Hart auf Hart

T. C. Boyle, Hart auf Hart, 2015
T. C. Boyle, 2015

Es sind sie­ben Jah­re ver­gan­gen, seit T. C. Boy­le den Ro­man Hart auf Hart ver­öf­fent­licht hat. Doch im Ver­lauf der ge­sund­heit­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Kri­se um das Co­ro­na­vi­rus wäh­rend der bei­den zu­rück­lie­gen­den Jah­re, ha­ben wir al­le ge­lernt, uns auch mit Mit­bür­gern zu be­fas­sen, die zu­vor ein eher we­nig be­ach­te­tes Rand­grup­pen­da­sein fris­te­ten: mit Wut­bür­gern, Leug­nern, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern, mit Reichs­bür­gern und Ras­sis­ten. Ge­nau um sol­che Men­schen geht es in Boy­les Ge­schich­te. Ich ha­be sie aus die­sem Blick­win­kel noch ein­mal ge­le­sen.

In der Art eines Vor­wor­tes stellt der Autor sei­nem Ro­man ein Zi­tat von D. H. Law­ren­ce vo­ran, das die Es­senz der Er­zäh­lung wie eine prä­gnan­te Zu­sam­men­fas­sung vor­weg­nimmt:

Die ame­ri­ka­ni­sche See­le ist ih­rem We­sen nach hart, ein­zel­gän­ge­risch, sto­isch und ein Mör­der. Sie ist noch nicht ge­schmol­zen.
(Studies in Clas­sic Ame­ri­can Li­te­ra­tu­re, 1923)

Drei­mal um­ge­blät­tert, und schon jagt uns Boy­le gna­den­los – „hart auf hart“ – durch sei­ne Sto­ry. Erst wenn wir uns durch die knapp vier­hun­dert Text­sei­ten hin­durch ge­fie­bert ha­ben, be­kom­men wir Ge­le­gen­heit, durch­zu­at­men und den Stoff zu ver­dau­en, der uns da vor­ge­setzt wur­de.

Hart auf Hart – Worum es geht

Der Roman erzählt die Ge­schich­ten dreier Pro­tago­nis­ten; die von Sten Sten­sen, sei­nem Sohn Adam sowie des­sen Zufalls­bekannt­schaft und Lebens­abschnitts­gefähr­tin Sara. Alle drei sind urame­rika­nisch, indi­vidua­lis­tisch bis ego­is­tisch und auf unter­schied­li­che Weise psy­chisch defor­miert. Fast die gesamte Hand­lung spielt inner­halb weni­ger Monate im Nor­den Kali­for­niens, im Men­do­cino County, gut hun­dert Mei­len nörd­lich von San Fran­cisco.

Sten Stensen

Sten ist Ex-Marine, der es nach dem Viet­nam­krieg als Schul­direk­tor in einer Klein­stadt zu beschei­de­nem Wohl­stand gebracht hat. Ein Baum von einem Mann – wenn auch ein alter Baum –, der zusam­men mit sei­ner Frau Caro­lee ver­sucht, als Rent­ner in sei­nen Sieb­zi­gern einen wür­di­gen Platz in der Gesell­schaft zu fin­den. Zufrie­den mit sei­nem Leben ist Sten aller­dings eher nicht. Unter ande­rem weil sich diese Gesell­schaft so unbe­greif­lich ver­än­dert hat; aber auch des­halb, weil sein Sohn von Anfang an ein Pro­blem­kind war und geblie­ben ist. Doch immer­hin: Sten ist ein res­pek­tier­ter Bür­ger und ver­sucht auch stets, die­sem offi­ziel­len Bild gerecht zu wer­den.

Sten Sten­sen macht den Ein­stieg in die Roman­hand­lung. Auf einer Kreuz­fahrt unter­nimmt er mit sei­ner Frau und ande­ren Luxus­rei­sen­den einen Land­aus­flug an der Kari­bik­küste Costa Ricas. Die Aus­flüg­ler gera­ten in einen Über­fall dreier jugend­li­cher Ban­di­ten, die es auf die Wert­gegen­stände der begü­ter­ten Tou­ris­ten abge­se­hen haben. Doch Sten ent­waff­net in einem Marine-Reflex den Anfüh­rer der Bande, der dabei sozu­sa­gen ver­sehent­lich ums Leben kommt. Mit einem Mal ist Sten zwar ein Tot­schlä­ger, aber den­noch ein Held.

