Hexensaat

Margaret Atwood, Hexensaat, 2018
Margaret Atwood, 2018

Im Jahr 2013 kün­dig­te Mar­ga­ret At­wood an, im Rah­men des Ho­garth-Sha­kes­pea­re-Pro­jekts einen Bei­trag zu lie­fern. Drei Jah­re spä­ter er­schien der Ro­man Hag-Seed der ka­na­di­schen Schrift­stel­lerin, zwei Jah­re da­nach wur­de die deut­sche Über­set­zung un­ter dem Ti­tel Hexensaat auf­ge­legt. Da­rin er­zählt At­wood die Ge­schich­te des Thea­ter­re­gis­seurs Fe­lix, eines ge­fei­er­ten Stars, der je­doch den In­tri­gen sei­nes engs­ten Mit­ar­bei­ters zum Op­fer fällt und sich zu­rück­zieht. Zwölf Jah­re spä­ter sorgt das Schick­sal da­für, dass Fe­lix Ge­le­gen­heit zur Ra­che be­kommt. Die Ro­man­ge­schich­te ist eine Adap­tion des Büh­nen­dra­mas Der Sturm von Will­iam Sha­kes­pea­re.

Bei Sha­kes­pea­re wur­de der Mai­län­der Her­zog Pros­pe­ro von sei­nem Bru­der An­to­nio hin­ter­gan­gen und ent­mach­tet. Seit­her lebt er mit sei­ner Toch­ter Mi­ran­da auf einer ein­sa­men In­sel. Als sei­ne Fein­de Jah­re spä­ter mit dem Schiff an der In­sel vor­bei­kom­men, ent­fes­selt Pros­pe­ro mit Zau­ber­kraft einen Sturm und lässt das Schiff mit dem Kö­nig von Nea­pel, des­sen Sohn und sei­nem eige­nen Bru­der, der ihn einst ver­ra­ten hat­te, auf der In­sel stran­den. Ra­che ist Blut­wurst!

Wer mehr über Will­iam Sha­kes­pea­res Vor­lage Der Sturm erfah­ren möchte, kann aus­führ­li­che Details mit einem Klick auf den fol­gen­den Link anzei­gen las­sen. Darun­ter geht es wei­ter mit der Roman­bespre­chung zur Hexensaat.

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Prosperos Zaubermacht

Ein Schiff auf hoher See, ein gewal­ti­ger Sturm wühlt das Meer auf. Die Besat­zung hat alle Hände voll zu tun, um das Schiff vor dem Sin­ken zu bewah­ren. Mit­ten in die­sem Chaos betre­ten Passa­giere das Deck: Es sind Alonso, der König von Nea­pel, sein Bru­der Sebas­tian und Alon­sos Sohn Fer­di­nand. Eben­falls an Bord sind Anto­nio, der aktu­elle Her­zog von Mai­land, und Gon­zalo, ein Mai­län­der Rats­herr. Der Boots­mann schickt die edlen Her­ren wie­der unter Deck, wo sie darum beten sol­len, nicht zu ertrin­ken.

„Zwölf Jahr, Miranda, sind es her, zwölf Jahre,
Da war dein Vater Mailands Herzog und
Ein mächt’ger Fürst.“
(Prospero zu Miranda)

Szenen­wechsel: Von ihrer Insel aus beob­achten Pros­pero und seine Toch­ter Miranda das Drama auf See. Der Vater hält den Zeit­punkt für geeig­net, Miranda zu erzäh­len, wer sie und er wirk­lich sind. Denn Jahre zuvor war Pros­pero noch Her­zog von Mai­land und Miranda eine Prin­zes­sin. Doch wegen seiner Lei­den­schaft für alte Bücher über Zau­ber­kunst ver­nach­läs­sigte der Her­zog mehr und mehr seine Amts­ge­schäfte. Pros­peros Bru­der Anto­nio nutzte die Gunst der Stunde. Er ver­bün­dete sich mit Alonso, dem König von Nea­pel, und griff mit des­sen Hilfe Mai­land an. Pros­pero und die kleine Miranda muss­ten flie­hen. Nun end­lich hatte ihm das Schick­sal seine alten Feinde aus­gelie­fert.

