Die Rückkehr des Tanzlehrers

Die Rückkehr des Tanzlehrers
Henning Mankell, 2002

Als Henning Mankell im Jahr 1991 seinen ersten Krimi­nal­roman unter dem Titel Mördare utan ansikte ver­öffent­lichte, kann­te den Auto­ren kaum jemand. Dies ver­wun­dert: Er ist näm­lich mit der Thea­ter­regisseu­rin Eva Berg­man, Toch­ter des Film­regis­seurs Ing­mar Ber­gman, ver­hei­ratet und lei­tet in Mozam­bique eines der renommier­tes­ten Thea­ter Afri­kas, das Teatro Avenida in Maputo. Zehn Jahre danach gehört Man­kell zu den meist gele­se­nen Krimi­auto­ren der Welt. Sein Debüt­roman wurde noch im Erschei­nungs­jahr zwei­fach als bes­ter schwedi­scher Krimi ausge­zeich­net und erschien 1999 als Mörder ohne Gesicht in deut­scher Über­set­zung. Für Die Rück­kehr des Tanz­lehrers erhielt Henning Man­kell in diesem Jahr den Deut­schen Bücher­preis in der Kate­gorie Publi­kums­preis.

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Hintergrund

Interessant an dieser Erfolgs­geschich­te ist der Hinter­grund ihrer Entste­hung. Autor Mankell besitzt in der Nähe der süd­schwedi­schen Klein­stadt Ystad ein Sommer­haus, in dem er regel­mäßig Urlau­be verbringt. Ein realer, bruta­ler Über­fall auf ein Bauern­ehe­paar ließ in der Region Scho­nen eine Welle von Aus­länder­feind­lich­keit auf­wallen.

Kurzerhand erfand Mankell die Figur des Kurt Wallander, den er in Mörder ohne Gesicht den Fall lösen ließ. Der Erfolg des Buches ließ dem Schrift­steller danach wohl kaum eine Wahl: Im Jahres­rhyth­mus entstan­den immer neue Thril­ler um Kommis­sar Wallander, insge­samt bis­lang neun Bände.
Mit dem Nachtrag Wallanders erster Fall schloss Mankell die Serie um den Kult­poli­zisten im Jahr 1999 ab. Ein Jahr danach präsen­tierte er in seinem Titel Die Rück­kehr des Tanz­lehrers einen Nach­folger: Stefan Lindman, seines Zeichens Poli­zei­kommis­sar in Borås.

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Erfolgsrezept

In gewisser Weise begibt sich Henning Mankell mit diesem Neu­anfang erneut zurück zu den Wur­zeln. Hatte er einst Kurt Wallan­der in sei­nem eige­nen Sommer­domi­zil wirken lassen, löst nun Lind­mann sei­nen ersten Fall in Härje­dalen, dem Heimat­ort des Autors.
Auch sonst verlässt sich Mankell auf das längst bewährte Erfolgs­rezept.

Seine neue Haupt­figur ist ebenso wenig „Super­bulle“, sondern ein sensi­bler, an sich und der Welt zwei­feln­der Mann. Der rea­giert genau wie sein Vor­gänger oft impul­siv. Er muss sich dazu zwin­gen, vernünf­tig zu bleiben und sich an Regeln zu halten – im Polizei­dienst genau so wie in seinem Privat­leben. Litt Wallan­der an einer ausge­präg­ten Mid­life Crisis, so labo­riert Lind­man an einem soeben erst dia­gnosti­zierten Krebs­leiden. Beide Mankell-Kommissare tendie­ren zu Selbst­mit­leid. Und sie handeln jeder vorhan­denen Selbst­erkennt­nis zu Trotz als Ego­zentri­ker.

Wahrscheinlich liegt es an dieser Persön­lich­keits­mixtur, dass Mankells Figu­ren nicht nur ausge­spro­chen authen­tisch wirken, sondern volle Sympa­thie beim Leser wecken. Man ermit­telt nicht nur gemein­sam mit beiden Männern. Es fällt leicht, sich mit ihnen zu iden­tifi­zieren.