Adam Stensen, alias Colter

Spätge­bore­ner Sohn von Sten und Caro­lee. Er tanzte von Anfang an durch sein autis­tisch-aggres­si­ves Ver­hal­ten aus der Reihe. Seine Eltern schlep­pten Adam in sei­ner Jugend von Psy­chia­ter zu Psy­chia­ter. Als er voll­jäh­rig ist, bricht er aus der Klein­fami­lie aus und quar­tiert sich bei sei­ner Groß­mut­ter ein. Die lässt ihn in Ruhe, und Adam wid­met sich ganz dem Stu­dium sei­nes Idols John Col­ter, eines ame­rika­ni­schen Trap­pers des acht­zehn­ten Jahr­hun­derts, der einst den Wil­den Wes­ten ero­ber­te.

Adam verach­tet seine Eltern und die Gesell­schaft, die diese reprä­sen­tie­ren. Und er hasst die staat­li­che Ord­nungs­macht. Ein wenig Geld ver­dient sich Adam mit einer im Wald ver­steck­ten Opium­plan­tage. Mit Ende zwan­zig hat er – nicht zuletzt dank Alko­hol und Dro­gen – eine schi­zo­ide Per­sön­lich­keit ent­wi­ckelt. Immer wenn sich „das Räd­chen in sei­nem Gehirn“ dreht, sieht er über­all Aliens, Chi­ne­sen und Ech­sen­men­schen, die es in Erman­ge­lung von Black­foot-India­nern in sei­ner Rolle als Col­ter zu bekämp­fen gilt.

Sara Hovarty Jennings

Sara ist vier­zig, längst geschie­den und trau­ert den Män­nern kaum hin­ter­her. Sie ist selbst­stän­dige Huf­schmie­din mit fes­tem Kun­den­stamm, von des­sen Auf­trä­gen sie recht gut leben kann. Ihre Frei­zeit ver­bringt sie am liebs­ten mit ihrer Freun­din Christa­bel bei Wein oder Bier, ein paar Drinks und gutem Essen. Beglei­tet wird Sara stets von Kutya, einem weiß­haari­gen Puli mit lan­gen Dread­locks.

Ähnlich wie Adam akzep­tiert die Frau keine staat­li­che Ord­nung, die in ihren Augen nichts ande­res als eine „unrecht­mä­ßige Auto­ri­tät“ dar­stellt. Sie sieht sich als „sou­ve­räne Bür­ge­rin, in Ame­rika gebo­ren und auf­gewach­sen“ und erkennt die „Ille­gi­time Regie­rung des Ame­ri­kas der Kon­zerne“ und deren Rechts­ord­nung nicht an. Des­halb wei­gert sie sich, Steu­ern zu bezah­len, ihr Auto zuzu­las­sen und beim Fah­ren den Sicher­heits­gurt anzu­le­gen. In Deutsch­land würde man Sara als Reichs­bür­ge­rin und Selbst­ver­wal­te­rin bezeich­nen. Weil sie dies­bezüg­lich abso­lut kom­promiss­los ist, legt sie sich immer wie­der mit der Staats­ge­walt an und zieht dabei regel­mä­ßig den Kür­ze­ren.

Nach einem die­ser Zusam­men­stöße mit der Poli­zei war ihr Hund Kutya ins Tier­heim in Qua­ran­täne ver­bracht wor­den. Da liest Sara den Auto­stop­per Adam auf, über­re­det ihn dazu, ihr bei der „Befrei­ung“ ihres Haus­tie­res zu hel­fen und lan­det danach mit dem jun­gen Radi­ka­len bei sich zu Hause zum Fei­ern – und schließ­lich im Bett.

