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Auf der Su­che nach Lese­stoff? ❤ Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Dein Land in Schutt und Asche

Georg Adamah, Dein Land in Schutt und Asche, 2022
Georg Adamah, 2022

Dystopische Ge­schich­ten sind ge­ra­de wie­der en vo­gue. Un­ter dem Ti­tel Dein Land in Schutt und Asche hat Autor Georg Ada­mah im Früh­jahr eine sol­che Erzäh­lung heraus­ge­bracht: Deutsch­land in drei Jah­ren. Was wir uns al­le nicht vor­stel­len wol­len, ist jen­seits der glat­ten Ober­flä­che der me­dia­len Be­richt­er­stat­tung und der be­hä­bi­gen Gleich­gül­tig­keit des Po­li­tik­be­triebs lang­sam auf­ge­blüht. Im Ver­bor­ge­nen wur­de die Glut der Un­zu­frie­den­heit an­ge­facht und bricht plötz­lich als Flä­chen­brand her­vor. Bür­ger­krieg! Mit­ten in Deutsch­land! Wer die Ent­wick­lung nicht wahr­ha­ben woll­te, wird mit einem Don­ner­schlag auf­ge­weckt und sieht sich mit einem Mal sei­ner Exis­tenz be­raubt. Tod oder Flucht, eine drit­te Al­ter­na­ti­ve ist nicht er­kenn­bar. Ada­mahs Pro­ta­go­nist Is­mael van Wey­den ist einer de­rer, die völ­lig un­vor­be­rei­tet ihr bis­he­ri­ges Le­ben zu­rück­las­sen müs­sen, nur um über­haupt über­le­ben zu kön­nen.

„Nennt mich Ismael“

Adamah beginnt seine Ge­schich­te mit einem der berühm­tes­ten Roman­zi­tate der Welt­lite­ra­tur, näm­lich mit dem ers­ten Satz He­rman Mel­villes in sei­nem Klas­si­ker Moby-Dick: Die Erzäh­lung des Matro­sen Ismael, der sich im 19. Jahr­hun­dert dem starr­köp­fi­gen, ver­bit­ter­ten Kapi­tän Ahab anschloss auf des­sen Straf­expe­di­tion gegen den Wei­ßen Wal. Auf eine Expe­dition, die mit dem Tod fast aller Betei­lig­ten endete. Ledig­lich Ismael konn­te sich ret­ten.

Beinahe zwei Jahr­hun­derte spä­ter tritt der moderne Ismael ein Reise­aben­teuer an, das zwar über­haupt nichts mit Wal­fang zu tun hat. Wohl aber erneut mit der Unfä­hig­keit des Men­schen, die Zei­chen der Zeit zu erken­nen. Und mit der Unbeirr­bar­keit unse­rer Spe­zies, stets im Klei­nen unse­res per­sön­li­chen Eigen­inte­res­ses zu han­deln und dafür das Gelin­gen eines grö­ße­ren Plans aufs Spiel zu set­zen.

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Moby-Dick

Herman Melville, Moby-Dick, 1851
Herman Melville, 1851

Sehr wenige Romantitel wird es in der Li­te­ra­tur­ge­schich­te ge­ben, die so gut wie je­der Mensch zu­min­dest der west­li­chen He­mis­phä­re ken­nen dürf­te – auch wenn es nur der Titel ist. Einer von ih­nen ist si­cher Her­man Mel­vil­les Moby Dick aus dem Jahr 1851. (Mit oder oh­ne Bin­de­strich. Der Ori­gi­nal­ti­tel wur­de aus un­be­kann­ten Grün­den mit dem Strich ge­schrie­ben.) In dem Romanklassiker geht es um den per­sön­li­chen Ra­che­feld­zug von Ka­pi­tän Ahab, den die Jagd auf einen rie­si­gen Pott­wal einst ein Bein ge­kos­tet hat­te. Vor­ge­tra­gen wird die­se Er­zäh­lung von einem jun­gen Ma­tro­sen na­mens Is­mael, der Teil der Schiffs­mann­schaft war, die un­ter Ahabs Kom­man­do Jagd auf den Rie­sen­wal Mo­by Dick mach­te.

Nennt mich Ismael.

