Die Römerin

Alberto Moravia, Die Römerin, 1947
Alberto Moravia, 1947

Nur zwei Jahre nach sei­nem Agos­ti­no ver­öf­fent­licht Al­ber­to Mo­ra­via eine Ro­man­ge­schich­te über Die Römerin, ein sech­zehn­jäh­ri­ges Mäd­chen aus ar­men Ver­hält­nis­sen. Adri­ana lebt mit ih­rer Mut­ter in einer her­un­ter­ge­kom­me­nen Woh­nung in einem Un­ter­schich­ten­vier­tel Roms. Dank ih­rer eben­mä­ßi­gen Schön­heit be­ginnt das Mäd­chen, als Akt­mo­dell für Künst­ler ein we­nig Geld zum ma­ge­ren Haus­halts­ein­kom­men bei­zu­tra­gen. Doch es dau­ert nicht lan­ge, bis Adri­ana von Gi­sel­la, einem der an­de­ren Akt­mo­del­le, in die Pro­sti­tu­tion ge­drängt wird. Er­staun­li­cher­wei­se emp­fin­det die jun­ge Rö­me­rin ih­ren neu­en Be­ruf eher als Be­ru­fung denn als Schmach.

Die gan­ze Ge­schich­te wird aus­nahms­los aus der Per­spek­ti­ve der Ich-Er­zäh­le­rin Adri­ana er­zählt. Von An­fang an war ich et­was skep­tisch. Da schreibt ein Vier­zig­jäh­ri­ger, also einer, den man heu­te als „al­ten wei­ßen Mann“ be­zeich­nen wür­de, aus Sicht eines jun­gen Mäd­chens über de­ren eige­ne Ge­dan­ken und Ge­füh­le. Mo­ra­via sag­te da­zu in einem In­ter­view* nur la­pi­dar: „Ein gu­ter Schrift­stel­ler ist bei­des, ein Mann und eine Frau.“ Ob man einem Best­sel­ler­autor des 21. Jahr­hun­derts ein sol­ches Sta­te­ment oh­ne öf­fent­li­che De­bat­te ab­neh­men wür­de, weiß ich nicht.

Die Römerin – Frauen­perspek­tive aus Sicht eines männ­lichen Schrift­stellers?

Bereits im Roman­vor­gän­ger Agos­tino hat Mora­via bewie­sen, dass er sich durch­aus in die Sicht­weise und in die Gedan­ken­gänge eines Teen­agers hin­ein­ver­set­zen kann. Aller­dings war die­ser Agos­tino eben ein Junge. Adriana hin­ge­gen ist ein jun­ges Mäd­chen der sozia­len Unter­schicht des faschis­ti­schen Ita­li­ens der Drei­ßiger­jahre. Im Archiv des Deutsch­land­funks habe ich eine ambi­va­lente Bespre­chung von Die Röme­rin gefun­den**. Die Ger­manis­tin und Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Soji­tra­valla beschei­nigt darin Mora­via, „nicht zu lang­wei­len, eine Ge­schich­te zu prä­sen­tie­ren, die mit kna­cki­gen Über­raschun­gen auf­war­tet, mit Span­nung nicht geizt und doch auch eine anrüh­rende, wenn auch etwas alt­modi­sche Lie­bes­ge­schich­te bie­tet“. Doch ob die Kri­tike­rin heute, zwan­zig Jahre nach ihrer Bespre­chung, noch immer so urtei­len würde, ist frag­lich.

Trotz­dem weise ich auf diese zwei Jahr­zehnte alte Rezen­sion hin. Denn sie ent­hält eine Cha­rak­teri­sie­rung Adria­nas, die man ein­fach nicht tref­fen­der for­mulie­ren kann:

Irgend­wie schließt man die eini­ger­ma­ßen dumme Gans ins Herz. Dabei gibt es kei­nen Grund dafür. Sie ist von einer Nai­vi­tät, die rasend macht, von einer Unbe­darft­heit, die geschüt­telt wer­den will und hängt nicht aus­rott­ba­ren Klein­mäd­chen­träu­men nach. Denn ganz im Gegen­satz zu ihren lite­rari­schen Kol­legin­nen möchte Adri­ana gar nichts wei­ter als bloß ein ganz nor­ma­les Leben füh­ren. Das heißt für sie: ein Mann, ein Haus, ein Kind.**

