Garou

Leonie Swann, Garou, Goldmann Verlag, 2010
Leonie Swann, 2010

Garou lautet der Titel des zweiten Romans der Schrift­stel­le­rin Leonie Swann. Der Roman ist als Fort­set­zung von Glennkill ange­legt, Swanns be­rühm­tem Schafs­krimi aus dem Jahr 2005. Die Auto­rin selbst bezeich­net die Fort­set­zung nicht mehr als Krimi sondern als „Schaf-Thriller“. Natür­lich geht es in Garou auch wie­der um einen Krimi­nal­fall, der aufge­klärt wer­den will. Aber die Ge­schich­te hat noch eine zwei­te Ebe­ne; mys­ti­sche Ereig­nis­se, die die Pro­ta­go­nis­ten des Romans nicht rati­onal ein­ord­nen können.
Das zweite Buch ist für Schrift­stel­ler stets das schwer­ste, heißt es. Ist es Leonie Swann gelun­gen, sich vom Druck zu be­frei­en, der nach dem Er­folg ihres Erst­lings auf ihr las­te­te?

Glennkill han­del­te in Irland. Geschrie­ben hatte Swann die Geschichte in Paris, Berlin und Irland. Garou hin­ge­gen spielt nun in Frank­reich und wurde in Ber­lin und Eng­land ver­fasst.

Aber bevor wir uns mit dem Inhalt des Romans befassen, will ich es nicht versäu­men, auf eine Beson­derheit zumindest der gedruckten Ausgabe des Buches hinzu­weisen. Nämlich auf das Daumen­kino.
Für die jüngeren unter den Lesern: „Daumen­kino“ ist das, was wir hatten, bevor es Internet und Zappel­bilder im GIF-Format gab. Auf alle Seiten des Buches ist in der Ecke rechts unten ein gezeich­netes Bild­chen eines Widders vor einem Baum­stamm abgebildet. Auf jeder Seite ein bisschen anders als auf der vorher­gehenden. Wenn man nun ein Bündel dieser Seiten­ecken ganz schnell über den Daumen gleiten & blättern lässt, dann laufen in rascher Folge die Einzel­bilder hinter­einander ab. Man sieht dann einen Zeichen­trickfilm, in dem der Widder mit seinen Hörner­schnecken in einem Schein­gefecht den Baum angreift. – Ja, Daumen­kino, ein histori­scher Spaß für die älteren unter uns.

Garou – Worum also geht es?

Der im ersten Band ermordete Schäfer George hatte einst seiner Schafs­herde eine Reise nach Europa versprochen. Im zweiten Band löst nun Rebecca, Georges Tochter, das Vermächtnis ihres Vaters ein. Sie reist mit der Herde rund um die Super­schafe Mopple the Whale, Miss Maple und Othello nach Frank­reich.

Die Herde, Rebecca und – ojemine! – auch deren über­kandidelte „Mama“ über­wintern auf einer Weide, die zu einem alten Schloss gehört. Der Winter bringt jedoch nicht nur Schnee und Kälte sondern auch Tote. Zunächst wird am Wald­rand der übel zugerichtete Kada­ver eines Rehs gefunden. Überraschender­weise zieht der Fund eine umfang­reiche Polizei­aktion rund um das Gelände nach sich. Ein weiteres totes Reh folgt, und schließlich auch der Leich­nam von Yves, dem Schloss­knecht.
Längst verdrängte Geschich­ten werden leise und unter dem Siegel der Verschwie­genheit weiter­geflüstert. Vor Jahren hatte an gleicher Stelle ein Werwolf sein Unwesen getrie­ben, ein loup garou! Damals hatte er Rehe und Menschen getötet und sogar eine Schafs­herde beinahe voll­ständig aus­gelöscht. – War dieser Werwolf womöglich jetzt zurück? Diese Vermutung zumindest legt bereits der Prolog der Geschichte nahe.

Garou – Aufbau und Struktur

Der Roman ist in drei Teile geglie­dert. Den ersten Teil über sind die Schafe damit beschäf­tigt, die Geschichte der Angst vor dem „Garou“ aufzudecken. Das ist gar nicht so einfach, denn die Schloss­bewohner „quaken“ auf Franzö­sisch und die Schafe brauchen Hilfe­stellung, die sich durch die benach­barte Ziegen­herde anbietet. Die verste­hen und überset­zen zwar franzö­sisch in eine gemein­same Schafs-Ziegen-Sprache, sind aller­dings komplett verrückt, verschlagen und manchmal kryp­tischer als das Orakel von Delphi. Außerdem stinken sie. Dennoch raufen sich die beiden Herden zusammen.

Im zweiten Teil der Geschichte beginnen die Schafe zu ermitteln. Dabei teilen sie sich manchmal für den Leser unüber­sichtlich in verschie­dene Gruppen auf. Mich hat Swann in diesem Teil das eine oder andere Mal abgehängt. Aber zum Ende hin wird zumindest klar, dass es viel­leicht doch keinen Garou gibt. Sind gar ledig­lich einige undurch­sichtige Tritt­brett­fahrer schuld an den Todes­fällen? Oder ist da dennoch ein Werwolf? Und nicht nur dieser, sondern womög­lich noch ein Dritter, der seiner­seits den Garou jagt?

