Meine ganz persönlichen Lesempfehlungen
Auf der Suche nach Lesestoff? Hier findest Du Buchbesprechungen mit Anspruch aber ohne Allüren. Ich schreibe meist über belletristische Titel; über solche, die mir gefallen oder auch mal nicht gefallen haben; manchmal Mainstream, manchmal abseits der ausgetretenen Pfade. (Persönliche Empfehlungen und ein paar Worte zu diesem Projekt gibt’s ganz unten auf dieser Seite.)

Middlesex

Middlesex
Jeffrey Eugenides, 2003

Jeffrey Eugenides, Amerikaner mit griechischen Wurzeln, hat eine ebenso wunderbare wie wunderliche Familienchronik abgeliefert. Um die Figur des Hermaphroditen Cal (geborene Calliope) Stephanides – Erzähler und Protagonist – spinnt der Autor eine Tragikomödie. Facettenreich schildert er die genetischen Folgen von Inzest, die Geschichte einer amerikanischen Einwandererfamilie aus Griechenland über drei Generationen hinweg, als auch historische Details aus dem zwanzigsten Jahrhundert beleuchtet – beginnend mit dem Exodus der Griechen von heute türkischem Gebiet, bis zu Ereignissen der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Der Autor Jeffrey Eugenides wurde im Jahr 1960 in Amerika, Detroit, geboren. Heute lebt er mit Frau und Tochter in Berlin, wohin es ihn durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes verschlug. Das selbst gewählte Exil führt der Schriftsteller als Erfolgsfaktor für Middlesex an. Erst in Deutschland fand er die Muße, den Roman zu schreiben, für den er insgesamt neun Jahre Zeit aufwandte. Väterlicherseits ist Eugenides griechischer Abstammung, von Seiten der Mutter hat er britische Vorfahren. Middlesex ist nach den Selbstmordschwestern sein zweiter Roman und wurde im Jahr 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Middlesex – Zur Handlung

Das Buch erzählt einen Abschnitt aus dem Leben dreier Generationen der Familie Stephanides. 1922 verlassen die Geschwister Desdemona und Eleutherios Smyrna – heute Izmir. Türkische Truppen setzten zum Angriff auf die kleinasiatische Stadt an. Auf dem Schiff, das die beiden in die USA bringt, nutzen sie die Gelegenheit, ihr Familienverhältnis zu verschleiern. Sie heiraten sich gegenseitig. In Detroit schließt sich das Ehepaar Stephanides, Eleutherios nennt sich von nun an Lefty, der Familie der Cousine Sourmelina an. Sourmelina kennt als einzige die wahre Vergangenheit des Paares.

Die bereits zu diesem Zeitpunkt verstrickten Familienverhältnisse komplizieren sich in der weiteren Handlung noch einmal: Der Sohn Desdemonas und Leftys, Milton, ehelicht die Tochter Sourmelinas, seine eigene Cousine Tessi. Frucht dieser Beziehung ist Calliope. Sie wächst als Mädchen auf, stellt im Alter von vierzehn Jahren jedoch fest, dass sie genetisch ein Mann ist. In Folge einer Mutation, deren Ursache in den inzestuösen Familienverhältnissen liegt, ist Calliope ein Hermaphrodit. Der geplanten operativen Geschlechtsumwandlung zur Frau entzieht sich Calliope, um als Cal ihren eigenen Weg zu finden. Soviel sei zum Gerippe der Handlung gesagt.

Middlesex – Worum es geht

Erzählt wird die Geschichte von Cal(liope), der Protagonistin oder dem Protagonisten. Diese(r) berichtet grundsätzlich chronologisch aus einer Art Perspektive der Allwissenheit über die Familienhistorie. Gelegentlich werden jedoch Begebenheiten aus seinem späteren Leben eingeflochten, speziell wenn es um Folgen historischer Ereignisse geht.

