
Zumindest in Italien gilt Der Konformist als das Meisterwerk des früheren Nationalschriftstellers Alberto Moravia. Darin zeichnet der Autor die Biografie eines Durchschnittsbürgers, könnte man sagen. Zwar ist sein Marcello von klein auf ein monströses Geschöpf. Doch gerade deshalb versucht dieser später, in der Masse der vermeintlich normalen Menschen aufzugehen. Er beschließt, sich dem Zeitgeist anzuschließen und in der Meute der Mitläufer ein willfähriger Diener der italienischen Faschisten der Dreißigerjahre zu werden. Der Roman ist nun siebzig Jahre alt. Doch er weist erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit auf. In der gesamten westlichen Welt driften „zornige Normalbürger“ wieder in autoritäre politische Umfelder ab. Aktuelle Wahlresultate und Entwicklungen in vermeintlich gefestigten Demokratien sind dafür düstere Zeichen. Moravias eindringliche Mahnung hat diese Tendenz ebenso wenig wie all die literarischen Appelle anderer Schriftsteller verhindern können.
Im Grunde ist dieser Marcello nichts anderes als eine Variation oder Weiterentwicklung des Agostino, des Protagonisten eines der früheren Romane Moravias: Ein Einzelkind, dessen psychisch schwer kranker Vater dem Jungen keinen Halt bietet. Dessen Mutter zu jung ist, um dem Sohn eine Erzieherin sein zu können. Ein Deformierter, der dann eben anderswo Orientierung sucht. Die eigentliche Geschichte des Konformisten setzt genau dort ein, wo die des Agostino endet.



Alberto Moravia († 1990 im Alter von 83) war ein römischer Schriftsteller, dessen beide großen Themen – Sexus und Geld – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Aufsehen erregten und wie nicht anders zu erwarten vom faschistischen Staat indiziert und von der römischen Kirche heftig bekämpft wurden. Moravias Romane haben mich in meiner Jugendzeit ebenso schockiert wie angezogen. Denn diese Art von Literatur, tabulos freizügig und zugleich distanziert, sezierend objektiv, war mir bis dahin unbekannt. Ich mache mich nun, im Sommer 2022, auf eine retrospektive Tour durch einige der Romane Moravias, die seit über vierzig Jahren in meinem Bücherregal stehen: