Glennkill

Glennkill
Leonie Swann, 2005

Das Roman­debüt von Leo­nie Swann, einer jun­gen, deutsch­spra­chi­gen Auto­rin hat sich vie­le Wo­chen lang fest­ge­setzt in den Best­sel­ler­lis­ten des Buch­han­dels: Glennkill. Ich will ein­mal be­leuch­ten, wel­che Qua­li­tä­ten die­sem „Schafs­krimi“ zu der­ar­tig enor­mer Be­ach­tung ver­hel­fen. Denn ob­wohl in­ter­natio­nale Vor­ab­kri­ti­ken das Buch teil­wei­se hym­nisch fei­er­ten, gab es im Nach­hin­ein doch auch eine gan­ze Men­ge ne­ga­ti­ver Be­wer­tun­gen. Of­fen­bar po­la­ri­siert der Ro­man die Le­ser­schaft in ho­hem Ma­ße.

Woran das liegt, lässt sich be­reits an­hand des Um­schlag­auf­druckes er­klä­ren. Über den Ti­tel Glennkill kann man sich schon nach we­ni­gen Sei­ten amü­sie­ren, wenn man er­fährt, dass in der iri­schen Ort­schaft glei­chen Na­mens ein Schä­fer namens George Glenn er­mor­det wur­de. Humo­rige Rand­noti­zen auf die­sem Ni­veau zie­hen sich durch die Ge­schich­te wie ein ro­ter Fa­den.
Der Unter­titel jedoch, Ein Schafs­krimi, er­zeugt bei vie­len Le­sern eine Er­war­tungs­hal­tung, der die Au­to­rin nicht ge­recht wird, womög­lich sogar nicht ein­mal gerecht wer­den woll­te. Der Unter­ti­tel sugge­riert näm­lich span­nen­de Mörder­jag­den, brilli­ante krimi­nalis­ti­sche Schluss­fol­gerun­gen, gekonnt gelegte fal­sche Spu­ren, mög­licher­weise rasan­te Action­sze­nen. Jeden­falls aber ein uner­war­te­tes und den­noch plau­sib­les Ende in Form der Ent­tar­nung eines bru­ta­len Mord­gesel­len. Diese Bestand­teile klas­si­scher Krimi­nal­romane hat Glennkill nicht zu bie­ten. Es ist schlicht und ein­fach kein Krimi.

Glennkill – Worum es geht

Zwar besteht die vorder­grün­dige Hand­lung darin, dass eine Schafs­herde am frü­hen Mor­gen ihren Schä­fer tot, einen Spa­ten in sei­nen Ein­gewei­den steckend auf der Wei­de vor­fin­det. Die Schafe machen sich daran heraus­zu­fin­den, wer George ermor­det hat. Tat­säch­lich machen dann auch einen nicht uner­heb­li­cher Teil des Inhalts Ermitt­lun­gen nach Schafs­art aus.

Doch der krimi­nalis­ti­sche Part bleibt stets zweit­ran­gig, über­deckt von der Schafs­geschich­te. Die Auf­lö­sung des Fal­les und ganz beson­ders der Ver­such der Scha­fe, den Men­schen ihren Mord­ver­dacht mit­zu­tei­len, haben dann mit dem Genre Krimi gar nichts mehr zu tun. Genau daran sto­ßen sich die ent­täusch­ten Krimi­fans und kri­ti­sie­ren den Roman als zum Gäh­nen lang­wei­lig.

Unbestritten kön­nen Swanns Schafe in Sachen Ermitt­lungs­tech­nik und Schlüs­se­zie­hen nicht annä­hernd mit­halten mit ande­ren tie­ri­schen Detek­ti­ven. Etwa mit Akif Pirinccis krimi­nalis­ti­schem Kater Fran­cis. Oder mit Michael Endes Kater Mau­ri­zio und dem Raben Jakob aus Der satan­archäo­lügenial­ko­hölli­sche Wunsch­punsch. Aller­dings unter­nimmt die Auto­rin von Glennkill über­haupt nicht erst den Ver­such, ihre vier­beini­gen Prota­gonis­ten als mensch­liche Ermitt­ler in Tier­ge­stalt auf Mör­der­su­che zu schicken.

Halten wir also fest, dass es sich trotz der unter­titel­ten Ankün­di­gung mit­nich­ten um einen Krimi­nal­roman han­delt. – Was sonst bleibt übrig?

Glennkill – Eine erfrischende Idee und Humor

Das ungewohnt Neue besteht in der Erzähl­per­spek­tive des Romans. Die Geschichte wird aus­schließ­lich aus der Sicht der Mit­glie­der einer Schafs­her­de an den Leser heran­getra­gen.