Die bri­sante Per­sön­lich­keits­mi­schung die­ser drei Pro­tago­nis­ten in Hart auf Hart explo­diert, als Adams Eltern das Haus der Groß­mut­ter ver­kau­fen und den Sohn vor die Tür set­zen. Der Junge ras­tet voll­stän­dig aus, flieht – nun unwi­der­ruf­lich als Col­ter – mit sei­nem Schnell­feuer­ge­wehr in die Wild­nis und begibt sich auf einen Rache­feld­zug, der Leben kos­tet.

Hart auf Hart – Psychogramme von Außenseitern

Boyle kratzt mal wie­der den Kitt aus den Fugen der Gesell­schaft. Alle drei Haupt­figu­ren füh­len sich unge­recht behan­delt von ihrer Nation. Vater Sten hadert näm­lich noch immer mit sei­nen Erleb­nis­sen wäh­rend des Kriegs­ein­sat­zes in Viet­nam und der Behand­lung, die heim­keh­rende Sol­da­ten in Ame­rika erdul­den muss­ten. Er rea­giert oft auf­brau­send und unkon­trol­lier­bar wütend. Und doch hat er resi­gniert. Er weiß, dass er weder etwas gegen die mexi­kani­schen Dro­gen­ban­den in den kali­for­ni­schen Wäl­dern tun kann, noch dem eige­nen Altern etwas ent­gegen­zu­set­zen hat.

Radikale Wut

Diese Wut hat sein Sohn Adam wohl geerbt. Von Resi­gna­tion ist der aller­dings weit ent­fernt. Schließ­lich ist er ja kein Gerin­ge­rer als Col­ter, ein durch­trai­nier­ter Held der Frei­heit, der es all dem lebens­unwer­ten Gesin­del um ihn herum schon noch zei­gen wird! Dass er sich dabei hoff­nungs­los ver­rannt hat, wird ihm selbst nur in kur­zen kla­ren Momen­ten und auch dann bloß ansatz­weise klar. Tat­säch­lich ist Adam alko­hol- und dro­gen­abhän­gig. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis der junge Radi­kale dank seiner Selbst­über­schät­zung und sei­ner absur­den Aus­ras­ter kol­los­sal schei­tern wird.

Ich weiß natür­lich, dass der Roman längst vor Donald Trumps Regie­rungs­zeit ent­stan­den ist. Aber ich kann mich trotz­dem eines Gedan­kens nicht erweh­ren. Wäh­rend mei­nes zwei­ten Lek­türe­an­laufes hatte ich bei Adam „Col­ter“ Sten­sen immer wie­der das Bild des „Büf­fel­man­nes“ Jacob Chans­ley im Kopf, der beim Sturm auf das Kapi­tol in Washing­ton am 6. Januar 2021 zu media­ler Berühmt­heit gelangte.

Freie Amerikanerin

Von den Dreien am bes­ten gefällt mir die Figur der Sara. Die kann zwar auch in Wut bren­nen – und zwar immer dann, wenn ihre selbst­gewähl­ten Rechte als sove­reign citi­zen beschnit­ten wer­den sollen. Dann beschimpft sie Poli­zis­ten, die in ihren Augen bloß Män­ner „in einer Hallo­ween­ver­klei­dung“ (S. 74) sind, und brüllt „DZN – Dro­hung, Zwang, Nöti­gung“ bis sie mal wie­der im Knast lan­det.

DZN — oder TDC, wie es in den USA heißt, ist übri­gens ein Akro­nym, mit dem US-ame­rika­ni­sche Reichs­bür­ger Doku­mente unter­schrei­ben, wenn sie sich dazu gezwun­gen füh­len. Der Zusatz TDC – threat, duress, coer­cion, also Dro­hung, Nöti­gung, Zwang – soll ver­hin­dern, dass mit ihrer Unter­schrift ein gül­ti­ger Ver­trag mit der ver­hass­ten Ille­giti­men Regie­rung zu­stande kommt.

