Komplette Liste aller Rezensionen seit 2002
Auf der Suche nach Lesestoff? Hier findest Du Buchbesprechungen mit Anspruch aber ohne Allüren. Ich schreibe meist über belletristische Titel; über solche, die mir gefallen oder auch mal nicht gefallen haben; manchmal Mainstream, manchmal abseits der ausgetretenen Pfade. (Persönliche Empfehlungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Das sexuelle Leben der Catherine M.

Das sexuelle Leben der Catherine M.
Catherine Millet, 2001

Literaturskandal um eine heute 53-jährige französische Autorin: Catherine Millets Buch, das in der deutschen Übersetzung immerhin 284 Seiten umfasst, enthält in der Hauptsache unverblümte und detallierte Beschreibungen sexueller Spielarten. Was der Titel verspricht, hält der Inhalt: eine Autobiografie, die auf den sexuellen Anteil des Lebens der Autorin eingeschränkt bleibt.

Als Millets Buch in Frankreich erschien, gingen täglich bis zu 5.000 Exemplare über die Ladentische. Die Franzosen – und später auch Leser einer der Übersetzungen in mittlerweile fünfundzwanzig Sprachen – beschäftigten sich mit der Frage: Wie kommt eine freundliche, zurückhaltende, fast schüchtern wirkende Frau von über fünfzig Jahren dazu, ihr ungewöhnlich ausuferndes, unersättliches Sexualleben in epischer Breite vor dem Leserpublikum auszurollen.
Catherine Millet ist Gründerin und Chefredakteurin der Avantgarde-Zeitschrift art press. Sie war französische Kuratorin bei der Biennale in Venedig, ein bisschen also eine Figur des öffentlichen Lebens. Von der Autorin Millet stammt auch ein Werk über Zeitgenössische Kunst. Dieses Werk ist ebenfalls im Jahr 2001 im Lübbe Verlag erschienen, hat jedoch nicht annähernd so viel Resonanz erfahren wie Das sexuelle Leben der Catherine M.

Das sexuelle Leben der Catherine M. – Inhaltsübersicht

Über den Inhalt des autobiographischen Werks gibt es nur wenig zu berichten. Das liegt daran, dass eine klassische Handlung vollständig fehlt. Es gibt weder Aufbau und Auflösung von Konflikten noch persönlichen, gesellschaftliche oder sonstige Entwicklungen. Statt dessen beschreibt die Autorin Millet ihr Sexualleben in einzelnen Szenen, die allesamt Wiederholungen, Variationen, Konkretisierung oder Erweiterungen darstellen. Als strukturellen Überbau zu den Momentaufnahmen könnte man Millets komplexe Ansätze der Selbstanalyse ansehen. Wie ein Hintergrundbild durchbrechen diese immer wieder die Handlung, werden später erneut aufgenommen.

Das sexuelle Leben der Catherine M. – Strukturelle Betrachtung

Die Autobiographie ist in vier Teile gegliedert, die Catherine Millets Sexualleben aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Im ersten Teil, der mit Die Zahl überschrieben ist, widmet sich die Autorin einer mengenmäßigen Betrachtung. Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Es geht nicht um eine Aufzählung aller Sexualpartner, sondern um Millets Faszination von Mengen und zahlenmäßiger Größe. Bereits als Kind hatte sie sich mit der Fragestellung beschäftigt, wie viele Männer eine Frau haben könne. Diese damals theoretischen, in keiner Weise sexuell gefärbten Überlegungen übertrug sie ab dem Alter von 18 Jahren auf ihre Sexualpraktiken. Im ersten Teil findet sich folgerichtig auch Millets Faszination vom Gruppensex wieder.

Der Raum lautet die Überschrift des zweiten Teils. In den Kapiteln dieses Abschnitts schreibt die Autorin über den Einfluss, den Freiräume, Landschaften und die Bewegung im Freien auf ihr sexuelles Leben hatte. Im dritten Teil, Der geschlossene Raum, gilt die Betrachtung bestimmten Örtlichkeiten, Zimmern und Häusern, innerhalb derer sich Millets Sexualleben abspielte.
Der vierte Teil ist mit Details überschrieben. Die Reflexionen dieses letzten Abschnitts beschäftigen sich mit bildhaften Eindrücken, die Millet während ihrer Praktiken erfuhr. Sie beschreibt, was sie sah oder zu sehen glaubte. Sie erwähnt, was auf Videoaufnahmen zu sehen ist, die von ihren sexuellen Begegnungen aufgezeichnet wurden.

