Die fünfte Frau

Henning Mankell, Die fünfte Frau, 1998
Henning Mankell, 1998

Der sechste von ins­ge­samt zwölf Wal­lan­der­roma­nen trägt den Ti­tel Die fünfte Frau. Die Ge­schich­te han­delt im Herbst des Jah­res 1994. Hen­ning Man­kell hat die­se Fol­ge eng an die Hand­lung des vor­an­ge­gan­ge­nen Ban­des, Die fal­sche Fähr­te, ge­knüpft: Im Som­mer ’94 hat­te Kurt Wal­lan­der die „fal­sche Fähr­te“ ver­las­sen und konn­te einen vier­fa­chen Se­rien­mord auf­klä­ren. Da­nach macht er Ur­laub mit sei­ner ro­man­ti­schen Part­ne­rin Bai­ba und fliegt im An­schluss mit sei­nem Va­ter für ein paar Ta­ge nach Rom. Di­rekt nach sei­ner Rück­kehr aus der Ewi­gen Stadt wird der Kom­mis­sar in den Stru­del einer wei­te­ren Mord­se­rie ge­zo­gen. Denn ein skru­pel­lo­ser Kil­ler be­ginnt im Sep­tem­ber ’94, schein­bar un­be­schol­te­ne Män­ner zu tö­ten. – Zwei Ro­ma­ne, die im glei­chen Jahr han­deln und die das glei­che The­ma re­flek­tie­ren: Ra­che und Selbst­jus­tiz.

Fast macht es den Ein­druck, als ha­be der Autor das Ro­man­the­ma nicht in einem Band ab­schlie­ßen kön­nen. Die fünfte Frau wirkt näm­lich nicht nur we­gen des un­mit­tel­ba­ren zeit­li­chen An­schlus­ses wie eine Ver­län­ge­rung der fal­schen Fähr­te. In vie­ler­lei Hin­sicht macht der sechs­te Wal­lan­der­ro­man auf mich den Ein­druck einer ganz be­son­ders exem­pla­ri­schen Fol­ge der Ge­schich­ten um den schwe­di­schen Kult-Po­li­zis­ten aus Ystad.

Die fünfte Frau – Afrika

Nach­dem sich Man­kell bereits im drit­ten Band, Die weiße Löwin, mit poli­ti­schen Ereig­nis­sen in Süd­af­rika beschäf­tigte, kommt er nun in der sechs­ten Roman­folge erneut auf den afri­kani­schen Kon­ti­nent zu spre­chen. Bekannt­lich ver­brachte der Autor viel Zeit sei­nes Lebens in Mosam­bik. Das Nach­wort zur fünften Frau schrieb Man­kell im April 1996 in Maputo.

Dies­mal beginnt er sei­nen Roman mit einem kur­zen Pro­log, der sich im Jahr 1993 in Alge­rien zuträgt. Eine Gruppe reli­giö­ser Fun­damen­talis­ten dringt in ein christ­li­ches Klos­ter in der Stadt El Qued ein und schnei­det vier fran­zösi­schen Non­nen die Keh­len durch. Eine zufäl­lig anwe­sende „fünfte Frau“, Tou­ris­tin aus Schwe­den, wird eben­falls ermor­det. Dieser gewalt­same Tod sollte ein Jahr danach zum Aus­lö­ser der Mord­serie im schwe­di­schen Scho­nen wer­den.

Über die afri­kani­sche Ouver­türe hin­aus legt Man­kell im Rah­men der krimi­nal­poli­zei­li­chen Ermitt­lun­gen auch eine Spur, die bis in die Fünf­ziger­jahre zurück­reicht. Denn damals waren an Unab­hän­gig­keits­krie­gen in Bel­gisch-Kongo, dem heu­ti­gen Zaire, viele euro­päi­sche und eben auch schwe­di­sche Söld­ner betei­ligt. Im Haus des ers­ten Mord­op­fers fin­det Wal­lan­der Spu­ren, die auf eine die­ser Söld­ner­trup­pen hin­wei­sen.

Die fünfte Frau – Ermittlungsarbeit à la Wallander

In meh­re­ren mei­ner man­kell­schen Buch­bespre­chun­gen habe ich nun schon über die akri­bi­sche Ermitt­lungs­ar­beit geschrie­ben, durch die sich Wal­lan­ders Vor­gehens­weise aus­zeich­net. Dabei han­delt es sich um Spu­ren­su­che, die nicht immer zu den gewünsch­ten Ergeb­nis­sen führt, die aber Man­kell gern und aus­führ­lich in seine Roman­texte ein­bin­det, um die Poli­zei­ar­beit zu illus­trie­ren. Ich will nun ein­mal eine die­ser toten Spu­ren beschrei­ben, die beson­ders bei­spiel­haft ist für das Pro­ze­dere des Ermitt­ler­teams in Ystad:

