Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte

Jonas Jonasson; Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte, 2020
Jonas Jonasson, 2020

Mit Der Hun­dert­jäh­ri­ge, der aus dem Fens­ter stieg und ver­schwand ge­lang dem schwe­di­schen Autor Jo­nas Jo­nas­son vor gut zehn Jah­ren ein Erst­lings­ro­man, der aus dem Stand zum welt­wei­ten Mil­lio­nen­sel­ler wur­de. Recht­zei­tig zum Weih­nachts­ge­schäft vor zwei Jah­ren er­schien Jo­nas­sons fünf­ter Ro­man mit dem Ti­tel Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte. Er­staun­li­cher­wei­se tre­ten in die­ser Ge­schich­te gleich zwei Mas­sai auf, die bei­de eine Rech­nung in Schwe­den of­fen ha­ben: Ole Mba­tian der Jün­ge­re, ein ke­nia­ni­scher Me­di­zin­mann, und sein schwe­di­scher Adop­tiv­sohn Ke­vin Beck. Ole und Ke­vin bil­den das Zen­trum der Ge­schich­te, um das wei­te­re Per­so­nen krei­sen und die bi­zar­re Ro­man­hand­lung vo­ran­trei­ben.

Da wä­re an ers­ter Stel­le Vic­tor zu nen­nen. Vic­tor ist Ras­sist, skru­pel­lo­ser Ge­schäf­te­ma­cher und ein Ego­ma­ne, dem je­des mensch­li­che Ge­fühl fehlt. Außer­dem ist Vic­tor der leib­li­che Va­ter Ke­vins, den er mit einer Pros­ti­tu­ier­ten ge­zeugt hat.

„Er heißt Ke­vin“, sagte sie.
„Hä?“, sag­te Vic­tor.
„Er ist dein Sohn.“
„Sohn? Schei­ße, der ist doch schwarz.“
„Wenn du mich ge­nau an­siehst, geht dir viel­leicht auf, wie es da­zu kom­men konn­te.“
(Dia­log zwi­schen Ke­vins Mut­ter und Vic­tor, Sei­te 27)

Die Mut­ter ist ster­bens­krank und zwingt Vic­tor vor ihrem Tod dazu, sich um den gemein­sa­men Sohn zu küm­mern. Doch als der Junge acht­zehn wird, will ihn sein Vater los­wer­den. Mög­lichst ele­gant und ohne sich selbst die Hände schmut­zig zu machen. Also nimmt er den läs­ti­gen Sohn mit auf eine Reise nach Kenia und setzt ihn dort in der Sa­van­ne aus in der Gewiss­heit, die Löwen wür­den kur­zen Pro­zess mit Kevin machen.

Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte – Doch was geschieht statt dessen?

Kevin über­lebt die Nacht, wird am nächs­ten Tag von Ole Mba­tian auf­gele­sen und als lang ersehn­ter Stamm­hal­ter adop­tiert. Der Junge wird zum Mas­sai­krie­ger erzo­gen und ergreift erst die Flucht, als ihm in einer ritu­el­len Hand­lung die Vor­haut abge­schnit­ten wer­den soll. Er reist zurück nach Schwe­den.

Da Kevin noch immer die Schlüs­sel sei­ner frü­he­ren Woh­nung in einem Stock­hol­mer Vor­ort besitzt, sucht er dort Unter­schlupf. Doch mitt­ler­weile wohnt dort Jenny Alder­heim. Diese Jenny ist ein wei­te­res Opfer des geld­gie­ri­gen Vic­tor. Sie war Toch­ter eines renom­mier­ten Kunst­händ­lers, in des­sen Gale­rie Vic­tor ange­stellt war. Doch um an Gale­rie und Geld zu kom­men, schleimte sich Vic­tor bei Jennys Vater ein und hei­ra­tete schließ­lich das unbe­darfte Mäd­chen. Aller­dings nur, um nach dem Tod des Alten den gesam­ten Besitz auf sich selbst über­schrei­ben und sich von Jenny schei­den zu las­sen.

