Das Licht

T.C. Boyle, Das Licht, 2019
T.C. Boyle, 2019

Der Chronist der Flower-Power-Ära, T.C. Boyle, greift wieder einmal tief ins Füllhorn der historischen Alternativszene Amerikas und präsentiert den Roman Das Licht. Diesmal geht es um Timothy Leary, den LSD-Papst der Sechzigerjahre. Damit knüpft Boyle an seine Erfolgstitel Drop City und Dr. Sex an. Er erzählt die Geschichte der Wendejahre Learys, als der Harvard-Professor beginnt, im Zirkel seiner Doktoranden und deren Ehefrauen Drogenexperimente durchzuführen: Insbesondere mit Psilocybin und Lysergsäurediethylamid.

Wenn es um Sex, Drugs & Rock’n’Roll geht, läuft T.C. Boyle stets zur Höchstform auf. Deshalb wundert es nicht, dass Das Licht wieder einmal zu einem Glanzlicht der historischen Romane geworden ist. Im englischen Original heißt der Titel übrigens Outside Looking In. Damit nimmt der Autor Bezug auf die Pop-Kultur der Sechzigerjahre. In ihrem Song Legend Of Mind besangen die Moody Blues die Ikone der Bewusstseinserweiterung:

„Timothy Leary’s dead
No, no, no, no, he’s outside looking in“
(Moody Blues, 1968)

Das Licht – Historischer Hintergrund

Timothy Learys Leben verlief alles andere als beschaulich. Wegen seiner Experimente wurde er 1963 von Harvard entlassen. 1970 wurde er wegen des Besitzes von zwei Joints zu zehn Jahren Haft verurteilt, floh jedoch aus dem Gefängnis und um die halbe Welt. In Afghanistan wurde er schließlich festgesetzt und an die U.S.A. ausgeliefert. Dort saß er dann bis 1976 im Knast. 1996 starb Leary an Prostatakrebs. – Wer mehr Details wissen will, befragt am besten zunächst die Wikipedia.

Fakt ist jedenfalls, dass Timothy Leary Anfang der Sechzigerjahre berüchtigte Drogenkommunen erst in Mexiko und danach in Millbrook im US-Bundesstaat New York gründete. Und genau zu dieser Zeit spielt der Roman Das Licht.

Das Licht – BeginnBeginnBBeginn der Romanhandlung

Die Geschichte setzt ein im Jahr 1943 in Basel mit einem längeren Vorwort. Der Sandoz-Chemiker Dr. Albert Hofmann entdeckt zufällig die psychoaktiven Eigenschaften des Mutterkorn-Pilzes. Unter Mithilfe seiner Laborantin Susi Ramstein macht er nämlich im Selbstversuch erstmalig Bekanntschaft mit der Wirkung von LSD. – Ein grotesk-fantastischer Erlebnisbericht, der den Leser auf die Spur bringt: LSD, ein Teufelszeug!

Wir springen nun zwanzig Jahre in die Zukunft und nach Cambridge, 1962. Die Protagonisten in Boyles Geschichte sind das Ehepaar Joanie und Fitzhugh Loney. Sie hat ihr Studium abgebrochen, um ihm eine wissenschaftliche Karriere zu ermöglichen. Fitz ist Doktorand am Lehrstuhl für Psychologie bei Tim Leary. Joanie ist die Tatkräftige, Fitz eher zurückhaltend. Mehr aus Angst um seine Karriere als aus Überzeugung lässt er sich von Leary zur Teilnahme an einem experimentellen Abend für ein „Projekt“ in Learys Haus überreden.
Der „Innere Kreis“ um den Harvard-Dozenten, seine Studenten und ihre Frauen, nimmt geschlossen eine Dosis Psilocybin ein. Sie alle sollen ihre Erlebnisse in einem Fragebogen festhalten. Doch für Fitz und Joanie nimmt der Abend einen geradezu erschreckenden Verlauf: Die Droge lässt sie im Beisein der anderen Teilnehmer alle Hemmungen verlieren. Schließlich ziehen sich die beiden in ein Schlafzimmer des Hauses zurück, wo sie wie wilde Tiere kopulieren.

„Dieses Mittel [Psilocybin] wischt all die Rollen und Spielchen weg, den ganzen Mist, den die Gesellschaft dir aufgedrückt hat, es macht Tabula rasa, und du kannst nochmal von vorne anfangen, du bist neu geboren. Du bist ein Baby, Fitz. Ein Kind. Mein Kind.“
(Timothy Leary nach der Session)

Doch Fitz ist verunsichert, zögert den nächsten Besuch im Haus des Professors hinaus. Und als sie dann doch wieder an einer Session teilnehmen, bei der LSD verabreicht wird, geht Fitz auf einen Höllentrip.

Flucht nach Mexiko

Soviel einmal zur Augangslage nach den ersten Romanviertel. – Denn nun beginnt der einstmals wissenschaftliche Rahmen zu bröckeln.

