Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Desideria

Alberto Moravia, Desideria, 1978
Alberto Moravia, 1978

Nach der sexuellen Re­vo­lu­tion und der ge­sell­schaft­li­chen Sex­wel­le in den sieb­zi­ger Jah­ren, ich sage nur „Schul­mäd­chen-Re­port“, kam Al­ber­to Mo­ra­via noch ein­mal mit sei­nen bei­den Lieb­lings­the­men um die Ecke: Se­xus und Geld! Sein Ro­man Desideria wur­de tat­säch­lich noch im Jahr 1978 be­schlag­nahmt. Nach sei­nen bei­den hand­lungs­be­frei­ten, exis­ten­zia­lis­ti­schen Wer­ken La Noia und In­zest kom­men Mo­ra­vias Ro­man­fi­gu­ren dies­mal wie­der ins Tun. Erste Pro­ta­go­nis­tin ist das Mäd­chen De­si­de­ria, die ge­gen Ge­sell­schaft und Adop­tiv­mut­ter ins Feld zieht.

Im Klap­pen­text der Aus­ga­be, die in mei­nem Re­gal steht, heißt es, der Ro­man mar­kie­re einen Gip­fel­punkt im ge­sam­ten Werk Mo­ra­vias. Desideria wer­de zur Sum­me des­sen, was Mo­ra­via je ge­plant und ge­schrie­ben ha­be. Zu­min­dest auf das Set­ting trifft die­se Aus­sa­ge zur Sum­me sei­ner Wer­ke auf je­den Fall zu. Und ich hät­te mich auch ge­wun­dert, wenn Al­ber­to Mo­ra­via nicht wie­der mit sei­ner längst be­währ­ten Stan­dard­per­so­nal­kon­fi­gu­ra­tion auf­ge­war­tet hät­te. Denn die Haupt­fi­gur hat na­tür­lich wie­der ein­mal kei­nen Va­ter und wächst als Ein­zel­kind bei ih­rer stein­rei­chen Mut­ter auf. So wie schon zu­vor Agos­ti­no, der Kon­for­mist Mar­cel­lo und Di­no aus La Noia.

Die­se De­si­de­ria nun ist das leib­li­che Kind eines ehe­ma­li­gen Dienst­mäd­chens im Haus­halt Vio­la Pa­pas‘ und ih­res Man­nes. Ver­mut­lich war die­ser Ehe­mann so­gar der Va­ter des Mäd­chens. Je­den­falls adop­tier­ten Vio­la und ihr Mann das Kind, als die Mut­ter das Haus ver­ließ. Doch noch im Klein­kind­al­ter De­si­de­rias ver­stirbt ihr Va­ter. Das Mäd­chen und ih­re ver­wit­we­te Adop­tiv­mut­ter blei­ben al­lei­ne in einem groß­zügi­gen Haus im vor­neh­men römi­schen Pari­oli-Vier­tel.

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Inzest

Alberto Moravia, Inzest, 1965
Alberto Moravia, 1965

Vier Jahre nach sei­nem letz­ten Skan­dal­ro­man, La Noia, kon­fron­tier­te uns Al­ber­to Mo­ra­via mit einer Ta­ge­buch­er­zäh­lung, de­ren deut­scher Ti­tel Inzest end­gül­tig die Wo­gen der Em­pö­rung über dem ita­lie­ni­schen Schrift­stel­ler zu­sam­men­schla­gen las­sen hät­te kön­nen: Der gut­si­tu­ier­te Fran­ces­co ver­liert da­rin die Lust an sei­ner fa­den Ehe­frau Co­ra und wen­det sich an­stel­le ih­rer Ga­bri­el­la zu, der her­an­wach­sen­den Toch­ter sei­ner Frau. – In­zest? Ein Ta­bu­the­ma, das nach Pa­ra­graf 173 des deut­schen Straf­ge­setz­bu­ches da­mals wie auch heu­te noch straf­bar ist. Doch Ge­mach, lie­be(r) Le­se­r¦in, we­der ist Ga­bri­el­la leib­li­che Toch­ter Fran­ces­cos, noch traut sich der Mann, tat­säch­lich über­grif­fig zu wer­den. Die Ge­schich­te han­delt also von einem Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment eines frus­trier­ten Mitt­vier­zi­gers.

Auf die Idee, den ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal­ti­tel L’atten­zio­ne – al­so die „Auf­merk­sam­keit“ oder „Hin­wen­dung“ – un­ver­blümt mit „In­zest“ ins Deut­sche zu über­set­zen, konn­te nur ein Ver­le­ger kom­men, der sei­ne Ver­kaufs­zah­len in die Hö­he trei­ben woll­te. Ob das da­mals vor sech­zig Jah­ren funk­tio­niert hat, weiß ich nicht. Heu­te je­den­falls ist Inzest aus deut­schen Ver­lags­pro­gram­men ver­schwun­den. Wen­den wir uns al­so ein­mal oh­ne Vor­ver­ur­tei­lung dem Ta­ge­buch Fran­ces­cos zu.

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Georg-Büchner-Preis 2022

Emine Sevgi Özdamar, 2011
Emine Sevgi Özdamar, 2011

Die türkisch-deutsche Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Thea­ter­re­gis­seu­rin Emine Sevgi Özdamar (76) wird die­ses Jahr mit dem Ge­org-Büch­ner-Preis aus­ge­zeich­net. Die Jury ver­leiht den mit 50.000 Euro do­tier­ten Li­te­ra­tur­preis an „eine her­aus­ra­gen­de Auto­rin, der die deut­sche Spra­che und Li­te­ra­tur neue Ho­ri­zon­te, The­men und einen hoch­poe­ti­schen Sound ver­dankt“. Der Georg-Büchner-Preis ist einer der wich­tig­sten li­te­ra­ri­schen Aus­zeich­nun­gen im deutsch­spra­ch­igen Raum. Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de Clemens J. Setz für sei­ne zu­tiefst hu­ma­nis­ti­schen Im­pul­se aus­­ge­zeich­net.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Özdamar!

Über die Autorin

Frau Özda­mar kam 1946 in Ost­ana­to­lien zur Welt und wuchs in Istan­bul und Bursa auf. Im Alter von 18 Jah­ren reiste sie erst­mals nach Deutsch­land, damals ohne jegli­che Sprach­kennt­nisse. Heute ist Özda­mar eine der bekann­tes­ten deutsch­tür­ki­schen Schrift­stel­lerin­nen. Sie erhielt bereits eine Viel­zahl an Lite­ratur­prei­sen, etwa 1991 den Inge­borg-Bach­mann-Preis, 2004 den Kleist-Preis, oder im ver­gan­ge­nen Jahr den Baye­ri­schen Buch­preis, um wenigs­ten drei Aus­zeich­nun­gen zu nen­nen.

Ihr Roman Das Leben ist eine Kara­wan­se­rei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der ande­ren ging ich raus wurde 2007 in die Liste der „1001 Books You Must Read Before You Die“ auf­genom­men. Ein Jahr zuvor wurde in den Feuil­le­tons noch dis­ku­tiert, ob Feri­dun Zai­mog­lus Roman Leyla ein Pla­giat der Kara­wan­se­rei sei.

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