In einem gehei­men Safe fin­det die Poli­zei einen Schrumpf­kopf, alte Foto­gra­fien und das Tage­buch eines schwe­di­schen Söld­ners. Jedes die­ser Objekte neh­men sie sich nun ein­zeln vor. Über eines der Fotos iden­tifi­zie­ren sie einen Mann, der für Geld in ver­schie­dene Kriege zog. Diese Figur führt Wal­lan­der über ver­schlun­gene Pfade weit ent­fernt in den Nor­den Schwe­dens – zu einem Per­sonal­bera­ter der beson­de­ren Art, der pro­fes­sio­nelle Kämp­fer in die ganze Welt ver­mit­telt. Doch der gesuchte Söld­ner hat sich, so zeigt die Ver­neh­mung des Ver­mitt­lers, bereits sie­ben Jahre zuvor aus Über­druss das Leben genom­men.

„Bestimmte Teil­chen ihres Ermitt­lungs­puzz­les hat­ten kei­nen ande­ren Wert als den, daß sie an ihrem Platz lie­gen muß­ten, damit sie die wich­tigs­ten Teile an den rich­tigen Punkt legen konn­ten.“
(Seite 316)

Der tote Söld­ner war also ein sol­ches neben­säch­li­ches Teil­chen. Ein lan­ger und aus­führ­lich beschrie­be­ner Weg, der über annä­hernd 300 Buch­seiten mäan­dert, erweist sich als Sack­gasse. Dem Erzähl­ta­lent Man­kells ist es zu ver­dan­ken, dass sol­che Ermitt­lungs­pfade, die mal abtau­chen, mal wie­der an die Ober­flä­che stei­gen, die ganze Zeit über inte­res­sant blei­ben und bei der Leser­schaft nicht zu Lange­weile füh­ren. Sei­nen Kom­mis­sar lässt der Autor in den unver­meid­li­chen Augen­bli­cken der Wahr­heit sagen:

„Wir müs­sen tie­fer gra­ben.“
(z. B. Seite 313)

Die fünfte Frau – Der symbolische Unteroffizier

Also begin­nen die Ermitt­ler eben damit, tie­fer zu gra­ben. Das ist immer ermü­dend und mit hohem Auf­wand ver­bun­den. Die meiste Zeit der Roman­ge­schich­ten sind die han­deln­den Poli­zis­ten über­arbei­tet und über­müdet. Stets schwebt ein Damo­kles­schwert über der Truppe, das den Faden der Ermitt­lun­gen durch­tren­nen würde, falls auch nur noch ein ein­zi­ges wei­te­res Puzz­leteil­chen hinzu­kom­men sollte.

Natürlich kom­men in sol­chen Situ­atio­nen stets genau diese wei­te­ren Teil­chen hinzu. Aber obwohl die Krimi­nalis­ten die ganze Erzäh­lung über immer an der Grenze des Mach­ba­ren agie­ren, schaf­fen sie es trotz­dem jedes­mal, die zusätz­li­che Belas­tung auch noch zu stem­men. Selbst dann, wenn sie kurz vor dem Auf­geben ste­hen. Denn:

„Es war Wal­lan­der noch nie gelun­gen, den symbo­li­schen Unter­offi­zier in sei­nem Inne­ren zu besie­gen, der über­wachte, daß er tat, was er tun mußte.“
(Seite 303)

Die fünfte Frau – Worum es geht

Da ist zuächst die Krimi­nal­hand­lung des Romans. Inner­halb kur­zer Zeit wer­den die Lei­chen dreier unbe­schol­te­ner, harm­los wir­ken­der Män­ner ent­deckt. Ein pen­sio­nier­ter Auto­händ­ler, der Vogel­ge­dichte schreibt, stürzt in ange­spitzte Bam­bus­pfähle; ein Orchi­deen­lieb­haber wird erwürgt an einen Baum gefes­selt auf­gefun­den; und ein medio­krer Che­mi­ker wird in einen Sack gesteckt und ertrinkt darin in einem See. Die Poli­zei sucht nach einem Sadis­ten.

Doch bald wird klar, dass die drei Mord­op­fer so unschul­dig gar nicht waren. Der erste Anschein trog! Die Ermitt­lun­gen erge­ben nämlich, dass alle drei gewalt­tä­tig gegen Frauen waren. – An die­ser Fest­stel­lung zäumt Hen­ning Man­kell nun den zen­tra­len Punkt sei­ner Gesell­schafts­kri­tik auf. Kri­tik an einer Gesell­schaft, in der sich noch immer Männer unge­straft an Frauen ver­ge­hen dür­fen. Sie see­lisch und kör­per­lich miss­han­deln oder gar töten, ohne dass sie Kon­sequen­zen zu spü­ren bekä­men; weil die Gesell­schaft eben gar nicht so genau hin­se­hen will.