Leary muss sich an der Universität einer Anhörung zu seinen Methoden stellen, die kein gutes Ende nimmt und in der Presse negatives Echo findet. Darüber hinaus geht es in seiner gemieteten Wohnung drunter und drüber, Wände werden mit kruden Mandalas bemalt, irgendjemand ist immer auf Trip. Und letztlich läuft ein Psilocybin-Experiment mit Theologiestudenten, das „Wunder aus Marsh Chapel“, aus dem Ruder.

Trotzdem wischt Fitz letzte Bedenken beiseite und reist mit Sack und Pack, mit Frau und Kind und den Anderen des „Inneren Kreises“ um seinen Mentor ins „Sommerlager“ nach Zihuantanejo an die mexikanische Pazifikküste. – „Dort werden wir die Möglichkeit haben, das Potenzial dieser Chemikalien zu erforschen, nicht nur was den klinischen Einsatz betrifft“, hatte der Drogen-Professor prophezeit.
Der große Verführer Timothy Leary hinterlässt verbrannte Erde in Cambridge. Seine Stellung an Harvard ist schwer angegriffen, das Mietshaus lässt er seinen Lakaien Fitz in katasprophalem Zustand an den Besitzer zurück geben. Aber das ist egal, es geht jetzt nach Mexiko!

Das Licht – Zihuantanejo 1962 – 1963

Catalina Hotel, das „Haus der Freiheit“: Hatte T.C. Boyle den ersten Romanteil aus der Sicht von Fitzhugh Loney zusammengestellt, so lässt er im zweiten Teil dessen Frau Joanie zu Wort – oder besser gesagt: zu Gedanken kommen. Joanie erlebt den ersten und zumindest ansatzweise auch den zweiten Sommer in Mexiko in einem beständigen Rausch. Psychoaktive Drogen gibt es im Überfluss, und Alkohol fließt ohnehin in Strömen. Was unterdessen mit ihrem Mann und dem Sohn geschieht, nimmt Joanie dabei nur beiläufig wahr.

Sie vögelt mit zwei Männern, ohne Verantwortung oder Reue zu empfinden. Nur am Rande nimmt sie tief greifende Veränderungen des kurzen zweiten Sommer wahr. Leary war im Frühjahr aus Harvard gefeuert worde. Jetzt kamen zahlende Besucher, Sinnsuchende ins Catalina Hotel. Ihr einstiger Führer war zum Impresario geworden und lockte finanzstarkes Publikum nach Mexiko. Die heftigen Pressereaktionen ignoriert Tim, so dass die Katastrophe alle unvorbereitet trifft:
Die mexikanische Bundespolizei verweist die gesamte US-amerikanische Kommune des Landes.

Es folgt eine Periode der Verwerfungen in Boston. Joanie hält die Familie mit verschiedenen Jobs mehr schlecht als recht über Wasser. „Das Gruppenbewusstsein war so gut wie ausgelöscht.“
Gerade als Joanie im Herbst 1963 ihren absoluten, nicht mehr zu unterbietenden Tiefpunkt erreicht, erscheint die Rettung in Form ihrer (ehemaligen?) Freunde des „Inneren Kreises“ um Tim Leary. Tatsächlich, der Mentor, Führer und Zauberer bietet der gesamten Riege Unterschlupf in Millbrook an. Auf einem von Mäzenen finanzierten herrschaftlichen Anwesen in einer Kleinstadt im Bundesstaat New York. Es geht geradewegs und erneut in ein großes Abenteuer!

Das Licht – Millbrook 1963

„Gruppenbewusstsein, das ist es, was wir hier verwirklichen wollen“, verkündet Tim Leary am ersten Abend der Gruppe auf Millbrook. Und in dieser Nacht erkennt Joanie, dass Leary damit nicht zuletzt auch die freie Liebe meint. Gemeinsam mit dem Herrn und Meister und einer anderen Frau taucht sie in einen Dreier ein, während ihr Ehemann Fitz seinen Rausch ausschläft.

In diesem letzten Teil wechselt Boyle erneut die Erzählwarte. Es ist nun wieder Fitz, aus dessen Sicht die Geschehnisse niedergeschrieben werden. Seine Frau Joanie verlässt ihren Mann und nimmt den gemeinsamen Sohn mit. Sie hat erkannt, dass das LSD-geschwängerte Leben in der Kommune nur in einer Katastrophe enden kann.
Doch Fitz will das nicht wahrhaben. Wie von Sinnen läuft er einer achtzehnjährigen Nymphe nach, verliert zuletzt völlig jeden Realitätsbezug. Fitz‘ letzter Satz beendet den Roman und – so darf man ihn wohl interpretieren – auch sein Leben:

„Scheiß auf Gott. Gehen wir auf Trip.“

Das Licht – Erfolgsrezept

Als ich durch war mit 390 Romanseiten, war ich wie vor den Kopf geschlagen. T.C. Boyle hat sich mit Das Licht selbst übertroffen. Diesen sukzessiven Prozess des Abtauchens in eine Drogenwelt habe ich noch in keiner anderen Erzählung so plastisch beschrieben bekommen:
Das Zögern und das ungute Gefühl, etwas Falsches zu tun, das Fitz und Joanie vor und auch noch nach den ersten Trips beschleicht. Die nachfolgende Phase der Unbeschwertheit, der Normalität im Drogenalltag. Und zuletzt die brachiale Gewalt der Sucht, die Fitz durchschüttelt und ihn alles vergessen lässt, was sein Leben einmal ausgemacht hatte.