Geister, Monster, Prinzen

Prospero hatte den Sturm durch seinen Die­ner, den Luft­geist Ariel, ent­fes­seln las­sen. Die­ser erklärt nun, es sei alles gesche­hen, wie Pros­pero es gewünscht habe: Nie­mand sei ver­letzt, die Rei­sen­den seien über die Insel ver­streut, der Königs­sohn iso­liert von allen ande­ren. Der Rest der Schiffs­flotte sei weiter­gese­gelt, über­zeugt davon, das Schiff des Königs sei ver­lo­ren.

Nun will der Herr der Insel mit sei­nem miss­gebil­de­ten Skla­ven Cali­ban des­sen Auf­ga­ben bespre­chen. Cali­ban ist übel­launig und gehorcht nur wider­wil­lig. Miranda fürch­tet das Mons­ter, weil Cali­ban bereits ver­sucht hat, sich an ihr zu ver­ge­hen, um die Insel mit lau­ter klei­nen Cali­bans zu bevöl­kern.

Während­des­sen lockt Luft­geist Ariel den umher­irren­den Königs­sohn Fer­di­nand an. Als Miranda den jun­gen Mann sieht – den ers­ten Mann über­haupt seit ihrer Ankunft auf der Insel -, ver­liebt sie sich sofort. Pros­pero ist ent­zückt, gehört dies doch zu sei­nem Rache­plan.

Die Schiffbrüchigen

Inzwi­schen irren die ande­ren Schiff­brü­chi­gen über die Insel. König Alonso ist ver­zwei­felt über den ver­meint­li­chen Ver­lust sei­nes Soh­nes Fer­di­nand. Pros­pe­ros Bru­der Antonio zeigt unter­des­sen sein gro­ßes Talent für Fami­lien­ver­rat. Er beschwätzt Sebas­tian, den Bru­der des napo­leta­ni­schen Königs, die Gele­gen­heit zu ergrei­fen, Alonso zu ermor­den, um an sei­ner statt selbst König zu wer­den:

„Hier liegt Euer Bruder —
Nicht bes­ser als die Erd‘, auf der er liegt,
Wär‘ er, was jetzt er schei­net: näm­lich tot,
Den ich mit die­sem will’gen Stahl, drei Zoll davon,
Zu Bett auf immer legen kann.“
(Antonio zu Sebastian)

Im letz­ten Moment kann Gon­zalo mit Hilfe Ariels den Königs­mord ver­hin­dern. Doch Sebas­tian und Anto­nio gelingt es, sich heraus­zure­den.

Inzwi­schen tref­fen der Spaß­macher Trin­culo und der Mund­schenk Ste­phano auf den Insel­skla­ven Cali­ban. Die drei ver­schwö­ren sich, Pros­pero zu töten, um Cali­ban aus des­sen Dienst zu befreien und die schöne Miranda für Ste­pha­nos Bett zu gewin­nen. Doch auch die­ses fins­tere Unter­fan­gen kann Ariel ver­ei­teln, indem er die drei erst in die Irre und dann direkt in einen Jau­che­tüm­pel führt.

Rückkehr zum Status Quo?

Letzt­lich bereut der gebeu­telte König Alonso die Ver­trei­bung Pros­pe­ros, als sich die­ser zu erken­nen gibt. Darauf­hin offen­bart der Insel­herr­scher das junge Glück zwi­schen sei­ner Toch­ter Miranda und dem napo­leta­ni­schen Thron­fol­ger Fer­di­nand. Alon­sos Freude über den wie­der­gefun­de­nen Sohn und des­sen zukünf­tige Frau ist groß, er ver­spricht sogar dem ver­sto­ße­nen Pros­pero sein Her­zog­tum zurück.