Und Soji­tra­valla fin­det auch eine Begrün­dung dafür, warum diese däm­li­che Adri­ana die Sym­pa­thie der Leser­schaft fin­det: „Ganz ein­fach, der Leser hat Mit­leid mit ihr, und zwar in ers­ter Linie des­we­gen weil Mora­via möchte, dass er Mit­leid mit ihr hat. […] Mora­vias Haupt­anlie­gen beim Schrei­ben: Das Mit­lei­den mit den Figu­ren, das ihn selbst erfüllt und das er beim Leser erzeu­gen möchte.“**
Die­ser Ein­schät­zung möchte ich mich unbe­dingt anschlie­ßen. Glei­ches war mir schon bei der Lek­türe des Jun­gen Agos­tino im Roman­vor­gän­ger auf­gefal­len. Auch in Die Röme­rin gelingt dies Mora­via ohne jeden Zwei­fel.

Die Römerin – Die Romangeschichte

Adri­ana lebt mit ihrer ver­wit­we­ten Mut­ter in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen in Rom. Als Adri­ana sech­zehn ist, schleust sie die Mut­ter dank frü­he­rer Kon­takte als Akt­modell bei ver­schie­denen Künst­lern ein. Dies gelingt haupt­säch­lich des­we­gen, weil Adri­ana ein außer­gewöhn­lich hüb­sches Mäd­chen ist. Obwohl die Mut­ter ihre Toch­ter anfleht, sich nicht einem armen Schlu­cker an den Hals zu wer­fen son­dern ihre Reize aus­zuspie­len, ver­liebt sich Adri­ana in den Erst­bes­ten:

Gino ist mit­tel­lo­ser Chauf­feur einer herr­schaft­li­chen römi­schen Fami­lie. Die bei­den ver­lo­ben sich, und Adri­ana gibt sich Gino hin. Natür­lich kommt es, wie es kom­men muss. Die­ser Gino erweist sich als Betrü­ger, der mit einer ande­ren ver­hei­ra­tet ist und mit die­ser Ehe­frau längst Kin­der hat.

Prostitution

Die Ent­lar­vung des Hei­rats­schwind­lers ver­dankt Adri­ana aller­dings nicht etwa ihrer weib­li­chen Intui­tion. Viel­mehr erhält sie die Infor­ma­tion von einem gewis­sen Asta­rita, einem hohen Beam­ten der faschis­ti­schen poli­ti­schen Poli­zei. Die­sen Asta­rita hatte sie durch Intri­gen ihrer Berufs­kol­le­gin als Akt­modell, Gisella, ken­nen­ge­lernt. Gisella hatte Adri­ana und Asta­rita zusam­men­ge­bracht, um die Freun­din ins Gewerbe der bezahl­ten Lie­bes­die­nerin­nen hin­ein­zuzie­hen. Asta­rita, eben­falls ver­hei­ra­tet, ist näm­lich der schö­nen Adri­ana hoff­nungs­los ver­fal­len und tut alles, um sich deren Gunst zu sichern.

Was mit die­sem Asta­rita beginnt, zieht schnell weite Kreise. Nach dem Bruch mit Gino nimmt Adri­ana bald wahl­los irgend­wel­che Freier mit in ihr beschei­de­nes Zu­hause und gibt sich die­sen gegen Bezah­lung hin. (Die Mut­ter nimmt den neuen Beruf ihrer Toch­ter kom­men­tar­los hin. Schließ­lich kommt end­lich ein wenig Geld ins Haus.)

Über käufliche und romantische Liebe

Adri­ana selbst ver­fällt ange­sichts ihres Abglei­tens in die mora­li­sche Ver­werf­lich­keit des Stra­ßen­gewer­bes nicht etwa in Depres­sio­nen. Sie schätzt durch­aus die Bequem­lich­keit des Geld­er­werbs als Dirne. Das Geld ihrer Freier nimmt sie gerne, gibt es aller­dings ohne eigen­nüt­zig zu den­ken an die Mut­ter wei­ter.

