Die Reise nach Rom

Alberto Moravia, Die Reise nach Rom, 1988
Alberto Moravia, 1988

Die Reise nach Rom ist der letz­te Ti­tel des einst wich­tigs­ten italie­ni­schen Ro­man­ciers der Nach­kriegs­zeit, Al­ber­to Mo­ra­via. Er wur­de zwei Jah­re vor dem Tod des Autors ver­öf­fent­licht. Die Ge­schich­te han­delt von von einem Wit­wer und einer Wit­we, die je­weils von ih­ren ver­stor­be­nen Ehe­part­nern be­tro­gen und ge­de­mü­tigt wor­den wa­ren. Bei­de Über­le­ben­de – Wit­wer wie Wit­we – ver­su­chen, sich des jun­gen Mario als Werk­zeug zu be­die­nen, um ih­re Ehe­trau­ma­ta zu über­win­den. Doch Mario ist selbst Op­fer eines in­zes­tuö­sen Sexu­al­trau­mas, das er zu be­wäl­ti­gen ver­sucht. Noch ein­mal brei­tet Mo­ra­via sein Vor­zugs­the­ma Se­xus vor sei­ner Le­ser­schaft aus und hält der prü­den und selbst­be­zo­ge­nen Ge­sell­schaft einen Spie­gel vor.

Der in Rom ge­bo­re­ne Mario de Sio ist zwan­zig Jahre alt. Im Al­ter von fünf hat­te sei­ne Mut­ter Leo­pol­di­na mit ihm, dem Jun­gen, das Haus des Va­ters Ric­car­do nach einem hef­ti­gen Streit ver­las­sen. Mut­ter und Sohn zo­gen nach Pa­ris zu Di­nas Bru­der. Doch nur zwei Jah­re spä­ter stirbt die Mut­ter an einer Bauch­fell­ent­zün­dung, Ma­rio wächst mit den Kin­dern sei­nes On­kels auf. Zu sei­nem Va­ter hat der Jun­ge fünf­zehn Jah­re lang kei­nen Kon­takt ge­habt, als er mit zwan­zig aus einer Lau­ne her­aus be­schließt, Ric­car­do de Sio in Rom auf­zu­su­chen.

Die Reise nach Rom – Was geschieht in Rom?

Marios Vater Ric­cardo emp­fängt den zurück­keh­ren­den Sohn sehr freund­lich und zuvor­kom­mend. Noch immer lebt er in der Woh­nung, die seine Frau mit Mario einst ver­las­sen hatte. Doch bereits direkt nach der Ankunft sei­nes Soh­nes, trak­tiert er ihn mit Erzäh­lun­gen über die Gründe, die einst zum ehe­li­chen Zer­würf­nis geführt hat­ten: Seine junge Frau Dina war ihm nie treu gewe­sen und hatte in nym­pho­ma­ner Weise einen Lieb­ha­ber an den ande­ren gereiht. Den­noch blieb Ric­cardo sei­ner Dina ver­fal­len. Er ver­suchte damals sogar, auf abson­der­li­che Art und Weise am Leben sei­ner untreuen Frau teil­zuha­ben, indem er ihr sei­nen Kom­pa­gnon als Lieb­ha­ber zuführte.

Marios Inzesttrauma

Eines Abends war der erst fünf­jäh­rige Junge in eine Bei­schlaf­szene sei­ner Mutter mit dem Kom­pa­gnon des Vaters hinein­ge­platzt. Der Mann saß auf dem Sofa, die Mut­ter kniete über ihm. Und Mario hatte wie para­ly­siert dem gesam­ten Akt bis zum Höhe­punkt zuge­se­hen. Dabei hatte die Mut­ter ihrem klei­nen Sohn in die Augen geblickt und ihn so zum pas­si­ven Teil­neh­mer am Ehe­bruch gemacht.

Diese Szene kehrt nun sofort nach sei­ner Rück­kehr in die Kind­heits­woh­nung in Marios Gedächt­nis zurück. Von die­ser Erin­ne­rung kann sich der junge Mann nicht mehr lösen. Er über­legt fie­ber­haft, wie er das Sex­trauma über­win­den kann.

