Komplette Liste aller Rezensionen seit 2002
Auf der Su­che nach Lese­stoff? ❤ Hier fin­dest Du Buch­be­spre­chun­gen mit An­spruch aber oh­ne Al­lü­ren. Ich schrei­be meist über bel­le­tris­ti­sche Ti­tel; über sol­che, die mir ge­fal­len oder auch mal nicht ge­fal­len ha­ben; manch­mal Main­stream, manch­mal ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de. (Per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen und ein paar Wor­te zu die­sem Pro­jekt gibt’s ganz un­ten auf die­ser Sei­te.)

Unterwerfung

Michel Houellebecq, Unterwerfung, 2015
Michel Houellebecq, 2015

Im April 2022 wur­de der fran­zö­si­sche So­zia­list Em­ma­nuel Ma­cron zum zwei­ten Mal in Fol­ge in der Stich­wahl zum Staats­prä­si­den­ten un­se­res Nach­bar­lan­des ge­wählt. Sie­ben Jah­re zu­vor, am 7. Ja­nuar 2015, er­schien der Ro­man Unterwerfung des Schrift­stel­lers und Bür­ger­schrecks Mi­chel Houelle­becq. Da­rin be­schreibt der Autor, wie En­de Mai 2022 eine Al­li­anz von So­zia­lis­ten, Kon­ser­va­ti­ven und Mus­li­men un­ter der Füh­rung eines ge­wis­sen Mo­ham­med Ben Ab­bes die Über­nah­me der Staats­ge­schäf­te durch die rechts­ex­tre­me Ma­ri­ne Le Pen ver­hin­dert. Die­se fik­ti­ve Ge­schich­te un­ter­brei­tet uns Houelle­becq aus der Sicht eines Ich-Er­zäh­ler na­mens Fran­çois, eines Li­te­ra­tur­pro­fes­sors in bes­tem Al­ter, der an der Pa­ri­ser Sor­bon­ne lehrt.

Ich habe Geschmack daran gefun­den, Roman­ge­schich­ten, die einen gewis­sen Zukunfts­be­zug haben, einige Jahre spä­ter noch ein­mal zu lesen und sozu­sa­gen einer Art „Fak­ten­check“¹ zu unter­wer­fen. So etwa näm­lich, wie ich es unlängst mit Hart auf Hart von T. C. Boyle unter­nom­men habe. Auch Houelle­becqs Unterwerfung eig­net sich dafür beson­ders gut, und zwar aus zwei Grün­den:

Zum einen erfolgte exakt am Tag der Veröf­fent­li­chung das isla­mis­tisch moti­vierte Atten­tat auf die Redak­tion des Sati­remaga­zins Char­lie Hebdo, das sein Titel­bild dem Autor gewid­met hatte. Houelle­becq wurde darauf­hin eine Mit­ver­ant­wor­tung unter­stellt, er brach die Rekla­mekam­pagne für sein Buch ab und zog sich aus der Öffent­lich­keit zurück.
Zum ande­ren war bereits zum Erschei­nungs­zeit­punkt des Buches zwei­fel­los klar, dass das Sze­na­rio einer mus­limi­schen Macht­über­nahme in Frank­reich selbst erst im Jahr 2022 völ­lig fik­tiv und jen­seits aller vor­stell­ba­ren Pro­gno­sen lag. – Was also hatte Houelle­becq im Sinn, als er uns seine Uto­pie prä­sen­tierte?

→ weiterlesen

Gray

Leonie Swann, Gray, 2017
Leonie Swann, 2017

Die tierische Kri­mi­auto­rin hat wie­der zu­ge­schla­gen: Gray lau­tet der Ti­tel von Leo­nie Swanns drit­ter Kri­mi­nal­ge­schich­te, in der er­neut ein ani­ma­li­scher Er­mitt­ler an der Mör­der­su­che be­tei­ligt ist. In ih­ren bei­den vor­aus­ge­gan­ge­nen Best­sel­lern Glenn­kill und Ga­rou hat­te Swann eine Schafs­her­de als De­tek­tiv­trup­pe auf­tre­ten las­sen. Sie­ben Jah­re nach dem zwei­ten Teil hilft nun ein Pa­pa­gei na­mens Gray – das drit­te G in Fol­ge – da­bei, die To­des­um­stän­de sei­nes ver­bli­che­nen Be­sit­zers auf­zu­klä­ren. Da­bei greift die Auto­rin wie­der auf das be­währ­te Kon­zept ih­rer Schafs­kri­mis zu­rück.