In allen vier Teilen kommt die Autorin immer wieder auf Szenen zurück, die bereits vorher unter anderen Gesichtspunkten erzählt worden waren, oder referenziert auf spätere Schilderungen zum gleichen Thema. Immer wieder präzisiert Millet, wie sie bestimmte sexuelle Aspekte erlebte und empfand.

Das sexuelle Leben der Catherine M. – Pornografie oder forensische Präzision?

Die Formulierungen Catherine Millets sind teilweise drastisch. Sie wirken schockierend und manchmal vulgär. Sie schläft nicht etwa bei, sondern sie bumst, vögelt und fickt. Aber die schonungslose Art und Weise der Autorin, teilnahmslos, wie aus der Perspektive einer äußerst gelassenen Beobachterin, nicht einer Teilnehmenden, darüber zu schreiben, was sie in ihrem Leben alles mit Schwänzen, Mösen und Ärschen getrieben hat, entkräftet den Vorwurf, es handle sich bei ihrem Buch um Pornographie.

Tatsächlich enthalten Millets Berichte nicht das geringste Quentchen Leidenschaft, Rausch oder Ekstase, Erotik, Verführung oder Hingabe. Es fehlt selbst der Anschein derartiger Assoziationen, ohne den Pornographie nicht auskäme. Erzählt wird von der Funktionalität der Körper, der Mechanik von Geschlechtsorganen und den psychischen Effekten, die bei deren Einsatz hervorgerufen werden. Die Autorin sagte dazu: „Ich versuche mit äußerster Präzision, die Gesten und Körperregungen zu beschreiben, die während des Liebesakts passieren.“

Catherine Millet seziert mit einer minutiösen, akribischen, ja chirurgischer Präzision den Sexualakt. Sie analysiert ihre sexuelle Praktiken und sie analysiert die Gedanken, die sie dabei hatte. Absichtlich wähle ich den Begriff „Gedanken“, da mir das Wort „Gefühle“ und die damit verbundenen Gefühlszustände, Gefühlswelten, Emotionen zu weit gingen. Millet fühlt rein mechanisch.

Und sie schreibt dazu eine emotionslose Bestandsaufnahme. Dass zu einer solchen Bestandsaufnahme auch die Schilderung des Vergnügens gehört, das die Autorin bei ihren Exzessen empfindet, ist konsequent. Trotzdem beschreibt sie ihre eigene Erregung so kühl, als ob es sich um die Aufzeichnungen eines Elektroenzephalogramms handelte. Die Präzision der Beschreibungen wird so konsequent durchgezogen, dass der Text machmal monoton wirkt.

Das sexuelle Leben der Catherine M. – Bewertung

Diese Monotonie dient bei anderen Rezensenten des Buchs als Ansatzpunkt für negative Kritik. Sich zu konzentrieren, den Willen weiterzulesen beizubehalten, würde wahrscheinlich jedem Leser früher oder später schwer fallen, hieß es da. Der Anschein jedoch trügt. Tatsächlich ist die Monotonie Folge von Millets Anspruch, nichts auszulassen. Kein Detail entgeht ihrer scharfen Beobachtungsgabe. Immer wieder bringt sie ergänzende Gedanken zu bereits Geschriebenem zur Kenntnis des Lesers. Die Monotonie ist kein Fehler der Autorin, sondern entspricht dem Ziel ihres Textes.

