Die Siechenmagd

Die Siechenmagd
Ursula Neeb, 2006

Frankfurt am Main im ausgehenden Mittelalter: In der Ständegesellschaft der freien Reichsstadt lebt die Familie Dunckel. Die Dunckels befinden sich auf der untersten Stufe des sozialen Gefüges. Der „Schundmummel“ Eduard Dunckel verrichtet als Schinder, Abdecker, Kloakenreiniger und Hundshäuter die „unehrlichen“ Aufgaben für die Stadt. Seine Frau Anna steht als Magd in den Diensten eines begüterten Aussätzigen auf dem benachbarten Gutleuthof. Die fünfzehnjährige Tochter Maria, von allen nur „die Mäu“ genannt, beginnt auf Vermittlung der Mutter ebenfalls als Siechenmagd für einen der begüterten Leprakranken zu arbeiten. Doch dem jungen Mädchen graut es vor der gefährlichen Arbeit beim aussätzigen ehemaligen Kaufmann Ulrich Neuhaus. Als ihr Herr sie körperlich zu nötigen beginnt, kommt es zum Eklat. Die Mäu flieht vor dem Gesetz und versucht, sich in Richtung Prag durchzuschlagen, um ein neues, besseres Leben zu beginnen.

Die Siechenmagd – Worum geht es?

Die Autorin Ursula Neeb ist ausgebildete Kulturhistorikerin und lebt in der Taunusgemeinde Schmitten nördlich des heutigen Frankfurts. Nach einem kulturgeschichtlichen Buch über die Frankfurter Wasserhäuschen ist Die Siechenmagd ihr zweites Werk. Darin zeichnet sie anhand der Erlebnisse der jungen Maria Dunckel ein beklemmendes Portrait des gesellschaftlichen Gefüges in der Großstadt am Main.

Der historische Schwerpunkt liegt auf Leben und Tätigkeiten der niedrigsten Diener der Stadt, wie sie sich einst im „Galgenviertel“ Frankfurts tummelten. Neben dem Abdecker haben „Hübscherinnen“ (Huren), der „Angstmann“ (Henker), der „Bettelvogt“, der „Waldbüttel“, Flugblatthändler, die den Analphabeten die neusten Nachrichten vorlasen, und viele andere Gestalten der mittelalterlichen Unterschicht ihre Auftritte.

Unweigerlich entsteht beim Leser entsteht Klärungsbedarf angesichts vieler dieser Bezeichnungen. Doch unbekannte Berufe, Redewendungen und regionale oder gesellschaftliche Eigenarten erklärt die Autorin über eine umfangreiche Sammlung von Fußnoten. Die Erläuterungen zu den Fußnoten finden sich im Anhang. Diese Auslagerung erlaubt wahlweise durchgängige Lektüre oder das sofortige Nachschlagen, wenn man wissbegierig ist.

Die Siechenmagd – Erfolgsrezept & Bewertung

Sehr erfreulich ist, dass es Ursula Neeb gelungen ist, trotz des ungeheuren Umfangs der Informationen, die sie uns über Gesellschaft, Werte und Gefahren des Mittelalters zukommen lässt, nicht ins Lehrmeisterliche abzugleiten. Ihr Roman bietet eine ausgewogene Mischung aus Stimmungsbildern, geschichtlicher Bildung und spannendem Plot.
Die Autorin verfügt über ein Erzähltalent, das den Leser von der ersten bis zur letzten Seite mit der Heldin auf ihrem Leidensweg mitfiebern lässt. Dabei entstehen im Kopf großartige Bilder einer dunklen Epoche. Der Roman hätte ganz gewiss das Zeug dazu, als Drehbuchvorlage zur spannenden Verfilmung zu dienen.

Mich persönlich hat nur das etwas schroffe Ende der Geschichte gestört. Der letzte Lebensabschnitt der Protagonistin wirkte auf mich, als wären der Schriftstellerin Lust oder Zeit ausgegangen. Sie hätte den Roman etwas detaillierter ausklingen lassen können. Denn was Frau Neeb in einen kurzen, halbseitigen Epilog gepackt hat, hätte nach meinem Gusto durchaus eine ausführlichere Darstellung verdient. So legte ich das mit 288 Handlungsseiten nicht übermäßig umfangreiche Buch zuletzt ein kleines bisschen enttäuscht aus der Hand.

Fazit:

Wer sich dafür interessiert, wie es in deutschen Großstädten im Mittelalter zuging, ist mit dem Roman bestens beraten. Wer sich gar noch speziell für das historische Frankfurt interessiert, kommt an Die Siechenmagd nicht vorbei. Auch wenn der Ausgang der Geschichte um die Mäu nicht durchgehend überzeugt, werden doch historische Fakten in einer spannungsgeladenen Rahmenhandlung dargeboten. Ich möchte deshalb dem Roman unbedingt vier von den möglichen fünf Sternen zusprechen. Für sehr solide Unterhaltung mit hohem Informationsgehalt und Lerneffekt!

Ich bedanke mich herzlich bei der Buchhandlung Bollinger für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar

Ursula Neeb: Die Siechenmagd
Societäts-Verlag, 2006

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