Der reha­bili­tierte Pros­pero ent­lässt sei­nen luf­ti­gen Die­ner Ariel in die Frei­heit, ver­zich­tet fortan auf seine Zau­ber­kunst und ver­zeiht sei­nen ehe­mali­gen Fein­den.

„Und am Morgen früh
Führ‘ ich Euch hin zu Schiff und so nach Napel.
Dort hab‘ ich Hoff­nung, die Ver­mäh­lungs­feier
Von die­sen Herz­gelieb­ten anzu­sehn.
Dann zieh‘ ich in mein Mai­land, wo mein drit­ter
Gedanke soll das Grab sein.“
(Pros­pero zu Alonso in der Schluss­szene)

Prospero als Alter Ego William Shakespears?

Häufig wird der Hin­ter­grund des Büh­nen­stücks genau so kom­men­tiert. Wie ein Thea­ter­autor treibt Pros­pero die Hand­lung voran. Mit Hilfe sei­ner magi­schen Tricks nimmt er Ein­fluss auf Mensch und Umwelt inner­halb sei­nes klei­nen Insel­rei­ches. Auch der Schluss legt diese Aus­le­gung nahe: Pros­pero tritt aus dem Stück her­aus, wen­det sich direkt ans Pub­li­kum und bit­tet um des­sen Gunst. Damit endet das Thea­ter­stück, Sha­kes­pe­are lässt offen, ob sich tat­säch­lich alles zum Guten wen­det, oder ob die See­reise nach Nea­pel doch noch andere Schick­sale bereit hal­ten wird.

König James I., unter des­sen Regent­schaft Der Sturm urauf­ge­führt wurde, war sehr an Über­sinn­li­chem inte­res­siert. Die­ses Inte­resse wur­zelte ver­mut­lich in sei­ner Reise nach Däne­mark, wo er sich 1589 mit Anna von Däne­mark ver­mählte. Das Paar geriet danach auf See in einen hef­ti­gen Sturm. Die Ini­tia­to­ren der Hexen­pro­zesse von North Ber­wick in Schott­land schrie­ben die­sen Sturm dem Werk von Hexen zu. Wäh­rend dieser Pro­zesse wur­den mehr als hun­dert ver­meint­li­che Hexen gefol­tert und getö­tet. James I. selbst über­nahm die Befra­gung der Haupt­ver­däch­ti­gen.

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Hexensaat – Der Sturm bei Marga­ret Atwood

Die kana­di­sche First Lady der Lite­ra­tur (82), Frie­dens­preis- und Bun­des­ver­dienst­kreuz­inha­be­rin ver­arbei­tet in ihrem Roman das Grund­thema Sha­kes­pea­res (geputsch­ter Macht­ha­ber flieht, war­tet über ein Jahr­zehnt lang auf eine Gele­gen­heit zur Rache, führt diese minu­tiös durch, aber ver­zeiht schließ­lich sei­nen Fein­den) gleich drei­fach, raf­fi­niert inein­an­der ver­schach­telt.

1. Ebene: Die Roman­geschichte

Felix Phil­lips ist ein ange­sehe­ner Thea­ter­ma­cher, künst­leri­scher Direk­tor des bekann­ten Fes­ti­vals im kana­di­schen Städt­chen Make­shi­weg. Er ist berühmt oder gar berüch­tigt für seine gewag­ten aber immer unter­halt­sa­men Sha­kes­peare-Ins­zenie­run­gen. Neben­bei ange­merkt: Der fik­tive Ort Make­shi­weg steht im Roman wohl für die real exis­tie­rende Stadt Strat­ford in der Pro­vinz Onta­rio, die 150 Mei­len nord­öst­lich von Detroit liegt. Das Strat­ford Fes­ti­val-Thea­ter gilt in ganz Nord­ame­rika als Sha­kes­peare-Kult­stätte.

