Das andere Kind

Das andere Kind
Charlotte Link, 2009

Nach meinen li­te­ra­ri­schen Be­su­chen bei sehr jun­gen Auto­ren (He­ge­mann, Pao­li­ni, Ro­che) bin ich nun bei Char­lot­te Link und Das andere Kind ge­lan­det. Die Auto­rin Link ist mitt­ler­wei­le knapp fünf­zig Jah­re alt und lebt nicht im schril­len Ber­lin, son­dern im ver­gleichs­wei­se be­tu­li­chen Wies­ba­den. Ih­re Ro­ma­ne, von de­nen sie mitt­ler­wei­le mehr als zwan­zig Stück ge­schrie­ben hat, be­han­deln auch nicht Dro­gen- oder Sex­ex­zes­se von Teen­agern. Frau Link hat sich eher der Stil­rich­tung Span­nungs­ro­man in eng­li­scher Tra­di­ti­on ver­schrie­ben.

Die Auto­rin hegt of­fen­sicht­lich ein Fai­ble für die Graf­schaft York­shire im Nord­os­ten Eng­lands, die von ih­ren Be­woh­nern auch gern God’s own county ge­nannt wird. Nicht nur Links Ro­man Das an­de­re Kind spielt zu gro­ßen Tei­len in die­ser Ge­gend.

Das andere Kind – Zur Handlung

Die Ge­schich­te trägt sich in der Jetzt­zeit in York­shire zu. Im Hafen­städt­chen Scar­bo­rough wer­den eine junge Stu­den­tin und wenige Tage spä­ter eine über Acht­zig­jäh­rige ermor­det, beide auf ähn­li­che Art und Weise. Im Umfeld des Bekann­ten­krei­ses der alten Frau beginnt die Suche nach dem Täter.

Das hier­bei übli­che Per­so­nal ist in Hülle und Fülle vor­han­den: eine schlecht orga­ni­sierte, unter Min­der­wer­tig­keits­kom­ple­xen lei­dende Haupt­kom­mis­sa­rin, ein ehr­gei­zi­ger Unter­kom­mis­sar, ein ehe­mali­ger Lieb­ha­ber des Opfers, ein ver­ärger­ter Wider­sa­cher, eine Lieb­lings­nichte und diverse Freunde der Fami­lie, die mehr zu wis­sen schei­nen, als man ihnen zunächst zutraut. Sogar mit einem verab­scheu­ungs­wür­di­gen aber gewitz­ten Psy­cho­pa­then war­tet Char­lotte Link zwi­schen­zeit­lich auf. Mit sol­chen Zuta­ten hatte schon Aga­tha Chris­tie, Gott hab sie selig, so manch span­nen­den Krimi­cock­tail ange­rührt.

Im Grunde wäre der Roman – mit Ver­laub gesagt und sorry, Mrs. Christie – eine ziemlich fade Ge­schich­te. Wenn da nicht noch die aus­geklü­gelte Neben­hand­lung wäre. Erst durch diese setzt sich die ganze Ange­legen­heit von der krimi­nalis­ti­schen Belie­big­keit gan­zer Schwär­me vor­geb­lich „echt eng­li­scher“ Kri­minal­romane ab.

Das andere Kind – Die zweite Geschichte

Unerwar­tet tau­chen Com­puter­aus­dru­cke auf, die eine Art Lebens­beichte der ermor­de­ten Alten, einer Dame namens Fiona Bar­nes, ent­hal­ten. Die Aus­drucke set­zen in den Vier­ziger­jah­ren ein, wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges. Damals war Fiona ein Teen­ager, der von ihrer Mut­ter für einige Jahre nach Scar­bo­rough in York­shire zu einer Gast­fami­lie ver­schickt wurde, um sie vor den Bom­ben­angrif­fen der Deut­schen auf die bri­ti­sche Haupt­stadt in Sicher­heit zu brin­gen.