In Interviews weist Jeffrey Eugenides gerne darauf hin, dass ihn die Idee faszinierte, eine Ich-Erzählung aus Sicht eines Hermaphroditen zu schreiben: „Es schien mir, als ob Schriftsteller hermaphroditische Vorstellungskraft haben müssten, da sie in der Lage sein sollten, sich in den Köpfe von Männern und Frauen einzunisten, um Bücher zu schreiben. Was wäre ein besseres Vehikel für diese Fähigkeit als ein hermaphroditischer Erzähler? […] Ich habe den Hermaphroditen nicht gewählt, um eine Geschichte über ein Monster oder eine Abnormität zu erzählen, sondern als Sinnbild der Verwirrung im Sexuellen und in Bezug auf die Identität, die jeder von uns während der Pubertät durchlebt.“

Middlesex ist ein Roman über Metamorphosen: Die Wandlung vom Geschwister- zum Ehepaar; vom Europäer zum Amerikaner; vom Mädchen zum Mann; oder – wie im Fall einer Nebenfigur – vom unerfüllten Ehemann zum Glaubensstifter. Die willkürliche Odyssee eines mutierten Gens durch Zeit und Raum.
Die Unwahrscheinlichkeit von verketteten Zufällen, das Kreisen um sich selbst, die letztliche Unabwendbarkeit der Geschehnisse; all dies macht die Geschichte zu einem literarischen Ereignis.

Einsichten

Einmal abgesehen von der Menge an Erkenntnissen, die der Leser gewinnen kann, wenn er nur mag: Das Buch ist prall gefüllt mit Randnotizen und Details, mit Charakteren und historischen Begebenheiten. Man weiß nie, wie wichtig diese im weiteren Verlauf der Geschichte noch werden. Die Sprache des Romans strotzt nur so vor Freude am Fabulieren. Allein schon der Name der Protagonistin ist ein Omen, war doch Calliope einst die Muse des Erzählens.

Eine solch ungeheure Fülle muss der Leser erst einmal verkraften können. Es mag sein, dass der eine oder andere der ganzen Geschichte nicht mehr folgen möchte, weil sie ihm zu verwinkelt, zu unwahrscheinlich angelegt ist. Oder weil sie zu unmittelbar unterbrochen wird von Zeitsprüngen, scheinbar zu ziellos vor sich hin mäandert. Der Autor selbst entschuldigt sich bereits auf den ersten Seiten für den „homerischen Schreibstil“, dem er oft erläge.
Doch mir zumindest hat gerade dieser Stil sehr viel Spaß bereitet: diese aus der Zukunft rückwärts gerichtete Erzählwarte, die mit der Vergangenheit beginnt, aber immer wieder kurze Einblicke in spätere Folgen der Geschehnisse gewährt. Oder die gar zwischendurch wissenschaftliche Abhandlungen einschiebt, wenn es darum geht, das genetische Phänomen zu erklären, das aus Calliope Cal werden lässt.

Middlesex – Parallelen und Unterschiede

Wegen vergleichbarer Themen und Autoren rückt Eugenides‘ Middlesex an die Seite von Jonathan Franzens Korrekturen. Auch bei Franzen geht es um einen amerikanischen Familienroman, der sich über mehrere Generationen entwickelt. Auch bei ihm spielen physiologische Probleme einer der Hauptfiguren eine tragende Rolle. Aber trotz aller zunächst gefühlten Parallelität unterscheiden sich die Romane letztendlich enorm.

Ich möchte einmal absehen davon, dass Eugenides den Prototypus europäischer Einwanderer nach Amerika portraitiert, Franzen hingegen die prototypische Mittelschicht des Mittleren Westens. Denn vollends unterschiedlich sind die sprachlichen Bilder und Stimmungen, die beide Autoren auszeichnen. Franzen ist ein Zyniker, der sarkastisch und mit chirurgischer Präzision seine Figuren zerlegt. Eugenides hingegen schreibt nicht nur mit offenbarem Vergnügen, sondern auch mit einer Gelassenheit, die selbst tragischen Ereignissen eine komische Komponente verleiht.

Perspektive und Unerschütterlichkeit

Die Vertreibung der Griechen aus Smyrna etwa empfindet man beim Lesen kaum so dramatisch, wie sie es wohl gewesen sein muss. Aber auch das genetisches Schicksal, das sich in Erlebnissen von Cal als furchtbar darstellt, schildert der Autor mit einem Augenzwinkern. Ganz so, als ob alles nur halb so schlimm sei. Mit mediterraner Gelassenheit steigen die Figuren des Romans über Abgründe hinweg, in die Franzens Charaktere mit Sicherheit hinabgestürzt wären.

