Illuminati

Illuminati
Dan Brown, 2003

Der US-amerikanische Thrillerautor Dan Brown wurde im vergangenen Jahr schlagartig bekannt durch seinen Bestseller The Da Vinci Code, der in der deutschen Übersetzung den Titel Sakrileg erhielt. Illuminati – im Original Angels and Demons – ist der Vorgänger des Skandalromans. Er ist nicht nur ebenso spannend wie Sakrileg, sondern erstaunlich intellektuell konstruiert und birgt mengenweise Parallelen zur Folgegeschichte.

Hochaktuell wurde Illuminati durch den Tod des echten Papstes Johannes Paul II. und der Wahl des Deutschen Joseph Ratzinger zu dessen Nachfolger.

Illuminati & Sakrileg – Parallelen

Kennt man bereits Sakrileg, so wirkt Browns im Original vier Jahre zuvor erschienener Roman Illuminati wie ein Entwurf für den berüchtigten zweiten Thriller. Wegen seiner verwegenen religiösen Thesen wurde Teil 2 weltweit heftig diskutiert.

Die Handlungsstränge beider Romane beginnen mit der plötzlichen Konfrontation des Protagonisten Robert Langdon mit einem grausamen Mord. Von diesem Moment an kann Langdon keine Verschnaufpause mehr einlegen, bis die jeweils haarsträubenden Abenteuer erlebt und alle komplizierten Verwicklungen aufgedröselt sind.

Bei diesen Aufgaben zur Seite stehen dem personifizierten Indiana Jones in beiden Romanen starke Frauen. Die Italienerin Vittoria Vetra aus Illuminati wird in Sakrileg abgelöst von der Französin Sophie Neveu. Beide Co-Protagonistinnen spielen inhaltlich tragende Rollen und sind davon abgesehen dem Helden zärtlich zugetan. (Liebe oder Sex allerdings haben in beiden Romanhandlungen schlicht und einfach zeitlich keinen Platz. Sie werden daher in den geistigen Epilog des Lesers verschoben.)

Illuminati & Sakrileg – Kirche & Geheimbünde

Dank der straffen Handlung in Echtzeit sind beide Geschichten äußerst drehbuchtauglich. Wir dürfen deshalb gespannt sein, wie schnell Verfilmungen in den Kinos zu bestaunen sein werden. Für Filmversionen spricht übrigens auch das zentrale Thema der Bücher, die Religion.
In beiden Romanen spinnen finstere Geheimbünde im Hintergrund ihre Fäden. Und in beiden Romanen spielen historische Auseinandersetzungen – reale ebenso wie umstrittene – der katholischen Kirche mit verschiedenen Bruderschaften tragende Rollen.
Träger der Handlung ist nämlich in beiden Romanen historischer Streit zwischen der Kirche im Vatikan und deren Gegenspieler. Es handelt sich bei diesen jeweils um mächtige Organisationen, die aus der Anonymität heraus agieren.

Darüber hinaus tragen in beiden Romanen mysthische Symbole zu Handlung und Lösung der Verwicklungen bei. Denn gerade wegen seines Berufes als Harvard-Professor und internationale Koryphäe für Symbolologie gerät der Held Langdon in die Mühlen der Kriminalhandlungen.

Illuminati – Worum geht es?

In Illuminati versucht der sagenumwobene Geheimbund gleichen Namens, den Vatikan zu vernichten. Dazu findet sich in Kapitel 27 des Romans eine Skizze der Ausgangssituation, wie sie knapper kaum gefasst werden kann:

„Vittoria [Vetra] nahm all ihre Kräfte zusammen […]. Ihr Vater war ermordet worde. Jemand war in CERN eingedrungen und hatte die Sicherheitsvorkehrungen überwunden. Irgendwo tickte eine Zeitbombe, für die sie verantwortlich war. Und der Direktor hatte einen Kunstprofessor engagiert, der ihnen bei der Suche nach einer geheimnisvollen Bruderschaft von Teufelsanbetern helfen sollte. Mit einem Mal fühlte sie sich sehr allein.“

Die Illuminati entwendeten Antimaterie aus dem CERN-Institut. Sie platzierten eine gigantische Bombe unter den Gebäuden des Vatikans in Rom, um die zur Papstwahl versammelten Kardinäle alle auf einen Schlag auszuschalten. Oder um zumindest die katholische Kirche durch Auslöschen ihres Amtssitzes und aller darin gehorteten Schätze zu vernichten.