Ein kühner Spagat

Von die­sem sys­tem­beding­ten Unrecht bis zur Selbst­jus­tiz durch Rache­en­gel ist es nur ein klei­ner Schritt. In die­sem Span­nungs­bo­gen gelingt dem Autor ein küh­ner Spa­gat. Auf der einen Seite schil­dert er die unge­heure Grau­sam­keit der Morde, die er Wal­lan­der als das Schlimmste bezeich­nen lässt, was dieser je zu Gesicht bekom­men habe. Ande­rer­seits macht er auch die unge­heu­erli­chen Schre­cken deut­lich, die die Mord­opfer ihrer­seits Frauen ange­tan hat­ten und die zu den Rache­ak­ten führ­ten. – Was ist denn nun schlim­mer? Unge­sühnte Grau­sam­keit in mensch­li­chen Bezie­hun­gen? Oder das bru­tale Rächen sol­cher Unge­rech­tig­keit? Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Eine ein­deu­tige Stel­lung­nahme ver­mei­det Man­kell. Nach der Fest­nahme der Serien­mör­de­rin lässt er sei­nen Pro­tago­nis­ten die Ver­höre eher unbe­rührt und ohne Wer­tung durch­füh­ren. Aller­dings weist der Autor in einer Neben­hand­lung sehr deut­lich auf die Gefahr von Selbst­jus­tiz hin. Als sich in Scho­nen Bür­ger­weh­ren bil­den und von die­sen ein Unschul­di­ger um ein Haar umge­bracht wird, geht Wal­lan­der mit aller Härte gegen unge­setz­li­che Selbst­jus­tiz vor.

Die fünfte Frau – Meine Wertung

Viel­leicht sollte ich erwäh­nen, dass ich Die fünfte Frau als ers­ten der Wal­lan­der­ro­mane gele­sen habe. Nach einer Emp­feh­lung durch eine Leih­biblio­the­ka­rin in mei­nem Som­mer­ur­laub im Jahr 1998 habe ich mich atem­los durch die span­nende Ge­schich­te durch­ge­kämpft. Ich fürchte, ich war damals kaum mehr ansprech­bar für meine Mit­urlau­ber; ich wurde mit dem Ystad-Virus infi­ziert und zum Fan des Schwe­den­kom­mis­sars.

Etwas Ver­gleich­ba­res hatte ich bis dahin noch nicht gele­sen. Der Roman bie­tet eine außer­gewöhn­li­che, bei­nahe eigen­ar­tig zu nen­nende Mischung aus grau­si­ger Fall­beschrei­bung im Stile eines Thril­lers, ande­rer­seits ein­töni­ger Ermitt­lungs­ar­beit, die aber doch nicht lang­wei­lig wird, und hin­ter der Hand­lung ste­hen­der Kri­tik an einer Gesell­schaft, die aus den Fugen zu gera­ten droht. Gar­niert wird die Ge­schich­te mit kur­zen afri­kani­schen Details, die Hen­ning Man­kell ein per­sön­li­ches Anlie­gen sind, sowie mit der sich im Hin­ter­grund dahin win­den­den Fami­lien­ge­schich­te des Pro­tago­nis­ten Kurt Wal­lan­der. – Die­ses Paket hat es wahr­lich in sich!

~

Notiz am Rande: Die fünfte Frau und der Papa­gei? Auch in die Gestal­tung des sechs­ten Wal­lan­der­ro­mans hat der Deut­sche Taschen­buch­ver­lag ein Gemälde aus dem 19. Jahr­hun­dert ein­bezo­gen. Hier hat der Künst­ler Gus­tave Cour­bet hel­fend Hand ange­legt. Der Titel zeigt einen Aus­schnitt seines Gemäl­des Frau mit Papa­gei (1866), einer Pro­voka­tion des fran­zösi­schen Malers des Rea­lis­mus, die im Ori­gi­nal in The Metro­poli­tan Museum of Art in New York aus­ge­stellt ist.

Wer diese Rezen­sion gern gele­sen hat, wird sich wahr­schein­lich auch für Buch­bespre­chun­gen ande­rer Wal­lan­der­ro­mane inte­res­sie­ren oder meine The­men­sei­te über Kurt Wal­lan­der anse­hen wol­len.

Fazit:

Wie schon sein Vor­gän­ger ist mir auch Die fünfte Frau eine unein­ge­schränkte Lese­emp­feh­lung wert. Man­kells Dank­sagun­gen in der Nach­schrift zum Roman las­sen erah­nen, wie­viel Arbeit in die­sem sechs­ten Band der Krimi­se­rie steckt. Für mich war die Folge nicht nur mein aller­ers­ter Wal­lan­der; sie gehört auch unbe­dingt zu mei­nen per­sön­li­chen High­lights der Ystad-Ro­mane.

Wen wun­dert’s? Ich möchte auch der fünften Frau nicht weni­ger als vier von fünf mög­li­chen Ster­nen ver­lei­hen. An der Höchst­wer­tung ist die Ge­schich­te nur knapp vor­bei­geschlit­tert.

Henning Mankell: Die fünfte Frau
Deutscher Taschenbuchverlag, 1998

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