Die junge Frau lan­det mit­tel­los in eben der Woh­nung, in der Vic­tor einst den Sohn gehal­ten hatte, bevor er ihn nach Afrika in den Tod schickte. Nun ler­nen sich also die bei­den Opfer Vic­tors kennen und beschlie­ßen, Rache zu üben. Zu die­sem Zweck wen­den sie sich an Hugo Ham­lin, einen ehe­mali­gen Mar­keting­stra­te­gen, der gerade ein neues Geschäfts­feld auf­baut: Die Rache ist süß GmbH unter­stützt Men­schen bei Rache­plä­nen jed­we­der Art.

Kevin, Jenny und Hugo machen sich daran, Vic­tor um die Früchte sei­ner Betrü­ge­reien zu brin­gen. Eine wich­tige Rolle dabei spie­len zwei Gemälde, die Kevin aus der kenia­ni­schen Hütte sei­nes Zieh­va­ters mit­genom­men hatte. Jenny, der Toch­ter eines Kunst­händ­lers, fällt sofort auf, dass die Bilder dem Stil der süd­afri­kani­schen Maler­ikone Irma Stern sehr nahe kom­men. Viel­leicht konn­ten sie ja die bei­den Fäl­schun­gen Vic­tor unter­schie­ben und damit sei­nen Ruf als Gale­ris­t zer­stö­ren?

In die­sem Moment taucht Ole Mba­tian der Jün­gere in Stock­holm auf. Der Medi­zin­mann der Mas­sai hatte sich auf die Suche nach dem ver­schwun­de­nen, aber schmerz­lich ver­miss­ten Sohn Kevin gemacht.

Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte – Culture Clash

Ole begab sich in die Sicher­heits­kon­troll­schleu­se. Wo ihm prompt der Speer vom Rücken und das Messer von der Seite geklaubt wur­den.
„Warum?“, fragte der Massai.
„Weil sie andere gefähr­den kön­nen“, sagte der Mann von der Secu­rity.
„Warum sollte ich sie denn sonst dabei haben?“
Die Leute wurden immer merk­wür­di­ger, je wei­ter er von zu Hause weg­kam.
(Erleb­nisse des Medi­zin­man­nes am Flug­hafen, Seite 175)

Ein Gut­teil sei­nes Wit­zes zieht die Roman­ge­schich­te aus dem Zusam­men­prall unter­schied­li­cher Kul­tu­ren. Ein Mas­sai in Stock­holm? Das hat zwangs­läu­fig etwas Cro­co­dile-Dun­dee-haf­tes. Die­ser Ver­gleich stammt nicht von mir, son­dern von Jonas­son selbst. Merke: Lege Dich nicht mit jeman­dem an, der mit Kro­kodi­len schwimmt. Auch dann nicht, wenn Ihr Euch mit­ten in Schwe­den befin­det und der Kro­kodil­schwim­mer nur ein Glas mit Prei­sel­beer­mar­me­lade bei sich trägt!

Mit die­ser Rand­no­tiz sind wir auch schon bei der berühm­ten Film­szene des zwei­ten Cro­co­dile-Dun­dee-Teils gelan­det, in der näm­lich Aus­sie Mick einen New Yor­ker U-Bahn-Lang­fin­ger mit einem geziel­ten Weit­wurf einer Kon­ser­ven­dose zur Stre­cke bringt. Geht noch mehr Anleihe, Herr Jonas­son?

