Das Kind in mir will achtsam morden

Karsten Dusse, Das Kind in mir will achtsam morden, 2020
Karsten Dusse, 2020

Da ist er wieder, der Meister des Spagats zwischen Achtsamkeit und Schwerkriminalität. Nach dem Erfolg seines Debütromans Achtsam morden gestattet Karsten Dusse seinem Protagonisten Björn Diemel einen Folgeauftritt in Das Kind in mir will achtsam morden. Den zweiten Teil der Romanserie widmet Dusse dem therapeutischen Konzept des „Inneren Kindes“, das der US-amerikanische Theologe und Psychologe John Bradshaw in den 1970er und 80er Jahren konzipierte. Im Roman erhält Rechtsanwalt Diemel – erneut vom fiktiven Über-Psychologen Joschka Breitner – zunächst einen Crashkurs zu seinem Inneren Kind. Im Anschluss meistert der Dusse-Held seine Probleme im gedanklichen Dialog mit eben diesem inneren Kinder-Ich.

Rechtsanwalt und Romanautor Karsten Dusse verlässt sich im zweiten Teil auf das Erfolgsrezept seines ersten Romans: Auf seinen trockenen Sprachwitz und auf die Werte-Diskrepanz zwischen spiritueller Anleitung zur Selbstfindung und den Rahmenbedingungen im Inneren eines Verbrechersyndikats.

Außerdem verlässt sich der Autor auch auf die bewährte Struktur von Achtsam Morden: Im Einzelcoaching beim Achtsamkeitsguru Joschka Breitner bekommt Diemel diesmal eine Einweisung ins Konzept des Inneren Kindes. Im achten Kapitel, das bezeichnenderweise die Überschrift Realität trägt, setzt die eigentliche Romanhandlung ein.
Und natürlich werden auch alle fünfzig Kapitel des Buches erneut mit breitnerschen Lehrsätzen und Vorschlägen zur Persönlichkeitsentwicklung eingeleitet.

Das Kind in mir will achtsam morden – Zum Inhalt

Kennt ein Leser den ersten Teil, so nimmt sie oder er vermutlich an, der Protagonist Björn Diemel habe nach Dragan Sergowicz nun auch dessen Ex-Kumpel und Mafia-Konkurrenten Boris umgebracht, um seinen eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen. Umso erstaunter ist man dann, wenn der russische Clan-Boss Boris im Kellergeschoß unter einem Kindergarten auftaucht – als Gefangener Diemels.
Aber dann verschwindet auf einmal dieser Gefangene. Beim Versuch, sich und seine Familie vor Konsequenzen zu schützen, verstrickt sich Diemel in Lügen, es gibt erneut Tote. Das mühsam konstruierte Kartenhaus des Protagonisten droht einzustürzen und ihn unter todbringenden Trümmern zu begraben. Doch glücklicherweise hat Björn Diemel ja sein Inneres Kind, das ihm beisteht.

Wenn man es genau nimmt, hat der zweite Roman gar keine Handlung im Sinne einer Entwicklung. Es gibt lediglich einen Status Quo, den die Hauptfigur als Erzähler zu bewahren versucht. Um Diemel und seinen Handlanger Sascha herum bewegen sich verschiedene Figuren, ohne jedoch den Plot voran zu bringen. Viel Kindergarten spielt sich ab, ein magerer Ansatz von Polizeiarbeit, die Mafiosi halten ihre Füße still und spielen eigentlich keine Rolle mehr. Höchstens einmal als Erfüllungsgehilfen für Unausweichliches. Ein Gegenspieler taucht auf, der das Arrangement des Protagonisten zu stürzen droht, und wird ausgeschaltet.

Das Kind in mir will achtsam morden – Gesellschaftskritik?

