Wo kein Zeuge ist

Wo kein Zeuge ist
Elizabeth George, 2006

Jack The Rip­per schlitzt im drit­ten Jahr­tau­send kei­ne leich­ten Lon­do­ner Mäd­chen auf, son­dern männ­li­che Ju­gend­li­che. Eine Mord­se­rie an Zwölf­jäh­ri­gen gibt den Rah­men ab für die drei­zehn­te und jüngs­te Fol­ge der Kri­mi­nal­ro­ma­ne um die Scot­land-Yard-Er­mit­tler Lyn­ley und Ha­vers. Der Ro­man Wo kein Zeuge ist der US-Ame­ri­ka­ne­rin Eli­za­beth Geor­ge hat buch­stäb­lich al­les: Eine rät­sel­haf­te Mord­se­rie, die eine Her­aus­for­de­rung an In­tel­li­genz und Bauch­ge­fühl der Er­mitt­ler dar­stellt. Zwi­schen­mensch­li­ches, das mit der Mör­der­su­che zwar nichts zu tun hat, aber die Beam­ten zu Iden­ti­fi­ka­tions­fi­gu­ren wer­den lässt. So­zia­len Spreng­stoff durch die In­te­gra­tion von Reiz­the­men wie Ras­sen­pro­ble­ma­tik und Pä­do­phi­lie. Per­sön­li­che Stel­lung­nah­men zu ak­tu­el­len Streit­punk­ten wie „ein­ge­bet­te­tem“ Jour­na­lis­mus oder In­te­gra­tions­pro­jek­ten für so­zial ge­fähr­de­te Ju­gend­li­che. – Ein Pot­pour­ri an Cha­rak­te­ren, Sze­nen und Rand­be­rich­ten, das die Ein­schrän­kung auf das Gen­re „Kri­mi“ fast nicht mehr gel­ten lässt!

Wo kein Zeuge ist – Wer tritt auf? – Personalien

Auf beacht­li­chen acht­hun­dert Roman­sei­ten erzählt die Auto­rin abwech­selnd aus Sicht von fünf der han­deln­den Per­so­nen die Abfolge der Gescheh­nisse, die letzt­lich zur Auf­klä­rung der Mord­se­rie führt. Die bei­den Pro­tago­nis­ten sind Kri­minal­kom­mis­sar Tho­mas Lyn­ley, aris­tokra­ti­scher Super­mann und Held der vor­ange­gange­nen Romane der Serie, und seine hoff­nungs­los unorga­ni­sierte, sture, aber kri­mina­lis­tisch erfolg­rei­che Assis­ten­tin Bar­bara Havers, die eben­falls aus frü­he­ren Fol­gen bekannt ist.

Dazu gesellt sich Wins­ton Nka­ta, ehe­mals Stra­ßen­krie­ger und nun Kri­minal­poli­zist ohne Fehl und Tadel – ein neuer Mann im Serien­perso­nal? Wei­tere Rol­len über­neh­men Ulrike Ellis, Lei­te­rin einer Jugend­hilfe­orga­nisa­tion, und natür­lich der Mör­der selbst, der sich selbst Fu nennt und irgendwo im Drei­eck zwi­schen All­machts­fanta­sie, Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xen und Schi­zophre­nie agiert.

Um die zen­trale Per­sonal­aus­stat­tung herum grup­piert George ein Sam­mel­su­rium von Sta­tis­ten, die dem Roman Farbe geben. Ein jugend­li­cher Trans­ves­tit, ein zwie­lich­ti­ger Albino, ein ebenso macht­beses­se­ner wie unfä­hi­ger Mana­ger des Scot­land Yard. Ein genia­ler und schrul­lig auf­tre­ten­der Pro­fi­ler. Repor­ter, die für ihre Story buch­stäb­lich über Lei­chen gehen. Gut aus­se­hende Ehe­män­ner, die fremd gehen. Attrak­tive Wit­wen und von ihren Frauen ver­las­sene Väter. All diese Figu­ren tap­pen durch das win­ter­lich klamme, unge­müt­li­che Lon­don und lie­fern mehr oder weni­ger wich­tige Bei­träge zum Fort­gang der Hand­lung. Sie legen fal­sche Fähr­ten oder beleuch­ten eines der Rand­the­men, die die Auto­rin in ihren Krimi einge­wo­ben hat.

Wo kein Zeuge ist – Bewertung

Lange­weile kommt bei der Kri­milek­türe nicht auf, zumal Eli­za­beth George keine der Sze­nen und kei­nes ihrer The­men über­stra­pa­ziert. Viel­mehr führt sie ihre Leser­schaft von einem Cliff­han­ger zum nächs­ten. Aller­dings liegt gerade im Dahin­eilen von einem zum nächs­ten Thema die größte Schwä­che der Ge­schich­te. Weni­ger wäre bestimmt mehr gewe­sen.

Meine Ein­gangs­bemer­kung, der Roman habe buch­stäb­lich alles, war durch­aus kri­tisch gemeint. Eli­za­beth George lässt kein aktu­el­les Thema aus, buhlt gera­dezu um Gunst und Zustim­mung der Leser­schaft.