Alleine tritt Fiona den Weg in die Fremde jedoch nicht an. Denn unan­gemel­det schließt sich ein klei­ner, geis­tig behin­der­ter Junge an, des­sen Ange­hö­rige kurz zuvor unter dem Bom­ben­tep­pich ums Leben kamen – „das andere Kind“.

Was aus Fiona, dem ande­ren Kind und den sons­ti­gen Betei­lig­ten wird, darf an die­ser Stelle natür­lich kei­nes­falls ver­ra­ten wer­den. Aller­dings sei ange­merkt, dass die Neben­hand­lung durch­aus Char­me und Tiefe hat und vor dem Hin­ter­grund des Mord­fal­les den Leser zu den wil­des­ten Spe­kula­tio­nen anregt. Was gesagt wer­den darf ist, dass diese Neben­hand­lung dras­tisch endet. In psy­cho­logi­scher Hin­sicht sogar erheb­lich dras­ti­scher als der Haupt­hand­lungs­strang mit dem Dop­pel­mord.

Bewertung

Die Haupt­ge­schich­te ent­täuscht hin­ge­gen regel­recht. Die Pro­tago­nis­ten han­deln nicht nur erra­tisch, son­dern wei­sen auch noch selbst darauf hin. Mehr­fach ist zu lesen, dass sich der oder die eine oder andere darü­ber im Kla­ren ist, dass in der jewei­li­gen Situ­ation nichts ande­res in Frage kom­men sollte, als die Poli­zei zu alar­mie­ren. Dass sie aber gerade nicht anders könne, als eben dies aus uner­klär­li­chen Grün­den zu unter­las­sen. Dies lässt den Leser unwil­lig und die Roman­hand­lung unwirk­lich wer­den.

Die Auf­lö­sung des Mor­des an Fiona Bar­nes ist nicht beson­ders ori­gi­nell. Auf diese Idee dürf­ten viele Leser längst selbst gekom­men sein, um sie sogleich wegen man­geln­der Ori­ginali­tät wie­der ver­wor­fen zu haben. Und selbst der Show­down lässt weni­ger die Ner­ven flat­tern als die Ahnung kei­men, dass hier jedes Wort bereits auf Dreh­buch­taug­lich­keit abge­klopft wor­den sein könnte.

(Was der chro­no­lo­gisch erste Mord in der Ge­schich­te zu suchen hat, bleibt bis zuletzt schlei­er­haft. Müs­sen wir uns darauf gefasst machen, dem­nächst die Fort­set­zung auf­ge­tischt zu bekom­men?)

Viel­leicht liegt die Schwä­che des Plots auch daran, dass der Ge­schich­te eine Pro­tago­nis­tin fehlt. Die Nichte von Fiona Bar­nes schleppt sich mit Selbst­mit­leid bela­den durch die Hand­lung. Die ermit­telnde Poli­zei­beam­tin wird in jeder Szene haupt­säch­lich von Selbst­zwei­feln gepei­nigt. Und die teil­neh­men­den Män­ner sind alle ohne­hin nur rücken­marks­lose Sta­tis­ten. Oder Schweine. Oder bei­des.

Fazit:

Ein besonderer Coup ist der Auto­rin Char­lotte Link mit Das andere Kind nicht gerade gelun­gen. Die kli­schee­hafte Hand­lung der Kri­minal­ge­schich­te hätte bes­ten­falls einen von fünf Bewer­tungs­punk­ten erhal­ten. Die Neben­hand­lung hat aller­dings Kraft und Gewicht genug, um eine Auf­wer­tung um einen wei­te­ren Punkt zu recht­fer­ti­gen. Und weil die link­sche Schreibe flüs­sig ist und man trotz gele­gent­li­cher Ver­ärge­rung über die Über­schau­bar­keit der Inhalte gerne wei­ter­liest, soll der Roman hier also zwei von fünf mög­li­chen Ster­nen bekom­men.

Charlotte Link: Das andere Kind
Blanvalet Verlag, 2009

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