Achtsam morden am Rande der Welt

Karsten Dusse, Achtsam morden am Rande der Welt
Karsten Dusse, 2021

Der Boss der Acht­sam­keit kehrt er­neut zu­rück. Kars­ten Dus­se prä­sen­tiert uns den drit­ten Teil sei­ner Ge­schich­te um Björn Die­mel, den Rechts­an­walt, der durch An­wen­dung buddhis­ti­scher Prin­zi­pi­en der selbst­be­stimm­ten Le­bens­füh­rung zum mehr­fa­chen Mör­der und Chef eines Ver­bre­cher­syn­di­kats wur­de. Achtsam morden am Rande der Welt schließt naht­los an die bei­den Vor­gän­ger­ge­schich­ten an: Acht­sam mor­den und Das Kind in mir will acht­sam mor­den. Dies­mal wid­met sich Dus­se der Me­tho­de des Pil­gerns zur Selbst­fin­dung. Es war zu er­war­ten, dass auch Teil drei der Ge­schich­te wie­der in den Best­sel­ler­lis­ten des Buch­han­dels lan­den wür­de.

Im Gro­ßen und Gan­zen bleibt der Autor auch im drit­ten Teil sei­ner Acht­sam­keits­se­rie dem Kon­zept der bei­den Vor­gän­ger treu. Denn na­tür­lich ist auch dies­mal die Figur des Psy­cho­gu­­rus Josch­ka Breit­ner* mit von der Par­tie, der wie gewohnt für den spi­ri­tu­el­len Un­ter­bau des Ro­mans ver­ant­wort­lich ist und mit sei­nen Sinn­sprü­chen die ein­zel­nen Kapi­tel ein­lei­tet. Da­zu ge­sel­len sich er­neut die tro­cke­nen, aus der Hüf­te ge­schos­se­nen Wort­wit­ze des Autors sowie ein paar scharf ge­rit­te­ne At­ta­cken auf ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne, die Dus­se ein Dorn im Auge sind.

Achtsam morden am Rande der Welt – Über den Inhalt

Pro­tago­nist Die­mel wird fünf­und­vier­zig und ist damit offi­ziel­ler Kan­di­dat für eine hand­feste Mid­life-Krise. Den Geburts­tags­abend ver­bringt er im Kreis der Abtei­lungs­lei­ter des Ver­bre­cher­syn­di­kats, das er von zweien sei­ner Mord­op­fer, näm­lich Dra­gan und Boris, geerbt hat: mit einer Puff­mut­ter, einem Dro­gen­boss, einem Schlä­ger­kom­man­deur und einem Kin­der­gar­ten­lei­ter. Der Abend ent­gleist, es kommt zu Gewalt­hand­lun­gen an zwei chi­nesi­schen Mafia­chefs und Björn Die­mel setzt zu guter Letzt sein Auto sturz­besof­fen gegen eine Haus­wand.

Dies ist die Aus­gangs­ba­sis, auf der andern­tags Joschka Breit­ner seine Ana­lyse auf­setzt. Mit sokra­ti­scher Rhe­to­rik bringt er Die­mel dazu zu erken­nen, dass er sein Ver­hal­ten ändern muss, wenn er die zweite Lebens­hälfte glück­li­cher ver­brin­gen will als die erste. Breit­ner schickt sei­nen Klien­ten auf Pil­ger­reise:

„Mit dem Jakobs­weg ist es wie mit allem ande­ren im Leben: Es ist der Glaube, der die Fas­zina­tion aus­übt. Nicht die Tat­sa­chen. Der Glaube an die Erlö­sung ist bereits die halbe Erlö­sung. Tat­sa­che ist aller­dings, dass der Jakobs­weg oben­drein land­schaft­lich sehr schön gele­gen ist.“
(Seite 103)

Mit den Vor­berei­tun­gen haben wir ein Vier­tel des Romans bereits hin­ter uns, bevor sich Björn Die­mel auf den Weg macht. Doch sehr weit kommt der Pro­tago­nist nicht. Bereits auf den bei­den ers­ten Pil­ger­etap­pen muss Die­mel erken­nen, dass ihm jemand nach dem Leben trach­tet. Hat es etwa die zu Anfang pro­vo­zierte Chi­nesen­ma­fia auf ihn abge­se­hen und ihm einen Mör­der hin­ter­her geschickt?

Wer hinter den Atten­ta­ten auf Björn Die­mel steckt, werde ich hier nicht ver­ra­ten. Aber natür­lich gibt es wie­der Lei­chen, im Ver­lauf der Roman­ge­schich­te ins­ge­samt sechs.

Achtsam morden am Rande der Welt – Erfolgsrezept

Natür­lich würzt der Autor seine Ge­schich­te auch dies­mal wie­der mit den Zuta­ten, die er meis­ter­lich beherrscht: die Gegen­über­stel­lung spi­ritu­el­ler Motive und schwerst­kri­minel­ler Machen­schaf­ten sowie sei­nen tro­cke­nen Sprach­witz. Hier kann Dusse erneut punk­ten. Aber wie schon in Teil zwei nutzt sich das Grund­re­zept auch im drit­ten Band wei­ter ab. Ja, wir kön­nen schon noch lachen oder zumin­dest grin­sen.

„Nie­mand heißt gerne Cha­yen­ne. Es gibt im Grunde nur drei Gründe, warum jemand Cha­yen­ne heißt: Man ist ent­we­der ein zwei­moto­ri­ges Pro­pel­ler­flug­zeug oder man hat Eltern mit einem zwei­fel­haf­ten Geschmack in Sachen Namens­ge­bung. Alle ande­ren Cha­yen­nes brauch­ten auf die Schnelle einen Arbeits­na­men als Pro­sti­tu­ierte.“
(Seite 38)

Aber wenn ich ehr­lich bin, waren Dus­ses Späße eben tat­säch­lich im ers­ten Band am lus­tig­sten. Wenig­stens jedoch ver­zich­tet der Autor dies­mal auf  Pein­lich­kei­ten, wie ich sie in mei­ner Bespre­chung des zwei­ten Romans ange­spro­chen habe.