Nun, der dritte Roman­teil bringt all die vielen losen Ende doch noch zusammen und die ganze Geschichte zu einem stimmigen Ende. Wer oder was da alles mordete, werde ich hier jedenfalls nicht ver­raten.

Garou – Erfolgsrezept

Leonie Swann bleibt im Grunde beim bewährten Rezept ihres ersten Roman­bandes. Zwar verste­hen die Schafe bei­leibe nicht alles, was in der Menschen­welt geschieht. Aber es gelingt ihnen trotz­dem, immer wieder zurück zur Spur zu finden.

Die unterhalt­samsten Stellen sind nach wie vor Szenen, in denen Schafe ihre Menschen gründ­lich miss­verstehen. Oder sind es doch die Menschen, die sich einfach nur verrückt verhalten?
Da wäre zum Beispiel eine Land­karte. Die Schafe sind überzeugt, dass diese Karte Schuld an der gesamten Reise­misere trägt. Die Karte hat keine Ahnung von der Welt und wird deshalb kurz und bündig auf­gefressen. Weitere Sach­rollen spielen: Ein merk­würdiges Stiel­augen­gerät (Fernglas), das in Wirklich­keit die Dinge gar nicht größer machen kann. Wie denn auch?
Oder das Zahlen­schloss, das man mit „Zählen“ öffnen kann. (Was den Schafen natürlich miss­lingt.)

Eine sehr fröhliche Szene bietet auch die Unterhaltung der Schafe mit einem LKW, den sie dazu über­reden wollen, sie woanders­hin zu fahren:

Die Verhand­lungen waren bisher nicht besonders erfolg­reich verlaufen. Sie hatten es mit Schmeiche­leien versucht, mit Bitten, mit Drohungen, sogar mit einem kleinen Kick gegen die Stoß­stange. Doch das große Auto schwieg verstockt. […]
Die Schafe waren nicht naiv. Sie wussten, dass das Auto nicht auf die gleiche Art lebendig war wie Schafe oder Hunde oder Menschen. Aber manch­mal bewegten sie sich, und manch­mal bewegten sie sich nicht. Irgend­etwas musste sie dazu bringen, sich zu bewegen. Aber was?

Garou – Hintergründiges und Psychologisches

Ganz klar: Schafen bleibt natürlich verbor­gen, warum Menschen wie Mama ab und an ein „zweites Gesicht“ oder gar ein drittes auflegen, das sich farblich vom Original unter­scheidet. Sie bleiben auch skeptisch, wenn Menschen auf ihren „Sprech­geräten“ herum­tippen und hinein­quaken.

Und ja, es gibt noch sehr viel mehr witzige Wort­spiele und Verständnis­probleme zwischen Mensch und Tier nachzulesen. Die werde ich aber hier beileibe nicht alle aus­breiten. Lest doch einfach selbst.

Aber dann gibt es doch auch über­raschend tiefsinnige Parallelen. Wenn etwa Schafe im Wasser oder in Spiegeln ihr eigenes Bild entdecken. Dieses „Schaf vom Grunde“ sieht entschlos­sener und stärker aus, als sie selbst sich fühlen. Es vermittelt ihnen Kraft und Willens­stärke … äh, pardon: Wollens­stärke! – Da ist es doch vom Schaf zum Menschen nur ein ganz kleiner Lämmer­sprung.

Aber von solchen bemerkens­werten Nebensäch­lichkeiten einmal abgesehen schafft es die Autorin glücklicher­weise auch, den Abschluss des Romans wieder richtig spannend zu gestalten, obwohl die Handlung zuvor und zwischen­zeitlich ein bisschen zerfasert wirkte.

Und gegen Ende der Geschichte verrät uns Leonie Swann auch noch, dass die Jung-Schäferin Rebecca niemand anderes als ihr eigenes Alter Ego ist.

„Mama zündete sich eine zweite Zigarette an. »Du solltest ein Buch schreiben. Oder wenigstens ein Inter­view geben. ›Im Rachen des Werwolfs‹ oder so. Glaub mir, das zieht.«“

~

Wem meine Besprechung von Garou gefallen hat, wird vielleicht auch die Rezension des Vorgängers Glennkill lesen wollen.

Fazit:

Garou ist eine äußerst vergnüg­liche Lektüre für alle, die schon Glennkill mochten. Natürlich, der Reiz des Neuen, den uns der erste Roman beschert hatte, ist vorbei. Aber die Autorin ruht sich nicht auf den Lorbeeren von Glennkill aus. Auf Alt­bewährtem baut sie durchaus neue und erneut über­raschend treff­sichere Ideen auf.
Mich haben lediglich die ziemlich blassen Identi­täten des gesamten Schloss­personals ein wenig enttäuscht. Da wäre echt mehr drin gewesen und hätte der Auf­lösung der Kriminal­geschichte gewiss gut getan.

Trotzdem bekommt Garou von mir drei besonders saftige Schafs-Sterne verpasst. Für vier hat es auch diesmal leider nicht ganz gereicht.

Leonie Swann: Garou,
Goldmann Verlag, 2010

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