Doch nicht alles in Felix‘ Leben ist eitel Son­nen­schein. Denn nach einer spä­ten Hei­rat und der Geburt einer Toch­ter, die er auf den Namen Miran­da tauft, stirbt erst die Ehe­frau und drei Jahre spä­ter auch noch Miran­da. Trost findet Felix nur in sei­ner Thea­ter­ar­beit, er ergibt sich dem Zau­ber sei­ner Büh­nen­schöp­fun­gen. Dabei aber ver­nach­läs­sigt er das unab­ding­bare Netz­wer­ken, ohne das Thea­ter­pro­duk­tio­nen nicht beste­hen kön­nen. Sol­che unge­lieb­ten Auf­ga­ben dele­giert Felix lie­ber an seine rechte Hand, Anthony Price.

Doch die­ser Hand­lan­ger erkennt die Schwä­che sei­nes Vor­gesetz­ten. Tony ver­bün­det sich mit dem Minis­ter für Kul­tur- und Denk­mal­pflege, Sal O’Nally. Aus­gerech­net als Felix Sha­kes­pea­res Sturm auf die Bühne brin­gen will, schasst das Fes­t­ival-Prä­si­dium sei­nen Direk­tor und setzt an sei­ner Stelle Tony ein.

Da haben wir sie also, die drei Pro­tago­nis­ten der Vor­ge­schich­te des Sturms: Pros­pero Felix wird von sei­nem Bru­der/Mit­arbei­ter Anto­nio mit der Hilfe von Sal, alias Alfonso, ver­trie­ben. Im Alter von fünf­zig Jah­ren bricht er alle Brü­cken ab und flieht in die Bedeu­tungs­losig­keit. In sei­nem Gepäck: Sehn­sucht nach Rache und seine Toch­ter Miran­da, deren Geist auch nach ihrem Tod den Vater durch den gesam­ten Roman beglei­tet.

2. Ebene: Thea­ter­pro­jekt im Straf­voll­zug

Vom Thea­ter las­sen kann Felix trotz allem nicht. Im neun­ten Jahr sei­nes Exils nimmt er unter dem Pseu­do­nym Mr. Duke, oder „Herr Her­zog“, einen schlecht bezahl­ten und wenig pres­tige­träch­ti­gen Teil­zeit­job an. Der ehe­ma­lige Thea­ter­star ver­dingt sich dem aus öffent­li­chen Mit­teln finan­zier­ten Pro­gramm „Bil­dung-durch-Lite­ra­tur“ und stu­diert fort­an mit den Insa­ßen der JVA von Flet­cher County Sha­kes­peare­stü­cke ein.

Wenn wir an den Plot von Der Sturm den­ken, wird es nie­man­den über­ra­schen, was danach kommt. Denn das Thea­ter­pro­gramm unter Mr. Dukes Lei­tung wird zum Erfolg und erhält auch außer­halb der Gefäng­nis­mau­ern von Flet­cher Beach­tung. Schließ­lich kün­di­gen der Jus­tiz­minis­ter und der Minis­ter für Kul­tur- und Denk­mal­pflege ihren Besuch zur nächs­ten Auf­füh­rung an. Dabei han­delt es sich um keine Gerin­ge­ren als um Sal O’Nally und Anthony Price, die Seil­schaft aus Felix‘ Ver­gan­gen­heit, seine alten Feinde.

Für Felix steht außer Frage: Natür­lich wird er zu die­ser Gele­gen­heit Sha­kes­pea­res Sturm ins­zenie­ren und zur Auf­füh­rung brin­gen.

3. Ebene: Inter­akti­ves Ein­bezie­hen der Zuschauer im Thea­ter­pro­jekt

Am Tag der Auf­füh­rung bringt Felix die pro­minen­ten Besu­cher der Vor­füh­rung und gleich­zei­tig seine alten Wider­sa­cher mit Hilfe der gesetz­lo­sen Thea­ter­truppe in seine Gewalt, zwingt sie mit aller­lei Tricks in die Sha­kes­pea­re­rol­len Anto­nios und Alon­sos und treibt sein Rache­spiel mit ihnen. Hier haben wir also die dritte Schach­tel­ebene, in der Der Sturm in Atwoods Roman sei­nen Platz fin­det.

