Schnee, der auf Zedern fällt

Schnee, der auf Zedern fällt
David Guterson, 2001

Mit seinem Erst­lings­werk Schnee, der auf Zedern fällt hat sich der ame­ri­kani­sche Autor David Guter­son aus dem Stand in die eng­lisch­spra­chigen Best­sel­ler­lis­ten ge­schrie­ben. Sein Roman han­delt von einen Mord­fall, der 1954 auf einer klei­nen Pazi­fik­in­sel an der US-Küste began­gen wur­de. Das eigent­liche Thema des Buches aber ist das schwie­rige Ver­hält­nis zwi­schen Ame­ri­ka­nern euro­päi­scher und japa­ni­scher Ab­stam­mung.

Den Rah­men der Hand­lung bil­det eine Ge­richts­ver­hand­lung auf der Insel San Pie­dro im Puget Sound vor der ame­ri­ka­ni­schen Nord­west­küste auf Höhe von Seattle. Dort ist der japa­nisch­stäm­mige Fischer Kabuo Miya­moto ange­klagt, sei­nen Kol­le­gen und ehe­ma­li­gen Freund Carl Heine umge­bracht zu haben. Hei­nes Fami­lie war einst aus Deutsch­land zuge­wan­dert. Es gibt keine Zeu­gen, nur Indi­zien und ein Motiv: näm­lich Rache wegen einer per­sön­li­chen Fehde, die durch Ge­scheh­nis­se aus der Zeit um den Zwei­ten Welt­krieg ent­stand. Zu die­ser Zeit unter­la­gen die aus Japan stam­men­den Ame­ri­ka­ner star­ken Re­pres­sio­nen.

Schnee, der auf Zedern fällt – Über die Romangeschichte

Unter den Prozess­beob­achtern ist Ishmael Chambers, Heraus­geber der Lokal­zeitung San Piedros. Er kennt alle Betei­lig­ten von Kind­heit an. Darü­ber hinaus ver­bin­det ihn mit der Frau des Ange­klag­ten eine vie­le Jahre dau­ern­de, inter­kultu­relle Jugend­liebe. Wäh­rend des Prozes­ses, der die Ab­grün­de auf­deckt, die zwi­schen den Hei­nes und den Miya­motos ent­stan­den waren, fin­det Cham­bers mehr oder weni­ger zufäl­lig ent­schei­den­des Beweis­mate­rial.

Der Ablauf des Gerichts­ver­fah­rens wird geklam­mert durch einen gewal­tigen Schnee­sturm, der das Insel­leben wäh­rend des gesam­ten Prozes­ses zum Erlie­gen bringt. Mit den Schil­derun­gen im Zusam­men­hang mit Natur­gewal­ten lockert der Autor unauf­dring­lich die krimi­nalis­ti­sche Hand­lung auf, gibt ihr einen Rah­men.

In den Hand­lungs­strang um Unwet­ter und Gerichts­ver­hand­lung hinein webt Guter­son seine eigent­liche Erzäh­lung. Diese han­delt vom Leben der Insel­bevöl­kerung haupt­sächlich in den Vier­ziger- und Fünf­ziger-Jahren. Der Autor ver­steht es dabei, die Erd­ver­bun­den­heit der Men­schen, die Schön­heit der Land­schaft in wun­der­baren, poe­ti­schen Bil­dern plas­tisch zu schil­dern. Fast riecht der Leser zusam­men mit den Roman­figu­ren den Duft der Zedern, den Geruch des Moo­ses, des Schnees und des Salz­was­sers.

Schnee, der auf Zedern fällt – Clash der Kulturen

Aber auch die Probleme, die aus dem Zusam­men­le­ben von Men­schen ver­schie­de­ner Haut­farbe ent­ste­hen, weiß Guter­son auf ein­dring­liche Weise zu schil­dern. Die Ent­wick­lung der Liebe zwi­schen zwei der Haupt­figu­ren des Romans, der Japa­ne­rin Hatsue und dem Ameri­kaner Ishmael, macht deut­lich, wel­chen Ein­fluss unter­schied­liche Abstam­mung, Kul­tur und gesell­schaft­licher Druck auf per­sön­liche Bezie­hun­gen haben.