Catherine Millet erweckt zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, sie habe ihr Liebesleben als ganz besonders außergewöhnlich, sich selbst etwa als unersättlich, nymphoman oder krank empfunden. Einen Schlüsselsatz zu ihrer Selbsteinschätzung findet der Leser bereits auf Seite 34:

„Ich war völlig verfügbar. In der Liebe wie im Berufsleben hatte ich kein Ideal, das ich erreichen wollte, man definierte mich als eine Person ohne Tabu, ohne jegliche Hemmungen, und ich hatte keinen Grund, diese Rolle nicht anzunehmen.“

Sie war verfügbar, nicht mehr und nicht weniger. – Es gibt keine befreiende Beichte, keine Geständnisse, oder andererseits gar den Hinweis auf Stolz auf ihre Lebensweise. Die Autorin selbst nennt ihr Buch in einem 3sat-Chat schlicht „ein Zeugnis, weil es die Wahrheit sagt“.

Rezeption

Als Bemerkung am Rande möchte ich noch einen Gedanken ansprechen, der nicht nur mich, sondern offenbar auch andere Leser während der Lektüre bewegte. Das Thema der gesundheitlichen Problematik, speziell die Gefahr von AIDS, wird von Millet nicht angesprochen. Einzig zu Anfang des Buches nennt sie das Brennen des Trippers „ein gemeinsames Erkennungszeichen, das gemeinsame Schicksal all jener, die eben viel vögeln“ (S. 18). Das fehlende Bewusstsein um eine gesundheitliche Gefährdung, deren faktisches Ausblenden sind symptomatisch für die Zeit der sexuellen Revolution der Generation der 68er, zu der die Autorin gehört.

„Dieses Buch wird ein Klassiker der französischen erotischen Literatur“, urteilte Kritikerpapst Bernard Pivot. Dieser Meinung kann ich mich nicht kommentarlos anschließen. Denn mit Erotik hat Das sexuelle Leben der Catherine M. überhaupt nichts zu tun. Millet schreibt zwar über Sex. Der Gewinn, den man aus der Lektüre ziehen sollte, besteht aber keinesfalls im Kennenlernen neuer, kamasutraartiger Praktiken, sondern in der Erkenntnis der Freiheit, mit der ein Mensch über ein Tabuthema reflektieren kann.

Die eigentliche Botschaft an den Leser besteht darin, dass es keine bad words, keine don’t-s gibt. Dass nämlich solche nur als gesellschaftliche Vorgaben existieren, die sich der Mensch wissentlich oder unbewusst zu eigen macht. Wenn jemand wie Catherine Millet so unprätentiös und beherrscht über seine sexuellen Erfahrungen schreiben kann, dann ist er (oder sie) tatsächlich frei von allen inneren und äußeren Zwängen.
Es mag schwer fallen zu akzeptieren, dass jemand derartig kaltblütig sein sollte, gesellschaftliche und soziale Konsequenzen seiner Publikation vollkommen außer Acht zu lassen. Aber man oder frau könnte durchaus einmal in sich hineinhorchen und sich gegebenenfalls an Frau Millets Offenheit anderen, vor allen Dingen aber sich selbst gegenüber orientieren.

Fazit:

Das Werk ist fraglos nicht geeignet für Leser, die offen sexuelles Vokabular verabscheuen. Auch Menschen, die den Geschlechtsverkehr als Tabu begreifen, werden wenig Freude an dem Buch haben. Ebenso wenig aber spricht Catherine Millet diejenigen an, die erotische Literatur, Animierndes, Erregendes suchen. – Wer hingegen bereit ist, eine Erfahrung in einem absoluten Grenzgebiet gesellschaftlicher Akzeptanz zu machen, dem sei Das sexuelle Leben der Catherine M. ganz ausdrücklich empfohlen. Vier Sterne für dieses persönliche Zeugnis sind keinesfalls übertrieben.

Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.
Goldmann Verlag, 2001

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Tod eines Kritikers

Tod eines Kritikers
Martin Walser, 2002

Nach der Ankündigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, sie verweigere dem Schriftsteller Martin Walser den geplanten Vorabdruck des Buches, da es sich um einen antisemitischen Roman handle, hat Tod eines Kritikers den Literaturskandal schlechthin im Frühjahr 2002 ausgelöst. Dem Verkauf des Buches hat die harsche Kritik fraglos gut getan, den Ruf des „Opfers“ Marcel Reich-Ranicki hat sie zementiert.

