Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? ❤ Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Eines Menschen Flügel

Andreas Eschbach, Eines Menschen Flügel, 2020
Andreas Eschbach, 2020

Mit Eines Menschen Flügel hat An­dre­as Esch­bach ein ge­wal­ti­ges Werk vor­ge­legt. Es geht um nicht we­ni­ger als um die Zu­kunft der Mensch­heit: ein Sci­ence-Fic­tion-Ro­man einer­seits, doch auch eine be­ste­chen­de Über­le­gung zum ak­tu­el­len Zu­stand und zu den Per­spek­ti­ven der Art Ho­mo sa­pi­ens. Wo­her kom­men wir? Was macht uns aus? Und wo­hin ge­hen wir? Kön­nen wir aus Feh­lern ler­nen? Un­se­re Zu­kunft tat­säch­lich be­ein­flus­sen?

Gewal­tig ist Esch­bachs neus­ter Ro­man aber auch auf­grund sei­nes Um­fanges. Ein di­cker Band, ge­glie­dert in drei etwa gleich lan­ge Tei­le; 29 Ka­pi­tel, die teil­weise so lang sind, dass sie in Un­ter­ka­pi­tel ge­teilt sind, die wie­de­r­um durch Stern­chen­zei­len in Ab­schnit­te struk­tu­riert wer­den. Das längs­te die­ser Ka­pi­tel um­fasst al­lein 100 Buch­sei­ten, die ge­sam­te Er­zäh­lung kommt auf 1.253 Ro­man­sei­ten, selbst wenn man nur vom An­fang des Tex­tes bis zu sei­nem Schluss­punkt zählt.

Man braucht also Durch­hal­tever­mö­gen für diese Erzäh­lung. Durch­hal­tever­mö­gen und ein gutes Gedächt­nis für unge­wöhn­li­che Per­sonen­na­men, um den Zusam­men­hän­gen über zwölf­hun­dert eng be­druck­te Buch­sei­ten hin­weg fol­gen zu kön­nen.

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In Zeiten des Tulpenwahns

Susanne Thomas, In Zeiten des Tulpenwahns
Susanne Thomas, 2021

In ih­rem Ro­man In Zeiten des Tulpenwahns er­zählt uns Su­san­ne Tho­mas das Schick­sal einer jun­gen Hol­län­de­rin wäh­rend des Gol­de­nen Zeit­al­ters der Nie­der­lan­de, im 17. Jahr­hun­dert. Mar­griet Ver­beeck ist Halb­wai­se und lebt in Haar­lem, einem Vor­ort Am­ster­dams, bei ih­rem Va­ter Ni­co­laes, einem Gär­tner und pas­sio­nier­ten Tul­pen­züch­ter. Wir be­glei­ten Mar­griet über sieb­zehn Jah­re hin­weg, von 1620 bis 1637. Aus einem sechs­jäh­rigen Mäd­chen wird eine jun­ge Frau, die – wie soll­te es auch an­ders sein – sich ver­liebt und hei­ra­ten möch­te.
So­weit al­so die Zu­ta­ten zu die­ser Ge­schich­te, die sich zunächst ba­nal le­sen und wo­mög­lich Ba­na­les er­war­ten las­sen. Einen Lie­bes­ro­man für frus­trier­te Haus­frau­en? – Mit­nich­ten!

Die Auto­rin hat mit ihrem Roman eine sehr unge­wöhn­li­che Erzäh­lung abge­lie­fert, die sowohl for­mal als auch inhalt­lich stark von dem abweicht, was wir übli­cher­weise an Bezie­hungs­lite­ra­tur vor­ge­setzt bekom­men.

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Sprich mit mir

T. C. Boyle, Sprich mit mir
T. C. Boyle, 2021

Der Pro­ta­go­nist in T. C. Boyles ak­tu­el­lem Ro­man mit dem Ti­tel Sprich mit mir ist kein Mensch, son­dern ein Tier: Der Schim­pan­se Sam er­lernt im Rah­men eines wis­sen­schaft­li­chen Ex­pe­ri­ments die Ge­bär­den­spra­che und kann sich da­durch mit mensch­li­chen Ge­sprächs­part­nern aus­tau­schen. Die­se Idee ist  sim­pel und bril­lant zu­gleich. Denn sie wirft ohne Wei­te­res einen gan­zen Strauß an Fra­gen auf:

Wo liegt der Un­ter­schied zwi­schen Mensch und Tier? In­wie­weit sind Tie­re etwa mit Klein­kin­dern ver­gleich­bar? Ist der wich­tig­ste Un­ter­schied zwi­schen Men­schen und Tie­ren le­dig­lich in der Sprach­bar­rie­re be­grün­det? Oder nei­gen wir da­zu, un­se­re tie­ri­schen Ge­fähr­ten zu ver­mensch­li­chen? Ge­hen wir denn in an­ge­mes­se­ner Wei­se mit un­se­ren Haus- und sons­ti­gen Tie­ren um? Wel­che Ar­ten von Be­zie­hun­gen kön­nen zwi­schen Mensch und Tier be­ste­hen? Was gibt uns, dem Men­schen­ge­schlecht, eigent­lich das Recht, uns über den Rest der Na­tur zu er­he­ben?

So un­ver­fäng­lich die Ge­schich­te um Sam den Schim­pan­sen auch an­ge­legt sein mag: Sie hin­ter­fragt un­ser ge­sell­schaft­li­ches Wer­te­sys­tem. Und sie stellt letzt­lich alle un­se­re seit Jahr­tau­sen­den über­lie­fer­ten Schöp­fungs­ge­schich­ten in Fra­ge.

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