Hexensaat – Erfolgsrezept

Alleine schon Idee und Aus­füh­rung des mehr­fach inein­an­der ver­wobe­nen Sha­kes­peare­the­mas nöti­gen mir höchs­ten Respekt vor der schrift­stel­leri­schen Leis­tung Mar­ga­ret Atwoods ab. Das ist zwei­fel­los ganz gro­ßes Thea­ter, das wir da gebo­ten bekom­men. Im wahrs­ten Sinne des Begriffs.

Aber sehen wir uns die Ins­zenie­rung ein­mal genauer an. Die Adap­tion des Pros­pero alias Felix Phil­lips als Pro­tago­nist ist ein wah­res Schman­kerl. Da stimmt ein­fach alles. Sogar die Figur der Miran­da in die­sem Part hat Atwood makel­los inte­griert. Das Mädchen exis­tiert zwar nur mehr in der Fanta­sie Felix‘, wirkt aber den­noch steu­ernd und korri­gie­rend auf die Vater­figur ein. Auf andere Weise hätte diese Miran­da kei­nen stim­mi­gen Platz in der Erzäh­lung gefun­den. – Alle Ach­tung!

Die Hand­lung auf der zwei­ten Ebene ist womög­lich noch glaub­wür­di­ger gera­ten. Felix, alias Mr. Duke, lenkt sein Gefäng­nis­ensem­ble ziel­sicher und authen­tisch durch den Sha­kes­peare­plot. – Ein wa­hres Meis­ter­werk, wohl wahr!

Die Rache­pas­sage auf der drit­ten Roman­ebene hin­ge­gen ist mir ehr­lich gesagt zu dünn. Was die­ser Regis­seur Mr. Duke da mit sei­nen Zuschau­ern bezie­hungs­weise Fein­den inner­halb weni­ger Minu­ten anstellt, halte ich schlicht und ein­fach für unglaub­wür­dig. Lese­r¦in­nen, die hier ohne Hin­ter­grund­wis­sen durch die Gescheh­nisse pflü­gen, wür­den wohl zu Recht sagen: Das ist doch an den Haa­ren her­bei gezo­gen. Das ist seicht, das ist nicht plau­si­bel. Akzep­ta­bel wer­den die Gescheh­nisse nur, wenn man den Bezug zum Ori­ginal sieht: Es kann ein­fach nicht anders kom­men.

Hexensaat – Die Bonbons

Meine Lieb­lings­pas­sa­gen sind ohne jeden Zwei­fel die thea­ter­päda­gogi­schen Sze­nen, in denen Felix Phil­lips alias Mr. Duke seine ver­bre­cheri­schen Schü­ler mit der Nase in Sha­kes­pea­res Tie­fen tunkt. Wie macht man das? Eine Bande unge­bil­de­ter Hoch­stap­ler, Betrü­ger und Dro­gen­dea­ler für lite­rari­sche Höhen­flüge zu inte­res­sie­ren?

Die Autorin hat sich mit die­ser Frage inten­siv beschäf­tigt, so erklärt sie in ihren Dank­sagun­gen am Ende des Buches. Also macht sie aus ihrem Mr. Duke einen phä­nome­na­len Päda­go­gen, der den Gefäng­nis­insa­ßen die Tiefe der sha­kes­peare­schen Figu­ren nahe­bringt. Und mit den Gefa­nge­nen begreift auch die Leser­schaft des Romans die Fülle des Klas­si­kers auf ganz beson­dere Art und Weise.

„Erste Aufgabe: Kraftausdrücke“

Eine meiner Lieb­lings­pas­sa­gen fin­det sich ab Seite 100. Dort fragt Duke seine Schau­spieler nach den Ergeb­nis­sen einer Auf­gabe ab, die er ihnen gestellt hatte.