Gesellschaftskritik?

Nach­dem sich Dusse im zwei­ten Band noch wort­reich über über­spann­te Kin­der­gar­ten­müt­ter, Öko­strom, E-Ziga­ret­ten und -Rol­ler lus­tig gemacht hatte, neh­men sich seine gesell­schafts­kri­ti­schen Sei­ten­hiebe nun fast schon zahm aus. Er zieht etwa in aller Kürze gegen das Sprach­gen­dern zu Felde, wenn er sei­nen Hel­den eine Rand­bemer­kung über die Schaum­küsse eines bekann­ten Süßig­kei­ten­her­stel­lers machen lässt:

„Die Ver­pa­ckung krie­gen wir auch noch bedin­gungs­los gegen­dert, oder? […] Sich über ver­fet­tete Men­schen mit Penis lus­tig zu machen, geht ja wohl gar nicht. Wenn ›Dick­mann’s‹ nicht ab sofort ›Adi­pös-m/w/di­vers‹ heißt, esse ich die nicht mehr.“
(Seite 236)

Achtsam morden am Rande der Welt – Bewertung

Mit sei­nen lau­ni­gen For­mulie­run­gen pro­vo­ziert Kars­ten Dus­se sicher auch im drit­ten Anlauf noch Lacher und den einen oder ande­ren Schen­kel­klop­fer. Die Erzäh­lung liest sich größ­ten­teils wie­der sehr flüs­sig. Und auch Joschka Breit­ners „spi­ritu­el­ler Unter­bau“, wie ich die­sen Part wei­ter oben genannt habe, pen­delt erneut zwi­schen infor­ma­tiv und unter­halt­sam.

Außer­dem hat der Autor nun einige der Feh­ler ver­mie­den, die den zwei­ten Band aus­zeich­ne­ten. Die feh­len­den Pein­lich­kei­ten habe ich schon erwähnt. Und auch der inzwi­schen abge­nutzte Kon­trast zwischen Spi­ritu­ali­tät und Kri­mina­li­tät rückt in den Hin­ter­grund. Björn Die­mels Syn­dikat sorgt zwar anfangs noch für kri­mi­nelle Stim­mung, ver­schwin­det danach aber prak­tisch aus der Hand­lung.

Und dann gelingt es Dusse tat­säch­lich, eine gewisse Span­nung auf­zu­bauen, wenn die Leser­schaft gemein­sam mit dem Hel­den der Ge­schich­te Über­legun­gen anstellt, wer ihn ermor­den will. Aller­dings sind die Auf­lö­sung des Rät­sels und noch mehr der daraus resul­tie­rende Show­down an Bana­li­tät und abwe­gi­ger Moti­va­tion kaum mehr zu über­tref­fen. Was soll ich sagen? Meine Ent­täu­schung war groß, als die Ge­schich­te zu Ende ging.

Ich bin gespannt, wie weit Kars­ten Dusse und der Heyne Ver­lag das Fort­set­zungs­spiel noch trei­ben wer­den. Wenn meine dunk­len Vor­ahnun­gen wahr wer­den, dann steht uns im kom­men­den Jahr sowas wie ein acht­sa­mes Bon­nie-und-Clyde-Pär­chen bevor.

~

Wer diese Buch­bespre­chung gele­sen hat, wird sich viel­leicht auch für meine Rezen­sion des ers­ten Teils, Acht­sam mor­den, oder für die des zwei­ten Ban­des, Das Kind in mir will acht­sam mor­den, inte­res­sie­ren.

Fazit:

Wie bereits für den zwei­ten Band hält sich auch für Achtsam morden am Rande der Welt meine Lese­emp­feh­lung in engen Gren­zen. Denn an den Witz und Neu­heits­wert des ers­ten Teils kom­men beide Nach­fol­ger nicht annä­hernd heran. Gewiss, ein­ge­fleischte Fans von Björn Die­mel und Joschka Breit­ner wer­den auch dies­mal wie­der auf ihre Kos­ten kom­men. Man kann den Roman natür­lich auch als unter­halt­sa­mes Nach­mit­tags­häp­pchen am Strand oder auf dem Sofa kon­su­mie­ren.

Aber bei allem Respekt ver­mag ich der Posse drit­tem Teil auch wie­der nicht mehr als zwei von fünf mög­li­chen Ster­nen zuzu­spre­chen.

Karsten Dusse, Achtsam morden an Rande der Welt
Heyne Verlag, 2021

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Ergänzung:

*) Bereits in mei­ner ers­ten Romanbespre­chung hatte ich Dus­ses eige­nen Hin­weis erwähnt, der Acht­sam­keits­guru Joschka Breit­ner sei frei erfun­den. Mit sei­nem untrüg­li­chen Geschäfts­sinn hat der Autor aber nun auch diese Lücke geschlos­sen. Am 15. No­vem­ber 2021 erschien sein Sach­buch Acht­sam mor­den – Das Übungs­buch nach der Joschka-Breit­ner-Me­tho­de. 176 Buch­sei­ten stark, 44 „mords­ent­span­nende Übun­gen zum Auf­räu­men der Seele“.

„Selbst­findung ist keine Suche. Selbst­findung ist Auf­räu­men.“
(Joschka Breit­ner im Klap­pen­text)

These: Karsten Dusse ist die männ­li­che Marie Kondo deut­scher See­len­ab­gründe.

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