
Nur vier Jahre nach seinem dicken Brocken Desideria veröffentlichte Alberto Moravia eine sehr persönliche Geschichte unter dem Titel 1934 oder Die Melancholie. Seine vorhergehenden Romane handelten in den Jahren der sexuellen Revolution oder danach. Bereits der Titel dieses Textes macht jedoch deutlich, dass der Autor diesmal weiter zurück in die Vergangenheit geht. Nämlich in die Jahre der Hoch-Zeiten des europäischen Faschismus in Spanien, Italien und Deutschland. Franco, Mussolini und Hitler haben ihre Macht gefestigt und kooperieren bereits. Um der Verzweiflung dieser Zeit zu entfliehen, begibt sich der junge italienische Schriftsteller Lucio nach Capri. Bei diesem Aufenthalt macht er die Bekanntschaft der deutschen Theaterschauspielerin Beate Müller, die mit ihrem Mann Alois, einem NSDAP-Funktionär, dort Urlaub macht. Eine höchst bizarre Beziehung nimmt ihren Lauf.
Bereits auf der Fähre von Neapel nach Capri werfen sich Lucio und Beate – ohne zuvor überhaupt Bekanntschaft zu schließen – aus der Ferne sehnsüchtige Blicke zu. Im bloßen Blickkontakt mit der jungen Frau glaubt der junge Römer, eine Leidensgenossin ausgemacht zu haben. Sie scheint ebenso verzweifelt zu sein wie er selbst. Also mietet er sich in der gleichen Pension im Inselort Anacapri ein wie das deutsche Ehepaar. Lucio hofft, dadurch eine Möglichkeit zur näheren Kontaktaufnahme mit dem unbekannten Objekt seiner platonischen Begierde machen zu können.
Der Roman ist inzwischen vierzig Jahre alt, die Handlung spielt vor beinahe neunzig Jahren. Doch angesichts des unübersehbaren Abdriftens europäischer Politik an den rechten Rand und nach den Ergebnissen der Parlamentswahlen in Italien am vergangenen Wochenende Ende September 2022, gewinnt die alte Geschichte unerfreuliche Aktualität.