Alda und Jeanne

Im Flug­zeug nach Rom hatte Mario die flüch­tige Bekannt­schaft der End­drei­ßige­rin Jeanne und ihrer drei­zehn­jäh­ri­gen Toch­ter Alda gemacht. Die bei­den hat­ten den jun­gen Mann ein­gela­den, sie bei Gele­gen­heit zu besu­chen. Als Mario nun die Ein­la­dung annimmt und die bei­den Frauen regel­mä­ßig besucht, ent­spinnt sich ein ero­ti­sches Drei­ecks­ver­hält­nis. Jeanne beginnt zöger­li­che Annä­herungs­ver­su­che, doch Mario fühlt sich mehr zur min­der­jäh­ri­gen Toch­ter Alda hin­gezo­gen. Deren Augen erin­nern ihn näm­lich an den Blick sei­ner ver­stor­be­nen Mut­ter. Ja, viel­leicht ergäbe sich da ja eine Mög­lich­keit der Auf­arbei­tung sei­nes Inzest­trau­mas?

Doch Alda ver­sucht, Mario in die Arme ihrer Mut­ter zu trei­ben. Die habe nach dem Tod ihres Man­nes aus ihrem Schlaf­zim­mer ein Mau­so­leum gemacht, obwohl sie an nichts ande­res denke als an Sex. Mario müsse Jeanne end­lich erlö­sen, ver­langt Alda.

Riccardo und Esmeralda

Marios Vater führt inzwi­schen wie­der eine Bezie­hung, das wird dem Sohn rasch klar. Doch Ric­cardo macht keine Anstal­ten, Mario seine Freun­din vor­zustel­len. Viel­mehr schickt er den Sohn eines Tages zu einem Kun­den­ter­min. Denn Mario solle eine Woh­nung, die Ric­cardo ver­kau­fen möchte, einer ehe­mali­gen Schla­ger­sän­ge­rin zei­gen, die Inte­resse habe. So trifft der junge Mann eine dralle Vier­zige­rin, die sich als Esme­ralda vor­stellt. Auch die Augen die­ser Frau ähneln denen sei­ner Mut­ter.

Als nun Mario und diese Esme­ralda vor der Woh­nung ste­hen, liest der Junge erschro­cken den Namen sei­ner ver­stor­be­nen Mut­ter auf dem Tür­schild. Und schließ­lich in der Woh­nung zögert Esme­ralda nicht lange. In null Komma nichts ver­führt sie Mario. Doch gerade als sie die Erek­tion ihres Begier­deob­jek­tes aus dem Hosen­schlitz gean­gelt hat, wer­den die bei­den gestört. Esme­ralda flieht aus der Woh­nung. Zu Hause bei seinem Vater erfährt Mario dann, dass eben diese Esme­ralda die Zukünf­tige Ric­cardos ist. Auch sei­nem Vater war die Ähn­lich­keit zwi­schen sei­ner Ex­frau und Esme­ralda auf­gefal­len.

Will Ric­cardo etwa sein altes maso­chis­ti­sches Ver­hält­nis zu Marios Mut­ter Dina neu auf­le­ben las­sen, indem er Esme­ralda in die Arme des unvor­berei­te­ten Soh­nes treibt? Oder will er seine Esme­ralda mit Hilfe Marios auf die Probe stel­len? Sol­che Fra­gen stellt sich der junge Mann jeden­falls nicht. Viel­mehr macht er sich unver­züg­lich an die minu­tiö­se Pla­nung, mit Esme­ralda die inzes­tu­öse Bei­schlaf­szene sei­ner Mut­ter Dina nach­zustel­len: Er wolle sich vor dem Fern­se­her aufs Sofa set­zen, Esme­ralda solle auf sei­nem Schoß rei­ten. Doch kurz vor der Ver­wirk­li­chung die­ses Plans – die Frau ist bereits ent­klei­det – flieht Mario in letz­ter Minute.

„Esmeraldina“

Und ewig lockt das Weib? In einem Traum sieht Mario die Drei­fal­tig­keit sei­ner Mut­ter in Gestalt des Mäd­chens Alda, der sie­ben­und­zwan­zig­jäh­ri­gen Mut­ter aus sei­ner Erin­ne­rung und der rei­fen Esme­ralda. In der Ver­nied­lichungs­form „Esme­ral­dina“ ste­cken die Namen aller drei Frauen, weiß Alda.