Diese über sich selbst und seine eigenen Gefühle erhabene Erzählweise lässt Eugenides auch Passagen meistern, die andere Schriftsteller leicht in eine Zwickmühle gebracht hätten. So seziert er zum Beispiel die sexuellen Experimente des heranwachsenden Zwitters Cal(liope) mit expliziten, minutiösen Beschreibungen körperlicher Handlungen und Reaktionen. Solche Beschreibungen hätten ohne Zweifel in Pornografie abgleiten können, wenn da nicht stets dieses relativierende Achselzucken wäre. Auf diese Weise erlebt der Leser sexuelle Findung nicht in schlüpfrigen Details. Vielmehr erfährt er sie als überraschende Entdeckung an der Seite eines Menschen, der selbst nicht weiß, wie ihm geschieht.

Fazit:

Middlesex ist ein großartiges Epos über das Leben, die Liebe und über die Geschichte Amerikas. Darüber hinaus aber ist der Roman auch noch eine Aufforderung, das Schicksal zu akzeptieren wie es gerade kommt, das Leben zu lieben, sich selbst zu akzeptieren und zu mögen, dabei aber sich nicht wichtiger zu nehmen, als man ist. Für enormes Lesevergnügen, Lerneffekt und Selbsterkenntnis bleibt mir gar nichts anderes übrig, als Jeffrey Eugenides die vollen fünf Punkte zu verleihen.

Jeffrey Eugenides: Middlesex
Rowohlt Verlag, 2003

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Pompeji

Pompeji
Robert Harris, 2004

Wir schreiben das Jahr 79 n.Chr. Die Weltmacht Rom erlebt eine Zeit historischer Blüte. Erfüllt von Stolz auf das politische Sytem, kulturelle Errungenschaften und wissenschaftliche Glanzleistungen zehren die römischen Bürger von den Anstrengungen ihrer Ahnen, denen sie ihr zufriedenes und sattes Leben verdanken. Die Erwartungshaltung der Römer ist groß; die Bereitschaft des Einzelnen, eigene Beiträge zur Erneuerung zu leisten, hingegen minimal. Über der Gesellschaft der Reichen und Arrivierten liegt der modrige Geruch von Übersättigung, Gleichgültigkeit und Egozentrizität.
Pompeji: Ein Modell dieser selbstgefälligen Wohlstandsgesellschaft findet sich in den Sommermonaten am Golf von Neapel ein. Dank der Aqua Augusta, einer bautechnischen Meisterleistung, die den ausgedörrten Süden mit frischem Wasser im Überfluss versorgt, führt die römische Oberschicht in ihren Feriendomizilen ein ausschweifendes Leben. Doch mit einem Donnerschlag zerstört der Ausbruch des Vulkans Vesuv den römischen Mikrokosmos am Golf.

Pompeji – Historische Parallelen

Das Szenario kommt auch dem Leser bekannt vor, der in seiner Schulzeit nicht in den Genuss eines mehrjährigen Lateinunterrichts kam. Der Autor Robert Harris baut unübersehbar bereits in den Vorbemerkungen Parallelen zu New York und implizit auch zum Attentat am 11. September 2001 auf. Harris basiert seinen Erfolgsroman ganz bewusst auf Ähnlichkeiten zwischen der historischen Weltmacht Rom und den gegenwärtigen Verhältnissen in den USA.

Damit gibt er dem Buch trotz der weit in der Vergangenheit liegenden Handlungszeit eine aktuelle Komponente, die dazu beiträgt, das Interesse der Leserschaft zu steigern. Wer möchte, kann den Kontext durchaus auch auf andere traumatische Begebenheiten der neueren Geschichte ausdehnen: Zum Untergang der Titanic oder dem Schock nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbour lassen sich durchaus Parallelen ziehen.

Pompeji – Über die Handlung

Worum geht es also in Pompeji? – Vor dem beschriebenen geschichtlichen Hintergrund findet sich nur vier Tage vor dem vollkommen überraschenden Untergang der Stadt Pompeji der Wasserbauingenieur Marcus Attilus in der Region am Fuße des Vesuv ein. Denn das Bauamt in Rom hat ihm die Verantwortung für das Aquädukt Aqua Augusta übertragen. Über die Wasserleitungwird die gesamte Gegend mit Frischwasser versorgt.

