies erwähnt der Lehrer zwar, darin erschöpft sich seine Aktivität jedoch schon. Auch den angekündigten Besuch Hagrids bei den Riesen benutzt Rowling für schaurig filmreife, jedoch leider nicht zielführende Effekte.

Harry Potter und der Orden des Phönix – Die Moral von der Geschicht‘

Was nun die Moral der Geschichte anbetrifft, muss sich der Leser schon fragen, ob das Geschriebene ernst gemeint sein soll. Beständig wird Harry zum Wahren der Disziplin aufgefordert, mit seinem Geist solle er siegen. Andererseits soll die Tatsache, dass er angesichts des Todes einer ihm sehr nahe stehenden Person Schmerz fühlen kann, seine größte Stärke sein. Schließlich lernt Harry am Ende des Buches, dass das Band des Blutes der stärkste Schild sei. Deshalb habe er während der unterrichtsfreien Zeit stets bei den Dursleys leben müssen.

Derart schwülstige Auswüchse gipfeln in der Prophezeiung, die Potter seit seiner Geburt mit Voldemort verbindet und die einen Grund für die Verfolgung des Helden durch den Dunklen Lord liefert:

„… und einer muss von der Hand des anderen sterben, denn keiner von beiden kann leben, während der andere am Leben bleibt.“

Es kann nur einen geben! Liegt es am schottischen Blut der Autorin, dass man dabei unweigerlich an Sean Connory, Christopher Lambert und den Highlander denken muss?

Überhaupt verdichtet sich der Eindruck beim Lesen der neusten Folge, dass Rowling so einiges zwar nicht gerade abgeschrieben, aber zumindest als Impressionen andernorts geborgt hat. Zur bereits bekannten Parallele zwischen Potter/Voldemort und Skywalker/Vader gesellen sich der Highlander, der Rainman, sowie noch ein paar weitere bekannte Szenen. Wenn etwa die Drachenpferde beschrieben werden, die die Kutschen von Hogwarts ziehen, denkt man rasch an die schwarzen Rösser der Ringgeister aus Tolkiens Herrn der Ringe.

Wem diese Buchbesprechung gefallen hat, interessiert sich vielleicht auch für meine Rezensionen von Harry Potter und der Halbblutprinz oder Harry Potter und die Heiligtümer des Todes.

Fazit:

Bei aller Kritik am Orden des Phönix sei hinzugefügt, dass der Roman trotzdem hinuntergeht wie Butter. Spätestens nach der ersten Hälfte sind Leseunterbrechungen nicht nur unerwünscht. Fremdeinwirkung wird schlicht und einfach ignoriert. Das empfundene Lesevergnügen ist verantwortlich dafür, dass Joanne K. Rowlings letztes Werk immerhin noch drei von fünf Sternen erhält.

Wir bleiben gespannt drauf, wie die Autorin das Epos aus Blutbanden, Weissagungen, arischen Rein- und muggeligen Schlammblütern in den beiden noch ausstehenden Bänden auflösen wird.

Joanne K. Rowling: Harry Potter and the Order of the Phoenix
Bloomsbury Publishing, 2003

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Rot ist mein Name

Rot ist meine Name
Orhan Pamuk, 2001

Wie ein Märchen aus Tausendundeinenacht beginnt der Roman des Nobelpreisträgers von 2006, Orhan Pamuk, und zieht den Leser mühelos zurück in die Vergangenheit. Wir finden uns ein im mittelalterlichen Istanbul, in der Gesellschaft von Hodschahs, osmanischen Buchillustratoren, von Koransuren, Padischahs und Wesiren.

Strukturell als Kriminalroman angelegt, beleuchtet die Geschichte den Glaubenskonflikt zwischen östlichen und westlichen Grundsätzen aus dem Blickwinkel der Buchmalerei. Aktueller kann derzeit kaum ein Thema sein.

Was ist passiert? – Einer der Meisterillustratoren am osmanischen Hof von Istanbul wird erschlagen am Grunde eines trockenen Brunnens aufgefunden. Zeitgleich kehrt der Weltenbummler Kara in die Stadt am Bosporus zurück. Er hat die Absicht, um seine verwitwete Jugendliebe, die schöne Seküre, zu werben.

Rot ist mein Name – Zur Handlung

Der Sultan hatte Seküres Vater beauftragt, zusammen mit dessen Meisterillustratoren zehn Buchblätter zu schaffen. Zum islamischen Jahr eintausend sollten diese Blätter dem Dogen von Venedig als Demonstration der osmanischen Macht und Herrlichkeit übergeben werden. Der geheime Auftrag ist aus islamischer Sicht gotteslästerlich, denn der Gebrauch von Perspektive und portraithafter Genauigkeit widerspricht dem Grundsatz des Bilderverbotes. Bildhafte Darstellung aus Sicht der Menschen ist untersagt, Illustration hat stets unabhängig von Zeit und Raum die Sicht Allahs wiederzugeben.

Der Rest des Kriminalfalls ist rasch erzählt: Nachdem schließlich auch Seküres Vater ermordet wird, identifiziert Kara mit Hilfe des Großmeisters der Illustratoren den Täter aus dem Kreis der Buchmalerwerkstatt auf Grund eines Bilderdetails. Der Mörder flieht. Doch Hassan, einer der eifersüchtigen Verehrer Seküres, enthauptet ihn, bevor er sich absetzen kann.

Rot ist mein Name – Bewertung

An dieser Stelle möchte ich meine einzige negative Stellungnahme zum Buch von Orhan Pamuk anbringen. Der kriminalistische Anteil des Werkes und seine Lösung sind nämlich mehr als dürftig gehalten. Die Spannung, wer denn nun der Doppelmörder ist, hält sich in engen Grenzen.