Darüber hinaus benutzt der Autor seine Hauptfigur dazu, in launiger Schreibe über aktuelle gesellschaftliche Modeerscheinungen herzuziehen, deren Sinn er in Frage stellt. Kindergartenmütter sind hier einfältige Moralapostel, die unreflektiert vermeintliche Klimaschutz-Argumente nachbrabbeln. Das Geschäftsmodell von Ökostrom wird als Marketinglüge gebrandmarkt. Diemels Gegenspieler ist ein oberflächlicher Unsympath, der E-Zigaretten raucht und E-Roller mit vernichtender Ökobilanz vermietet.

„Kurt saß hinten und zog bei halb geöffnetem Fenster an einem Dampfer-Automaten. Einem dieser Teile, die aussehen, als hätten eine Insulinspritze und ein Benzinfeuerzeug rotzbesoffen ein Kind gezeugt.“

Das Kind in mir will achtsam morden – Bewertung

Mit solchen Formulierungen schafft es Dusse auch im zweiten Teil noch immer, mir ab und zu ein Grinsen ins Gesicht zu schreiben. Allerdings muss ich leider sagen, dass seine humorigen Sätze im ersten Teil lustiger waren. Den Witz des ersten Bandes erreicht der Autor nicht mehr.

Arg abgenutzt hat sich auch der spaßige Konflikt zwischen Psychotherapie und Mafia-Methoden. In meiner Rezension von Achtsam Morden hatte ich bereits angemerkt, dass mir die Achsamkeitsparallelen gegen Ende der Geschichte auf die Nerven gingen. Der zweite Teil macht es nicht besser. Das ganze Konstrukt um das Innere Kind mag eine nette oder kokette Einführung in psychotherapeutische Praxis darstellen. In der Geschichte aber hinterlässt es in meinen Augen keinen Eindruck, höchstens den von Zusammenhanglosigkeit. Ich hatte teilweise Mühe, beim Lesen am Ball zu bleiben.

Den Vogel schießt Dusse schließlich auf den Seiten 411 und 412 der rezensierten Taschenbuchausgabe ab. Dort beschreibt er eine Parallelszene, deren Plumpheit und Abgeschmacktheit mich nur mehr den Kopf schütteln ließ:

Diemels Erfüllungsgehilfe Sascha inszeniert einen nächtlichen Racheakt, indem er mit einer Spraydose die Hauswand einer E-Rollerzentrale beprüht, bevor er das Gebäude abfackelt. Zeitgleich dazu begleiten wir Björn Diemel durch eine Sexszene mit seiner neuen Flamme.
Den Akt des Schüttelns der Spraydose und den der Handarbeit an Diemels Penis bescheibt der Autor in einer einzigen Textpassage, deren Formulierung offen lässt, ob denn letztlich Farbnebel aus der Dose spritzt oder Sperma aus dem Glied. Oder eben beides. – Das mag der eine oder die andere Leser*in witzig finden, für mich war es einfach bloß Auslöser für Fremdschämen.

Ach ja, angesichts des offenen Endes der Erzählung ist wohl zu befürchten, dass es auch noch einen dritten Teil geben könnte.

~

Wer diese Buchbesprechung gelesen hat, wird sich vielleicht auch für meine Rezension des ersten Teils, Achtsam morden, interessieren.

Fazit:

Eine Leseempfehlung wie für den ersten Romanband mag ich für Das Kind in mir will achtsam morden nicht mehr aufrecht erhalten. Die Fortsetzung reicht nicht an den Sprachwitz des ersten Teils heran. Die schwache Handlung macht die Sache auch nicht besser. Fast möchte man sagen: Was kann man von einem Roman schon erwarten, der das Erfolgsrezept des Vorgängers eins zu eins zu kopieren versucht? Allerdings muss ich der Fairness halber auch erwähnen, dass es auf dem Buchmarkt jede Menge schlechtere Unterhaltungslektüre als Das Kind in mir … gibt.

Auch wenn mir persönlich die Geschichte nicht besonders gut gefallen hat, mag es sicher Leser*innen geben, die den Humor auch des zweiten Teils zu schätzen wissen. Karsten Dusses Roman bekommt von mir immerhin noch zwei von fünf möglichen Sternen.

Karsten Dusse, Das Kind in mir will achtsam morden
Heyne Verlag, 2020

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