Dies beginnt bei den tref­fend beschrie­be­nen Eigen­schaf­ten und Ver­haltens­wei­sen der ein­zel­nen Her­den­tiere. Selbst ver­sierte Schafs­hal­ter räu­men ein, dass sich Tiere in der Reali­tät durch­aus so ver­hal­ten wie die Prota­gonis­ten des Romans. Über allem ste­hen die Fixie­rung auf das Gra­sen und das Gebot, den Ver­band der Her­de nicht zu ver­las­sen. Hinzu kommt eine art­spezi­fi­sche Ängst­lich­keit – in unge­wöhn­lichen Situ­atio­nen bre­chen stets „Wolf!“-Geblöke und Panik­ver­hal­ten aus. Charak­teris­tisch für den Hand­lungs­ver­lauf sind auch das Aus­blen­den von Erklä­rungs­mög­lich­kei­ten, die den (ange­nom­menen) Hori­zont von Scha­fen über­stei­gen, und ein in der Regel schwa­ches Lang­zeit­gedächt­nis.

Leonie Swann lässt ihre Schafe zwar die mensch­li­che Spra­che ver­ste­hen, denn ohne diese dich­teri­sche Frei­heit würde die ganze Geschichte ein­fach nicht funk­tionie­ren. Aber sie ver­zich­tet darauf, den Tie­ren sons­tige mensch­liche Leis­tungs­merk­male anzu­dich­ten. Mensch ist Mensch, und Schaf bleibt Schaf. Die Auto­rin hat sich konse­quent in ihre vier­beini­gen Hel­den hinein­gedacht. Sehr über­zeu­gend kommt das zum Bei­spiel in der Schluss­sze­ne des Buches zum Aus­druck. Darin wird beschrie­ben, welche Ge­fühle einen Wid­der zu Beginn der herbst­li­chen Paarungs­zeit um­trei­ben.

Glennkill – Erfolgsrezept

Die Reduzierung auf das Tie­ri­sche bringt aller­dings nicht auto­matisch die Annah­me mit sich, dass Schafe per se eine min­der bemit­tel­te Spe­zies dar­stell­ten. Die Tiere sind schon sehr selbst­be­wusst, wenn sie etwa in Frage stel­len, dass Men­schen eine See­le besit­zen, weil diese bekannt­lich an den Geruchs­sinn gebun­den ist. Dieser sei bei Men­schen im Ver­gleich zum Schaf ja sehr schwach aus­ge­prägt.

Die Prämisse der glei­chen Augen­höhe zwi­schen Mensch und Schaf ver­wen­det Swann dazu, die Feh­ler und Pro­ble­me der Men­schen aus dem defi­nier­ten Blick­win­kel der Schafs­welt zu beleuch­ten:

Gerüche ent­schei­den über Ein­tei­lung in Gut und Böse, aus mensch­li­cher Sicht nor­ma­les Ver­hal­ten wirkt auf ein­mal irra­tio­nal. Damit erreicht die Auto­rin, dass der auf­merk­same Leser sein eige­nes, nur allzu mensch­li­ches Ver­hal­ten in Frage stellt. Man fühlt sich er­tappt. Tier­fleisch zu essen, Alko­hol zu trin­ken, zu rau­chen, oder etwa auch reli­gi­öse Prak­ti­ken aus­zu­üben erschei­nen plötz­lich absurd. In letz­ter Kon­se­quenz wird auch die mensch­liche Ent­schei­dung zum Frei­tod als abso­lut unver­ständ­li­cher Schritt dar­ge­stellt. – „Es ist nicht ein­fach, die Men­schen zu ver­ste­hen.“

Logik & Komik

Nicht immer sorgt die Dis­kre­panz zwi­schen mensch­li­chen und schafs­köp­figen Denk­mecha­nismen zu sol­cher Gedan­ken­tie­fe. In der Mehr­zahl der Fälle nutzt die Auto­rin die Unter­schie­de zwischen Mensch und Schaf für Situ­ations­komik, die schon mal für Schen­kel­klop­fer sorgt. Komik ent­steht beson­ders dann, wenn Schafe All­täg­lich­kei­ten des mensch­li­chen Lebens lapi­dar aus aus ihrer wis­sens­redu­zier­ten Sicht kom­men­tie­ren.

Das beginnt schon im ersten Absatz des Romans, wenn das Schaf Maude den Tod des Schä­fers kom­men­tiert mit „Gestern ging es ihm noch gut.“ Die Erwi­de­rung des Leit­wid­ders der Herde lau­tet: „Das sagt gar nichts. Spa­ten sind keine Krank­heit.“

Glennkill – Religion & Opium für das Volk

Sehr schön fand ich auch die Schluss­fol­ge­rung, dass der Geist­liche von Glenn­kill die­ser „Gott“ sein müsse, von dem die Men­schen so oft sprä­chen. Schließ­lich wohne er im „Haus Gottes“. Konse­quent lässt Leonie Swann den Mann in der Folge stets als Gott auf­tre­ten. Mit der Reli­gion treibt die Auto­rin über­haupt gern Späß­chen. In einer der gelun­ge­nen Roman­sze­nen erleich­tert der Priester in Umkeh­rung der Rollen im Beicht­stuhl sein Gewis­sen. „Gott“ beichtet jedoch, ohne zu ahnen, dass anstelle des vermu­teten Gesprächs­part­ners auf der ande­ren Seite des Git­ter­fens­ters ein Schaf sitzt.