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Parallelen

Noch eine weitere Paralle­lität des neuen Romans mit der Wallander­serie fällt rasch auf: Auch dieses Mal ist der Hinter­grund der Geschichte geprägt von Gesell­schafts­kritik.

Im vorliegenden Fall erweist sich das Mord­opfer als über­zeug­ter National­sozia­list und Hitler-Kolla­bora­teur. Darüber hinaus ent­steht während der Ermitt­lungen das Bild einer im Hinter­grund der schwedi­schen Gesell­schaft stehen­den und noch immer aktiv operie­renden Rand­gruppe national­sozialis­tisch gesinnter Vor­denker und Mit­läufer. Das Phäno­men der „ewig Gestrigen“ macht nicht einmal vor Kommissar Lind­mans eige­ner Familie halt.

Mankell zeichnet das histo­rische Bild einer dunk­len Seite der deutsch-schwedi­schen Vergan­gen­heit. Er scheut sich nicht, mit dem Finger auf die realen neo­nazis­tischen Tenden­zen des Landes zu deuten. Dennoch kann ich nicht umhin zu erwäh­nen, dass die Schilde­rungen sowohl der Vergan­gen­heit, als auch aktu­eller Aktivi­täten schwedi­scher Nazis auf mich etwas platt und abge­droschen wirkten.

In die gleiche Richtung geht meine Kritik am Motiv des ersten Mörders. Er tötet auf typisch mankell­sche Weise mit äußer­ster Bruta­lität einen Mann, der in seiner Nazi­vergangen­heit schwere Schuld auf sich gela­den haben muss. Diese Last aus der Ver­gangen­heit bauscht Mankell in mehreren Szenen zu einem gewal­tigen, stets im Hinter­grund drohen­den Schreck­nis aus. Ich war dann aber richtig­gehend ent­täuscht war, als der Mord­auslöser end­lich erklärt wurde.

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Stil und Richtung

Im Vorder­grund der Roman­hand­lung steht im unver­kenn­baren, mankell­schen Stil eine spannungs­gela­dene Story, die davon lebt, dass sich die Ereig­nisse über­schlagen. Immer wieder tritt das Unvor­herseh­bare und Über­raschende ein. Wie schon bei Wallander wird solide polizei­liche Ermitt­lungs­arbeit häufig in den Schatten gestellt von Zufäl­len und den intui­tiven Reak­tionen der handeln­den Perso­nen.

Auf diese Art und Weise gelingt es dem Autor, den Leser mitzu­reißen. Er jagt uns von einem in den näch­sten Abschnitt. Damit verbannt er jeden Gedan­ken daran, das Buch auch nur zwischen­zeit­lich aus der Hand legen zu wollen, aus unseren Gehirnen.
Einer der stilisti­schen Tricks Mankells besteht darin, seine Roman­kapitel so spannend aus­klingen zu lassen, dass man nach einer Fort­setzung geradezu lechzt. Folge­abschnitte beginnen jedoch regel­mäßig mit unper­sön­lichen Formu­lierun­gen. Dadurch wird der Leser über einige Zei­len oder Ab­sätze hin­weg darü­ber im Unkla­ren gelas­sen, ob die vor­her abgebro­chene Szene nun fort­gesetzt wird. Oder ob nun an einer ande­ren Stelle und aus einer ande­ren Pespek­tive berich­tet wird.

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Worum es geht

Zur Handlung in Kürze: Kommissar Lind­man erfährt, dass er an Krebs leidet. Wäh­rend der Wochen, in denen er auf den Beginn der Behand­lung wartet, erfährt er vom Mord an seinem ehe­ma­ligen Mentor bei der Polizei, Herbert Molin. Mehr um sich von seiner Krank­heit abzu­lenken als aus echtem Inte­resse an Molin reist Lindman in den Nor­den. Beim Ver­such, etwas über seinen Ex-Kolle­gen zu erfahren, gerät er in die Mord­ermitt­lungen. Als auch der Nach­bar des Opfers getötet wird, über­stürzen sich die Ereig­nisse. Lind­man kann sich den Gescheh­nissen nicht mehr ent­ziehen, bis die Hinter­gründe aufge­klärt sind und zumin­dest einer der Mörder gestellt wird.