Back­fisch­al­ter, Jugend, Reife. […] Ich sage mir beim Zuse­hen, daß sie offen­bar die­selbe Person in drei ver­schie­de­nen Lebens­al­tern sind, und weiß, daß die­ser Gedanke durch das­selbe unein­gesteh­bare Begeh­ren aus­ge­löst wurde, das alle drei beim Gehen in mir erre­gen. […] Meine Mut­ter dreht sich über­ra­schend um, und da, jetzt zwin­kert sie mir dreist zu.
(Seite 225)

Letzt­lich ist es das Mäd­chen Alda wäh­rend eines Abend­es­sens zu dritt mit Jeanne und Mario, das dem Rei­gen der abge­bro­che­nen Lie­bes­spiele ein Ende berei­tet. Muss man Alda unter­stel­len, dass sie genau weiß, was sie da tut? Oder ist das Gesche­hen ihrer man­geln­den Erfah­rung zuzu­schrei­ben? Jeden­falls bringt sie Mario unter dem Ess­tisch mit dem Fuß zur Eja­kula­tion.

Die Reise nach Rom – Versuch einer Einordnung

In der von ihm gewohn­ten, bril­lian­ten sprach­li­chen Prä­zi­sion lässt Alberto Mora­via seine Leser­schaft an der Trau­maver­arbei­tung des jun­gen Mario teil­ha­ben. Wir erle­ben haut­nah seine Bestür­zung, als er sich an die Beob­ach­tung der Sex­szene mit sei­ner Mut­ter erin­nert. Wir spü­ren, wie der Junge an sei­ner Erin­ne­rung lei­det und wie wütend er auf seine Eltern ist, die ihm die­ses Erleb­nis in ihrer Selbst­sucht ange­tan haben. Wir beglei­ten Marios halb­gare, zöger­li­che Ver­suche, die Ver­gan­gen­heit ver­ges­sen zu kön­nen, indem er die Szene durch eige­nes Erle­ben zu über­tün­chen ver­sucht. Und wir ver­ste­hen, wie wenig er dazu in der Lage ist. Weil er stän­dig getrie­ben wird von Absich­ten der Per­so­nen, die ihn umge­ben und die alle ganz andere Ziele haben als er.

Die­ser Mario ist ein Getrie­be­ner. Aber ande­rer­seits sind auch sein Vater und seine neuen Bekannt­schaf­ten Jeanne, Alda und Esme­ralda ihrer­seits Getrie­bene, die nicht anders kön­nen, als an Strip­pen zu zie­hen, von denen sie erhof­fen, dass sie damit Erleich­te­rung in ihren per­sön­li­chen Tra­gö­dien erfah­ren. Als Mario schließ­lich erkennt, dass er nur ein Spiel­ball sei­ner Umge­bung ist, beendet er die Reise nach Rom.

Der Autor nimmt uns mit in eine Gesell­schaft, die durch­wirkt ist von ero­ti­schen, sexu­el­len Dra­men, für die es keine Auf­lö­sung gibt. Kei­ne(r) sei­ner Dar­stel­le­r¦in­nen erreicht, was sie oder er beab­sich­tigt. Sie alle blei­ben also unbe­frie­digt zurück, weil jede(r) nur an sich selbst denkt.

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Diese Buch­bespre­chung ist Teil mei­ner Retro­spek­tive im Som­mer 2022. Wem sie gefal­len hat, wird viel­leicht auch meine ande­ren Rezen­sio­nen zu Alberto Mora­vias Roma­nen lesen wol­len.

Fazit:

Wie­der ein­mal ist das eine tra­gi­sche Welt, die uns Mora­via vor­stellt. Die Zeit ver­rinnt in untaug­li­chen Ver­su­chen und hinter­lässt eine alb­traum­hafte Wirk­lich­keit, die das Per­so­nal der Roman­ge­schich­te genauso rat­los zurück­lässt wie ihre Lese­r¦in­nen. Die Reise nach Rom führt zu kei­nen ver­gnüg­li­chen Erleb­nis­sen. Weder für das Per­so­nal der Ge­schich­te, noch für die Leser­schaft. Sie lässt bes­ten­falls die Erkennt­nis rei­fen, dass der Mensch ein höchst selbst­bezo­ge­nes Wesen ist, das sei­ner kon­tra­dik­tori­schen Umge­bung hilf­los ausge­lie­fert ist.

In gewis­ser Weise ist die­ser letzte Roman Alberto Mora­vias tat­säch­lich ein Kon­glo­me­rat, eine Zusam­men­fas­sung vieler The­men des Autors aus sei­nen frü­he­ren Roma­nen. Dafür möchte ich gemäß mei­ner Bewer­tungs­kri­te­rien immerhin drei von fünf mög­li­chen Ster­nen verge­ben.

Alberto Moravia: Die Reise nach Rom
List Verlag, 1989

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