Langdon und seiner Gefährtin Vittoria, Mitentwicklerin der Antimaterie, bleiben deshalb nur wenige Stunden, die tödliche Gefahrenquelle aufzuspüren und zu beseitigen. Auf der Jagd nach den Puzzlestücken, die den Weg zur Bombe weisen sollen, ergeben sich einige überraschende Wendungen.

Illuminati – Kritische Einschätzung

Wie die Romanhandlung endet, sollte jeder Leser selbst herausfinden. Denn im Legen falscher Fährten und Konstruieren aberwitziger Auflösungen ist Dan Brown ein Meister. Seine Stärken liegen jedoch nicht unbedingt darin, einen stimmigen, nachvollziehbaren Plot zu entwickeln. Besonders in diesem ersten Teil seiner Geschichte um Robert Langdon liegt einiges im Argen.
Wissenschaftliche Forschungsinstitute, die mehr Machtfülle und Mittel besitzen als CIA und KGB zusammen, die tollere Agentengadgets entwickeln als James Bonds „Q“, kann der Leser dem Autor kaum abnehmen. Auch die Existenz der Antimateriebombe ist nicht sonderlich überzeugend. Die Geschehnisse bei und nach der Explosion der Bombe, sind schlichtweg haarsträubend unglaubwürdig.

Die Unwahrscheinlichkeit auf Seiten der technischen Ausstattung der Geschichte setzt sich leider auch auf der Ebene religiöser Hintergrundfakten fort. Brown hat sich aus der langen Geschichte der katholischen Kirche die skandalösesten Punkte herausgefischt. Diese schreibt er nun auf die aktuelle Besetzung im Vatikan um. Doch andererseits sind viele der historischen Details, die Brown so packend in seine Erzählung webt, durchaus real. Oder zumindest entsprechen sie der vorherrschenden wissenschaftlichen Interpretation.

Wann, wo und in welchem Maß der Autor übertreibt oder gar erfindet, bleibt dem Leser allerdings verborgen, sofern er nicht über eigene Hintergrundkenntnisse verfügt, oder sich andernorts schlau macht. John Dominic Crossan, ein von der katholischen Kirche seines Amtes enthobener Priester, formuliert das Dilemma: „Die meisten seiner Leser haben nicht die leiseste Ahnung, wo die nüchternen Fakten in seinem Buch enden und die metaphorische Fiktion beginnt.“
Der Wissenschaftshistoriker Steven Harris fasst die Kritik noch deutlicher und kreidet sie dem Autoren an: „Bedeutsamer aber ist, dass Brown offensichtlich das historische Gewicht der berühmten Personen [Anm.: Kopernikus, Galilei, Lemaître] ausnutzen will, ohne den historischen Zusammenhang ihrer Lebensgeschichte vollständig zu begreifen.“

Illuminati – Bewertung

Wer derlei undurchsichtigen Übergängen zwischen Realität und Fiktion nichts abgewinnen kann, wird mit Illuminati sicher nicht glücklich. Anhängern von Verschwörungstheorien oder spannend konstruierter Kriminalromane ist Dan Browns erster Anlauf zum Thema jedoch unbedingt zu empfehlen.

Denn in der Darstellung finsterer Machenschaften und im Aufbau extremer Spannung ist der Autor ein absoluter Meister. Natürlich nähert er sich dem Höhepunkt aus unterschiedlichen Erzählpositionen, die mit jedem Kapitel wechseln. Fast jeder dieser Handlungsausschnitte endet mit einem Cliffhanger, der den Leser nach der Fortsetzung geradezu lechzen lässt.

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Übrigens: Wer Spaß an Illuminati hat, der wird sich vielleicht auch für meine Buchbesprechung von Sakrileg interessieren.

Fazit:

Dan Browns Roman Illuminati ist ein überdurchschnittlich spannender Thriller, der auf einem brandaktuellen Thema aufsetzt. Über die abenteuerliche Handlung hinaus hält er für den interessierten Leser historische Leckerbissen. Wer die Geschichte nicht nur oberflächlich abgrasen, sondern die Grenze zwischen Erfindung und Realität erkunden möchte, dem sei als Ergänzung unbedingt ein guter Kommentarband empfohlen, etwa der von Dan Burstein: Die geheime Bruderschaft liest sich zwar nicht sonderlich flüssig, ist aber äußerst erhellend, wenn man Hintergründe erfoschen will.

Im Doppelpack mit den Kommentaren ist mir Illuminati tatsächlich vier von fünf Sternen wert, auch wenn es der Thriller alleine auf nicht mehr als drei gebracht hätte.

Dan Brown: Illuminati
Bastei Lübbe Verlag, 2003

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