Flashback Zufallsrezension: Jeden Sonntag eine neu & zufällig ausgewählte Buchbesprechung aus der Vergangenheit — Gute Bücher altern nicht!
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Ein plötzlicher Todesfall

Joanne K. Rowling, Ein plötzlicher Todesfall, 2012
Joanne K. Rowling, 2012

Oder: Harry Potter, Teil 8? – Der neue Ro­man von Jo­anne Row­ling wird von den Re­zen­sen­ten der Li­te­ra­tur­sze­ne recht ein­hel­lig als miss­glück­ter Ver­such eines Gen­re­wech­sels, als nice try be­lä­chelt. Mich wun­dert, dass bis­lang nie­mand die Pa­ral­le­len zwi­schen der Pot­ter­se­rie und Ein plötzlicher Todesfall be­leuch­tet hat. Da­bei lie­gen doch eben die­se Pa­ral­le­len so na­he. Hat nicht die Auto­rin ein­fach das Grund­re­zept der Pot­ter­ge­schich­te in die Rea­li­tät über­tra­gen?

Die Hand­lung der Ge­schich­te ist schnell um­ris­sen: In einer klei­nen aber fei­nen süd­eng­li­schen Ge­mei­nde ver­stirbt ein Ge­mein­de­rat, der sich ve­he­ment für ein Un­ter­schich­ten­vier­tel und eine Dro­gen­kli­nik ein­ge­setzt hat­te. In der Fol­ge ent­brennt ein Macht­kampf zwi­schen des­sen lo­kal­po­li­ti­schen Er­ben und den streng kon­ser­va­ti­ven Kräf­ten im Rat, die die So­zial­brenn­punk­te los­wer­den wol­len. Die­ser Macht­kampf wird un­er­war­tet be­ein­flusst von den ju­gend­li­chen Kin­dern der er­wach­se­nen Ak­teu­re.

Na­tür­lich fragt sich die Le­ser­schaft – zu­nächst ein­mal zu Recht -, was die­ser Plot mit Har­ry Pot­ter zu tun ha­ben soll. Zur Be­ant­wor­tung die­ser Fra­ge stel­le ich einen In­ter­pre­ta­tions­an­satz in den Raum: Jo­anne K. Row­ling hat das ge­sam­te Sze­na­rio der Bän­de eins bis sie­ben samt Per­so­nal aus der Zau­be­rer­welt her­aus­ge­ris­sen und in den Kon­text der ak­tu­el­len rea­len Welt ge­stellt. Und dort zieht sie die einst reiz­volle magi­sche Ge­schich­te ins Grobe, ins Vul­gäre. Wie es wohl gewe­sen wäre, wenn alle Figu­ren der Pot­ter­romane nur ihre häss­lichs­ten Sei­ten gezeigt hät­ten?

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Eine Frau bei 1000°

Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°, 2011
Hallgrímur Helgason, 2011

Im vergangenen Jahr war Is­land Eh­ren­gast auf der Frank­fur­ter Buch­mes­se. Grund ge­nug für mich, der ich in mei­ner Lek­tü­re­wahl sonst ziem­lich mit­tel­meer­las­tig bin, einen is­län­di­schen Ro­man aus­zu­su­chen. Mei­ne Wahl fiel auf Eine Frau bei 1000° von Hall­grí­mur Hel­ga­son, einem Schrift­stel­ler, Ma­ler, Co­mic-Zeich­ner und Co­me­di­an, der Is­län­dern wohl­be­kannt, bei uns bis da­hin je­doch so gut wie un­be­kannt ist.

Die Pro­ta­go­nis­tin und Ich-Er­zäh­le­rin heißt Her­björg Ma­ria Björns­son, ist achtzig Jah­re alt und hat mich mit ih­rer Be­grü­ßung in den bei­den ers­ten Sät­zen des ers­ten Ka­pi­tels da­von über­zeugt, den Ro­man zu er­wer­ben:

Ich le­be al­lein in einer Ga­ra­ge, zu­sam­men mit einem Lap­top und einer al­ten Hand­gra­na­te. Wir ha­ben es wahn­sin­nig ge­müt­lich.

Wel­cher fan­ta­sie­be­gab­te Le­ser könn­te da wi­der­ste­hen? Die­ser ers­te Satz ge­hört bei al­ler Ef­fekt­ha­sche­rei zu den merk­wür­digs­ten (auch im un­mit­tel­ba­ren Sinn des Wor­tes) Ein­lei­tun­gen der Belle­tris­tik, zu­mal sich im Lau­fe der Er­zäh­lung her­aus­stellt, dass er ele­men­ta­re Be­stand­tei­le der Ge­schich­te vor­weg­nimmt und nicht et­wa lee­res Ge­schwätz ist.

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Der Friedhof in Prag

Umberto Eco, Der Friedhof von Prag, 2011
Umberto Eco, 2011

Umberto Ecos Der Na­me der Ro­se war vor drei­ßig Jah­ren der bel­le­tris­ti­sche Knül­ler schlecht­hin: Al­lein im ers­ten Jahr­zehnt nach sei­nem Er­schei­nen wur­den über acht Mil­lio­nen Exem­pla­re ver­kauft, der Autor wur­de schlag­ar­tig welt­be­rühmt. Nun ist Ecos sechs­ter Ro­man in deut­scher Über­set­zung ver­öf­fent­licht wor­den: Der Friedhof in Prag. Der jü­di­sche Fried­hof im al­ten Prag galt frü­her als Treff­punkt für Agen­ten und Spio­ne. Die­se sol­len dort Welt­herr­schafts­plä­ne ge­schmie­det ha­ben, so heißt es bei­spiels­wei­se in Her­mann Goed­sches an­ti­se­mi­ti­schem Ro­man Biar­ritz aus dem Jahr 1868. Die jü­di­sche Welt­ver­schwö­rung soll in den so­ge­nann­ten Pro­to­kol­len der Wei­sen von Zion do­ku­men­tiert sein, einem tat­säch­lich exis­tie­ren­den an­ti­se­mi­ti­schen Pam­phlet un­be­kann­ter Her­kunft. In sei­nem jüngs­ten Ro­man schmückt Um­ber­to Eco die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des Pro­to­kolls fan­ta­sie­voll aus.

Der Friedhof von Prag – Über die Romangeschichte

Dem Stoff man­gelt es wahr­lich nicht an Span­nung. Der Roman han­delt – wie bereits Der Name der Rose – wie­der zu his­tori­schen Zei­ten, dies­mal im neun­zehn­ten Jahr­hun­dert, meist in Ita­lien und Frank­reich. Der Pro­tago­nist, ein gewis­ser Simon Simo­nini, Turi­ner Halb­fran­zose und Jurist, exzel­len­ter Doku­men­ten­fäl­scher und pas­sio­nier­ter Fein­schme­cker, gerät in die poli­ti­schen Gra­ben­kämpfe zwi­schen Revo­lutio­nä­ren, Frei­mau­rern und Jesu­iten. Er schlägt sich an wech­seln­den Fron­ten durch, wobei er mehr und mehr unter Ein­fluss einer gespal­te­nen Per­sön­lich­keit agiert. Gegen Ende der Ge­schich­te tau­chen die besag­ten Pro­to­kolle der Wei­sen von Zion auf, an deren Ent­ste­hung Simo­nini maß­geb­lich betei­ligt ist.

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