Auch die Beschrei­bung einer Beerdi­gung aus völlig unvor­ein­genom­mener und schließ­lich ent­setz­ter Sicht eines Scha­fes gehört zu den Glanz­lich­tern des Romans.

Ein weiterer Running Gag, der durch den gesam­ten Roman wan­dert, besteht in der Dop­pel­deu­tig­keit des Begrif­fes „Gras“. Für die Schafe ist Gras in all seinen minu­tiös beschrie­be­nen Arten wich­tig­ster Lebens­in­halt. Des­halb wun­dern sie sich zunächst kein biss­chen, als sich heraus­zu­stel­len scheint, dass irgend­wel­che ver­steck­ten „Gras“-Reser­ven mit dem Tod ihres Schä­fers zu tun haben sol­len. Erst nach­dem ein beson­ders gefrä­ßiges der Schafe ein ganzes Päck­chen Mari­huana auf­frisst und sogleich in ohn­machts­ähn­lichen Tief­schlaf ver­sinkt, wird ihnen klar: Men­schen haben Inter­esse an ganz ande­ren Gras­sor­ten als sie selbst.

Leonie Swanns Humor

Der Humor der Auto­rin mani­fes­tiert sich gern auch in Vor­der­grün­dig­keiten wie dem bereits genann­ten Wort­spiel zwischen dem Orts­namen Glenn­kill, dem Tötungs­akt und dem Opfer mit dem Nach­namen Glenn. In die glei­che Rich­tung geht die Namens­gebung beim Per­so­nal. So heißt das klügste Schaf der ermit­teln­den Herde Miss Maple, Aga­tha Chris­tie lässt grü­ßen; und Abra­ham Rack­ham, der Metz­ger des Dor­fes, wird „Ham“ gerufen.

Natür­lich kann man sich auf den Stand­punkt stel­len, dass diese Art von Humor doch arg flach ist. Mir hat sie trotz­dem Spaß berei­tet.

Einer der häu­fig geäu­ßer­ten Kritik­punkte aus der Leser­schaft nimmt die zahl­rei­chen Wie­der­holun­gen im Text aufs Korn. Man muss in einer Schafs­ge­schich­te wohl hin­neh­men, dass ein Groß­teil der Zeit mit dem Gra­sen ver­bracht wird. Aber man muss wirk­lich ein­räu­men, dass die schafs­köpfi­gen Hel­den auf­fäl­lig häu­fig „die Ner­ven ver­lie­ren“ und „mit den Ohren schlackern“. Ein etwas sorg­fälti­geres Lekto­rat hätte solche Häu­fun­gen vermei­den kön­nen.

Ziemlich hilf­los stand auch ich eini­gen (glück­licher­weise selte­nen) Ein­schü­ben gegen­über, die mit der Geschichte nichts zu tun haben und in mei­ner Aus­gabe durch Kursiv­druck vom Rest des Buches abge­setzt waren. Es han­delt sich um eine Art schafs­psycho­logi­sche Eso­terik eines zurück­keh­ren­den Aus­reißer­schafes, besser kann ich den Inhalt in Kürze nicht beschrei­ben. Jeden­falls hätte dem Roman wahr­schein­lich nichts gefehlt, hätte die Auto­rin auf diese Passa­gen ver­zich­tet.

Ein Nebeneffekt der verein­fachen­den Schreibe auf dem gedank­lichen Niveau von Schafen ist die Tat­sache, dass man die Geschichte selbst Schul­anfän­gern ganz gut vor­lesen kann, obwohl sich der Roman eigent­lich eher an Jugend­liche und Erwach­sene richtet. Dank der behä­bigen Schafs­logik kön­nen auch Jün­gere der Hand­lung problem­los fol­gen, nur an weni­gen Stel­len ist das Voka­bular erläu­terungs­bedürf­tig.

~

Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, der wird viel­leicht auch Inter­esse an mei­ner Bespre­chung des Nach­fol­gers Garou haben.

Fazit:

Über die Maßen anspruchs­volle Lite­ratur ist Glennkill wohl nicht. Auch passio­nierte Krimi­lieb­haber wer­den sich rasch gelang­weilt von der Lek­türe ver­ab­schie­den. Aber die Idee, der Mensch­heit ein­mal den Spie­gel vorzu­hal­ten, indem man ihr Ver­hal­ten auf ein­fachst mög­li­cher Ebene por­trä­tiert, wäre mir durch­aus vier Ster­ne wert gewe­sen. Auf Grund der beschrie­benen Schwä­chen gibt es aber Ab­züge. Drei von den fünf mög­li­chen Ster­nen ver­leihe ich der Geschichte aber ohne Zö­gern. – Etwas mehr als nur humor­volle Unter­hal­tung für Leser, die gerne hin­ter vor­der­grün­dige Abläu­fe blicken.

Leonie Swann: Glennkill
Goldmann Verlag, 2005

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