Denn aus unbeküm­merter, kind­licher Freund­schaft wird zunächst starke, sich gegen Kon­ven­tio­nen auf­leh­nen­de, jugend­liche Liebe. Durch histo­ri­sche und gesell­schaft­liche Ereig­nisse in der Kriegs­zeit schlägt diese Liebe in Hass und zuletzt in Gleich­gül­tig­keit um. Sowohl die Ansich­ten und Denkungs­weise der japa­ni­schen Ein­wande­rer, als auch die der west­lichen Ameri­kaner schil­dert der Autor dabei ein­fühl­sam und nach­voll­zieh­bar. Sehr bedäch­tig, behut­sam und ohne Par­tei zu ergrei­fen erzählt David Guter­son von den Schwie­rig­keiten im Ver­hält­nis zwi­schen Ameri­kanern und Japa­nern.

Diese histori­sche Proble­matik baut Guter­son in das Gemein­schafts­le­ben der Insel­bevöl­ke­rung sei­nes Buches ein. Das, was seine Roman­figu­ren erle­ben, trans­por­tiert er über die Bericht­erstat­tung der Insel­zei­tung, die zunächst Ishmaels Vater und später er selbst heraus­ge­ben, auf eine all­ge­mein gül­tige Ebene. Zeitungs­arti­kel und die Reak­tio­nen der Bevöl­ke­rung geben die Ent­wick­lung der ameri­kani­schen Stim­mungs­lage in den Jahr­zehn­ten wie­der, die die Lebens­läufe der han­deln­den Haupt­per­so­nen umfas­sen.

Schnee, der auf Zedern fällt – Die Botschaft

Über dieses kom­plexe Gerüst vermit­telt Guter­son seine Bot­schaf­ten: Den Wert von Schön­heit und Kraft der Natur gegen­über der Häss­lich­keit und unfass­ba­ren Gewalt des Krie­ges. Die histo­ri­schen Gegen­sätze zwi­schen mensch­lichen Kul­tu­ren und die schiere Unmög­lich­keit, diese Kluft zu über­win­den. Die persön­liche Ent­wick­lung von Cha­rak­te­ren über Jahr­zehn­te hin­weg vor dem Hin­ter­grund der Tat­sache, dass man als Ein­zel­ner sei­nen Lebens­weg nur wenig beein­flus­sen kann. Aber auch die Gefahr, die eine poli­tisch ent­schlos­sene Regie­rung für das Indi­vi­duum und die Gesell­schaft dar­stel­len kann.

Denn als am 7. Dezem­ber 1941 wie aus hei­te­rem Him­mel Flug­zeuge Pearl Har­bour angrif­fen, war Ame­rika ent­rüs­tet über die Heim­tücke der Japa­ner. Heute sagen Histo­riker: Präsi­dent Frank­lin Delano Roose­velt wusste im Vor­aus von dem Angriff, hatte ihn sogar provo­ziert. Roose­velt wollte in den Zwei­ten Welt­krieg ein­tre­ten. Doch bis Pearl Har­bour waren fast neun­zig Pro­zent der Ame­ri­kaner dage­gen gewe­sen. Danach schlu­gen Patrio­tis­mus und Xeno­phobie Kapri­olen in der ameri­kani­schen Gesell­schaft.

Angesichts der Situ­ation, in der sich die US-ameri­kani­sche Außen­poli­tik der­zeit befin­det – nach dem Atten­tat am 11. Sep­tem­ber 2001 und am Vor­abend eines Agriffs­krie­ges auf den Irak – drän­gen sich paral­lele Schlüs­se gera­de­zu auf. Wusste nicht auch die Bush-Regie­rung von den bevor­stehen­den Terror­attacken? Wie weit ist es von dieser Fest­stel­lung bis zum Ver­dacht, man könne wie damals wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges die Kriegs­bereit­schaft des eige­nen Vol­kes schü­ren, indem man gegne­ri­sche An­grif­fe bewusst in Kauf nimmt?

Fazit:

Ein aus vieler­lei Grün­den äußerst lesens­wer­tes Buch. Nicht nur wegen der eben ange­spro­che­nen histo­rischen Paral­lelen. Son­dern vor allen Din­gen wegen der unpar­tei­ischen und dadurch so glaub­wür­digen Schil­de­rung kultu­rel­ler Gegen­sätze inner­halb einer Gesell­schaft. Dass darü­ber hinaus die aus­drucks­voll geschil­derte Kraft und Schön­heit der Natur als ver­bin­den­des Ele­ment der­art gekonnt ein­ge­bracht wird, das ist mir insgesamt ohne jede Ein­schrän­kung die vol­len fünf Ster­ne Wert.

David Guterson: Schnee, der auf Zedern fällt
btb Verlag, 2001

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