Doch der Reiz des Romans liegt an einer ganz anderen Stelle. Überrascht wird der Leser von Anfang an durch die bildhafte, orientalische Erzählweise des Autors. Beim Barte des Propheten, so lustvoll habe ich noch keine Lektüre begonnen!
Kontrastierend zum blumenreichen Vokabular stehen die merkwürdig kühlen Erzählungen der handelnden Personen, die Schmerz oder Gefühle zwar schildern, sie aber nicht greifbar machen. Da schildert etwa gegen Schluss der geköpfte Mörder geradezu teilnahmslos die Geschehnisse:

„Daß der Kopf ab war, merkte ich an den beiden seltsam schwankenden Schritten, mit denen sich mein armer Rumpf von mir entfernte, an dem dummen Geschaukle des Dolches, an der Art, wie mein Körper zu Boden fiel, und an der Blutfontäne, die ihm entsprang. Meine armen, von selbst weiterlaufenden Füße strampelten sich vergeblich ab wie die zappelnden Hufe eines sterbenden Pferdes.“

Erfolgsrezept

Derlei überraschende Schilderungen und Perspektiven sind überhaupt eines der Markenzeichen des Romans. Jedes der 59 Kapitel ist aus Sicht eines der Teilnehmer der Geschichte geschrieben. Zu Wort melden sich jedoch nicht nur Illustratoren, Hausiererinnen und Hausdiener, die Hauptpersonen Seküre und Kara, oder der Mörder. Das erste Kapitel bereits wird aus dem Jenseits, aus Sicht des erschlagenen Buchmalers erzählt. Darüber hinaus darf auch ein Straßenköter berichten und gar die Farbe Rot ihre Stimme erheben.

Auf diese eigentümliche Art und Weise wird die eigentliche Geschichte des Romans wie nebenbei erzählt. Als ob er stets neben den handelnden Personen stünde, erfährt der Leser alles über das Leben in den osmanischen Buchmalerwerkstätten, über Meisterillustratoren, ihre Techniken, ihre Themen und über das Schicksal ihrer Werke. Man liest über die Themen der Zeit, etwa den verrufenen Besuch von Kaffeehäusern, religiöse Eiferer und Kriegsführung. Wie selbstverständlich werden historische Verhaltensweisen eingewoben, zum Beispiel das Schicksal von Kriegerwitwen, der Vorgang der Brautwerbung, Knabenliebe, oder Folter als allgemein anerkanntes Verfahren zur Wahrheitsfindung.

Hauptthema aber bleibt stets die Buchmalerei. Von Behzat und den anderen legendären Meistern von Herat ist die Rede. Vom Erblinden der Meisterillustratoren, die ihre Darstellungen aber dennoch in gleich bleibender Detailtreue weitermalen konnten. Denn jeder Strich war ja über Jahrzehnte einstudiert, perfektioniert und wiederholt worden. Immer wieder kommen die einzelnen Erzähler auf das Thema zu sprechen, und so baut sich durchaus verständlich die Diskrepanz zwischen östlicher und westlicher Darstellungskunst vor den Augen des Lesers auf. Die Leserschaft kann nachvollziehen, warum einerseits der Stil der fränkischen Meister verpönt war, aber andererseits sowohl Illustratoren, als auch ihre Auftraggeber nicht vom westlichen Stil lassen wollten.

Rot ist mein Name – Lohnende Lektüre

Nebenbei finden auch Machenschaften, Intrigen, Liebe und Sex Raum in Pamuks Roman. Die ganze Angelegenheit wird dem Leser gewiss nie zu trocken. Ich gebe jedoch zu, dass ich streckenweise Schwierigkeiten hatte, einzelne Passagen zu überwinden. Wenn etwa zum x-ten Mal über Feinheiten illustrativer Auslegung die Rede war, wurden mir die Augenlider manchmal schwer. Das Buch ist in kleiner Schrift eng gesetzt und umfasst über 550 Seiten.

Es sei allerdings betont, dass sich auch die Durststrecken gelohnt haben. Der Autor versteht es, immer wieder Akzente zu setzen, die den Leser zum Weiterdenken anregen. – Eines dieser Details findet sich auf der letzten Seite des Romans, auf der die schöne Seküre über einen ihren beiden Söhne spricht:

„Weil es unmöglich sein wird, diese [meine] Geschichte zu malen, habe ich sie meinem Sohn Orhan erzählt, damit er sie vielleicht aufschreibt. […] Er ist reizbar, launisch und unglücklich wie immer und hat keine Angst, denen Unrecht zu tun, die er nicht mag. Deswegen dürft ihr Orhan nicht glauben […]. Denn es gibt keine Lüge, die er nicht spinnen würde, um seine Geschichte hübsch und glaubhaft zu gestalten.“

Frau Seküre, ganz offenbar ist ihm das voll und ganz gelungen, eurem fast fünfhunderjährigen Sohn Orhan!

Fazit:

Wer einen Kriminalroman erwartet, der ist mit Rot ist mein Name schlecht beraten. Doch wer sich in die Welt mittelalterlicher Buchillustration versetzen lassen, wer das schillernde Leben Istanbuls im sechzehnten Jahrhundert nachvollziehen möchte, dem sei unbedingt zur Lektüre geraten. Die vollen fünf Sterne hätte zumindest dieser Teil auf jeden Fall verdient, insgesamt sind es immerhin noch vier geworden.

Orhan Pamuk: Rot ist mein Name
Carl Hanser Verlag, 2001

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