„Ich möchte, dass Sie den Text sehr sorg­fäl­tig durch­gehen und eine Liste sämt­li­cher Kraft­aus­drü­cke erstel­len. Das sind die ein­zi­gen Schimpf­wör­ter, die wir in die­sem Raum benut­zen wer­den.“
(Seite 98)

Fortan flu­chen sich also die Gefäng­nis­insa­ßen fröh­lich auf dem Sprach­ni­veau Sha­kes­pea­res durch die Ge­schich­te: „An Pest kre­pier!“, „Sche­cki­ger Hans­narr!“, „Ober­lau­si­ges Mons­ter!“, „Hexen­saat!“ … Ja, und nun wis­sen wir auch, woher der Roman­ti­tel stammt.

Das offene Ende

Auf das offene Ende der sha­kes­pea­re­schen Ge­schich­te habe ich ja bereits hin­gewie­sen. Atwood geht hier einen Schritt wei­ter. Denn nach dem Auf­tritt for­dert Mr. Duke seine Schau­spie­ler auf, ihre Vor­stel­lung vom Aus­gang der Gescheh­nisse zu erzäh­len. Und da ist dann wirk­lich alles dabei: von der Apo­ka­lypse auf der Schiff­fahrt nach Nea­pel bis zur musi­kali­schen Pop­star­kar­riere des Cali­ban.

Auf diese Art und Weise inspi­riert die Auto­rin auch die Leser­schaft, sich Gedan­ken zu machen, was aus Pros­pero und den anderen Figu­ren des Büh­nen­stücks gewor­den sein könnte. Für ihren eige­nen Pros­pero der ers­ten Schach­tel­ebene, also für Felix Phil­lips, hat Mar­ga­ret Atwood ihre eige­nen Zukunfts­pläne. Zwar könnte er sein Her­zog­tum, das Thea­ter­fes­ti­val von Make­shi­weg, zurück bekom­men. Aber er ver­zich­tet darauf, um es der Miran­da der zwei­ten Schach­tel­eben und ihrem Fer­di­nand aus der drit­ten Ebene zu über­las­sen.

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Fazit:

Hexensaat ist eine geni­ale Ver­arbei­tung des Ursprungs­stof­fes, Der Sturm, von Wil­liam Sha­kes­peare. Mar­ga­ret Atwood ver­steht es meis­ter­haft, die Ge­schich­te unver­fälscht wie­der­zuge­ben, in einer moder­nen Vari­ante, sie dabei gar auf ver­schie­de­nen Ebe­nen inei­nan­der zu ver­schach­teln und dadurch mit traum­wand­leri­scher Sicher­heit dafür zu sor­gen, dass der Leser­schaft keine ein­zige Zeile lang­wei­lig würde.

Die Lek­türe ist ein Muss für Freunde der Sha­kes­peare­stü­cke. Aber sie ist auch sehr emp­feh­lens­wert für Leser, die den Hin­ter­grund des Klas­si­kers nicht ken­nen. Denn die Ge­schich­te ist sprit­zig erzählt und benö­tigt nicht unbe­dingt Vor­wis­sen über sha­kes­pea­re­sche Lite­ra­tur. Auch wenn dann die Gefahr besteht, dass der eine oder andere Spaß unver­stan­den bleibt und womög­lich ein paar Pas­sa­gen der Roman­ge­schich­te als an den Haa­ren her­bei gezo­gen wir­ken könn­ten.

Trotz eini­ger kri­ti­scher Rand­bemer­kun­gen muss ich die­ser Erzäh­lung Mar­ga­ret Atwoods die vol­len fünf aller mög­li­cher Sterne zuge­ste­hen. Das kommt hier sel­ten vor, ist aber für die Hexensaat unver­meid­lich.

Meiner Buchbesprechung liegt eine Shakespeareausgabe aus dem Jahr 1970 in Übersetzung durch August Wilhelm von Schlegel und Ludwig Tieck zu Grunde.

Margaret Atwood: Hag-Seed | Hexensaat
🇬🇧 Hogarth Press, 2016
🇩🇪 Penguin Verlag, 2018

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