Shalimar der Narr

Shalimar der Narr
Salman Rushdie, 2006

Der Autor von Mitter­nachts­kin­der und der berüch­tig­ten Sata­ni­schen Verse, für die er 1989 vom ira­ni­schen Staats­ober­haupt Kho­meini mit­tels einer Fatwa und der Aus­set­zung von Kopf­geld zum Tode ver­ur­teilt wor­den war, hat mit Shalimar der Narr einen Roman über den Kon­flikt zwi­schen Reli­gio­nen im All­ge­mei­nen und die Kon­fron­ta­tion zwi­schen Islam und dem Wes­ten im Spe­zi­el­len vor­ge­legt. Sei­nen Erklä­rungs­ver­such hat Salman Rushdie ver­packt in die per­sön­liche Ge­schich­te einer jun­gen Frau kasch­miri­scher Abstam­mung namens India Ophuls.

Rushdie ist Meis­ter darin, Vor­gänge welt­geschicht­licher Dimen­sion ein­zuklei­den in den Mikro­kos­mos sei­ner Roman­figu­ren. Des­halb spricht meines Erach­tens wenig dage­gen, den vor­der­grün­digen Plot seiner Geschichte hier zu skiz­zieren. Dadurch dürfte dem Leser kaum das Ver­gnü­gen bei der Lek­türe genom­men wer­den. Im Gegen­teil: Die hier gerafft dar­ge­stellte Hand­lung ist im Roman so stark zer­klüf­tet, dass eine Vor­weg­nahme der wesent­li­chen Ele­mente eher hilf­reich als ver­räte­risch ist.

Shalimar der Narr – Über die Handlung

Die Protagonistin der ers­ten Reihe, deren Exis­tenz den Hin­ter­grund für alle illus­trie­ren­den Geschichten des Romans lie­fert, ist wie gesagt India Ophuls. Sie ist Toch­ter eines ehe­mali­gen ameri­kani­schen Bot­schaf­ters in Indien, Max Ophuls, und der kasch­miri­schen Tän­zerin Boonyi Kaul.
Diese Boonyi, zu Anfang inter­kultu­relle Lieb­habe­rin und in der Folge Ehe­frau ihres Kind­heits­freun­des Shali­mar, beschließt, eine Chance wahr­zuneh­men, die ihr ein Auf­tritt vor dem US-Bot­schaf­ter bie­tet. Sie bezau­bert den Ameri­kaner, ver­lässt ihr Dorf und wird seine Kur­tisa­ne. Das Kind, das sie Max schließ­lich gebiert, wird ihr jedoch von des­sen Ehe­frau abge­nom­men. Sie selbst kehrt gede­mü­tigt in ihr Hei­mat­dorf zurück, wo sie als Geäch­tete in Ein­sam­keit den Todes­stoß erwar­tet. Denn die­sen wird ihr der gehörnte Ehe­mann Shali­mar gewiss ver­set­zen.

Doch Shalimar hatte sich zwar geschwo­ren, die Treu­lose hin­zu­rich­ten. Sowohl sei­nem Vater als auch dem Schwie­ger­vater hatte er aller­dings ver­spro­chen, deren bei­der Lebens­ende abzu­war­ten. Er macht sich also zunächst auf und davon, um das Hand­werk der Rache zu erler­nen. Er lässt sich im Mor­den aus­bil­den, als Atten­tä­ter ein­set­zen und kehrt schließ­lich zurück. Jetzt war die Zeit gekom­men, seine ehe­ma­lige Liebe Boonyi zu töten und sich im Anschluss auf die Suche nach dem ver­hass­ten Neben­buh­ler zu machen.

Auch Max Ophuls wird von Shali­mar ermordet. Um sei­nen per­sön­li­chen Feld­zug wie geplant abzu­schlie­ßen, macht sich der Rächer daran, auch den letz­ten leben­den Beweis sei­ner Schande umzu­brin­gen. Ob es ihm gelingt, India zu töten, die Frucht des Ehe­bruchs, den Boonyi und Max began­gen hat­ten? Oder ob diese Shali­mar dem Narren zuvor­kommt? Dies bleibt im Roman offen.

Shalimar der Narr – Meisterwerk der Erzählkunst

Um dieses in der Aktu­ali­tät spie­lende Hand­lungs­gerüst herum dra­piert Salman Rushdie eine Patch­work­decke von Epi­so­den aus ver­schie­de­nen Zeit­epo­chen und Kul­tur­krei­sen. Seine Geschichten sind ganz gewiss dazu geeig­net, den Leser schier in Trun­ken­heit zu ver­set­zen in ihrer Fülle und Detail­liert­heit.

