Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Georg-Büchner-Preis 2022

Emine Sevgi Özdamar, 2011
Emine Sevgi Özdamar, 2011

Die türkisch-deutsche Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Thea­ter­re­gis­seu­rin Emine Sevgi Özdamar (76) wird die­ses Jahr mit dem Ge­org-Büch­ner-Preis aus­ge­zeich­net. Die Jury ver­leiht den mit 50.000 Euro do­tier­ten Li­te­ra­tur­preis an „eine her­aus­ra­gen­de Auto­rin, der die deut­sche Spra­che und Li­te­ra­tur neue Ho­ri­zon­te, The­men und einen hoch­poe­ti­schen Sound ver­dankt“. Der Georg-Büchner-Preis ist einer der wich­tig­sten li­te­ra­ri­schen Aus­zeich­nun­gen im deutsch­spra­ch­igen Raum. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de Clemens J. Setz für sei­ne zu­tiefst hu­ma­nis­ti­schen Im­pul­se aus­­ge­zeich­net.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Özdamar!

Über die Autorin

Frau Özda­mar kam 1946 in Ost­ana­to­lien zur Welt und wuchs in Istan­bul und Bursa auf. Im Alter von 18 Jah­ren reiste sie erst­mals nach Deutsch­land, damals ohne jegli­che Sprach­kennt­nisse. Heute ist Özda­mar eine der bekann­tes­ten deutsch­tür­ki­schen Schrift­stel­lerin­nen. Sie erhielt bereits eine Viel­zahl an Lite­ratur­prei­sen, etwa 1991 den Inge­borg-Bach­mann-Preis, 2004 den Kleist-Preis, oder im ver­gan­ge­nen Jahr den Baye­ri­schen Buch­preis, um wenigs­ten drei Aus­zeich­nun­gen zu nen­nen.

Ihr Roman Das Leben ist eine Kara­wan­se­rei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der ande­ren ging ich raus wurde 2007 in die Liste der „1001 Books You Must Read Before You Die“ auf­genom­men. Ein Jahr zuvor wurde in den Feuil­le­tons noch dis­ku­tiert, ob Feri­dun Zai­mog­lus Roman Leyla ein Pla­giat der Kara­wan­se­rei sei.

Kaufempfehlungen
Thalia ist als Onlineshop ausgewählt
Gebundenes Buch Taschenbuch E-Book Hörbuch

Wenn Du über diese Links bestellst, erhalte ich eine kleine Provision auf Deinen Einkauf (mehr darüber)

La Noia

Alberto Moravia, La Noia, 1961
Alberto Moravia, 1960

La Noia ist der zwölf­te Ro­man des ita­lie­ni­schen Na­tio­nal­schrift­stel­lers Al­ber­to Mo­ra­via. Da­rin ler­nen wir den frus­trier­ten In­tel­lek­tu­el­len Di­no ken­nen, Sohn aus rei­chem Hau­se und ge­schei­ter­ten Ma­ler. Die­ser Di­no ver­fällt einem jun­gen Mäd­chen, Ce­ci­lia. Aus der Be­kannt­schaft der bei­den ent­wi­ckelt sich eine be­klem­mende Hö­rig­keit, aus der Di­no im­mer wie­der aus­zu­bre­chen ver­sucht. Wie fast al­le Ro­ma­ne Mo­ra­vias er­reg­te auch La Noia Mit­te des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts we­gen sei­ner se­xu­el­len Frei­zü­gig­keit Auf­se­hen. Im Jahr 1961 muss­te sich der Autor we­gen einer Por­no­gra­fie­kla­ge vor Ge­richt ver­ant­wor­ten.

Auch dies­mal scheint das Ro­man­per­so­nal kom­plett aus frü­he­ren Er­zäh­lun­gen Mo­ra­vias ent­sprun­gen zu sein. Da ha­ben wir zum einen eine rei­che Wit­we und ih­ren Sohn, ein Ein­zel­kind. Die bei­den könn­ten oh­ne Fra­ge die chro­no­lo­gi­sche Fort­set­zung aus der Ge­schich­te um Agos­tino bil­den. Zum an­de­ren gleicht das sieb­zehn­jäh­ri­ge Akt­mo­dell Ce­ci­lia der Fi­gur der Adri­ana aus Die Rö­me­rin, zu­min­dest was das Set­ting be­trifft. Ebenso hei­ter, un­be­schwert und lebens­lus­tig wie Adri­ana ist Ceci­lia aller­dings nicht.

→ weiterlesen

Der Konformist

Alberto Moravia, Der Konformist, 1951
Alberto Moravia, 1951

Zumindest in Ita­li­en gilt Der Konformist als das Meis­ter­werk des frü­he­ren Na­tio­nal­schrift­stel­lers Al­ber­to Mo­ra­via. Da­rin zeich­net der Autor die Bio­gra­fie eines Durch­schnitts­bür­gers, könn­te man sa­gen. Zwar ist sein Mar­cel­lo von klein auf ein mons­trö­ses Ge­schöpf. Doch ge­ra­de des­halb ver­sucht dieser spä­ter, in der Mas­se der ver­meint­lich nor­ma­len Men­schen auf­zu­ge­hen. Er be­schließt, sich dem Zeit­geist an­zu­schlie­ßen und in der Meu­te der Mit­läu­fer ein will­fäh­ri­ger Die­ner der ita­lie­ni­schen Fa­schis­ten der Drei­ßi­ger­jah­re zu wer­den. Der Ro­man ist nun sieb­zig Jah­re alt. Doch er weist er­schre­cken­de Pa­ral­le­len zur heu­ti­gen Zeit auf. In der ge­sam­ten west­li­chen Welt drif­ten „zor­ni­ge Nor­mal­bür­ger“ wie­der in auto­ri­tä­re poli­ti­sche Um­fel­der ab. Ak­tu­el­le Wahl­re­sul­ta­te und Ent­wick­lun­gen in ver­meint­lich ge­fes­tig­ten De­mo­kra­tien sind da­für düs­te­re Zei­chen. Mo­ra­vias ein­dring­li­che Mah­nung hat die­se Ten­denz eben­so we­nig wie all die li­te­ra­ri­schen Ap­pel­le an­de­rer Schrift­stel­ler ver­hin­dern kön­nen.

Im Grunde ist die­ser Mar­cello nichts ande­res als eine Varia­tion oder Wei­ter­ent­wick­lung des Agos­tino, des Pro­tago­nis­ten eines der frü­he­ren Romane Mora­vias: Ein Ein­zel­kind, des­sen psy­chisch schwer kran­ker Vater dem Jun­gen kei­nen Halt bie­tet. Des­sen Mut­ter zu jung ist, um dem Sohn eine Erzie­he­rin sein zu kön­nen. Ein Defor­mier­ter, der dann eben an­ders­wo Orien­tie­rung sucht. Die eigent­li­che Ge­schich­te des Kon­for­mis­ten setzt genau dort ein, wo die des Agos­tino en­det.

→ weiterlesen

Cookie-Hinweis