Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Willkommen in Wellville

T. C. Boyle, Willkommen in Wellville, 1993
T. C. Boyle, 1993

Nach seinem Erstling Wassermusik ist Willkommen in Wellville der zweite der biographischen Romane T. C. Boyles. Und auch diesmal ist es ein „Berufener“, den der Autor portraitiert. Dr. John Harvey Kellogg war nicht nur der Miterfinder der Corn Flakes sondern betrieb mehr als sechzig Jahre lang das Battle Creek Sanatorium. Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis in die Jahre der Weltwirtschaftskrise behandelte Kellogg die Essstörungen wohlhabender Amerikaner nach Grundsätzen und mit Methoden, die nach heutigen Maßsstäben einerseits Stirnrunzeln hervorrufen, aber andererseits durchaus den Nerv der Zeit treffen könnten. Drei Schlagwörter zum Credo des Kurdoktors: Vegetarische Ernährung ist gesund! Sex ist ungesund! Und Masturbation ist eine Sünde! – Boyle hält sich eng an die historischen Fakten, obwohl er natürlich seine Version der Geschichte erzählt, so wie sie sich zugetragen haben könnte.

Willkommen in Wellville ist der insgesamt fünfte Roman des US-Autors und erschien im Original zwei Jahre nach Der Samurai von Savannah und drei vor América. Schon mit diesem Werk zeichnete sich ab, welche Persönlichkeiten Boyle für seine Biografien bevorzugt: Menschen mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein, ambitionierten Ideen und unbeirrter Hartnäckigkeit, die aber doch alle letztlich scheiterten.

Letztlich konnte auch Dr. Kellogg, der sich und anderen mehr Klistiere verabreicht hatte als sonst irgend jemand auf der Welt, der mehr Gemüse gegessen, weniger geraucht, weniger getrunken, weniger geschlafen und mehr körperliche Übungen gemacht hatte als praktisch jeder andere seiner Zeitgenossen, nicht ewig leben. Am 14. Dezember 1943 segnete John Harvey Kellogg das Zeitliche […].
(Schlussatz auf Seite 626)

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World’s End

T. C. Boyle, World's End, 1989
T. C. Boyle, 1989

So mancher Literaturkritiker sieht in World’s End, T. C. Boyles drittem Roman, das Meisterstück des US-ame­ri­ka­ni­schen Schriftstellers. Im Jahr 1988 wurde der Autor dafür mit dem PEN/Faulkner Award EN ausgezeichnet, mit der einzigen international renommierten Auszeichnung, die je ein Boyle-Text erhalten hat. Im Klappentext des Romans ist ein Satz zu lesen, dem nicht viel hinzuzufügen ist: „Mit immenser Phantasie, Sinn für schwarzen Humor und Überwirkliches hat Boyle eine dunklere Lesart der Geschichte Amerikas geschrieben.“ Es geht um mehrere Generationen holländischer Siedler, um amerikanische Ureinwohner, um Hippies und um Rassismus. Eine aufregende, verrückte, ja schräge Mischung, die in wildem Wechsel zwischen historischen Epochen des 17. und 20. Jahrhunderts hin- und herspringt.

Wenn América – Boyles hervorragender, wütender Roman von 1995 über Einwanderer im heutigen Kalifornien – seine Früchte des Zorns ist, dann ist World’s End sein Jenseits von Eden.
(Tom Cox, The Guardian, 2012¹)

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Grün ist die Hoffnung

T. C. Boyle, Grün ist die Hoffnung, 1990
T. C. Boyle, 1990

Seinen zweiten Roman mit dem Titel Grün ist die Hoffnung hat T. C. Boyle drei Jahre nach seinem Erstling Wassermusik veröffentlicht. Im ersten Buch steckt immer die ganze Seele drin, heißt es. Das zweite Buch aber gilt als schwierig. Es ist Gradmesser dafür, ob aus dem Debütanten tatsächlich ein Schriftsteller wird, also jemand, der die Erwartungen nach dem Einstandswerk auch erfüllen kann. Nun wissen wir ja alle, dass es Boyle mit inzwischen neunzehn Romanen und einigen Erzählbänden zwischendurch längst geschafft hat. Trotzdem ist es spannend, das zweite Werk unvoreingenommen zu lesen. Vorweggenommen sei: Grün ist die Hoffnung ist völlig anders geraten als Wassermusik. Mit Biografie oder Abenteuern auf fremden Kontinenten hat die Geschichte nichts zu tun. Dafür aber legt sie den Grundstein für künftige boylesche Romanszenarien. Denn sie wirft die Figuren – wie in so vielen späteren Boyle-Romanen auch – in eine Konfrontation mit der Gewalt der Natur hinein und stellt menschliche Qualitäten in Frage. Außerdem trägt sie sich in dem US-Bun­des­staat zu, in dem der Autor selbst zu Hause ist.

Boyle schickt seinen Erzähler Felix Nasmyth von San Francisco gut zweihundert Kilometer in den Norden ins Mendocino County, in die Wildnis nördlich von Willits, einem Kaff in Nordkalifornien. Was treibt Felix in diese gottverlassene Gegend? Die Aussicht auf ein paar hunderttausend Dollar. Ein Frisco-Freund, der umtriebige Investor Herbert Vogelsang, hat dort nämlich abgelegenes Terrain aufgekauft und Felix davon überzeugt, in der einsamen Gegend eine Marihuanaplantage anzulegen. Nur für einen Sommer lang. Mit der Aussicht auf einen lukrativen Deal: 1,5 Millionen Dollar Ertrag, die sich der Geldgeber Vogelsang, Felix als Verantwortlicher vor Ort und Boyd Dowst, der botanische Ratgeber der Pflanzung, redlich teilen werden.

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