Eine der ersten Amtshandlungen des „Aquarius“ besteht in der Reparatur einer Störung, durch die der Nordwestzweig des Aquädukts ohne Wasser bleibt. Getrieben zunächst von der Dringlichkeit der Wasserversorgung, später durch die nahende Naturkatastrophe jagt der Protagonist durch die rasante Abfolge der Ereignisse. Dabei erspart ihm sein geistiger Vater nichts.
Attilus kämpft gegen die Ablehnung durch seine Arbeiterschaft. Er muss sich außerdem bei den lokalen Polit- und Militärgrößen durchsetzen. Und er verliebt sich unglücklich und deckt darüber hinaus ganz nebenbei einen Korruptionsskandal um das kostbare Nass in Pompeji auf. Dieser Skandal endet allerdings angesichts des dramatischen Endes der Stadt in relativer Bedeutungslosigkeit.

Pompeji – Bewertung

Harris‘ Roman kämpft von vorne herein gegen eine Schwierigkeit an: Der Ausgang der historischen Rahmenhandlung ist einer überwiegenden Mehrheit der Leser bekannt. Er birgt also keinerlei Überraschungsmoment. Auch die personengebundenen Handlungsstränge der Geschichte sind nicht in der Lage, das Buch in die Kategorie des Thrillers einzuordnen.

Trotzdem gehört Pompeji zu den Texten, die man kaum aus der Hand legen kann, wenn man einmal zu lesen begonnen hat. Dies liegt sicher am Talent des Autors, Spannung nicht nur aufbauen, sondern auch über längere Strecken aufrecht erhalten zu können. Darin liegt eine der Stärken des Romans.

Das zweite Plus der Geschichte besteht in der gründlichen Recherchearbeit, auf die Robert Harris sein Buch aufbaut. Jedes Kapitel wird mit einem Zitat aus einer naturwissenschaftlichen Arbeit zu den Abläufen und Zusammenhängen bei Vulkanausbrüchen eingeleitet. Schnell wird klar, dass die Inhalte der Zitate im zeitlichen Zusammenhang mit den Geschehnissen des Kapitels stehen. Allein schon dadurch gewinnt ein jeder der Abschnitte an Moment, noch bevor die Handlung sich entwickelt hat.

Das größte Lesevergnügen bereiteten jedoch – zumindest mir – weder die historische, noch die erfundene Romanhandlung. Die eindrucksvollsten Passagen gelingen Harris, wenn er das Lokalkolorit wiedergibt. Ob es sich nun um Beschreibungen der Gebäude, der Kleidung oder der Gewohnheiten der antiken, römischen Bevölkerung handelt, stets hat der Leser den Eindruck, er stünde direkt neben dem Protagonisten.

Pompeji – Einordnung

Dies bedeutet allerdings nicht, dass man beim Lesen stets lustvoll am römischen Leben teilnähme. Einige der geschilderten Szenen sind eher dazu geeignet, den Leser sich mit Grausen abwenden zu lassen. Wenn Sklaven bei lebendigem Leib an Muränen verfüttert werden, oder wenn sich dekadente Römer durch abwegige sexuelle Praktiken aus ihrer Übersättigung befreien wollen, dann ertappt man sich schon mal beim Gedanken, dass man selbst glücklicherweise nicht in solchen Zeiten lebt. (Obwohl es die Ehrlichkeit geböte einzuräumen, dass Grausamkeit heute schlicht und einfach andere Rahmen und Dimensionen bekommen hat.)

Das römische Sittengemälde, das Harris so plastisch entstehen lässt, gehört auf jeden Fall zu den Glanzlichtern seines Romans. Gleiches gilt im übrigen für technische Einzelheiten, die Robert Harris zum Beispiel über die beruflichen Kenntnisse seines protagonisten Attilus an die Leser vermittelt.

