
Nur zwei Jahre nach seinem Agostino veröffentlicht Alberto Moravia eine Romangeschichte über Die Römerin, ein sechzehnjähriges Mädchen aus armen Verhältnissen. Adriana lebt mit ihrer Mutter in einer heruntergekommenen Wohnung in einem Unterschichtenviertel Roms. Dank ihrer ebenmäßigen Schönheit beginnt das Mädchen, als Aktmodell für Künstler ein wenig Geld zum mageren Haushaltseinkommen beizutragen. Doch es dauert nicht lange, bis Adriana von Gisella, einem der anderen Aktmodelle, in die Prostitution gedrängt wird. Erstaunlicherweise empfindet die junge Römerin ihren neuen Beruf eher als Berufung denn als Schmach.
Die ganze Geschichte wird ausnahmslos aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Adriana erzählt. Von Anfang an war ich etwas skeptisch. Da schreibt ein Vierzigjähriger, also einer, den man heute als „alten weißen Mann“ bezeichnen würde, aus Sicht eines jungen Mädchens über deren eigene Gedanken und Gefühle. Moravia sagte dazu in einem Interview* nur lapidar: „Ein guter Schriftsteller ist beides, ein Mann und eine Frau.“ Ob man einem Bestsellerautor des 21. Jahrhunderts ein solches Statement ohne öffentliche Debatte abnehmen würde, weiß ich nicht.


Alberto Moravia († 1990 im Alter von 83) war ein römischer Schriftsteller, dessen beide großen Themen – Sexus und Geld – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Aufsehen erregten und wie nicht anders zu erwarten vom faschistischen Staat indiziert und von der römischen Kirche heftig bekämpft wurden. Moravias Romane haben mich in meiner Jugendzeit ebenso schockiert wie angezogen. Denn diese Art von Literatur, tabulos freizügig und zugleich distanziert, sezierend objektiv, war mir bis dahin unbekannt. Ich mache mich nun, im Sommer 2022, auf eine retrospektive Tour durch einige der Romane Moravias, die seit über vierzig Jahren in meinem Bücherregal stehen: