
Vier Jahre nach seinem letzten Skandalroman, La Noia, konfrontierte uns Alberto Moravia mit einer Tagebucherzählung, deren deutscher Titel Inzest endgültig die Wogen der Empörung über dem italienischen Schriftsteller zusammenschlagen lassen hätte können: Der gutsituierte Francesco verliert darin die Lust an seiner faden Ehefrau Cora und wendet sich anstelle ihrer Gabriella zu, der heranwachsenden Tochter seiner Frau. – Inzest? Ein Tabuthema, das nach Paragraf 173 des deutschen Strafgesetzbuches damals wie auch heute noch strafbar ist. Doch Gemach, liebe(r) Leser¦in, weder ist Gabriella leibliche Tochter Francescos, noch traut sich der Mann, tatsächlich übergriffig zu werden. Die Geschichte handelt also von einem Gedankenexperiment eines frustrierten Mittvierzigers.
Auf die Idee, den italienischen Originaltitel L’attenzione – also die „Aufmerksamkeit“ oder „Hinwendung“ – unverblümt mit „Inzest“ ins Deutsche zu übersetzen, konnte nur ein Verleger kommen, der seine Verkaufszahlen in die Höhe treiben wollte. Ob das damals vor sechzig Jahren funktioniert hat, weiß ich nicht. Heute jedenfalls ist Inzest aus deutschen Verlagsprogrammen verschwunden. Wenden wir uns also einmal ohne Vorverurteilung dem Tagebuch Francescos zu.