Mit die­sem berühm­ten ers­ten Satz lei­tete Mel­ville seine Ge­schich­te über die Jagd auf Moby Dick ein. Die meis­ten Lite­ratur­zeit­schrif­ten igno­rier­ten übri­gens damals, vor 170 Jah­ren, den Roman. Bei allen ande­ren waren sich die Kri­ti­ker einig: Es han­dele sich um eine „wilde Mischung  aus Phi­loso­phie, Blas­phe­mie, Fan­ta­sie, Über­schwang und Aben­teuer“. Längst ist der Roman­text nicht mehr urhe­ber­recht­lich geschützt, es gibt zahl­rei­che Aus­gaben auch in deut­scher Spra­che. (Das Titel­bild hier oben stammt von der Aus­gabe des Ana­conda Ver­lags aus dem Jahr 2012, das in mei­nem Regal steht. Aller­dings habe ich den Roman sicher schon Jahr­zehn­te frü­her gele­sen, als Leih­gabe einer öffent­li­chen Büche­rei.)

Ei­nem See­len­ver­wand­ten, Natha­niel Haw­thorne, schrieb Mel­ville 1851, er „habe ein gott­lo­ses Buch geschrie­ben, und fühle mich doch unbe­fleckt wie ein Lamm“.

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Desideria

Alberto Moravia, Desideria, 1978
Alberto Moravia, 1978

Nach der sexuellen Re­vo­lu­tion und der ge­sell­schaft­li­chen Sex­wel­le in den sieb­zi­ger Jah­ren, ich sage nur „Schul­mäd­chen-Re­port“, kam Al­ber­to Mo­ra­via noch ein­mal mit sei­nen bei­den Lieb­lings­the­men um die Ecke: Se­xus und Geld! Sein Ro­man Desideria wur­de tat­säch­lich noch im Jahr 1978 be­schlag­nahmt. Nach sei­nen bei­den hand­lungs­be­frei­ten, exis­ten­zia­lis­ti­schen Wer­ken La Noia und In­zest kom­men Mo­ra­vias Ro­man­fi­gu­ren dies­mal wie­der ins Tun. Erste Pro­ta­go­nis­tin ist das Mäd­chen De­si­de­ria, die ge­gen Ge­sell­schaft und Adop­tiv­mut­ter ins Feld zieht.

Im Klap­pen­text der Aus­ga­be, die in mei­nem Re­gal steht, heißt es, der Ro­man mar­kie­re einen Gip­fel­punkt im ge­sam­ten Werk Mo­ra­vias. Desideria wer­de zur Sum­me des­sen, was Mo­ra­via je ge­plant und ge­schrie­ben ha­be. Zu­min­dest auf das Set­ting trifft die­se Aus­sa­ge zur Sum­me sei­ner Wer­ke auf je­den Fall zu. Und ich hät­te mich auch ge­wun­dert, wenn Al­ber­to Mo­ra­via nicht wie­der mit sei­ner längst be­währ­ten Stan­dard­per­so­nal­kon­fi­gu­ra­tion auf­ge­war­tet hät­te. Denn die Haupt­fi­gur hat na­tür­lich wie­der ein­mal kei­nen Va­ter und wächst als Ein­zel­kind bei ih­rer stein­rei­chen Mut­ter auf. So wie schon zu­vor Agos­ti­no, der Kon­for­mist Mar­cel­lo und Di­no aus La Noia.

Die­se De­si­de­ria nun ist das leib­li­che Kind eines ehe­ma­li­gen Dienst­mäd­chens im Haus­halt Vio­la Pa­pas‘ und ih­res Man­nes. Ver­mut­lich war die­ser Ehe­mann so­gar der Va­ter des Mäd­chens. Je­den­falls adop­tier­ten Vio­la und ihr Mann das Kind, als die Mut­ter das Haus ver­ließ. Doch noch im Klein­kind­al­ter De­si­de­rias ver­stirbt ihr Va­ter. Das Mäd­chen und ih­re ver­wit­we­te Adop­tiv­mut­ter blei­ben al­lei­ne in einem groß­zügi­gen Haus im vor­neh­men römi­schen Pari­oli-Vier­tel.

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