Sara ist zwar vor­bild­lich indok­tri­niert, aber ihr geis­ti­ger Vater T. C. Boyle kann es sich nicht ver­knei­fen, die Inkon­se­quenz der Frau heraus­zuar­bei­ten. Einer­seits zwar ver­wei­gert sie dem Staat Steu­er­zah­lun­gen, akzep­tiert keine der für alle gel­ten­den Regeln. Doch ande­rer­seits nutzt sie ganz selbst­ver­ständ­lich alles, was ihr die Gesell­schaft zu bie­ten hat: Infra­struk­tur, Ver­gnü­gungs-, Kon­sum­mög­lich­kei­ten.

Hart auf Hart – Erfolgsrezept

Wieder ein­mal ist es eine pure Freude zu lesen, mit wel­cher Liebe zum Detail T. C. Boyle die Gesell­schaft beschreibt, in der er lebt.

Die acht Teil­nehmer [Anm.: der Ver­samm­lung] waren alle­samt Män­ner gewe­sen, mit Aus­nahme von Susan Bur­ton, die den Coffee Shop in der Main Street hatte und alle Ini­tia­ti­ven unter­stützte, deren Ziel es war, irgend­was zu ret­ten, seien es streu­nende Kat­zen, rumä­ni­sche Wai­sen­kin­der oder die Erde, auf der man stand, das Was­ser, das man trank, und die Luft, die man atmete.
(Seite 249)

Auch die Haupt­figu­ren der Roman­erzäh­lung bekom­men ihr Fett weg. Seine Sara beschreibt Boyle unver­kenn­bar als Rosi­nen­picke­rin. Und sobald man das erkennt, ver­steht man auch, was der Autor von sol­chen Paral­lel­struk­tu­ren in der Gesell­schaft hält. Denn was unwei­ger­lich pas­sie­ren muss, wenn „Wut­bür­ger, die gegen die gesamte Gesell­schaft antre­ten“ (FAZ, 2015), irgend­wann einen Schritt zu weit gehen, das macht Boyle in sei­ner Ge­schich­te unmiss­ver­ständ­lich klar.

Neben­bei webt der Autor noch die mehr oder weni­ger ver­bürgte Legende von John Col­ter in die Erzäh­lung hinein. Immer wie­der berich­tet Adam von den mythi­schen Erleb­nis­sen des Trap­pers, etwa von des­sen Ren­nen um Leben und Tod mit den Krie­gern der Black­foot-India­ner. Dadurch baut Boyle ein Kon­trast­pro­gramm auf zwi­schen Leis­tun­gen frü­her Hel­den der Besied­lungs­ge­schich­te des Kon­ti­nents und den ver­que­ren Vor­stel­lun­gen selbst­ernann­ter Hel­den moder­ner Zei­ten.

~

Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, inte­res­siert sich even­tuell auch für meine Buch­be­spre­chun­gen ande­rer Roma­ne Boy­les, etwa von Drop City, Dr. Sex, Talk Talk, Das Licht oder Sprich mit mir.

Fazit:

Mit Hart auf Hart hat T. C. Boyle vor sie­ben Jah­ren eine über­durch­schnitt­lich span­nende Erzäh­lung abge­lie­fert, die über die Jahre hin­weg sogar noch an Aktu­ali­tät hinzu gewon­nen hat. Nicht zuletzt mit den Maß­nah­men, die gegen die Aus­brei­tung des Coro­navi­rus ein­her gin­gen, sagen sich immer mehr Men­schen von der Gesell­schaft los, in der sie trotz­dem wei­ter­hin leben. Zwangs­läu­fig bekom­men wir es mit immer mehr Saras und letzt­lich wohl auch Adams zu tun. Die Pola­risie­rung nimmt zu, das Mit­ein­an­der kippt.

Für seine so beson­ders weit­sich­tige Ge­schich­te kann ich Boyle nicht weni­ger als vier von den fünf mög­li­chen Ster­nen ver­lei­hen. Der Roman ist allen Lese­r¦in­nen wärms­tens zu emp­feh­len, die Lust auf eine rasante Story haben, die darü­ber hin­aus noch einen dunk­len Schat­ten auf die Ent­wick­lung unse­rer Gesell­schaf­ten wirft.

T. C. Boyle: Hart auf Hart
Carl Hanser Verlag, 2015

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