Der Plot erzählt eine plau­sible, nach­vollzieh­bare Geschichte, die aller­dings gegen Ende hin ein wenig durch­sichtig wirkt. Weit vor dem Kommissar hatte ich bereits vermu­tet, wer hinter dem zweiten Mord steckte und welche Motive zu Grunde lagen. Ich bezweifle, dass diese Ent­deckung meiner über­durch­schnitt­lichen Intelli­genz zuzu­schreiben ist. Vielmehr befürchte ich, Mankell hat an eini­gen Stellen den Bogen über­spannt, indem er allzu deut­liche Hinweise ein­flocht. An der einen oder ande­ren Stelle legte er wohl nicht über­zeugend genug falsche Fährten.

Die Rückkehr des Tanzlehrers – Glanzlichter

Zu den Highlights des mankell­schen Erzähl­stils gehören vor allen Dingen all die neben­sächli­chen Details, die weder zur Handlung, noch zur hinter­gründigen Gesell­schafts­kritik beitra­gen und die der Autor in alle seiner Krimis so gerne einbaut.

Da ist zum Beispiel der Poli­zist Guiseppe Larsson, der Ermitt­lungs­leiter, der unter seinem absur­den Vor­namen leidet. Den hatte er von seiner Mutter verpasst bekom­men, weil diese vor Guiseppes Geburt für einen durch die Lande tingeln­den, italie­nischen Schlager­sänger in Liebe entbrannt war.

In die gleiche Kate­gorie gehö­ren auch Details aus dem moder­nen All­tag, die Mankell aufs Korn nimmt: Mobil­tele­fone, die genau dann aus­fallen, wenn man sie braucht. Oder die Unkon­trollier­barkeit und inhalt­liche Unschär­fe des Inter­net. Eben­falls schön zu lesen ist, wie Man­kell seinem Miss­trauen etwa gegen­über dem Phäno­men des „nomadic workers“ Aus­druck verleiht, indem er Molins Tochter als schöne, reiche, aller­dings uner­reich­bare und unsym­pathi­sche Berufs­reisende skizziert.

Ein weiterer Orientierungs­punkt, der sich wie ein roter Faden durch sämt­liche Bücher des Autors zieht, ist das Thema Alko­holis­mus. Schon bisher hatten viele der Figuren Mankells ein proble­mati­sches Verhält­nis zum Alko­hol­konsum, unter ihnen auch Kurt Wallander. Die Rück­kehr des Tanz­lehrers geht in Bezug auf diese Thema­tik noch weiter. Molins Mörder ist schwer alkohol­krank, und Henning Mankell weiß dessen Begeh­ren nach dem Sucht­stoff und die Momente des Ein­tauchens in den Rausch sehr eindring­lich zu schildern.

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Wer diese Buchbe­sprechung gern gelesen hat, wird sich viel­leicht auch für Mankells Wallander­romane interes­sieren oder meine Themen­seite über Kurt Wallander lesen wollen.

Fazit:

Die Rückkehr des Tanzlehrers ist ein sehr solider, mitreißend geschriebener Kriminalroman. Er bietet über die behandelten Verbrechen hinaus durchaus noch zusätzliche Qualitäten; etwa die gesellschaftskritischen Anmerkungen, oder die so nachvollziehbaren persönlichen Entwicklungsgeschichten der handelnden Personen. Wer Wallander liebt, wird auch Lindman mögen.

Allerdings setzt bei mir mittler­weile eine gewisse Abstump­fung beim Lesen von Mankells Krimis ein. Für sich allein genommen ist zwar auch dieser Roman gut gelun­gen. Im Kontext gese­hen wirkt das Konzept jedoch nicht mehr ganz tau­frisch. Der voll­mundi­gen Voran­kündi­gung des „viel­leicht besten Mankells“ kann ich jeden­falls nicht anschlie­ßen. Drei von fünf Ster­nen gibt es für Kommissar Lind­man. Obwohl ich zugege­bener Maßen wahr­schein­lich vier verge­ben hätte, wäre Die Rück­kehr des Tanz­lehrers mein erster Mankell gewesen.

Henning Mankell: Die Rückkehr des Tanzlehrers
Paul Zsolnay Verlag, 2002

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