Natürlich hän­gen alle Jugend­li­chen am Rande der Ein­kaufs­zen­tren herum, den Tem­peln der Kon­sum­gesell­schaft, pro­vozie­ren dort die Älte­ren und schüch­tern Pas­san­ten ein. Natürlich ist die Welt voll pädo­phi­ler Mons­ter, die sich nachts in den Räu­men von Kin­der­gär­ten tref­fen, um sich dort auf­zugei­len. Natürlich ist Lon­don eine dem Unter­gang geweihte Stadt, deren Mau­er­werk durch­ge­hend ruß­schwarz ist und deren Ver­kehrs­adern chro­nisch ver­stopft sind, weil alle Welt – ein­schließ­lich der Polizei – ihre fahr­ba­ren Unter­sätze rück­sichts­los ein­setzt und abstellt. Und natürlich ist der Albino ein Böse­wicht, dem die Kom­missa­rin schon nach weni­gen Roman­sei­ten auf die Schli­che kommt. Wie könnte dies auch anders sein, schließ­lich war sein lite­rari­scher Vor­gän­ger Silas in Dan Browns Illu­mi­nati eben­falls ein Schurke.

Wenn wir gerade beim Vor­wurf der inhalt­li­chen Anlei­hen sind, sei darauf hin­gewie­sen, dass mich die Figur des mör­deri­schen Fu in ihrer akri­bi­schen und sozio­pathi­schen Vor­gehens­weise stark an Hanni­bal Lec­ter aus den Roma­nen von Tho­mas Har­ris erin­nerte.

Wo kein Zeuge ist – Erfolgsrezept

Eines muss man der Auto­rin jedoch zuge­ste­hen. Trotz der all­gegen­wär­ti­gen gesell­schafts­kri­ti­schen Ein­schübe, die das Buch auf die erwähn­ten, immen­sen acht­hun­dert Sei­ten anschwel­len las­sen, gelingt es ihr, einen Span­nungs­bo­gen zumin­dest aufzu­bauen. Aller­dings erschlafft der Bal­lon der Span­nung im Lau­fe der zwei­ten Roman­hälfte. Die Auf­lö­sung des Falls ist schließ­lich ent­täu­schend.

Ein­mal abge­se­hen davon, dass die Iden­tifi­ka­tion des Mör­ders voll­kom­men will­kür­lich ist – jede andere der ver­däch­ti­gen Per­so­nen hätte es auch im Nach­hin­ein ebenso gut sein kön­nen -, ver­liert der Plot zuletzt jeg­li­che Form. Bei­läu­fig erfährt der Leser, wer für die Morde ver­ant­wort­lich ist. Bei­läu­fig wird noch ein Tritt­brett­fah­rer ent­larvt, des­sen Iden­ti­tät natür­lich ins Bild passt. Und schließ­lich ver­si­ckert die Ge­schich­te irgend­wo im Nichts. Wobei George es nicht ver­säumt, wenigs­tens ein paar lose Enden für Fort­set­zun­gen herum­lie­gen zu las­sen.

Es wird wohl das Geheim­nis der Ver­fas­se­rin blei­ben, warum die Beam­ten von Scot­land Yard noch ein paar hun­dert Sei­ten lang ermit­teln müs­sen, nach­dem sie bereits das Fahr­zeug des Mör­ders iden­tifi­ziert und des­sen Vor­besit­zer aus­fin­dig gemacht haben. Selbst Ameri­ka­nern sollte bekannt sein, dass Auto­mo­bile in Europa Num­mern­schil­der tra­gen, die Rück­schlüsse auf den Hal­ter zulas­sen. Sol­che Schnit­zer sind ent­täu­schend und pein­lich.

Fazit:

Von der „Meis­terin des eng­li­schen Kri­minal­ro­mans“ hätte ich auf jeden Fall deut­lich mehr erwar­tet. Die kri­mina­lis­ti­sche Hand­lung ist zwar nett ein­gefä­delt, endet aber äußerst fade. Die vielen Neben­ge­schich­ten sind größ­ten­teils banal. Und das Bild der Gesell­schaft, das Eli­za­beth George patch­work­ar­tig skiz­ziert, ist bes­ten­falls popu­lis­tisch zu nennen. Die Ge­schich­te ist belie­big und oft zusam­men­hangs­los.

Georges Tritt­brett­fah­ren bei erfolg­rei­chen Thril­lern macht den Roman nicht attrak­ti­ver. Dass die Auto­rin hand­werk­lich in der Lage wäre, es bes­ser zu machen, ist am Auf­bau zumin­dest der ers­ten Hälfte ansatz­weise zu erken­nen. Doch dies bringt dem Roman trotz­dem nicht mehr als einen von fünf mög­li­chen Bewer­tungs­ster­nen ein. Als leichte Abschwä­chung die­ses Ver­ris­ses sei ange­merkt, dass sich die­ser lite­rari­sche Par­cour de Force trotz sei­ner man­nig­fal­ti­gen Schwä­chen recht flüs­sig liest: BILD-Zei­tungs­ni­veau für Lese­rat­ten.

Ich bedanke mich herz­lich bei der Buch­hand­lung Bol­lin­ger für das zur Ver­fü­gung gestellte Lese­exem­plar

Elizabeth George: Wo kein Zeuge ist
Blanvalet Verlag, 2006

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