Dieses Kon­zept be­steht nicht et­wa da­rin, ihre tie­ri­schen Ro­man­fi­gu­ren als ver­mensch­lich­te Kri­mi­na­lis­ten auf­tre­ten zu las­sen. (Et­wa wie die samt­pfö­ti­ge De­tek­ti­vin Mrs. Mur­phy bei Ri­ta Mae Brown oder das Erd­männ­chen Ray von Mo­ritz Mat­thies.) Bei Leo­nie Swann blei­ben Scha­fe Scha­fe, Zie­gen blei­ben Zie­gen und ein Pa­pa­gei eben ein Pa­pa­gei.

„Nimm ne Nuss!“

Glennkill und Garou waren immer­hin noch aus der Per­spek­tive der Schafe geschrie­ben. Die Tiere konn­ten mensch­li­che Spra­che ver­ste­hen und sich ihren Reim darauf machen, auch wenn sie sich selbst nur mit­tels Schafs­lau­ten unter­ein­an­der ver­ständ­lich machen konn­ten. Der Papa­gei Gray hin­ge­gen wird nie­mals zum Erzäh­ler. Er bleibt stets der Beglei­ter der Haupt­figur, obwohl er im Gegen­satz zu den Scha­fen als Papa­gei tat­säch­lich mensch­li­che Spra­che von sich geben kann. Mit sei­nen manch­mal mehr, manch­mal weni­ger ziel­siche­ren und oft zwei­deu­ti­gen Äuße­run­gen erregt Gray nicht nur die Begeis­te­rung diver­ser Roman­figu­ren son­dern auch die der Leser­schaft.

→ weiterlesen

Hart auf Hart

T. C. Boyle, Hart auf Hart, 2015
T. C. Boyle, 2015

Es sind sie­ben Jah­re ver­gan­gen, seit T. C. Boy­le den Ro­man Hart auf Hart ver­öf­fent­licht hat. Doch im Ver­lauf der ge­sund­heit­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Kri­se um das Co­ro­na­vi­rus wäh­rend der bei­den zu­rück­lie­gen­den Jah­re, ha­ben wir al­le ge­lernt, uns auch mit Mit­bür­gern zu be­fas­sen, die zu­vor ein eher we­nig be­ach­te­tes Rand­grup­pen­da­sein fris­te­ten: mit Wut­bür­gern, Leug­nern, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern, mit Reichs­bür­gern und Ras­sis­ten. Ge­nau um sol­che Men­schen geht es in Boy­les Ge­schich­te. Ich ha­be sie aus die­sem Blick­win­kel noch ein­mal ge­le­sen.

Hart auf Hart ist Boyles fünfzehnter Roman und erschien zwei Jahre nach San Miguel und ebenso zwei vor Die Terranauten.

In der Art eines Vor­wor­tes stellt der Autor sei­nem Ro­man ein Zi­tat von D. H. Law­ren­ce vo­ran, das die Es­senz der Er­zäh­lung wie eine prä­gnan­te Zu­sam­men­fas­sung vor­weg­nimmt:

Die ame­ri­ka­ni­sche See­le ist ih­rem We­sen nach hart, ein­zel­gän­ge­risch, sto­isch und ein Mör­der. Sie ist noch nicht ge­schmol­zen.
(Studies in Clas­sic Ame­ri­can Li­te­ra­tu­re EN, 1923)

Drei­mal um­ge­blät­tert, und schon jagt uns Boy­le gna­den­los – „hart auf hart“ – durch sei­ne Sto­ry. Erst wenn wir uns durch die knapp vier­hun­dert Text­sei­ten hin­durchge­fie­bert ha­ben, be­kom­men wir Ge­le­gen­heit, durch­zu­at­men und den Stoff zu ver­dau­en, der uns da vor­ge­setzt wur­de.

→ weiterlesen

Cookie-Hinweis