Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? ❤ Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Inzest

Alberto Moravia, Inzest, 1965
Alberto Moravia, 1965

Vier Jahre nach sei­nem letz­ten Skan­dal­ro­man, La Noia, kon­fron­tier­te uns Al­ber­to Mo­ra­via mit einer Ta­ge­buch­er­zäh­lung, de­ren deut­scher Ti­tel Inzest end­gül­tig die Wo­gen der Em­pö­rung über dem ita­lie­ni­schen Schrift­stel­ler zu­sam­men­schla­gen las­sen hät­te kön­nen: Der gut­si­tu­ier­te Fran­ces­co ver­liert da­rin die Lust an sei­ner fa­den Ehe­frau Co­ra und wen­det sich an­stel­le ih­rer Ga­bri­el­la zu, der her­an­wach­sen­den Toch­ter sei­ner Frau. – In­zest? Ein Ta­bu­the­ma, das nach Pa­ra­graf 173 des deut­schen Straf­ge­setz­bu­ches da­mals wie auch heu­te noch straf­bar ist. Doch Ge­mach, lie­be(r) Le­se­r¦in, we­der ist Ga­bri­el­la leib­li­che Toch­ter Fran­ces­cos, noch traut sich der Mann, tat­säch­lich über­grif­fig zu wer­den. Die Ge­schich­te han­delt also von einem Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment eines frus­trier­ten Mitt­vier­zi­gers.

Auf die Idee, den ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal­ti­tel L’atten­zio­ne – al­so die „Auf­merk­sam­keit“ oder „Hin­wen­dung“ – un­ver­blümt mit „In­zest“ ins Deut­sche zu über­set­zen, konn­te nur ein Ver­le­ger kom­men, der sei­ne Ver­kaufs­zah­len in die Hö­he trei­ben woll­te. Ob das da­mals vor sech­zig Jah­ren funk­tio­niert hat, weiß ich nicht. Heu­te je­den­falls ist Inzest aus deut­schen Ver­lags­pro­gram­men ver­schwun­den. Wen­den wir uns al­so ein­mal oh­ne Vor­ver­ur­tei­lung dem Ta­ge­buch Fran­ces­cos zu.

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Georg-Büchner-Preis 2022

Emine Sevgi Özdamar, 2011
Emine Sevgi Özdamar, 2011

Die türkisch-deutsche Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Thea­ter­re­gis­seu­rin Emine Sevgi Özdamar (76) wird die­ses Jahr mit dem Ge­org-Büch­ner-Preis aus­ge­zeich­net. Die Jury ver­leiht den mit 50.000 Euro do­tier­ten Li­te­ra­tur­preis an „eine her­aus­ra­gen­de Auto­rin, der die deut­sche Spra­che und Li­te­ra­tur neue Ho­ri­zon­te, The­men und einen hoch­poe­ti­schen Sound ver­dankt“. Der Georg-Büchner-Preis ist einer der wich­tig­sten li­te­ra­ri­schen Aus­zeich­nun­gen im deutsch­spra­ch­igen Raum. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de Clemens J. Setz für sei­ne zu­tiefst hu­ma­nis­ti­schen Im­pul­se aus­­ge­zeich­net.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Özdamar!

Über die Autorin

Frau Özda­mar kam 1946 in Ost­ana­to­lien zur Welt und wuchs in Istan­bul und Bursa auf. Im Alter von 18 Jah­ren reiste sie erst­mals nach Deutsch­land, damals ohne jegli­che Sprach­kennt­nisse. Heute ist Özda­mar eine der bekann­tes­ten deutsch­tür­ki­schen Schrift­stel­lerin­nen. Sie erhielt bereits eine Viel­zahl an Lite­ratur­prei­sen, etwa 1991 den Inge­borg-Bach­mann-Preis, 2004 den Kleist-Preis, oder im ver­gan­ge­nen Jahr den Baye­ri­schen Buch­preis, um wenigs­ten drei Aus­zeich­nun­gen zu nen­nen.

Ihr Roman Das Leben ist eine Kara­wan­se­rei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der ande­ren ging ich raus wurde 2007 in die Liste der „1001 Books You Must Read Before You Die“ auf­genom­men. Ein Jahr zuvor wurde in den Feuil­le­tons noch dis­ku­tiert, ob Feri­dun Zai­mog­lus Roman Leyla ein Pla­giat der Kara­wan­se­rei sei.

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La Noia

Alberto Moravia, La Noia, 1961
Alberto Moravia, 1960

La Noia ist der zwölf­te Ro­man des ita­lie­ni­schen Na­tio­nal­schrift­stel­lers Al­ber­to Mo­ra­via. Da­rin ler­nen wir den frus­trier­ten In­tel­lek­tu­el­len Di­no ken­nen, Sohn aus rei­chem Hau­se und ge­schei­ter­ten Ma­ler. Die­ser Di­no ver­fällt einem jun­gen Mäd­chen, Ce­ci­lia. Aus der Be­kannt­schaft der bei­den ent­wi­ckelt sich eine be­klem­mende Hö­rig­keit, aus der Di­no im­mer wie­der aus­zu­bre­chen ver­sucht. Wie fast al­le Ro­ma­ne Mo­ra­vias er­reg­te auch La Noia Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts we­gen sei­ner se­xu­el­len Frei­zü­gig­keit Auf­se­hen. Im Jahr 1961 muss­te sich der Autor we­gen einer Por­no­gra­fie­kla­ge vor Ge­richt ver­ant­wor­ten.

Auch dies­mal scheint das Ro­man­per­so­nal kom­plett aus frü­he­ren Er­zäh­lun­gen Mo­ra­vias ent­sprun­gen zu sein. Da ha­ben wir zum einen eine rei­che Wit­we und ih­ren Sohn, ein Ein­zel­kind. Die bei­den könn­ten oh­ne Fra­ge die chro­no­lo­gi­sche Fort­set­zung aus der Ge­schich­te um Agos­tino bil­den. Zum an­de­ren gleicht das sieb­zehn­jäh­ri­ge Akt­mo­dell Ce­ci­lia der Fi­gur der Adri­ana aus Die Rö­me­rin, zu­min­dest was das Set­ting be­trifft. Ebenso hei­ter, un­be­schwert und lebens­lus­tig wie Adri­ana ist Ceci­lia aller­dings nicht.

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