So beschreibt er das para­diesi­sche Kasch­mir der Ver­gan­gen­heit in Bil­dern unbe­schwer­ten Lebens frü­he­rer Gene­ratio­nen. Er berich­tet von einer Zeit, als der Kon­flikt zwi­schen Indien und Pakis­tan das Land am Fuße des Hima­laya noch nicht in den Klam­mer­griff poli­tisch moti­vier­ter und reli­giös ver­bräm­ter Ein­fluss­nahme gezwängt hatte. Auch den Wan­del durch mili­täri­sche Besat­zung und revo­lutio­näre Rebel­lion in all ihrer Absur­di­tät und Bruta­li­tät schil­dert der Autor unge­heuer plas­tisch, zum Mit­erle­ben.

Daneben gibt es ausführ­liche Epi­so­den über die Ent­wick­lung des Max Ophuls. Der elsäs­si­sche Drucke­rei­erbe wird zum wage­muti­gen Resis­tance­kämp­fer gegen die Nazi­besat­zer in Frank­reich. Und er wirkt als ein­fluss­rei­cher Bot­schaf­ter und Gestal­ter US-ameri­kani­scher Außen­poli­tik.

Islamistischer Terror

Vor dem realen Hinter­grund isla­misti­scher Anschläge wir­ken einige Roman­sequen­zen beklem­mend. Es geht um junge Männer – im Beson­deren hier natür­lich um Shali­mar den Nar­ren -, die sich im Netz­werk fana­ti­scher Unter­grund­organi­satio­nen bewe­gen. Wie genau sol­che Sze­na­rien der Wirk­lich­keit ent­spre­chen, kann ich natür­lich nicht ein­mal ansatz­weise beur­tei­len. Zumin­dest aber ver­mit­teln sie zwei ein­leuch­tende Sach­ver­halte:

Einmal betrifft dies die Form der Akquise und Indok­trina­tion jun­ger Frei­willi­ger durch charis­mati­sche, reli­giöse Füh­rer­figu­ren. Zum ande­ren beleuch­tet es die inter­natio­nale Zusam­men­set­zung der Grup­pen und die Koope­ration der Betei­lig­ten auf per­sön­licher, infor­mell orga­nisier­ter Ebene.

Nur mit Hilfe sei­ner weit rei­chen­den Kon­takte im Ter­ror­netz­werk wird Shali­mar nach Jah­ren gedul­digen War­tens in die Lage ver­setzt, sich an Max Ophuls heran­zuma­chen, das Ziel sei­ner Rache.

Shalimar der Narr – Erfolgsrezept

Wie von Salman Rushdie nicht anders zu erwar­ten, bekom­men wir ganz neben­bei eine gehäuf­te Por­tion Gesell­schafts­kri­tik mit auf den Weg. Etwa wenn eine reso­lute Kasch­mirin zunächst das gefor­derte Tra­gen der Burkha mit der Bemer­kung ver­wei­gert, sie wolle „[Fern­seh]filme nicht durch ein Loch in einem Ein-Frauen-Zelt anse­hen“. Im letz­ten Roman­ab­schnitt tref­fen wir diese Dame wie­der: Jahre spä­ter, unter dem Ein­druck erlit­tener Gräuel­taten und ganz ohne Mur­ren ver­bor­gen unter dem einst laut­hals geschmäh­ten Stoff­gefäng­nis.

Rushdie nimmt seine Leser mit auf eine kun­ter­bunt bebil­derte Reise durch ver­schie­dene Epo­chen. Er führt uns durch Freund­schaf­ten, Liebe und Hass, durch ein auf­einan­der Zu- und Aus­einan­der­drif­ten der Kul­tu­ren. So viele Geschichten hat er zu erzäh­len, dass er manch­mal zu viel will. Irgend­wann und irgendwo zwi­schen dra­chen­köpfi­gen Rahu-, dra­chen­schwän­zigen Ketu-Schwü­ren, Lebens- und Über-See­len und „Eiser­nen Mullahs“ habe ich schon mal über kurze Dis­tan­zen den Anschluss ver­lo­ren.

Shalimar der Narr ist ein Roman für die ein­same Insel: Den kann man nicht nur, den muss man sogar mehr­mals lesen! Man wird bei jedem Mal noch wei­tere Details ent­decken, die man beim Mal zuvor über­le­sen hatte. Oder die man zunächst nicht in den rich­tigen Sinn­zusam­men­hang stel­len konnte.

