Die Dürre

Die Dürre
James Graham Ballard, 1984

Im Jahr 1965, fast vier­zig Jah­re vor dem Erschei­nen von Frank Schätzings aktuel­lem Best­seller Der Schwarm, schrieb der Englän­der James Graham Ballard einen düste­ren Öko­thril­ler zum glei­chen Thema: Die Dürre. Die rück­sichts­lose Schädi­gung der Um­elt durch die Mensch­heit führt zu einer Natur­katastro­phe, die Ozeane reagie­ren auf die Ver­schmut­zung. In der Folge blei­ben Regen­fälle auf dem Fest­land aus, die Welt trock­net aus.

Um den Ver­gleich mit Der Schwarm abzu­schlie­ßen, sei ange­merkt, dass Ballards Roman sach­li­cher, aber in der Konse­quenz auch weni­ger span­nend bleibt, als Schätzings Epos. Die verseuch­ten Meere brin­gen keine gigan­ti­schen Unge­heuer hervor, die sich anschicken, Vergel­tung an der Mensch­heit zu nehmen. Statt des­sen erklärt Ballard das Aus­blei­ben von Regen mit einer wesent­lich ein­leuchten­deren, weniger weit herge­holten These als später Schätzing.

Umweltkatastrophe à la 1965

„Ein fast zwei­tausend Kilo­meter breiter, dünner, aber unzer­stör­barer mono­moleku­larer Film aus gesät­tigten lang­ketti­gen Poly­meren bedeckte die Küsten­gewäs­ser der Welt­meere. Dieser Film wurde von den unge­heuren Massen an Industrie­abfäl­len erzeugt, die wäh­rend der letzten fünf­zig Jahre in die Meere gelei­tet worden waren. Das zähe, sauer­stoff­durch­lässige Mem­bran lag an der Schnitt­fläche von Wasser und Luft, wes­halb das Verdamp­fen von Ober­flächen­wasser in den Luft­raum fast völlig verhin­dert wurde.“

Kein Verdamp­fen des Meer­wassers, kein Regen. Lang­sam aber sicher trock­nen die Süß­wasser­reservoirs in Flüssen und Seen aus, die Land­massen des Plane­ten Erde verwan­deln sich in Wüsten.

Die Dürre – Über die Handlung

Der Autor erzählt in drei Tei­len die Geschich­te des Arz­tes Charles Ransom, der in Mount Royal am ört­li­chen Kranken­haus gearbei­tet hatte. Die Stadt Mount Royal ist offen­bar fik­tiv, ihre Lage­beschrei­bung passt zu kei­ner der real existie­renden Ort­schaf­ten glei­chen Namens, die ich habe fin­den können.

Die Dürre – Erster Teil

Die Geschichte setzt zu dem Zeit­punkt ein, als der große See bei Mount Royal wegen der anhal­ten­den Trocken­heit bereits zu einer seich­ten Lache ge­schrumpft ist. Die meisten Ein­woh­ner der Stadt machen sich auf den Weg an die Küste. Davon verspre­chen sie sich, wenig­stens in die Nähe von Wasser zu gelan­gen.
Ransom bleibt. Er beob­achtet, wie in der Folge des Exodus alle gelten­den Regeln mensch­lichen Zusammen­lebens außer Kraft gesetzt werden. Doch als Mount Royal brennt, bricht auch er in einer Zweck­gemein­schaft von fünf Perso­nen auf in Richtung Meer. Kaum erreicht die Gruppe den Strand, bricht auch dort der Kampf ums Über­leben aus.

Die Dürre – Zweiter Teil

Nach dem Exodus über­springt Ballard zehn Jahre. Die Lebens­umstände der Menschen nach anhal­ten­der Dürre haben zu einer gnaden­losen Jagd nach Wasser und Nah­rung geführt. Charles Ransom lebt zusam­men mit einer Frau außer­halb der Stammes­sied­lungen, die sich gebil­det haben. Sein Leben ist hart und triste. Als ein Löwe aus dem ehema­ligen Zoo Mount Royals am Meeres­strand auf­taucht, deutet Ransom dies als Zei­chen für das Vorhan­den­sein von Wasser im Landes­inneren. Zusammen mit den übrig Geblie­benen seiner einsti­gen Reise­gruppe macht er sich auf Weg zurück in seine Heimat­stadt.

Die Dürre – Dritter Teil

Der letzte Teil des Romans handelt von der Rück­kehr nach Mount Royal. Ransom und seine Gefähr­ten treffen dort auf frühere Bekannte, die auf wunder­same Weise die Dürre in der Wüste über­lebt haben. Doch leben diese in einer bizar­ren, nach Jah­ren aufge­stau­ter Animo­sitä­ten zuge­spitz­ten Situa­tion. Die Konfron­tation eska­liert letzt­lich. Durch einen unver­mittel­ten Rache­akt geht das kost­bare Reser­voir spärli­chen Wassers verlo­ren. Ransom flieht aus der absur­den Szene und just in diesem Augen­blick beginnt es end­lich zu regnen.