Die personelle Handlung um den Aquarius, um den historischen Feldherrn Gaius Plinius, den skrupellosen Katastrophenprofiteur Ampliatus und dessen Tochter Corelia kommt in der rasanten Handlung zu kurz. Was Harris an Persönlichkeitsbildern und -beziehungen entwickelt, entspricht leider nur dem Niveau eines Groschenromans.
Damit verspielt er die Möglichkeit, seinem Buch wirklich imposante Dimensionen zu verleihen. Zum bereits angesprochenen Kontext etwa von Pearl Harbour zeigt Schnee, der auf Zedern fällt, was möglich gewesen wäre. Hätte sich der Autor nur seiner Möglichkeiten besonnen und das Thema nicht durch einen zu kurz geratenen Schnellschuss abgefackelt.

~

Übrigens: Wem Pompeji in seiner historischen Dimension gefällt, der hat vielleicht auch Interesse an meiner Buchbesprechung von Claudia Magerls Der Tempel des Castor.

Fazit:

Pompeji ist ein spannungsgeladener Roman, den man am liebsten an einem Stück verschlingen möchte. Die Detailverliebtheit des Autors macht das Buch darüber hinaus zu einem Leckerbissen für geschichtlich, wie auch populärwissenschaftlich interessierte Leser. Selbst wer weiß, was aus dem historischen Pompeji wurde, wird von der bildhaften Schilderung des Untergangs beeindruckt sein.

Leider gestattet es der Autor Harris seinen Romanfiguren nicht, sich zu Persönlichkeiten zu entwickeln, deren Gedanken und Handlungen man nachvollziehen oder auch ablehnen könnte. Die Figuren der Geschichte kommen nicht über das Stadium stereotypischer Schwarzweiß-Gestalten hinaus. Dies ist um so bedauerlicher, als Robert Harris eine derartige Einschränkung nicht nötig hätte. Schade; so kommt sein Pompeji leider nicht über drei von fünf Sternen hinaus.

Robert Harris: Pompeji
Heyne Verlag, 2004

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Vor dem Frost

Vor dem Frost
Henning Mankell, 2003

Wachablösung im schwedischen Ystadt: Linda, die Tochter von Kurt Ingvar Wald, setzt sich ans Steuer. Zwar ist es auch dieses Mal noch ihr Vater, der im Kriminalfall „vor dem Einsetzen des Frostes“ die Ermittlungen leitet, aber machen wir uns nichts vor: Eigentlich ist es die Tochter, die die Straftaten aufklärt. – Linda, übernehmen Sie!

Zunächst einmal muss dringend angemerkt werden, dass ich nicht an geistiger Umnachtung leide. Tatsächlich heißt der Kriminalkommissar, um den sich bisher das Gros der Romane von Autor Henning Mankell drehte, mit Nachnamen Wallander. Nicht etwa Wald. Wenn man allerdings die Hintergründe ausleuchtet, die zu Mankells ungeheuer erfolgreichen Krimiserie führten, so stellt man fest: Zum fiktiven Polizisten Kurt Wallander gibt es ein Vorbild in der Realität. Kurt Ingvar Wald ist wie Wallander Polizeibeamter in Ystad. Er ist geschieden, hat eine Tochter namens Linda und liebt die Oper. Außerdem klärte er um 1990 den realen Mordfall an dem Bauernehepaar auf, den Mankell im ersten Wallander, Mörder ohne Gesicht, wiedergab.

Vor dem Frost – Generationenwechsel

Nach neun Folgen mit Kurt Wallander soll also jetzt Schluss sein. Vor dem Frost berichtet von der Übergabe der Amtsgeschäfte vom Vater an die Tochter. Linda Wallander hat die Polizeischule absolviert und wartet auf ihren Dienstbeginn in Ystad. Sie wohnt übergangsweise zu Hause bei ihrem Vater. Vor diesem Hintergrund bleibt es nicht aus, dass sie auch ohne Mandat in die Ermittlungen einbezogen wird.
Als ein anonymer Anrufer der Polizei von brennenden Schwänen berichtet, begleitet sie Kurt ebenso an den Ort des Geschehens wie kurz darauf, als ihr Vater einem Bauern beisteht, dessen Jungstier mit Bezin übergossen und angezündet wurde. Außerdem findet Linda die Spur zum ersten menschlichen Opfer der Mörder.

