Meine ganz persönlichen Lesempfehlungen
Auf der Su­che nach Lese­stoff? ❤ Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Riven Rock

T. C. Boyle, Riven Rock, 1998
T. C. Boyle, 1998

„Gespaltener Felsen“ – Riven Rock lautet der Titel des dritten biografischen Romans T. C. Boyles; nach Wassermusik und Willkommen in Wellville. In so mancher Hinsicht ist es die ungewöhnlichste Biografie des US-Autors. Denn die portraitierte Person ist ein gewisser Stanley McCormick, jüngster Sohn des Erfinders der ersten Erntemaschine in den USA, Cyrus McCormick. Über die Familie McCormick EN und die International Harvester Company finden sich Informationen zuhauf. Aber der Sprössling Stanley erhält wenig Beachtung. Warum also hat Boyle ausgerechnet über diesen weitgehend unbekannten McCormick einen biografischen Roman geschrieben? – Wir werden sehen, dass das durchaus etwas mit dem Romantitel zu tun hat, nämlich mit dem gespaltenen Fels.

Treten wir zunächst einen Schritt zurück und rufen uns in Erinnerung, dass T. C. Boyle und seine Frau im Jahr 1993 ein historisches Haus in der Ortschaft Montecito bei Santa Barbara bezogen. Fast einhundert Jahre zuvor erwarb die Familie McCormick nur ein, zwei Kilometer entfernt von dort ein 350.000 Quadratmeter großes Grundstück. Das Areal wurde nach einer alten Eiche benannt, die aus einem Felsen herauswuchs und dabei das Gestein gesprengt hatte: Riven Rock!
Fünf Jahre nach dem Einzug der Boyles erschien dann die Romangeschichte über die historischen Nachbarn, die Ende des zwanzigsten Jahrhunderts längst nur mehr Schatten der Vergangenheit waren. Aber solche Vorlagen entzünden ja seit jeher T. C. Boyles schriftstellerische Fantasie.

→ weiterlesen

Willkommen in Wellville

T. C. Boyle, Willkommen in Wellville, 1993
T. C. Boyle, 1993

Nach seinem Erstling Wassermusik ist Willkommen in Wellville der zweite der biographischen Romane T. C. Boyles. Und auch diesmal ist es ein „Berufener“, den der Autor portraitiert. Dr. John Harvey Kellogg war nicht nur der Miterfinder der Corn Flakes sondern betrieb mehr als sechzig Jahre lang das Battle Creek Sanatorium. Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis in die Jahre der Weltwirtschaftskrise behandelte Kellogg die Essstörungen wohlhabender Amerikaner nach Grundsätzen und mit Methoden, die nach heutigen Maßsstäben einerseits Stirnrunzeln hervorrufen, aber andererseits durchaus den Nerv der Zeit treffen könnten. Drei Schlagwörter zum Credo des Kurdoktors: Vegetarische Ernährung ist gesund! Sex ist ungesund! Und Masturbation ist eine Sünde! – Boyle hält sich eng an die historischen Fakten, obwohl er natürlich seine Version der Geschichte erzählt, so wie sie sich zugetragen haben könnte.

Willkommen in Wellville ist der insgesamt fünfte Roman des US-Autors und erschien im Original zwei Jahre nach Der Samurai von Savannah und drei vor América. Schon mit diesem Werk zeichnete sich ab, welche Persönlichkeiten Boyle für seine Biografien bevorzugt: Menschen mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, ambitionierten Ideen und unbeirrter Hartnäckigkeit, die aber doch alle letztlich scheiterten.

Letztlich konnte auch Dr. Kellogg, der sich und anderen mehr Klistiere verabreicht hatte als sonst irgend jemand auf der Welt, der mehr Gemüse gegessen, weniger geraucht, weniger getrunken, weniger geschlafen und mehr körperliche Übungen gemacht hatte als praktisch jeder andere seiner Zeitgenossen, nicht ewig leben. Am 14. Dezember 1943 segnete John Harvey Kellogg das Zeitliche […].
(Schlussatz auf Seite 626)

→ weiterlesen

World’s End

T. C. Boyle, World's End, 1989
T. C. Boyle, 1989

So mancher Literaturkritiker sieht in World’s End, T. C. Boyles drittem Roman, das Meisterstück des US-ame­ri­ka­ni­schen Schriftstellers. Im Jahr 1988 wurde der Autor dafür mit dem PEN/Faulkner Award EN ausgezeichnet, mit der einzigen international renommierten Auszeichnung, die je ein Boyle-Text erhalten hat. Im Klappentext des Romans ist ein Satz zu lesen, dem nicht viel hinzuzufügen ist: „Mit immenser Phantasie, Sinn für schwarzen Humor und Überwirkliches hat Boyle eine dunklere Lesart der Geschichte Amerikas geschrieben.“ Es geht um mehrere Generationen holländischer Siedler, um amerikanische Ureinwohner, um Hippies und um Rassismus. Eine aufregende, verrückte, ja schräge Mischung, die in wildem Wechsel zwischen historischen Epochen des 17. und 20. Jahrhunderts hin- und herspringt.

Wenn América – Boyles hervorragender, wütender Roman von 1995 über Einwanderer im heutigen Kalifornien – seine Früchte des Zorns ist, dann ist World’s End sein Jenseits von Eden.
(Tom Cox, The Guardian, 2012¹)

→ weiterlesen

Cookie-Hinweis