Meine ganz persönlichen Lesempfehlungen
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Der König von Berlin

Horst Evers, Der König von Berlin, 2012
Horst Evers, 2012

Dass Rio Reiser der Kö­nig von Deutsch­land war, wis­sen wir seit 1986. Aber wer ist Der König von Berlin? Die Ant­wort da­rauf gibt uns Horst Evers in sei­nem kla­mau­ki­gen Kri­mi um das nie­der­säch­si­sche Land­ei Cars­ten Lan­ner. Der jun­ge Kom­mis­sar wird zu einer Fort­bil­dung nach Ber­lin ver­setzt. Dort ge­rät er in die Er­mitt­lun­gen um den To­des­fall des In­ha­bers einer Schäd­lings­be­kämp­fungs-Fir­ma, die Ber­lin rat­ten­frei hal­ten soll. Doch bei sei­nen Nach­for­schun­gen stößt Lan­ner auf ma­fiö­se Struk­tu­ren und einen schreck­li­chen Plan.

„Mein Va­ter sagte im­mer: Ein gu­ter Kam­mer­jä­ger kommt im­mer wie ein Por­no­heft, al­so im neu­tra­len Schutz­um­schlag.“

Wer schon auf der ach­ten Text­sei­te sei­nes Ro­mans mit einem sol­chen Satz auf­war­tet, hat mich ja im Sack. Und wenn Autor (oder Ver­lag) dann auch noch so cle­ver sind, ein ein­sa­mes Huhn auf einem un­ter­ir­di­schen U-Bahn­hof auf das Co­ver zu brin­gen, bin ich schon nicht mehr ob­jek­tiv; ich star­te viel­mehr mit ma­xi­ma­ler Er­war­tungs­hal­tung in den Kri­mi von Herrn Evers.

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Die Sandelholzstrafe

Mo Yan, Die Sandelholzstrafe, 2009
Mo Yan, 2009

Im Jahr 2001 er­schien das Ori­gi­nal des Ro­mans Die Sandelholzstrafe von Mo Yan. Der chi­ne­si­sche Schrift­stel­ler wur­de elf Jah­re spä­ter mit dem Li­te­ra­tur­no­bel­preis aus­ge­zeich­net. Mit No­bel­preis­trä­gern ist das ja im­mer so eine Sa­che. Es gibt fast im­mer Kom­men­ta­re, nach de­nen der eine oder an­dere Preis­trä­ger nicht wür­dig sei; weil sie oder er in Wirk­lich­keit nichts da­für ge­tan hät­te, das die Ver­lei­hung recht­fer­ti­gen kön­ne; weil sie den Preis nur als Quo­ten­frau be­kom­men ha­be; weil er ihn oh­ne­hin nur stell­ver­tre­tend für die­se oder je­ne ge­sell­schaft­li­che Grup­pe er­hal­ten ha­be; oder weil ja eigent­lich end­lich der Kol­le­ge N.N. dran ge­we­sen sei, das gä­be es doch nicht, dass der noch im­mer nicht …

Das gilt ins­be­son­dere für die po­pu­lärs­ten Preis­ka­te­go­rien, zu de­nen ge­fühlt je­der der sie­ben Mil­li­ar­den Men­schen auf un­se­rem Pla­ne­ten mit­re­den zu kön­nen meint. Al­so ins­be­son­de­re für den Frie­dens­no­bel­preis und für den Li­te­ra­tur­no­bel­preis. Der­lei Dis­kus­sio­nen er­hei­tern mich meist sehr, ich le­se sie ger­ne, all die­se Ti­ra­den und Ana­ly­sen, das Ge­strei­te, die Em­pö­rung. Aber letzt­lich in­te­res­siert mich das gan­ze Ge­zer­re un­ge­fähr so sehr, als ob in Chi­na ein Reis­sack um­fie­le.

Und mit die­sem Reis­sack sind wir auch schon beim aktu­el­len Fall ange­kom­men. Der Lite­ratur­nobel­preis wurde also 2012 dem chi­nesi­schen Schrift­stel­ler Mo Yan ver­lie­hen. Das Geschrei war sogleich groß. Quer durch die Bank fan­den sich pro­mi­nente Kri­ti­ker, die Mo Yan vor­wer­fen, er habe sich mit dem dik­tato­ri­schen chi­nesi­schen Regime arran­giert. – Ich erlaube mir den Luxus, zur Debatte keine Mei­nung haben zu dür­fen und statt des­sen einen Roman von Mo Yan zu lesen: Die Sandelholzstrafe.

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Indigo

Clemens J. Setz, Indigo, 2012
Clemens J. Setz, 2012

Nach Buchpreisver­lei­hun­gen se­he ich mir ger­ne auch die Short­lists an mit den Auto­ren und Tex­ten, die es eben mal so nicht ge­schafft ha­ben. In die­sem Jahr sprang mir da­bei der Ro­man Indigo von Cle­mens Jo­hann Setz ins Auge. Zum einen fas­zi­nier­te mich sei­ne un­ge­wöhn­lich auf­wän­dige Auf­ma­chung, von der noch zu spre­chen sein wird. Zum an­de­ren rief der Ro­man­ti­tel Er­in­ne­run­gen an Zei­ten der Neun­zi­ger­jah­ren in mir wach, in de­nen ich mich be­geis­tert über den ab­ge­ho­be­nen Eso­te­rik-Hy­pe um die Kin­der mit der blau­en Aura, die so­ge­nann­ten In­di­go-Kin­der, amü­sier­te. Die­se Idee, ver­hal­tens­auf­fäl­li­ge Kinder als den „neu­en Men­schen­schlag“ zu fei­ern, wo­mög­lich so­gar als Außer­ir­di­sche, ließ mich vor Freu­de über den mensch­li­chen Er­fin­dungs­reich­tum ju­bi­lie­ren.

Sag­te ich schon, dass ich eine ge­hei­me Schwä­che für wis­sen­schaft­lich un­halt­ba­re, aber mit mis­sio­na­ri­schem Eifer vor­ge­tra­ge­ne Theo­rien ha­be? Über die wahn­wit­zi­gen State­ments der Krea­tio­nis­ten etwa ge­ra­te ich im­mer wie­der in Ver­zü­ckung. Es be­darf si­cher un­ge­heu­er viel En­thu­sias­mus‘ und Er­fin­dungs­reich­tums, um sol­chen Irr­sinn mit ech­ter Über­zeu­gung zu ver­tre­ten. Aber ich schwei­fe ab. – Cle­mens Setz, Trä­ger des Georg-Büch­ner-Prei­ses 2021 und Autor von Indigo, ist nach eige­nen An­ga­ben¹ fas­zi­niert von Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen. Doch er zieht deutlich Gren­zen in sei­ner per­sön­li­chen Rea­li­täts­vor­stel­lung.
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