Es ist schon fast überflüssig anzumerken, dass es auch Linda ist, die stets den besten Riecher hat. Sie macht die wichtigsten Entdeckungen und hat die richtigsten Eingebungen. Kurz und gut, auch ohne Uniform ist Linda Wallander selbst in kriminalistischer Hinsicht die Hauptperson des Romans.

Auch im neuen Roman rahmt Henning Mankell seine Geschichte durch Anmerkungen zu gesellschaftlichen Missständen. Diesmal nimmt er religiösen Fanatismus auf Korn. Der Kriminalfall baut auf ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1978 auf. Der Sektenführer Jim Jones in Guayana führte damals neunhundert Mitglieder seiner Volkstempler in den Freitod.
Bei Mankell überlebte einer der Gefolgsleute. Dieser sucht nun dreiundzwanzig Jahre nach dem Massaker Südschweden mit seiner eigenen Variante des christlichen Fanatismus heim. Der Autor spannt den entstehenden Bogen bis ins Jahr 2001. Er lässt Linda Wallander am Ende der Geschichte, bereits als Polizeibeamtin in Amt und Würden, das Attentat auf das World Trade Center am Fernsehgerät miterleben.

Spannungsarmut

Doch was zu Anfang von Vor dem Frost überaus spannend beginnt, verblasst leider mit zunehmendem Fortschreiten der Erzählung. Am Ende steht die Handlung merkwürdig zusammenhangslos, aus dem Kontext gerissen im Raum. Es gelingt dem Autor nicht so recht, den Bogen von Jones zu bin Laden überzeugend zu spannen.

Auch die eigentliche kriminalistische Handlung, hervorgerufen durch die Aktionen des Sektenführers in Schonen, wirkt unterkühlt und ungewohnt spannungsarm. Blutrünstig sind die Geschehnisse zwar allemal. Da sterben Tiere den Flammentod. Menschen werden aus unterschiedlichen Gründen brutal gemeuchelt. Blut spritzt in alle Richtungen. Die Täter werden trefflich charakterisiert, ihre Motive sind durchaus nachvollziehbar. Aber dennoch wirken die Mordfälle wie eine im Hintergrund inszenierte Rahmenhandlung.

Dieses Zurücktreten sowohl der eigentlichen Handlung, als auch der moralischen Schlussfolgerung entsteht durch Mankells ausführliche Bezugnahme auf die Personen und Hintergründe der Familie Wallander. Solche Sequenzen nehmen einen guten Teil des Gesamtwerks für sich in Anspruch. Sie trennen den eigentlichen Kriminalroman in kurze Happen. Die Leserschaft muss diese jedes Mal von Neuem in Zusammenhang bringen.

Wahrscheinlich wird der vorliegende, zehnte Wallander die Fangemeinde entzweien. Wer an Mankells Krimis vor allen Dingen die unerhörte Spannung liebte, mag sein letztes Buch nach dem Lesen ein wenig enttäuscht beiseite legen. Die andere Fraktion aber, die schon immer am liebsten bei Wallanders zu Hause auf dem Sofa saß, um wie in einer Seifenoper deren Familiengeschichten zu verfolgen und womöglich Parallelen zum eigenen Leben aufzustellen; ja, diese Fraktion wird Vor dem Frost sehr wahrscheinlich zum Leckerbissen der gesamten Reihe erklären.

Vor dem Frost – Wallander im Rückspiegel

Auf eine lange Reise ins Innenleben seiner Heldin entführt uns Henning Mankell in seinem Roman. Ganze Seiten füllt er mit den Gedankengängen Lindas. Mit ihren Erinnerungen an persönliche und familiäre Ereignisse, mit Reflexionen über Parallelitäten zwischen ihrem Vater und ihr selbst. Und mit ihrem Aufarbeiten von Kindheitserlebnissen und der Integration von Kriminalfällen früherer Wallanderromanen aus ihrer eigenen Sicht.

Darüber hinaus lässt der Autor auch Vater Kurt sehr persönliche Gedanken äußern. Etwa wenn er die Tochter durch seinen geheimen „Waldfriedhof“ führt. Und selbst Lindas Mutter Mona bekommt ihren völlig aus dem Roman gerissenen Auftritt, als sie von der Tochter betrunken und unbekleidet in ihrer Wohnung angetroffen wird.