Die Dürre – Erfolgsrezept

Beeindruckend an Ballards Vision ist vor allen Din­gen die Kraft der Details. Zwar düster und bedrückend, aber doch so folge­rich­tig ist seine Beschrei­bung des Nieder­gangs einer Stadt samt aller mensch­licher Werte, jegli­cher Rück­sicht­nahme. Ich bin über­zeugt davon, dass sich Men­schen im Ernst­fall ziem­lich genau so verhal­ten würden, wie es der Autor schil­dert:
Kultur und Verstand werden ersetzt durch ani­mali­schen Instinkt. Einst­mals aner­kannte reli­giöse Gemein­schaften ent­wickeln sich rück­wärts. Sie werden wieder zu archai­schen Gemein­den, denen Besu­cher mit persön­lichen Anlie­gen Gast­geschenke (in Form von Wasser) darbrin­gen müssen, um Gehör zu finden.

Einmalig personifi­ziert wird diese Entwick­lung durch Quilter, einen zum Anfang der Geschichte als schwach­sinnig abgestem­pelten Jungen. Nach dem Fall Mount Royals steigt Quilter gegen Ende des Plots von der sozia­len Rand­existenz zum Herr­scher auf. Er ver­sorgt den ehemali­gen Geld­adel der Stadt mit Nah­rung; not­falls eben mit Menschen­fleisch. Auf der anderen Seite profi­tiert er von seiner Aus­nahme­stellung. Er schwän­gert mehr­fach die Schwester seines Ex-Arbeit­gebers und setzt damit eine neue Genera­tion defor­mier­ter Mon­ster in die Welt.

Die Dürre – Überraschende Detailgenauigkeit

Doch nicht nur die sozi­alen Verän­derun­gen in der Welt der Dürre beschreibt der Autor in durch­dach­ten Reflexi­onen. Auch Einzel­heiten zu den Folgen in der Natur gibt er äußerst plastisch wieder. Der Leser bekommt das Gefühl, er laufe neben Charles Ransom durch austrock­nende Land­schaf­ten und Wüsten.

Interessant, wenn auch in Hin­blick auf die Ent­stehungs­zeit des Romans nicht über­raschend ist die symbo­lische Quali­tät, die Ballard dem Auto­mobil zuge­dacht hat. Schon wäh­rend der Reise ans Meer spie­len von ihren Besit­zern verlas­sene Autos eine wich­tige Rolle. Im weite­ren Verlauf der Hand­lung stehen Auto­wracks einer­seits für den Verfall industri­ellen Wohl­stan­des. Anderer­seits über­nehmen sie aber auch die Rolle von Götzen.

Die Dürre – Mein Bewertung

Leider fasst der Autor den zweiten Teil, die zehn Jahre der Dürre, äußerst knapp. Zwar beschreibt er, unter wel­chen Umstän­den die Roman­figuren leben. Aber ich hätte mir eine etwas umfassen­dere, weiter grei­fende Dar­stel­lung der Gedanken­gänge gewünscht, die Ballard in Bezug auf diese Rück­verset­zung in die Stein­zeit vor­schwebten. In meinen Augen hat er den Roman zu stark auf die Zeit des Exodus des ersten Teils konzen­triert. Denn auch wenn Teil drei, die Rück­kehr, zumin­dest detail­lierter als der Mittel­teil ausfällt, hätten auch hier noch einige Passa­gen inhalt­lich tie­fer ausfor­muliert werden können.

Darüber hätte es dem Roman sicher auch gut getan, wenn die Person des Charles Ransom mehr Gefühl mit auf ihren Weg bekom­men hätte. Die Haupt­figur ist mir insge­samt zu steril, zu sehr Beobach­ter und zu wenig leid­tragen­der Teil­nehmer am Gesche­hen.

Das Ende der Geschichte bleibt weit­gehend offen. Der ein­setzen­de Regen gibt Grund zur Annah­me, dass die Mensch­heit die Dürre­periode zwar stark dezi­miert, aber zumin­dest insge­samt als Gattung über­lebt. Welche Schlüsse aber die Über­leben­den aus dem Ver­geltungs­schlag der Natur zie­hen und wie sie ihr Leben organi­sieren werden, diese Überle­gungen über­lässt der Autor der Fanta­sie des Lesers.

Fazit:

Die Dürre ist eine erschreckend düstere Fik­tion, die den Leser in eine ganz beson­ders aus heuti­ger Sicht durch­aus vorstell­bare Zukunft ent­führt. Die große Stär­ke des Buches liegt in der insge­samt schlüs­sigen Konstruk­tion eines Alb­trau­mes, der auch viele Jahr­zehn­te nach seiner Veröffent­lichung realen Schrecken verbrei­ten kann.

Wären da nicht die beschrie­benen Ein­schränkun­gen im dritten, vor allen Dingen aber im zweiten Teil, hätte ich nicht gezö­gert, James Graham Ballard für seine Vison vier Sterne zu spen­die­ren. Etwas mehr Umfang hätten aus der Erzäh­lung einen wirk­lichen Roman machen können. So aber bleibt es eben bei drei von fünf mögli­chen Sternen.

James Graham Ballard: Die Dürre
Suhrkamp Verlag, 1984

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