Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Die Römerin

Alberto Moravia, Die Römerin, 1947
Alberto Moravia, 1947

Nur zwei Jahre nach sei­nem Agos­ti­no ver­öf­fent­licht Al­ber­to Mo­ra­via eine Ro­man­ge­schich­te über Die Römerin, ein sech­zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen aus ar­men Ver­hält­nis­sen. Adri­ana lebt mit ih­rer Mut­ter in einer her­un­ter­ge­kom­me­nen Woh­nung in einem Un­ter­schich­ten­vier­tel Roms. Dank ih­rer eben­mä­ßi­gen Schön­heit be­ginnt das Mäd­chen, als Akt­mo­dell für Künst­ler ein we­nig Geld zum ma­ge­ren Haus­halts­ein­kom­men bei­zu­tra­gen. Doch es dau­ert nicht lan­ge, bis Adri­ana von Gi­sel­la, einem der an­de­ren Akt­mo­del­le, in die Pro­sti­tu­tion ge­drängt wird. Er­staun­li­cher­wei­se emp­fin­det die jun­ge Rö­me­rin ih­ren neu­en Be­ruf eher als Be­ru­fung denn als Schmach.

Die gan­ze Ge­schich­te wird aus­nahms­los aus der Per­spek­ti­ve der Ich-Er­zäh­le­rin Adri­ana er­zählt. Von An­fang an war ich et­was skep­tisch. Da schreibt ein Vier­zig­jäh­ri­ger, also einer, den man heu­te als „al­ten wei­ßen Mann“ be­zeich­nen wür­de, aus Sicht eines jun­gen Mäd­chens über de­ren eige­ne Ge­dan­ken und Ge­füh­le. Mo­ra­via sag­te da­zu in einem In­ter­view* nur la­pi­dar: „Ein gu­ter Schrift­stel­ler ist bei­des, ein Mann und eine Frau.“ Ob man einem Best­sel­ler­autor des 21. Jahr­hun­derts ein sol­ches Sta­te­ment oh­ne öf­fent­li­che De­bat­te ab­neh­men wür­de, weiß ich nicht.

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Alberto Moravia

Alberto MoraviaAlberto Moravia († 1990 im Alter von 83) war ein römi­scher Schrift­stel­ler, des­sen bei­de gro­ßen The­men – Se­xus und Geld – in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts Auf­se­hen er­reg­ten und wie nicht an­ders zu er­war­ten vom fa­schis­ti­schen Staat in­di­ziert und von der rö­mi­schen Kir­che heftig bekämpft wur­den. Mo­ra­vias Ro­ma­ne ha­ben mich in mei­ner Ju­gend­zeit eben­so scho­ckiert wie an­ge­zo­gen. Denn die­se Art von Li­te­ra­tur, tabu­los frei­zü­gig und zugleich dis­tan­ziert, sezie­rend objek­tiv, war mir bis da­hin un­be­kannt. Ich ma­che mich nun, im Som­mer 2022, auf eine re­tro­spek­ti­ve Tour durch einige der Ro­ma­ne Mo­ra­vias, die seit über vier­zig Jah­ren in mein­em Bü­cher­re­gal ste­hen:

Alberto Moravia – Eine voll­stän­di­ge Bib­lio­gra­fie Alberto Mora­vias fin­det man zum Bei­spiel in der Wiki­pe­dia.

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Agostino

Alberto Moravia, Agostino, 1944
Alberto Moravia, 1944

Der erste Roman, den Al­ber­to Mo­ra­via nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­öf­fent­lichte, trägt den Ti­tel Agostino. Es ist eine kur­ze Ge­schich­te, kei­ne hun­dert Text­sei­ten lang: Der drei­zehn­jäh­ri­ge Jun­ge Agos­ti­no be­rich­tet von sei­nen Er­leb­nis­sen in einem Fe­rien­ort an der ita­lie­ni­schen Küs­te wäh­rend eines Som­mer­ur­laubs, den er und sei­ne Mut­ter in einer Fe­rien­woh­nung ver­brin­gen. Dem Autor ist mit dem Be­richt des Teen­agers eine un­ver­gess­li­che, haut­na­he Coming-of-Age-Er­zäh­lung ge­lun­gen.

Agos­ti­no ist der ein­zi­ge Sohn einer wohl­ha­ben­den Fa­mi­lie aus Pi­sa. Sein Va­ter ist of­fen­bar früh ver­stor­ben. Da­nach hat der Jun­ge die Rol­le des Be­schüt­zers sei­ner noch jun­gen, ver­wit­we­ten Mut­ter über­nom­men.

Vor­sicht: Ödi­pus­kon­flikt an li­gu­ri­schen Ge­sta­den!

Agostino – Über die Handlung

Die Erzäh­lung setzt ein mit den thea­tra­li­schen Auf­trit­ten Agos­ti­nos, immer wenn er seine Mut­ter auf ihren täg­li­chen Ruder­boots­aus­flü­gen am Strand des Urlaubs­or­tes beglei­tet. Er genießt es, vor den Augen der ande­ren Urlau­ber den männ­li­chen Gefähr­ten der schö­nen Mut­ter zu spie­len. Doch sein Traum­idyll platzt, als der junge Renzo auf­taucht und der Mut­ter den Hof zu machen beginnt. Fas­sungs­los beob­ach­tet Agos­tino, wie sich seine sonst so selbst­si­chere Mut­ter in Gegen­wart des Ver­eh­rers in ein kichern­des Püpp­chen ver­wan­delt und mit Renzo flir­tet.

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