Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

In Zeiten des Tulpenwahns

Susanne Thomas, In Zeiten des Tulpenwahns
Susanne Thomas, 2021

In ih­rem Ro­man In Zeiten des Tulpenwahns er­zählt uns Su­san­ne Tho­mas das Schick­sal einer jun­gen Hol­län­de­rin wäh­rend des Gol­de­nen Zeit­al­ters der Nie­der­lan­de, im 17. Jahr­hun­dert. Mar­griet Ver­beeck ist Halb­wai­se und lebt in Haar­lem, einem Vor­ort Am­ster­dams, bei ih­rem Va­ter Ni­co­laes, einem Gär­tner und pas­sio­nier­ten Tul­pen­züch­ter. Wir be­glei­ten Mar­griet über sieb­zehn Jah­re hin­weg, von 1620 bis 1637. Aus einem sechs­jäh­rigen Mäd­chen wird eine jun­ge Frau, die – wie soll­te es auch an­ders sein – sich ver­liebt und hei­ra­ten möch­te.
So­weit al­so die Zu­ta­ten zu die­ser Ge­schich­te, die sich zunächst ba­nal le­sen und wo­mög­lich Ba­na­les er­war­ten las­sen. Einen Lie­bes­ro­man für frus­trier­te Haus­frau­en? – Mit­nich­ten!

Die Auto­rin hat mit ihrem Roman eine sehr unge­wöhn­li­che Erzäh­lung abge­lie­fert, die sowohl for­mal als auch inhalt­lich stark von dem abweicht, was wir übli­cher­weise an Bezie­hungs­lite­ra­tur vor­ge­setzt bekom­men.

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Sprich mit mir

T. C. Boyle, Sprich mit mir
T. C. Boyle, 2021

Der Pro­ta­go­nist in T. C. Boyles ak­tu­el­lem Ro­man mit dem Ti­tel Sprich mit mir ist kein Mensch, son­dern ein Tier: Der Schim­pan­se Sam er­lernt im Rah­men eines wis­sen­schaft­li­chen Ex­pe­ri­ments die Ge­bär­den­spra­che und kann sich da­durch mit mensch­li­chen Ge­sprächs­part­nern aus­tau­schen. Die­se Idee ist  sim­pel und bril­lant zu­gleich. Denn sie wirft ohne Wei­te­res einen gan­zen Strauß an Fra­gen auf:

Wo liegt der Un­ter­schied zwi­schen Mensch und Tier? In­wie­weit sind Tie­re etwa mit Klein­kin­dern ver­gleich­bar? Ist der wich­tig­ste Un­ter­schied zwi­schen Men­schen und Tie­ren le­dig­lich in der Sprach­bar­rie­re be­grün­det? Oder nei­gen wir da­zu, un­se­re tie­ri­schen Ge­fähr­ten zu ver­mensch­li­chen? Ge­hen wir denn in an­ge­mes­se­ner Wei­se mit un­se­ren Haus- und sons­ti­gen Tie­ren um? Wel­che Ar­ten von Be­zie­hun­gen kön­nen zwi­schen Mensch und Tier be­ste­hen? Was gibt uns, dem Men­schen­ge­schlecht, eigent­lich das Recht, uns über den Rest der Na­tur zu er­he­ben?

So un­ver­fäng­lich die Ge­schich­te um Sam den Schim­pan­sen auch an­ge­legt sein mag: Sie hin­ter­fragt un­ser ge­sell­schaft­li­ches Wer­te­sys­tem. Und sie stellt letzt­lich alle un­se­re seit Jahr­tau­sen­den über­lie­fer­ten Schöp­fungs­ge­schich­ten in Fra­ge.

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Dostojewski und die Liebe

Klaus Trost, Dostojewski und die Liebe, 2020
Klaus Trost, 2020

„Zwi­schen Do­mi­nanz und De­mut“ hat Au­tor Trost sei­ner Bio­gra­fie Dostojewski und die Liebe als Un­ter­ti­tel mit­ge­ge­ben. Pro­fes­sor An­dreas Gus­ki von der Sla­vi­schen Phi­lo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Ba­sel kom­men­tiert: „Klaus Trost be­han­delt in sei­ner Stu­die über Dos­to­jew­skij und die Frau­en einen The­men­komplex, um den Dos­to­jews­kij-Bio­gra­fen sonst eher einen so dis­kre­ten wie ehr­fürch­ti­gen Bo­gen schla­gen.“

Ehr­furcht ist wohl auch der rich­ti­ge Be­griff, wenn ich mein eige­nes Ver­hält­nis zu Fjo­dor Dos­to­jew­ski be­schrei­ben soll­te.

Immer­hin ist die­ser Dos­tojew­ski einer der ganz gro­ßen rus­si­schen Schrift­stel­ler des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts; so wie seine Zeit­genos­sen Gont­scha­row, Tol­stoi und Tur­ge­new. Einer aus der Zeit der Zaren, des­sen Werk zwar auch nach der Okto­ber­revo­lu­tion kon­tro­vers dis­ku­tiert wurde, obwohl sein künst­leri­scher Wert unum­strit­ten blieb. Immer­hin gilt Dos­to­jew­ski als einer der Neu­begrün­der der euro­päi­schen Roman­lite­ra­tur. Heute in drei Wochen, am 11. Novem­ber 2021, würde Fjo­dor Micha­ilo­witsch Dos­to­jew­ski 200 Jahre alt wer­den, und am 9. Februar vor 140 Jah­ren ver­starb der Schrift­stel­ler. Wir bege­hen also 2021 so etwas wie ein beson­ders run­des Dos­to­jew­ski­jahr, Klaus Trosts Bio­gra­fie erscheint des­halb gerade zur rech­ten Zeit. Sie lässt uns einen Blick auf das sehr private Leben eines längst zum Denk­mal erstarr­ten Lite­ra­ten wer­fen.

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