Aus der Warte eines lange Zeit anonym bleibenden Michael Landolf schreibt Martin Walser über die Geschehnisse nach einer literaturkritischen Fernsehsendung namens Sprechstunde. In der Sendung zerfetzte Kritikerpapst André Ehrl-König das neuste Werk des Schriftstellers Hans Lach, Mädchen ohne Zehennägel, in der Luft. Zur Feierstunde nach der Sendung in der Villa eines bekannten Verlegers verschafft sich Lach ungeladen Zugang und bedroht Ehrl-König: „Die Zeit des Hinnehmens ist vorbei. Sehen Sie sich vor, Herr Ehrl-König. Ab heute nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.“

Nach der Feier verschwindet der Kritikerpapst, nur sein mit Blut verschmierter Pullover wird gefunden. Lach gerät unter Mordverdacht, wird verhaftet. Erst gegen Ende des Romans taucht Ehrl-König wohlbehalten wieder auf. Er hatte einige Zeit bei einem seiner weiblichen Bewunderer verbracht ohne sich zu melden.

Tod eines Kritikers – Worum es geht

Die Buchseiten zwischen dem Verschwinden und der Auferstehung des Literaturpapstes füllt der Autor Walser mit den Nachforschungen Landolfs. Dieser glaubt nicht an eine Tat Hans Lachs. Er versucht durch Gespräche mit Personen des Literaturbetriebs, Freunden und Feinden von Ehrl-König und Lach, dessen Unschuld nachzuweisen. Erst nach der Auflösung des vermeintlichen Mordfalles outet sich Michael Landolf als Hans Lach selbst.

Michael Landolf, Hans Lach, Martin Walser – alle drei sind eine Person. Dass Walser mit der Figur des Kritikerpapstes Ehrl-König tatsächlich Marcel Reich-Ranicki meint, ist jedem sofort klar, der ein paar Male Das Literarische Quartett im Fernsehen verfolgt hat. Unverhohlen beschreibt der Autor die Person Ehrl-König, die sich benimmt wie der reale Reich-Ranicki, die „spericht“ wie Reich-Ranicki und argumentiert wie Reich-Ranicki.

Auch historische Parallelen festigen die Zusammenhänge zwischen Identitäten des Romans und der realen Literaturszene Deutschlands. So wie im Buch Ehrl-König den guten Roman von Philip Roth dem schlechten von Lach gegenüberstellt, verfuhr in der Realität einst Reich-Ranicki mit den Werken von Martin Walser und eben des gleichen Philip Roth. Wahrscheinlich wird auch der Rest der handelnden Romanfiguren sein Spiegelbild in der Realität finden. Allein, ich kann dies nicht beurteilen, da ich in keiner Weise sattelfester Kenner der deutschen Literaturszene bin.

Tod eines Kritikers – Erfolgsrezept

Was bleibt zu kommentieren, wenn die personellen Zuordnungen zwischen Realität und Roman klar sind?

Zum einen muss gesagt werden, dass Reich-Ranicki in der Geschichte sehr schlecht wegkommt. Walser versteht es, einerseits Respekt und Achtung vor der Figur des Kritikers in den Vordergrund zu stellen. Auf der anderen Seite lässt er jedoch glasklar durchblicken, wie verachtenswert, wie abscheulich der Mann tatsächlich ist. Sein Habitus, seine Neigungen, sein gesamtes Wesen werden analysiert und vernichtend beurteilt. Übrig bleibt ein hoffnungsloser Egomane, ein sich ständig selbst zelebrierender Popanz, ein Macho ohne Gefühl für Realität, ohne Gnade für seine gesamte Umwelt. Zwar impotent, aber dennoch sexuell gierig mit angedeuteter pädophiler Tendenz. Schlichtweg: ein Scheusal.

Bei seiner Beurteilung generiert Martin Walser ein Bild der Objektivität, indem er den Ich-Erzähler kaum werten lässt. Vielmehr schildert er vermeintliche Tatsachen und lässt darüber hinaus die anderen handelnden Personen ihre Urteile über Ehrl-König alias Reich-Ranicki abgeben. Ein Meisterwerk der spitzen Feder, um nicht zu sagen der perfidesten Verleumdungskunst!