Im Her­zen bleibt Adri­ana ihren nai­ven Mäd­chen­träu­men treu. Und schließ­lich lernt sie Mino ken­nen, einen Stu­den­ten aus begü­ter­tem Hause. Sofort ist sie Feuer und Flamme für die­sen jun­gen Mann, der gar noch ein Jahr jün­ger ist als sie selbst. Doch obwohl sich Mino durch­aus von Adri­ana ange­zo­gen fühlt, ist er doch vol­ler Selbst­zwei­fel oder gar Selbst­ekel. Die Bezie­hung zwi­schen den bei­den scheint in ein Fiasko zu mün­den. Außer­dem enga­giert sich Mino in einer poli­ti­schen Pro­test­bewe­gung und bewegt sich auf Kol­lisions­kurs mit der faschis­ti­schen Staats­macht.

Letzt­lich kommt es zur Belas­tungs­probe zwi­schen Andri­ana, dem Par­tisa­nen Mino und dem lie­bes­tol­len Poli­zei­scher­gen Asta­rita. Über­ra­schung: Mora­via baut im letz­ten Teil sei­ner Roman­ge­schich­te sogar noch einige Thril­ler­ele­mente ein! – Mehr mag ich hier nicht ver­ra­ten. Lest doch selbst! (Wer aller­dings unbe­dingt wis­sen will, wie die Ge­schich­te aus­geht, kann hier im Spoi­ler wei­ter­le­sen.)

Spoiler aufklappen

Achtung, es wird zuletzt tat­säch­lich noch recht kom­pli­ziert. Die Hand­lung bie­tet einige uner­war­tete Über­raschun­gen. Denn kurz vor dem Abschluss lernt Adri­ana bei einer Begeg­nung mit ihrem Ex-Ver­lob­ten Gino auch des­sen Beglei­ter Son­zogno ken­nen. Die­ser Son­zogno ist ein über­aus bru­ta­ler und unbe­herrsch­ter Kri­minel­ler, von klei­ner Sta­tur aber erstaun­li­cher Kör­per­kraft. Selbst Adri­ana mit ihrem son­ni­gen Gemüt und ihrer sonst so über­wäl­tigen­den Aus­strah­lung auf Män­ner gelingt es nicht, Son­zogno im Zaum zu hal­ten. Erst Gino und dann sie selbst wer­den Opfer der unbe­rechen­ba­ren Gewalt­tätig­kei­ten Son­zognos.

Begleiterscheinungen der Prostitution

Ich hatte mich von Anfang an ein wenig gewun­dert: Über die übli­chen Begleit­erschei­nun­gen des Huren­gewer­bes hat Mora­via nicht ein Wort ver­lo­ren. Wie Adri­ana die Pro­ble­mati­ken von Geschlechts­krank­hei­ten, Emp­fäng­nis­ver­hü­tung oder Schutz vor gewalt­täti­gen Frei­ern durch Zuhäl­ter bewäl­tigt, erfah­ren wir nicht. Kurz­zei­tig hatte ich die Idee, dass die­ser Son­zogno womög­lich zum Luden Adri­anas wer­den könnte.

Doch damit lag ich falsch. Auch Son­zogno ist nur einer der Män­ner, die dem Mäd­chen ver­fal­len. Auch wenn er eben dazu neigt, sich mit Gewalt zu neh­men, was er will. Bei sei­nem letz­ten Geschlechts­akt mit Adri­ana schwän­gert er dazu noch das Mäd­chen.

Polizeiaktionen

Unter­des­sen gerät Lie­bes­ob­jekt Adri­anas und Unter­grund­akti­vist Mino ins Visier der Faschis­ten. Die Poli­zei ver­haf­tet ihn. Adri­ana wird sofort aktiv und ruft ihren Lie­bes­skla­ven Asta­rita zu sich, um das Schlimmste zu ver­hin­dern. In ihrer Woh­nung tref­fen jedoch zufäl­lig der fiese Son­zogno und Asta­rita auf­ein­ander. Der Krimi­nelle erkennt den hohen Poli­zei­beam­ten und lässt sich des­halb wider­stands­los von ihm ohr­fei­gen und aus Adri­anas Woh­nung wer­fen.

Danach ver­spricht Asta­rita sei­ner Ange­bete­ten, die Anschul­digun­gen gegen Mino unter den Tep­pich zu keh­ren; in der Hoff­nung, die junge Frau würde nun end­lich sein Ange­bot anneh­men und sich von ihm exklu­siv aus­hal­ten las­sen.

