Meine ganz persönlichen Lesempfehlungen
Auf der Su­che nach Lese­stoff? Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Gray

Leonie Swann, Gray, 2017
Leonie Swann, 2017

Die tierische Kri­mi­auto­rin hat wie­der zu­ge­schla­gen: Gray lau­tet der Ti­tel von Leo­nie Swanns drit­ter Kri­mi­nal­ge­schich­te, in der er­neut ein ani­ma­li­scher Er­mitt­ler an der Mör­der­su­che be­tei­ligt ist. In ih­ren bei­den vor­aus­ge­gan­ge­nen Best­sel­lern Glenn­kill und Ga­rou hat­te Swann eine Schafs­her­de als De­tek­tiv­trup­pe auf­tre­ten las­sen. Sie­ben Jah­re nach dem zwei­ten Teil hilft nun ein Pa­pa­gei na­mens Gray – das drit­te G in Fol­ge – da­bei, die To­des­um­stän­de sei­nes ver­bli­che­nen Be­sit­zers auf­zu­klä­ren. Da­bei greift die Auto­rin wie­der auf das be­währ­te Kon­zept ih­rer Schafs­kri­mis zu­rück.

Dieses Kon­zept be­steht nicht et­wa da­rin, ihre tie­ri­schen Ro­man­fi­gu­ren als ver­mensch­lich­te Kri­mi­na­lis­ten auf­tre­ten zu las­sen. (Et­wa wie die samt­pfö­ti­ge De­tek­ti­vin Mrs. Mur­phy bei Ri­ta Mae Brown oder das Erd­männ­chen Ray von Mo­ritz Mat­thies.) Bei Leo­nie Swann blei­ben Scha­fe Scha­fe, Zie­gen blei­ben Zie­gen und ein Pa­pa­gei eben ein Pa­pa­gei.

„Nimm ne Nuss!“

Glennkill und Garou waren immer­hin noch aus der Per­spek­tive der Schafe geschrie­ben. Die Tiere konn­ten mensch­li­che Spra­che ver­ste­hen und sich ihren Reim darauf machen, auch wenn sie sich selbst nur mit­tels Schafs­lau­ten unter­ein­an­der ver­ständ­lich machen konn­ten. Der Papa­gei Gray hin­ge­gen wird nie­mals zum Erzäh­ler. Er bleibt stets der Beglei­ter der Haupt­figur, obwohl er im Gegen­satz zu den Scha­fen als Papa­gei tat­säch­lich mensch­li­che Spra­che von sich geben kann. Mit sei­nen manch­mal mehr, manch­mal weni­ger ziel­siche­ren und oft zwei­deu­ti­gen Äuße­run­gen erregt Gray nicht nur die Begeis­te­rung diver­ser Roman­figu­ren son­dern auch die der Leser­schaft.

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Hart auf Hart

T. C. Boyle, Hart auf Hart, 2015
T. C. Boyle, 2015

Es sind sie­ben Jah­re ver­gan­gen, seit T. C. Boy­le den Ro­man Hart auf Hart ver­öf­fent­licht hat. Doch im Ver­lauf der ge­sund­heit­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Kri­se um das Co­ro­na­vi­rus wäh­rend der bei­den zu­rück­lie­gen­den Jah­re, ha­ben wir al­le ge­lernt, uns auch mit Mit­bür­gern zu be­fas­sen, die zu­vor ein eher we­nig be­ach­te­tes Rand­grup­pen­da­sein fris­te­ten: mit Wut­bür­gern, Leug­nern, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern, mit Reichs­bür­gern und Ras­sis­ten. Ge­nau um sol­che Men­schen geht es in Boy­les Ge­schich­te. Ich ha­be sie aus die­sem Blick­win­kel noch ein­mal ge­le­sen.

Hart auf Hart ist Boyles fünfzehnter Roman und erschien zwei Jahre nach San Miguel und ebenso zwei vor Die Terranauten.

In der Art eines Vor­wor­tes stellt der Autor sei­nem Ro­man ein Zi­tat von D. H. Law­ren­ce vo­ran, das die Es­senz der Er­zäh­lung wie eine prä­gnan­te Zu­sam­men­fas­sung vor­weg­nimmt:

Die ame­ri­ka­ni­sche See­le ist ih­rem We­sen nach hart, ein­zel­gän­ge­risch, sto­isch und ein Mör­der. Sie ist noch nicht ge­schmol­zen.
(Studies in Clas­sic Ame­ri­can Li­te­ra­tu­re EN, 1923)

Drei­mal um­ge­blät­tert, und schon jagt uns Boy­le gna­den­los – „hart auf hart“ – durch sei­ne Sto­ry. Erst wenn wir uns durch die knapp vier­hun­dert Text­sei­ten hin­durchge­fie­bert ha­ben, be­kom­men wir Ge­le­gen­heit, durch­zu­at­men und den Stoff zu ver­dau­en, der uns da vor­ge­setzt wur­de.

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Schöne Neue Welt

Aldous Huxley, Schöne Neue Welt, 2020
Aldous Huxley, 2020

Die Erstauflage von Al­dous Hux­leys Klas­si­ker Schöne Neue Welt wur­de im Jahr 1932 auf eng­lisch ver­öf­fent­licht. Die Li­te­ra­tur­in­sti­tu­tion Mo­dern Li­bra­ry wähl­te den Ro­man 1998 auf Platz fünf der bes­ten eng­lisch­spra­chi­gen Ro­ma­ne EN des 20. Jahr­hun­derts. Der an­de­re gro­ße dys­to­pi­sche Klas­si­ker der Epo­che, 1984 von Geor­ge Or­well, er­schien sieb­zehn Jah­re spä­ter und be­legt Platz 13 die­ser Bes­ten­lis­te. Wer so wie ich die Brave New World noch in einer zer­schlis­se­nen Schul­aus­ga­be im Re­gal ste­hen hat, wird sich wahr­schein­lich über die in einer Son­der­aus­ga­be er­schie­ne­nen präch­tig auf­ge­mach­ten und il­lus­trier­ten Neu­auf­la­ge in deut­scher Spra­che und in klas­si­scher Fa­den­hef­tung freu­en. Eine Aus­ga­be für die Ewig­keit.

Der Ti­tel der Er­zäh­lung be­zieht sich übri­gens auf Wil­liam Sha­kes­pea­res Büh­nen­dra­ma Der Sturm und reiht sich so­mit naht­los an mei­ne vor­an­ge­gan­ge­ne Buch­be­spre­chung von Mar­ga­ret At­woods He­xen­saat an.

„O, Wun­der! Wie vie­le herr­li­che Ge­schöp­fe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schö­ne neue Welt, die sol­che Bür­ger trägt!“
(Miran­da, als sie auf ih­rer ein­sa­men In­sel die Be­kannt­schaft der Schiff­brü­chi­gen macht)

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