Tod eines Kritikers – Ein Rundumschlag

Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, dass die gesamte Literaturszene Deutschlands in dem Roman nicht viel besser beurteilt wird als Reich-Ranicki. Sozusagen als Rahmenhandlung konstruiert Walser ein Gerüst aus Eitelkeiten, gegenseitigen Anschuldigungen und Verachtung. Das ist der zentrale Grundtenor des Werkes: Der Roman handelt von der Machtausübung und den Ränkespielen des Literaturbetriebes in den Zeiten des Fernsehens.

Auch sich selbst spart Walser nicht ganz aus. Selbst wenn die höchste Form der Selbstkritik darin besteht, Hans Lach zwar als sympathisch, dabei aber als unselbständig und entscheidungsschwach darzustellen. Aber gerade durch die lässlichen Schwächen, die labile Unschuld des Kontrahenten von Ehrl-König, gewinnen dessen Konturen noch an Bestialität.

Ist der Roman antisemitisch?

Der Jude Moshe Zimmermann formulierte eine recht gute Diskussionsgrundlage zur Beantwortung dieser Frage: „Wer nicht von einer Person, sondern von einem Vertreter der Juden spricht, der setzt sich dem Vorwurf des Antisemitismus aus.“
Beim Lesen des Romans habe ich versucht, mir diesen Satz ständig vor Augen zu halten. Nur deshalb ist es mir gelungen, die Textpassagen ausfindig zu machen, die verdächtig sein könnten. Einem weniger vorbelasteten Leser wären solche Stellen wohl kaum aufgefallen.

Die Vermutung, Walser schreibe über einen „Vertreter der Juden“, nicht bloß über den Menschen Reich-Ranicki wird vor allen Dingen durch die bereits zu Anfang zitierte Passage, die Drohung Lachs gegenüber dem Kritiker als eine verbale Hitler-Variation, gestützt.

„Als Adolf Hitler seine Kriegserklärung gegen Polen formulierte, war dies auch eine Kriegserklärung an den damals in Polen lebenden Marcel Reich und seine Familie. Nicht viele europäische Juden haben diesen Satz von Adolf Hitler überlebt.“

So formulierte FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher seine Kritik am Walser-Roman. Er wolle keinen Roman drucken, der den Judenmord fiktiv nachhole. Er denke nicht daran, der These, der ewige Jude sei unverletzlich, ein Forum zu bieten.

Tod eines Kritikers – Einordnung

Wenn ich aber auf den Gesamteindruck des Romans zurückdenke, kann ich nicht anders als festzuhalten, dass ich nie den Eindruck hatte, Antisemitisches zu lesen. Schirrmachers Gedankengänge kann ich nicht nachvollziehen. Der Tod eines Kritikers ist keine Mordfantasie an einem Überlebenden des Holocaust. – Aber die Gedanken sind frei. Das ist wohl wahr, und Gedanken eines Schriftstellers sind doppelt frei.

Zumindest aber handelt es sich bei Martin Walsers Roman um eine beklemmende Hasstirade gegen eine Person des öffentlichen Lebens; gegen einen, der sich Walser zum Feind gemacht hat. Vielleicht ist diese Tatsache der eigentliche Grund dafür, dass die FAZ einen Vorabdruck ablehnte? Wollte sie sich nicht zum Sprachrohr eines persönlichen Rachefeldzuges machen lassen? Einen solchen Gedankengang könnte ich nachvollziehen. Lieferten dann aber die zeitgleich verlaufenden antisemitischen Äußerungen von Karsli und Möllemann nur den Vorwand, sich von Walsers Werk zu distanzieren?

Fazit:

Wer Marcel Reich-Ranicki kennt, wer den einstmaligen deutschen Literaturpapst möglicherweise nicht besonders mag, der wird seine Freude an Tod eines Kritikers haben. Denn selbst wenn man einschränkend feststellt, dass Walsers Beschreibungen überspitzt, gemein und extrem aggressiv sind, auch wenn man einräumt, dass die Persönlichkeitsrechte nicht nur Reich-Ranickis verletzt werden, so muss trotzdem festgehalten werden, dass Walsers Schreibe brillant ist und ganz einfach messerscharf schneidet.