Das todesverachtende Aufgehen im LSD-Rausch, dem „Sakrament“, wie Boyle die Droge durch die Leary-Jünger nennen lässt, bildet dann auch einen Zirkelschluss zum Beginn der Geschichte. In Basel wird Dr. Hofmann, der Entdecker des Lysergsäurediethylamids, bereits von einem grausigen Trip geschüttelt. Schon diese Szene hätte dem Leser Warnung genug sein sollen.

Das alles ist sehr starker Tobak, beileibe nichts für Weicheier. Die Parallelen zu Drop City und zu Dr. Sex hatte ich bereits in der Einleitung angesprochen. Und tatsächlich bestätigt Boyle im Mai 2020 in einem Tweet, dass er mit Outside Looking In das gleiche Mentorenschema verfolgt wie in Dr. Sex. In seiner eigenen Vorstellung fungiert der neue Roman als Vorspiel zu Drop City.
Aber während in Drop City das Hippieleben und die Drogen weitgehend als ungefährlich erlebt werden, gleichen die Folgen von LSD-Exzessen in Das Licht einem harten Schlag mit dem Baseballschläger auf den Kopf. – Das Zeug ist tödlich, und Du merkst es nicht! Diese Erkenntnis kommt bei der Lektüre des Romans rüber.

Bewertung

Natürlich war mir schon vorher klar, dass Boyle ein begnadeter Erzähler ist. Aber dennoch komme ich nicht umhin, ihm dafür erneut Bewunderung zu zollen. Diese wunderbar austarierte Erzählung, die so leicht wie das Flattern eines Schmetterlings daher kommt und doch die Wucht einer Dampfwalze hat, ist unvergleichlich. – Ein Meisterwerk!

Den absoluten Höhepunkt einer ohnehin beeindruckenden Erzählung bilden in meinen Augen die letzten rund 50 Seiten. Dort gelingt es Boyle, den alkohol- und LSD-bedingten Niedergang seines Protagonisten Fitzhugh Loney mit einer bestechenden, messerscharfen Präzision zu beschreiben und bis zum bitteren Ende zu begleiten.

Wenn man denn unbedingt etwas kritisieren möchte, dann könnte man die inhaltlichen Parallelen zu den beiden bereits genannten Vorgängerromanen aufführen. Einige Szenen sind sich schon sehr, sehr ähnlich. Sie könnten die Frage aufwerfen, ob es möglich ist, von sich selbst abzuschreiben. Einem anderen Autoren hätte ich jedenfalls sicher den Vorwurf des Plagiats gemacht.

Allerdings machen die inhaltlichen Anleihen Das Licht nicht schlechter. Und das Rezept des Autors, seine Biografien stets aus dem Blickwinkel von Begleitpersonen zu schreiben, ist mittlerweile längst auch ein Erfolgsgarant.

~

Übrigens: Wem Das Licht gefällt, der könnte womöglich auch Interesse an meinen Buchbesprechungen anderer Boyle-Titel haben – Drop City, Dr. Sex oder Talk Talk.

Fazit:

Wer erfahren möchte, wie denn das so ist, psychoaktive Substanzen zu nehmen, ohne sie selbst tatsächlich auszuprobieren, dem empfehle ich unbedingt die Lektüre von Das Licht. Näher ran an die Erfahrungen des Drogenrausches kommt man als Außenstehender nur schwerlich. Aber es soll sich bitte hinterher niemand beschweren, dass ihm die Geschichte schlaflose Nächte bereitet hätte.

T.C. Boyle bietet uns mit diesem Roman sehr schwer verdauliche Kost im locker-flockigen Teigmäntelchen einer munter dahin plätschernden Geschichte an. Abgesehen von den kleinen Einschränkungen, die ich zuletzt aufgeführt habe, ist das Werk ein absolutes Highlight des Autors und wäre unbedingt ein Glanzlicht in meinem Bücherregal, wenn ich das Buch nicht als E-Book gelesen hätte. – Boyle ist nur ganz knapp an der Bestnote von 5 Sternen vorbeigeschrammt. Vier ganz dicke Sterne ist mir Das Licht auf jeden Fall wert.

T.C. Boyle: Das Licht,
Carl Hanser Verlag, 2019

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