Besonders auffällig wird der persönliche Blickwinkel bei Lindas Beziehung zu ihrer Freundin Anna. Diese stellt als Romanfigur den Zusammenhang zwischen Lindas Berufswelt und den Sektenmördern her. Dennoch gilt der weitaus größte Teil der Schilderungen um Anna deren früherer und aktueller freundschaftlicher Beziehung zu Linda Wallander. Im Roman verschwindet Anna spurlos, und Linda verbeißt sich besorgt in die Suche nach der Freundin. Dabei taucht sie immer wieder über lange Textpassagen hinweg tief in ihre eigene Vergangenheit ein, etwa wenn sie in Annas Wohnung nach Ansatzpunkten für deren Verschwinden forscht.

Rezeption

Webseiten, die sich auf die Wallander-Romane spezialisiert haben, listen den zehnten Teil ohne mit der Wimper zu zucken als ersten Teil der zu erwartenden Lindaserie. Ich hatte beim Lesen jedoch einen anderen Eindruck. Liegt uns mit Vor dem Frost der erste Schritt zu einem Genrewechsel des Autors vor? Sind wir mit dem letzten Mankell dabei, dem Kriminalroman den Rücken zuzukehren? Wandelt sich die Wallanderserie etwa zum Entwicklungs- oder Gesellschaftsroman?

Genügend Türen in Richtung auf einen solchen Wechsel lässt Henning Mankell offen stehen. Dazu gehört zum Beispiel der Einschub über Lindas Mutter Mona. Deren offensichtliche Lebenskrise äußert sich in Selbstvernachlässigung und Alkoholismus. An diesen Aufsatzpunkt könnte der Autor eine ganze Menge unterschiedlicher Folgeentwicklungen knüpfen. Diese hätten allesamt wenig mit Krimi zu tun. Eher gäben sie weit verbreiteten Gesellschaftsproblemen ein Gesicht.

Ein weiteres Detail der Geschichte lässt Spekulationen über künftige Romanfolgen breiten Spielraum. Einer der Ermittler im aktuellen Fall ist Stefan Lindman, der sich von Borås nach Ystadt versetzen hat lassen. Man erinnert sich: Lindman ist der Held aus Die Rückkehr des Tanzlehrers. Diesen Roman hatte Henning Mankell zwischen den neunten Wallander und den Beginn der Lindaserie geschoben.
Vor dem Frost skizziert nun den Beginn einer romantischen Beziehung zwischen Stefan und Linda. Man mag sich die Frage stellen, ob das Einbeziehen des alternativen Helden nichts anderes als des Autors Versuch ist, seinem Werk eine gemeinsame Linie zu geben. Vielleicht steckt aber mehr hinter diesem Link.

Wir dürfen gespannt sein, was Mankell aus seiner breit angelegten Neuinszenierung machen wird. Ob er zum klassischen Kriminalroman zurückkehren, oder ob er sich in unbekannte Gewässer begeben wird? Das werden wir wohl erst in seinem nächsten Buch erfahren. – Dass ein solches kommen wird, steht in meinen Augen immerhin außer Zweifel.

Fazit:

Für den Krimifreund ist Vor dem Frost nicht gerade eine Empfehlung. Auch wer sich in die Wallanderserie einlesen möchte, ist mit diesem Roman als Startpunkt schlecht beraten. Zu viele Details verweisen auf die Vergangenheit. Hauptsächlich handelt es sich um Verweise auf die private Seite der Wallanders. Einsteiger können dadurch wenig Verständnis für die langen Abhandlungen und Gespräche zwischen Vater und Tochter aufbringen. Wenn sich allerdings jemand mehr für Wallander als Person denn als Kriminalist interessiert, dann ist das Buch eine echte Empfehlung.

Da ich mich eher zur letztgenannten Gruppe zähle, habe ich Lindas erstem Auftritt vier von fünf Sternen zugesprochen – wohl wissend, dass es Leser gibt, die aus völlig nachvollziehbaren Gründen noch nicht einmal drei vergeben würden.

Henning Mankell: Vor dem Frost
Zsolnay Verlag, 2003

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