Rein handwerklich gesehen, hätte Walser dafür locker vier Sterne verdient. Dass ich dann letztlich „nur“ drei vergebe, liegt lediglich an einem gewissen Unbehagen angesichts dieser auf Papier ausgetragenen persönlichen Fehde.

Martin Walser: Tod eines Kritikers
Suhrkamp Verlag, 2002

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Gelber Kaiser

Gelber Kaiser
Raymond A. Scofield, 1997

„Ein Panorama der chinesischen Geschichte von der Gründung der Volksrepublik bis hin zur Gegenwart. Gelber Kaiser – Ein Roman über machtpolitische Schachzüge, unerbittliche Grausamkeit und über zerborstene Träume.“

So steht es auf dem Einband des Buches. Und tatsächlich hält der Gelbe Kaiser dieses Versprechen. Am Schicksal der amerikanischen Missionarsfamilie Farlane schildert der Autor Raymond Scofield in seinem ersten Roman über Generationen hinweg chinesische Historie. Beginnend in den Dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bis hin zu einem fiktiven Finale in der nicht genau datierten Gegenwart. Scofield schafft dabei eine nicht ganz einfach zu verfolgende Kette aus historischen Fakten und erfundenen Lebensgeschichten, die schließlich in einer drastischen Auflösung gipfelt.

Gelber Kaiser – Worum es geht

„Operation Gelber Kaiser“ nennt eine Clique chinesischer Generäle den Plan zur Rückeroberung Taiwans. Dieser namensgebende Teil der Handlung ist irgendwann am Ende des zweiten Jahrtausends zu verorten. Um allerdings den Handlungsstrang der Gegenwart plausibel zu machen, holt der Autor weit aus

In manchmal schwer mitzuvollziehenden Zeitsprüngen zwischen 1931 und dem Heute erzählt er chinesische Geschichte aus dem Blickwinkel dreier Generationen der Familie Farlane. Er beginnt nämlich beim China-Missionar John und schließt mit dessen Enkel Stenton Farlane ab, einem Professor für chinesische Sprache.

Interessant ist der historische Abriss für alle Leser ohne geschichtliche Vorbildung allemal. Wir können uns unbedingt darauf freuen, einen Überblick über die Entwicklung Chinas von der Gründung der Volksrepublik über die Tragik der Kulturrevolution bis in die Moderne vorgesetzt zu bekommen.
Häppchenweise serviert Scofield historische Tatsachen aus dem Blickwinkel der handelnden Personen. Allerdings verhindert die Vermischung von Fakten und Fiktion, von real existierenden und erfundenen Gestalten, dass am Detail Interessierte eine klare Trennung vollziehen könnten. Zur Verwirrung trägt darüber hinaus auch die ansehnliche Sammlung chinesischer Namen bei. Diese sind nämlich besonders für westliche Namensgedächtnisse nicht einfach auseinander zu halten. Auch ein Personenregister auf den ersten Seiten des Buches kann leider Verwechslungen und Orientierungsschwierigkeiten des Lesers nicht immer verhindern.

Doch über seine Bemühungen, der Handlung zu folgen, sollte sich der Leser auf keinen Fall die Leckerbissen entgehen lassen, die Scofield in seinen Roman einstreut. So kristallisiert sich zum Beispiel im Laufe der Geschichte ein durchweg negatives Urteil über die historische Rolle Mao Zedongs heraus. Es lohnt sich übrigens, sich die Entwicklung der einzelnen Personen aus dem Namensregister einzuprägen. Denn gegen Ende des Werkes verknüpft der Autor bis dahin zusammenhangslose Handlungsstränge. Er löst dabei die Geschichte auf den allerletzten Seiten in einem überraschenden Finale auf. Da verzeiht man ihm sogar den relativ unwahrscheinlichen politischen Plot der Gegenwart.

Fazit:

Ein mehr als passables, fesselndes Lesevergnügen vor allem für Freunde groß angelegter Historienschmöker. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich statt der vier nicht doch fünf Sterne vergeben hätte sollen.

Raymond A. Scofield: Gelber Kaiser
Lichtenberg Verlag, 1997

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