Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? ❤ Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Grün ist die Hoffnung

T. C. Boyle, Grün ist die Hoffnung, 1990
T. C. Boyle, 1990

Seinen zweiten Roman mit dem Titel Grün ist die Hoffnung hat T. C. Boyle drei Jahre nach seinem Erstling Wassermusik veröffentlicht. Im ersten Buch steckt immer die ganze Seele drin, heißt es. Das zweite Buch aber gilt als schwierig. Es ist Gradmesser dafür, ob aus dem Debütanten tatsächlich ein Schriftsteller wird, also jemand, der die Erwartungen nach dem Einstandswerk auch erfüllen kann. Nun wissen wir ja alle, dass es Boyle mit inzwischen neunzehn Romanen und einigen Erzählbänden zwischendurch längst geschafft hat. Trotzdem ist es spannend, das zweite Werk unvoreingenommen zu lesen. Vorweggenommen sei: Grün ist die Hoffnung ist völlig anders geraten als Wassermusik. Mit Biografie oder Abenteuern auf fremden Kontinenten hat die Geschichte nichts zu tun. Dafür aber legt sie den Grundstein für künftige boylesche Romanszenarien. Denn sie wirft die Figuren – wie in so vielen späteren Boyle-Romanen auch – in eine Konfrontation mit der Gewalt der Natur hinein und stellt menschliche Qualitäten in Frage. Außerdem trägt sie sich in dem US-Bun­des­staat zu, in dem der Autor selbst zu Hause ist.

Boyle schickt seinen Erzähler Felix Nasmyth von San Francisco gut zweihundert Kilometer in den Norden ins Mendocino County, in die Wildnis nördlich von Willits, einem Kaff in Nordkalifornien. Was treibt Felix in diese gottverlassene Gegend? Die Aussicht auf ein paar hunderttausend Dollar. Ein Frisco-Freund, der umtriebige Investor Herbert Vogelsang, hat dort nämlich abgelegenes Terrain aufgekauft und Felix davon überzeugt, in der einsamen Gegend eine Marihuanaplantage anzulegen. Nur für einen Sommer lang. Mit der Aussicht auf einen lukrativen Deal: 1,5 Millionen Dollar Ertrag, die sich der Geldgeber Vogelsang, Felix als Verantwortlicher vor Ort und Boyd Dowst, der botanische Ratgeber der Pflanzung, redlich teilen werden.

→ weiterlesen

América

T. C. Boyle, América, 1996
T. C. Boyle, 1996

The Tortilla Curtain lautet der englische Originaltitel des sechsten Romans von T. C. Boyle. Mit diesem „Tortillavorhang“ ist die durchlässige Grenze zwischen den USA und Mexiko gemeint, über die seit Jahrzehnten verzweifelte illegale Einwanderer in das wohlhabende Nachbarland im Norden strömen, um sich ihren Traum von der Beteiligung am US-ame­ri­ka­ni­schen Wohlstand zu erfüllen. In der deutschen Übersetzung erhielt die Geschichte den Titel América. Und in diesem Fall bin ich mir nicht sicher, welche Betitelung die bessere ist. Denn mit „América“ ist natürlich einerseits der Traum vom besseren Leben in Nordamerika gemeint. Aber gleichzeitig ist es auch der Vorname einer der vier Hauptpersonen der Romangeschichte. Boyles Erzählung handelt von zwei Paaren, einem bitterarmen mexikanischen und einem arrivierten nordamerikanischen, deren Wege das Schicksal aneinanderknüpft.

Eine trostlose, apokalyptische Geschichte legt uns der Autor vor. Doch auch wenn der Text inzwischen fast dreißig Jahre alt ist, hat er an Aktualität nichts eingebüßt. Noch immer existiert der Tortillavorhang, den der unsägliche Ex-Prä­si­dent Trump erst vor wenigen Jahren mit dem Bau einer Grenzmauer zu Mexiko schließen wollte. Und in Europa haben wir mit Asylsuchenden aus Nordafrika ein sehr ähnliches Problem zu bewältigen. Mit seiner Erzählung beweist Boyle, dass seine Themen, die er seit Jahrzehnten beackert, Dauerbrenner sind: Die Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie zwischenmenschliche und gesellschaftliche Katastrophen waren, sind und bleiben aktuell.

→ weiterlesen

Die Frauen

T. C. Boyle, Die Frauen, 2009
T. C. Boyle, 2009

Er nannt ihn Wrieto-San. – Der Erzähler in T. C. Boyles zwölftem Roman mit dem Titel Die Frauen heißt Tadashi Sato, ist Japaner und Mitarbeiter einer historischen Figur der amerikanischen Geschichte: nämlich des Ausnahmearchitekten, Sozialchaoten und notorischen Schuldners Frank Lloyd Wright (1867–­1959). Der biografische Roman behandelt die Lebensgeschichte von „Wrieto-San“, einem erklärten Anhänger der japanischen Kultur und einem unverbesserlichen Schürzenjäger. Im Zentrum der Geschichte stehen deshalb Wrights Ehefrauen und Geliebte, die ihn zeitlebens umgaben. Der Romantext endet in direkter Rede mit einer ebenso nachdenklich stimmenden wie skurrilen Bemerkung:

„Der arme Mann“, dachte sie. „Der arme, arme Mann.“
(Seite 557)

Die Frauen erschien im Original 2009, drei Jahre nach Talk Talk und zwei vor Wenn das Schlachten vorbei ist.

Es nimmt übrigens kaum wunder, dass sich Boyle der Figur dieses Stararchitekten des angehenden zwanzigsten Jahrhunderts angenommen hat. Schließlich bewohnen er selbst und seine Familie seit mittlerweile dreißig Jahren eines der Häuser, die Frank Lloyd Wright seinerzeit entworfen hat. ¹

→ weiterlesen

Cookie-Hinweis