Ja, es geht. Nach einem Todes­fall ermit­telt die Stock­hol­mer Kri­minal­poli­zei. Und zwar in Per­son eines miss­muti­gen Inspek­tors namens Carlan­der, der die Tage bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung zählt und sich auf den letz­ten Drü­cker noch mit zwei Mas­sai herum­schla­gen muss. Carlan­der und die Afri­ka­ner in Schwe­den? Wenn uns das mal nicht an Kurt Wallan­der und Die weiße Löwin erin­nert? Schwe­di­sche Schrift­stel­ler haben wohl gern ein Fai­ble für Afri­ka­ner, die in Nord­europa auf­schla­gen. Das wuss­ten wir ja bereits seit Hen­ning Man­kell und spä­tes­tens seit Jonas Jonas­sons zwei­ter Roman­ge­schich­te über Die Anal­pha­be­tin, die rech­nen konnte.

Gefährliches Spiel

Es ist schon ein gro­ßer Lese­spaß, wenn Ole Mba­tian der Jün­gere über die Errun­gen­schaf­ten der schwe­di­schen Zivi­lisa­tion staunt. Etwa über den Kom­fort in Gefäng­nis­sen. Oder über Früh­stücks­gewohn­hei­ten. Oder gar über Roll­trep­pen. Denn Roll­trep­pen gehen immer als Witz. Sogar in afri­kani­schen Mas­sai­dör­fern am Ende der Welt.

Der Preis, den der Autor für seine Späße auf Kos­ten dun­kel­häu­tiger nai­ver Hin­ter­wäld­ler bezahlt, ist der Vor­wurf des Ras­sis­mus. Es ist ein sehr schma­ler Grat, auf dem Jonas­son wan­dert, und manch ande­rer Rezen­sent des Titels lässt kei­nen Zwei­fel daran auf­kom­men: Seine Ge­schich­te über die Mas­sai stecke voll ras­sis­ti­scher Kli­schees. Selbst sprach­lich sei der Text nicht akzep­ta­bel. For­mulie­run­gen wie „Häupt­ling“, „Dorf­meis­ter im Keu­len­wurf“ oder der Besitz von „zwei Frauen und drei Hüt­ten“ könne man heut­zu­tage kei­nem Schrift­stel­ler mehr durch­ge­hen las­sen, nicht ein­mal als iro­ni­sche Über­zeich­nung.

Meines Erach­tens muss die Leser­schaft selbst beur­tei­len, ob sie über die schrille Über­spit­zung des Cul­ture Clash lachen kann. Oder ob sie dem Autor die Rote Karte zei­gen will für eine Atti­tüde, die in der heu­ti­gen Zeit nichts mehr ver­lo­ren hat.

Sehr langer Atem

Mich per­sön­lich hat an der Ge­schich­te etwas ande­res viel mehr gestört. Sie läuft gegen Ende hin zäher aus als Kau­gummi an der Schuh­sohle. Schon die Poli­zei­ermitt­lung zieht sich über fast hun­dert Buch­sei­ten in sub­stanz­lose Länge. Und nach­dem sich für unsere Pro­tago­nis­ten­crew schließ­lich alles zum Guten gewen­det hat, hätte der Autor seine Erzäh­lung been­den kön­nen. Statt des­sen aber lässt er die ganze Bande von Stock­holm nach Kenia über­sie­deln und die dörf­lich afri­kani­sche Volks­kul­tur revo­lutio­nie­ren. Diesen lang­atmi­gen Schritt über fünf­zehn Druck­sei­ten hin­weg hätte er sich wirk­lich sparen kön­nen. Ein­schließ­lich der nicht mehr lus­ti­gen Roll­trep­pen im Mas­sai­dorf.

Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte – Erfolgsrezept

Trotz des Ras­sis­mus­vor­wurfs und mei­ner Mäke­lei am müh­seli­gen Aus­klang der Roman­ge­schich­te darf man nicht über­se­hen, dass Jonas­son ein wei­te­res Mal erfolg­reich sei­nen bes­ten Trumpf aus­ge­spielt hat. In atem­berau­ben­dem Erzähl­tempo rauscht er mit sei­nen Roman­figu­ren durch die gro­tes­ke Erzäh­lung. Er hält seine Lese­r¦in­nen stän­dig im Atem. Immer wie­der zau­bert er dabei neues Per­so­nal aus dem Hut, wenn er es braucht, lässt aber Neben­per­so­nen genau so schnell wieder sang- und klang­los abtre­ten, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben.