Shalimar der Narr – Verständnis & VeVerständnis & Interpretation

Über die vielschichtig ange­legte Erzäh­lung hinaus mag sich der Leser durch­aus Gedan­ken über ver­schie­dene Bot­schaf­ten machen, die der Autor gezielt oder mei­net­wegen auch unbe­absich­tigt über sei­nen Roman trans­por­tiert. Dies mag bei Über­legun­gen zu den Hinter­grün­den isla­misti­scher Ter­ror­organi­satio­nen begin­nen. Deren Ent­ste­hung und Ent­wick­lung macht der Roman auch sol­chen Men­schen ver­ständ­lich, die im Umfeld eines west­li­chen Wer­te­ka­nons groß gewor­den sind.

Spinnt man den Faden jedoch wei­ter in eine meta­phori­sche Ebene hinein, kann man die Bezie­hung zwischen Boonyi Kaul und Max Ophuls als War­nung ver­ste­hen. Soge­nann­te Dritte-Welt-Län­der, die sich west­li­chen Groß­mäch­ten anbie­dern, um Hilfe­stel­lung auf dem Weg nach oben zu erhal­ten, mögen zwar kurz­fris­tig Erfolg haben, stür­zen aber über kurz oder lang unwei­ger­lich in den Abgrund.

Nehmt euch in Acht vor dem net­ten Uncle Sam. Denn irgend­wann stirbt sein Inte­resse an euch! Es wird immer Intri­gan­ten geben, wie sie in der Roman­ge­stalt des Edgar Wood auf­tre­ten. An Fäden zie­hende Unbe­achtete, die die Haupt­figu­ren auf der Welt­bühne zu steuern wis­sen. Und wehe euch, wenn der Beschüt­zer auf ein­mal nicht mehr da ist! Das beste eurer Nation wird er sich genom­men haben ohne danke zu sagen. Und von heute auf mor­gen seht ihr euch schutz­los im Kreise der ent­täusch­ten und miss­güns­ti­gen Nach­barn wieder, den ihr doch für immer ver­las­sen zu haben glaub­tet. Nach­sicht habt ihr dann keine zu erwar­ten.

Allegorien & Stellvertreter

Wer solche Alle­gorien sucht, findet eine wei­tere ohne inter­pre­ta­tive Brüche in der Figur des Max Ophuls. Gebo­ren im Her­zen Euro­pas kämpft der sich frei und macht seinen Weg über den Atlan­tik. Er gewinnt Ein­fluss und Macht, bis einem jeden klar ist, dass die­ser alternde Held für nichts ande­res steht als für die Ver­einig­ten Staa­ten selbst. Deren Zeit läuft ab, ohne dass sie sich des­sen bewusst wer­den.
Nachlässig wer­den sie, die Staa­ten. Sie holen sich in der Gestalt Shali­mars des Nar­ren den Feind in die Fes­tung. Dieser zögert nicht, dem alten Mann den Kopf abzu­schla­gen. Um den sinn­bild­li­chen Zusam­men­hang erkenn­bar zu machen, kann Rushdie getrost darauf ver­zich­ten, Max eine Tages­zei­tung mit Datum des 11.9.2001 unter den Arm zu schie­ben.

Es lohnt sich wirk­lich, das Buch auch vor die­sem Hin­ter­grund ein zwei­tes Mal zu lesen. Man freut sich dann wie ein Schnee­kö­nig über Per­sonal wie die alte, russi­sche Kar­tof­fel-Olga. Die hat schon viele Ehe­män­ner über­lebt und ist zuletzt doch alleine geblie­ben als macht­lose Nach­barin Indias. Der eine oder andere wird sich dann bestimmt auch fra­gen, ob er Paral­le­len zwischen Shali­mar und den Nar­ren­figu­ren Shakes­pears zie­hen darf.

Fazit:

Shalimar der Narr ist ein mehr­dimen­siona­ler und viel­schich­ti­ger Roman, den ich jedem emp­feh­len möchte, der sich Gedan­ken über die aktu­elle Welt­geschichte macht. Aber selbst für Schnell­leser, die ein­fach nur exo­ti­sche Unter­hal­tung suchen, hat die Geschichte sehr viel zu bie­ten.

Ein wun­der­bares Buch, dem ich trotz eini­ger ver­meid­barer Län­gen und Hän­ger alle fünf mög­li­chen Sterne ver­leihen möchte. So viel ist mir diese äußerst gelun­gene Nar­ren­geschichte selbst mit ihren Schwä­chen wert.

Salman Rushdie: Shalimar der Narr
Rowohlt Verlag, 2006

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