Showdown

Son­zogno kann die Demü­ti­gung durch den Poli­zei­offi­zier Asta­rita nicht ver­win­den. Er sucht ihn zu Hause auf und stürzt ihn durchs Trep­pen­haus in den Tod. Doch letzt­lich wird er von den Such­trupps der Poli­zei auf­ge­spürt.

Nach dem Tod Asta­ritas scheint Mino tat­säch­lich in Sicher­heit. Adri­ana beich­tet ihre Schwan­ger­schaft, stellt aller­dings Mino statt Son­zogno als den Kinds­va­ter hin. Eine Weile scheint sich tat­säch­lich so etwas wie ein Happy End abzu­zeich­nen. Doch dann rich­tet sich Mino selbst. Er kann sein Ver­sa­gen in der Unter­grund­bewe­gung, aber auch seine eigene ihm uner­träg­li­che Exis­tenz nicht hin­neh­men.

Zuletzt blei­ben nur Adri­ana und ihr unge­bore­nes Kind übrig. Doch vor sei­nem Selbst­mord hatte Mino noch alle wich­ti­gen Schritte in die Wege gelei­tet, damit seine Fami­lie die „Schwie­ger­toch­ter­witwe“ Adri­ana und das ver­meint­lich gemein­same Kind unter­stüt­zen wer­den müs­sen. Damit endet die auto­bio­gra­fi­sche Erzäh­lung der jun­gen Adri­ana.

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Die Römerin – Rezeption

Die Ge­schich­te des Stra­ßen­mäd­chens Adri­ana fand nach sei­ner Ver­öffent­li­chung in den Jahr­en nach dem Sturz der faschis­ti­schen Dik­ta­tur in Ita­lien viel Beach­tung. Es ist anzu­neh­men, dass Mora­vias zur dama­li­gen Zeit sehr frei­zügi­gen Dar­stel­lungen ihren Teil dazu bei­tru­gen. Aus heu­ti­ger Sicht bie­tet der Roman keine skan­dal­träch­ti­gen Inhalte mehr. Auch nach der Neu­über­set­zung durch Michael von Kil­lisch-Horn im Jahr 2003 hielt sich das Inte­resse des Lese­publi­kums in Gren­zen.

Mora­via ist kein gefrag­ter Autor mehr, auch wenn ich dies sehr bedauere. Die Römerin ist ein Paradebeispiel für seine liberale Kritik an der italienischen Gesellschaft. Auch wenn dem Text auf weite Strecken die Teilnahmslosigkeit und Lethargie der Hauptpersonen fehlen, die Moravias Welterfolge auszeichnen. Wahrscheinlich macht aber genau die Leichtigkeit der Geschichte den besonderen Reiz des Romans aus.

Im Jahr 1954 wurde die Ge­schich­te der Adri­ana unter dem Titel Die freud­lose Stra­ße ver­filmt. Regie führte damals Luigi Zampa, die Haupt­rolle spielte Gina Lollo­bri­gida.

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Diese Buch­bespre­chung ist Teil mei­ner Retro­spek­tive im Som­mer 2022. Wem sie gefal­len hat, wird viel­leicht auch meine ande­ren Rezen­sio­nen zu Alberto Mora­vias Roma­nen lesen wol­len.

Fazit:

Mitte des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts gehör­ten Alberto Mora­vias Romane zu den kul­turel­len High­lights und zu den gesell­schaft­li­chen Auf­re­gern glei­cher­ma­ßen. Die Römerin ist sicher eine der span­nen­de­ren Ge­schich­ten, die uns der ita­lie­ni­sche Groß­meis­ter hin­ter­las­sen hat. Ich halte die Erzäh­lung des Stra­ßen­mäd­chens Adri­ana für zeit­los und auch heute noch für unbe­dingt lesens­wert.

Des­halb bekommt die Ge­schich­te drei starke der mög­li­chen fünf Sterne zuge­spro­chen.

Alberto Moravia: Die Römerin
Verlag Kremayr & Scheriau, 1975
(Erstausgabe: Verlag Kurt Desch, 1950)

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Fußnoten:

*) André Müller, Playboy September 1980: Interview mit Alberto Moravia

**) Shirin Sojitravalla, Die Römerin, Deutschlandfunk 2003

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