Charak­ter und Erleb­nisse seiner Haupt­figu­ren schil­dert der Autor mit dem ihm eige­nen Sprach­witz, dem man wie immer nur schwer wider­ste­hen kann. Auch wenn sich dabei Tiefe der Cha­rak­tere nicht ent­wi­ckeln kann. Doch eine sol­che Tiefe sucht man als Lese­r¦in Jonas­sons ohne­hin nicht.

Darüber hin­aus und bei aller Leich­tig­keit der Ge­schich­te bin ich durch­aus der Mei­nung, dass es der Autor geschafft hat, die The­men Rechts­popu­lis­mus, Migran­ten- und Kunst­feind­lich­keit aufs Korn zu neh­men. Die­se Aspekte macht er bereits mit sei­nem halb­sei­ti­gen Pro­log deut­lich und bekräf­tigt sie immer wie­der durch Ein­schübe, die trotz allen Sprach­wit­zes unüber­seh­bare Ernst­haf­tig­keit ent­fal­ten.

Irma Stern

In einem die­ser ernst­haf­ten Ein­schübe beschreibt Jonas­son über vier Kapi­tel und zehn Sei­ten hin­weg das Leben und den deutsch-jüdi­schen Hin­ter­grund der süd­afri­kani­schen Künst­le­rin Irma Stern. (Siehe auch Link wei­ter oben in die­sem Text.) Diese uner­war­tete Zäsur in der Roman­ge­schich­te been­det der Autor gar mit Hoch­glanz­abbil­dun­gen dreier ech­ter Stern­scher Gemälde, die kom­men­tar­los auf die Leser­schaft wir­ken dür­fen. Man merkt, die Kunst ist Jonas Jonas­son ein per­sön­li­ches Anlie­gen.

Natürlich kann es sich der Autor nicht ver­knei­fen, die Lebens­ge­schich­te Sterns mit der des Medi­zin­manns der Mas­sai zu ver­knüp­fen. So zeigt eines der bei­den fik­ti­ven Stern-Gemälde, die in der Roman­ge­schich­te auf­tau­chen – Der Knabe am Bach – den jun­gen Ole Mba­tian, den die Künst­le­rin auf einer ihrer afri­kani­schen Rei­sen por­trai­tiert haben soll.

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Wem diese Buch­bespre­chung gefal­len hat, wird viel­leicht auch Inte­resse an mei­nen Rezen­sio­nen von Der Hun­dert­jäh­rige, der aus dem Fens­ter stieg und ver­schwand oder von Die Anal­pha­be­tin, die rech­nen konnte haben.

Fazit:

Wie alle Romane Jonas Jonas­sons bis­her ero­berte auch Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte die inter­natio­na­len Best­sel­ler­lis­ten. Denn auch dies­mal glänzt der Autor mit einer wit­zi­gen, absur­den Geschichte. Der typi­sche Schreib­stil macht es schwer, das Buch nicht in einem Stück durch­zule­sen. Wer sich nicht am viel­fach geäu­ßer­ten Ras­sis­mus-Vor­wurf stört, der den Text als gesell­schaft­lich inkor­rekt quali­fi­ziert, wird erneut seine helle Freude an dem Roman haben.

Mich persön­lich stört der lang­at­mige Aus­klang der Ge­schich­te. Des­halb halte ich den Mas­sai für das bis­lang schwächste Werk des schwe­di­schen Kult­autors. Immer­hin erhält der Roman aber noch immer gute drei der mög­li­chen fünf Bewer­tungs­sterne.

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte
Bertelsmann Verlag, 2020

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